Räume des Religiösen. Zwischenraum, third space oder Heterotopie?

Ort
Erfurt
Veranstalter
Monika Frohnapfel-Leis, Universität Erfurt / Universität Mainz; Muriel González Athenas, Ruhr-Universität Bochum; Erfurter RaumZeit-Forschung, Universität Erfurt
Datum
07.10.2016 - 08.10.2016
Von
Tim Thierbach, Universität Erfurt

Am 7. und 8. Oktober fand an der Universität Erfurt der interdisziplinäre Workshop: „Räume des Religiösen. Zwischenraum, third space oder Heterotopie?“ statt. Dieser wurde von Monika Frohnapfel-Leis (Erfurt / Mainz) und Muriel González Athenas (Bochum) in Kooperation mit der Erfurter RaumZeit-Forschung organisiert.

Aufbauend auf den theoretischen Konzepten von Michel Foucault und Homi K. Bhabha zu „Heterotopien“, „third spaces“ und „Zwischenräumen“ befasste sich der Workshop mit der Frage nach den Handlungsspielräumen religiöser Subjekte und der unter anderem damit verbundenen Materialität und Körperlichkeit sowie der Sichtbarkeit jener Raumkonfigurationen. Ferner sollte danach gefragt werden, inwiefern sich in diesen Räumen Glaubensfragen manifestieren und inwieweit Unterschiede zwischen religiösen und nicht religiösen Heterotopien und Zwischenräumen bestehen. Die Beiträge des Workshops waren epochenübergreifend und interdisziplinär ausgerichtet, um mögliche Kontinuitäten über Periodisierungsgrenzen hinweg aufzuzeigen.

Nach einer Begrüßung und Einführung von Monika Frohnapfel-Leis und Muriel González Athenas, in der eine prägnante Zusammenfassung der Konzepte „Heterotopie“, „third space“ und „Zwischenraum“ gegeben wurde, startete der Workshop mit einer kurzen Einleitung von KATHARINA WALDNER (Erfurt). Sie verdeutlichte die komplexen Schlüsselbegriffe anhand dreier Anekdoten von Franz Kafka, Plutarch und einem aus der Schweiz stammenden Sufi- Scheich und verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass Religion gleichzeitig in einem heterotopen Raum, in einem verorteten third space, oder in einem nicht konkret lokalisierbaren Zwischenraum stattfinden könne. Je nach Interpretation könne ein Dritter Raum konkret verortbar sein (Kafka) oder nicht (Füssel nach de Certeau). Am Ende ihrer Ausführungen stand unter anderem die aus religionswissenschaftlicher Perspektive interessante Frage, inwiefern die Gleichsetzung von Religion mit einem third space im Sinne eines ortlosen Zwischenraums als ein spezifisch modernes bzw. „westliches“ Phänomen beschrieben werden könne

SABINE SCHMOLINSKY (Erfurt) erläuterte in ihrem Beitrag anhand einschlägiger Beispiele von Normensammlungen mittelalterlicher Orden, den sogenannten Regulae, inwieweit sich Konzepte der Heterotopie bzw. third space und Zwischenraum auf das Ordensleben im Mittelalter anwenden lassen können. Dahingehend scheine es vielversprechend, die Kategorie des Geschlechts mit einzubeziehen. Hervorzuheben sei in diesem Zusammenhang, dass die Normen für Frauen ausführlicher formuliert gewesen seien und besonders die Klausur starke weibliche Züge getragen habe. Eine wichtige Frage, welche auch im Anschluss an den Vortrag diskutiert wurde, lautete: „Inwiefern könnte die Wahl des Patroziniums Zugänge zu religiösen Handlungsspielräumen eröffnet oder gar verschlossen haben?“ Als problematisch erweise sich hier allerdings die Quellenlage, da in den Überlieferungen die Wahl nur beiläufig erwähnt werde, und sich daher der Ablauf nur schwer präzise fassen lasse. Auch der Vergleich von Patrozinien, z.B. jenem von Katharina von Alexandrien oder von Maria Magdalena und deren Mustern bilde eine noch offene Forschungsfrage. Außerdem sollte weiter untersucht werden, inwiefern die Verehrung der Heiligkeit der jeweiligen Patronin bzw. des jeweiligen Patrons einen third space konstituiere. Auch der Einbezug nicht religiös konnotierter Räume sei denkbar. Desweiteren könnten Orden in ihrer Gesamtheit durchaus als Heterotopien betrachtet werden, da u.a. für die Profess und Klausur besondere Zugangsrituale existierten. In diesem Zusammenhang könnten die verschiedenen Ordensreformen unter dem Aspekt einer Verschiebung hin zum Heterotopen beleuchtet werden.

