Bricolage. Forschen an den Themen von morgen. 11. dgv-Doktorandentagung

Ort
Augsburg
Veranstalter
Deutsche Gesellschaft für Volkskunde
Datum
08.09.2016 - 10.09.2016
Von
Roman Tischberger, Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde, Universität Augsburg

Die 11. Doktorandentagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde (dgv) fand vom 8.–10. September in Augsburg statt. Dabei konnten Promovierende der Fachrichtungen Europäische Ethnologie/Volkskunde/Kulturwissenschaften und verwandter Disziplinen ihre Dissertationsvorhaben vor einem Auditorium anderer Promotionsstudierender präsentieren und diskutieren.

Das Tagungsmotto spiegelte Claude Lévi-Strauss‘ Idee der „Bricolage“ – im Deutschen nur ungenügend mit „Basteln“ oder „Tüfteln“ übersetzbar – wieder. Ein Begriff, der einen kreativen, neu-ordnenden, improvisierenden aber immer auch problemlösungsorientierten Prozess beschreibt, der, wenngleich überspitzt, auch auf das Verfassen einer Dissertation angewandt werden kann. Zugleich eröffnet sich darin auch die thematische wie methodische Bandbreite der Vortragenden innerhalb einer nicht immer homogenen Fachlandschaft.

Als sehr erfreulich stellte sich die Internationalität der insgesamt 34 Teilnehmenden heraus. Neben einem Großteil aus Deutschland angereisten Doktorand/innen kamen Tagungsgäste aus der Schweiz, Tschechien und Ungarn nach Augsburg. Auch inhaltlich konnten die Beiträge der Konferenz – teilweise in Englisch präsentiert – daran anknüpfen, die Forschungsfelder erstreckten sich über Mexiko, Japan und (ost-)europäische Regionen. Nach einer einleitenden Begrüßung durch den derzeitigen Lehrstuhlvertreter GÜNTHER KRONENBITTER (Augsburg) präsentierten 14 Vortragende in insgesamt sieben thematisch geordneten Panels einen Arbeitsstand ihrer Dissertationsprojekte.

Spannende Einblicke in die „Themen von morgen“ gewährte beispielsweise PATRICK WIELOWIEJSKI (Berlin), der zur Homofreundlichkeit westeuropäischer Rechtspopulisten forscht und dabei das Narrativ von ‚Toleranz‘ im nationalen Wertediskurs am Beispiel gleichgeschlechtlicher Sexualität untersucht. Gleichfalls wurde von entstehenden Ethnografien berichtet, beispielsweise zur privaten Winzerkultur in der mährischen Region Znaim durch ELIŠKA LEISSEROVÁ (Brno), zu dem Aufkommen von Shopping Malls in Puebla (Mexiko) und deren Einflüssen auf konsumatorische und soziale Praktiken der dort ansässigen Mittelschicht durch CAROLIN LOYSA (Berlin) oder auch zu Aushandlungen von Kategorien wie ‚Age‘ bei unbegleiteten und minderjährigen jungen Geflüchteten auf Malta im Beitrag von LAURA OTTO (Bremen).

Die thematische Spannweite der Teilnehmenden zeigte sich exemplarisch am Panel "Gesundheit!". JULIAN HÖRNER (München) stellte seine Untersuchungen zu Veränderungsprozessen im Kurwesen vor, die er am Beispiel der Kurregion Rottaler Bäderdreieck vornimmt. Auf diesen eher strukturregionalen Blickwinkel folgte CHRISTOPHER WARTENBERG (Münster) mit einer körperlich-theoretischen Perspektive, als er in seinem Vortrag den Stotterer, bzw. das Stottern in den Mittelpunkt rückte. In einer dreigliedrigen – medizinischen, autobiographischen und medialen – Untersuchung betrachtet er dieses körperliche Phänomen, um schließlich Stottern als Gesamtheit zu greifen und das Hinken beim Sprechen, Gehen und Denken in einen kulturellen Zusammenhang zu stellen.

Die einzelnen Vortragspanels der Tagung wurden durch Posterpräsentationen ergänzt: SABRINA SELTMANN (Augsburg) thematisierte unter anderem die Genese von ‚Norm‘ aus dem Blickwinkel der Diskriminierung oder KATHARINA LÜTTICH (Göttingen) die Herangehensweisen an logische Ordnungen im eigenen Forschungsprozess.