BABETTE REICHERDT (Berlin/Kassel) untersuchte eine klösterliche Gemeinschaft aus einer raumanalytischen Perspektive heraus, deren Grundlage die theoretischen Konzepte Henri Lefebvres bildeten. Im Fokus des Vortrages stand die monastische Klausur des Nonnenklosters St. Claire in Genf. Wie aus der Klosterchronik hervorgeht, war die Ordensgemeinschaft in den 1530er-Jahren gezwungen, in ein anderes Kloster umzuziehen. Ein solcher Umzug stellte ein absolutes Spezifikum dar, sahen sich die Nonnen doch mit einer Vielzahl glaubenspraktischer Probleme konfrontiert. So musste beispielsweise innerhalb der Nachtlager die Klausur jeden Abend als temporärer sakraler Ort errichtet werden. Auch die Wegräume zwischen den Rastorten mussten durch ständiges Bekreuzigen der Nonnen quasi sakralisiert werden. Werde nun auf diesen spezifischen Fall das Heterotopie-Konzept von Foucault angewendet, seien drei Komponenten der Heterotopie erfüllt: die Überlagerung bzw. das Ineinandergreifen mehrerer Räume an einem Ort, das Vorhandensein zeitlicher Brüche und das Bestehen eines Systems der Öffnung und Schließung (in Bezug auf die Zugänglichkeit). Allerdings müsse abgewogen werden, so Reicherdt, inwiefern die Anwendung des Konzepts der Heterotopie in diesem Fall über das Deskriptive hinausgehe und einen Erkenntnisgewinn überhaupt ermöglichen könne.

Mit KRISTOFF KERLs (Köln / Bochum) öffentlichem Abendvortrag „The money-grasping Jew, who has no use fort he Christ. Antijudaistisch-antisemitische Handlungsspielräume beim Ku-Klux-Klan“ bereicherte eine Thematik aus der Neueren Geschichte und Zeitgeschichte den Workshop. Kerl verdeutlichte wesentliche Leitlinien des Antisemitismus im zweiten Ku-Klux-Klan, der sich nach dem Leo Frank-Fall 1913 formierte, nachdem ein jüdischer Fabrikant nach einem mutmaßlichen Mord an einer Fabrikarbeiterin einer Lynchjustiz zum Opfer gefallen war. Vor allem urbane Räume, wie beispielsweise das Kino oder Fabriken, seien mit dem Attribut jüdisch, im Sinne „von den Juden dominiert“, besetzt worden. Von derartigen Räumen ginge in der Weltsicht des Klans sowohl eine konkrete Gefahr als auch eine subtile Bedrohung aus, da dort durch Propaganda und die Vermittlung verrohter Werte ein Angriff auf die Moralität und Sittlichkeit der weißen, nichtjüdischen Bevölkerung stattgefunden habe. Vor allem junge Frauen setzten sich durch einen Aufenthalt an jenen Orten der Gefahr aus, ihre Tugendhaftigkeit zu verlieren bzw. zu beschmutzen. Einhergegangen sei dieser verdichtete, antisemitische Diskurs mit einem Bewusstsein der Klan-Mitglieder, dass sich die USA in einem kontinuierlichen Niedergang befunden hätten. Eine direkte religiöse Ausrichtung des Klans sei nicht vorhanden gewesen, jedoch sei die Bedeutung bzw. der Einfluss des Protestantismus enorm gewesen. Inwiefern diese „jüdischen Bedrohungsräume“ als Heterotopien betrachtet werden können, müsse noch eingehender untersucht werden. Es scheine jedoch, als ob das Konzept von Foucault bei dieser Art konstruierter Räumlichkeit an seine Grenzen stoße.

Der Vortrag von MATTHIAS REKOW (Erfurt) „Aufruhr im Garten Gethsemane“ bildete den Startpunkt des zweiten Tages. Anhand eines exemplarisch gewählten konfessionellen polemischen Flugblatts aus der ersten Hälfte des Dreißigjährigen Krieges, welches sich auf die biblische Darstellung im Garten Gethsemane bezog, veranschaulichte Rekow die konfessionelle Instrumentalisierung biblischer Szenen, um den jeweiligen Gegner zu diskreditieren. Für eine tiefgreifende Analyse solcher polemischer Flugblätter nutzte Rekow das theoretische Konzept der „Chronotopoi“, wie sie von dem russischen Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin beschrieben wurden. Bei einem Versuch der Anwendung des Heterotopie-Konzepts Foucaults könne jedoch konstatiert werden, dass dieses ebenfalls fruchtbar für eine Analyse sein könne, da alle von Foucault vorgeschlagenen Aspekte einer Heterotopie nachweisbar seien. Allerderdings müsse auch hier noch genauer darüber nachgedacht werden, welcher zusätzlicher Erkenntnisgewinn dadurch möglich sei.

Mit dem Vortrag „Fragmente, Linien, Netze oder was man über Räume des Religiösen im griechisch-römischen östlichen Mittelmeerraum als Heterotopie oder third spaces sagen kann“ von ANNA-KATHARINA RIEGER (Max-Weber-Kolleg Erfurt) ergänzte ein Beitrag aus dem Fachgebiet der Landschaftsarchäologie den Workshop. Sie zeigte Möglichkeiten und Grenzen der Anwendung der Heterotopie- und third space-Konzepte für Räume religiöser Praktiken im antiken griechisch-römischen Nahen Osten auf. Am Beispiel antiker Ausgrabungsstätten, wie etwa den Heiligtümern von Palmyra, wurden grundlegende Komponenten der archäologischen Arbeiten erläutert. Konfrontiert seien diese häufig mit Quellen- und Rekonstruktionsproblemen, da Fundstücke oft nur verstreut auffindbar seien. Auch der die Heiligtümer umgebende Landschaftsraum gelte es in die Analyse mit einzubeziehen, schlug Rieger vor. Aus bisherigen Forschungen sei bekannt, dass diesen heiligen Orten meist eine lokale Schutzgottheit zuzuordnen sei. Das Heterotopie-Konzept könne an dieser Stelle durchaus hilfreich sein, andere Konstruktionen von sozialem Zusammenleben aufzudecken. In ihrem Fazit verdeutlichte sie außerdem, dass die Anwendung der Konzepte der unterschiedlichen Raumkonfigurationen (Heterotopie und third space) im Allgemeinen, nicht zuletzt auf Grund der Quellen- und Rekonstruktionsprobleme, für die Antike als Epoche und die Archäologie als Fach begrenzt seien.

Ursprünglich sollte ein Beitrag von MERET STROTHMANN (Bochum) mit dem Titel „Im Zentrum steht die Magie“ den Workshop in der Folge bereichern, der bedauerlicherweise entfallen musste. Strothmann jedoch stellte freundlicherweise ihr Vortragsmanuskript zur Verfügung, das sich sich gut in die Thematik des Workshops einfügte. Ausgehend von der These, dass Magie immer ein konstitutives Element von Religion darstelle, sah Strothmann den Zusammenhang zwischen Magie und dem Konzept des third space darin begründet, dass der Dritte Raum seine Erfahrbarkeit in der Durchführung religiöser Riten, die immer magische Elemente beinhalteten, aufzeigen könne. Allerdings sei es problematisch, jene subjektiv geprägten Erlebnisse, sprachlich fassbar zu machen. Für den Begriff „Magie“ sei keine evidente Definition möglich, stattdessen müssten die jeweiligen Phänomene im Zusammenhang des gesellschaftlichen Kontexts und des jeweiligen politischen Ordnungssystems betrachtet werden. Sowohl innerhalb antiker polytheistischer Glaubenssysteme, als auch im Alten und Neuen Testament können magische Praktiken identifiziert werden. Bemerkenswert sei, dass im antiken Christentum und Judentum magische Praktiken nicht verboten gewesen seien, sondern durchaus hätten genutzt werden können, wenn sie einem gerechten Ziel dienten. Eine Differenzierung in „gute“ bzw. weiße und „böse“ bzw. dunkle oder schwarze Magie habe unter Kaiser Konstantin Gesetzeskraft erhalten. Eine Art volkstümliche Magie sei jedoch während der gesamten Spätantike ein Bestandteil der Religionen gewesen, auch wenn sie in der Literatur überwiegend negativ konnotiert worden sei.