Zudem wurde die Tagung von einem Rahmenprogramm ergänzt, deren Höhepunkt die Key Note von ROLAND GIRTLER (Wien) darstellte, der über die „Abenteuer der (qualitativen) Feldforschung“ sprach und dessen vorgetragene Erfahrungen seiner langjährigen Forschungstätigkeiten einen stimmungsvollen Auftakt bildeten. Des Weiteren wurden Infosessions zum Arbeiten mit den Programmen f4analyse sowie MAXQDA von externen Referenten angeboten. In zwei weiteren Workshops wurden Wege zur Publikation von Doktorarbeiten sowie zur Kommunikation mit Fachzeitschriften vorgestellt, um die eigenen Ergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Rückmeldung zu diesen Programmpunkten war allerdings nur bedingt positiv, da die Diskutant/innen den zeitlichen Rahmen eines ganzen Nachmittags gerne mehr in inhaltlich-fachliche Diskussionen oder solche zu Rahmenbedingungen des Promovierens investiert hätten.

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Tagung für alle Teilnehmer/innen einen gewinnbringenden Austausch über die einzelnen Instituts- und Universitätsgrenzen hinaus ermöglichte, ebenso wurde Feedback und Diskussionsraum unter den Promovierenden zu den jeweiligen Themen geschätzt und genutzt. Explizit tiefergehende Diskussionen zu den einzelnen Forschungsfeldern verlagerten sich aufgrund des bewusst gewählten Themenpluralismus der Tagung allerdings mehr in informelle Gespräche hinein, die für den Forschungsprozess jedoch nicht weniger von Wert waren.

Konferenzübersicht:

Panel: Politische Narrative

Réka Szentiványi (Budapest): Politische Kultur und Konstruktionen in der politischen Rhetorik Ungarns seit 1989
Patrick Wielowiejski (Berlin): Neonationalismus und Sexualität: Eine queere Perspektive auf Homofreundlichkeit im westeuropäischen Rechtspopulismus

Region und Regionales

Eliška Leisserová (Brno): Winzerkultur in der Znaimer Region
Marcus Richter (Marburg): Was (ver)sucht der Ethnologie auf dem Land? Skizzen zur Beziehungs(er)findung im Feld „biologisch-dynamischer“ Landwirtschaft

Kaufen, Kaufen, Kaufen

Carolin Loysa (Berlin): Shopping Malls und die aufstrebende Mittelschicht Mexikos
Lara Gruhn (Zürich): Ethik-Konsum – Shopping zur Weltverbesserung

Alltäglichkeiten

Klára Nádaská (Brno): Der Aberglaube in Vergangenheit und Gegenwart
Dennis Beckmann (Münster): Die Berufsgruppe der Pfandleiher

Gesundheit!

Julian Hörner (München): Die Kur in der Krise. Veränderungsprozesse im deutschen Kurwesen am Beispiel der Kurregion Rottaler Bäderdreieck
Christopher Wartenberg (Münster): Der Stotterer. Eine kosmologische Untersuchung

Identität(en) und Konstruktionen

Oly Firsching-Tovar (Dortmund): Reduce, Reuse, Recycle: Kimono Revival in Japan as Strategy of Self-Orientalization
Laura Otto (Bremen): Forschen mit jungen und minderjährigen Geflüchteten – lässt sich das vereinbaren? Herausforderungen an einen ethischen Methodenansatz

Organisation und Ordnung

Simone Lackerbauer (Augsburg): Hacking Society – Gesellschaft hacken?
Stefanie Mallon (Oldenburg): Das Ordnen der Dinge – ‚Aufräumen‘ als soziale Praxis

Posterpräsentationen

Marlene Lippok (Augsburg): Die Konstruktion geschlechtsspezifischer Rollen in der Totenfürsorge
Katharina Lüttich (Göttingen): Göttinger Alimentationsprozesse von 1737–1879
Sabrina Seltmann (Augsburg): Interdisziplinäre Erfassung von ‚Norm‘ aus dem Blickwinkel der Diskriminierung

Zitation
Tagungsbericht: Bricolage. Forschen an den Themen von morgen. 11. dgv-Doktorandentagung, 08.09.2016 – 10.09.2016 Augsburg, in: H-Soz-Kult, 26.01.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6980>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.01.2017