SUSANNE RAU (Erfurt) verwies in einem Abschlusskommentar auf die jeweiligen Ursprünge der Begriffe „Heterotopie“, der in seinem ursprünglichen Gebrauch aus der Medizin stamme und dort intaktes, funktionierendes Gewebe an einer anatomisch unüblichen Lokalisation bezeichne, und „Zwischenraum“, der in der Rechtswissenschaft des 18. Jahrhunderts einen Verjährungszeitraum kennzeichnete. Die Wortherkunft solle daher bei einer Anwendung der Konzepte in Erinnerung behalten werden. Zudem gab sie zu bedenken, dass besonders bei der Anwendung des Foucault’schen Heterotopiekonzepts bedacht werden müsse, dass es sich eher um essayistische Gedanken handle, welche keine völlig konsistente Theorie bildeten.

Abschließend ist festzuhalten, dass die Konzepte von Heterotopie, third space und Zwischenraum durchaus fruchtbar für die Analyse historischer Sachverhalte, insbesondere für religiös konnotierte Räume, sein können. Es muss jedoch im Einzelfall immer kritisch reflektiert werden, und dies ist eine noch zu leistende Forschungsarbeit, welcher Erkenntnisgewinn mit ihrer Hilfe tatsächlich möglich ist. Auf die zu Beginn aufgeworfenen Fragen nach der Materialität der Räume und der sich in ihnen möglicherweise manifestierenden Glaubensfragen, konnten noch keine befriedigenden Antworten gefunden werden. Demzufolge verlangt auch die Frage nach den Handlungsspielräumen weitere Untersuchungen. Hier könnte z.B., wie aus dem Beitrag von Sabine Schmolinsky hervorging, die Wahl des Patroziniums in mittelalterlichen Orden und den damit möglicherweise verbundenen Handlungsspielräumen einen zukünftigen Forschungsansatz bilden. Weitere Ideen gingen in die Richtung zu fragen, was das Gegenteil von „Heterotopie“ darstelle und ob eine Erweiterung des Analysekonzepts der „anderen Räume“ um Bachtins „Chronotopoi“ zu „Heterochronotopoi“ denkbar wäre. Diesen und ähnlichen Fragestellungen soll in einem weiteren, voraussichtlich nächstes Jahr erneut in Erfurt stattfindenden Workshop nachgegangen werden.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung: Muriel González Athenas (Bochum) / Monika Frohnapfel-Leis (Erfurt/Mainz)

Katharina Waldner (Erfurt): Einleitung

Sabine Schmolinsky (Erfurt): Räumlichkeit und Geschlecht in mittelalterlichen Orden.

Babette Reicherdt (Berlin/Kassel): Monastische Klausur als Heterotopie? Raumproduktion in Nonnenkonventen des frühen 16. Jahrhunderts.

Öffentlicher Abendvortrag

Kristoff Kerl (Köln/Bochum): “The money-grasping Jew, who has no use for the Christ”. Antijudaistisch-antisemitische Handlungsspielräume beim Ku Klux Klan.

Matthias Rekow (Erfurt): „Aufruhr“ im Garten Gethsemane – Eine konfessionelle Bildpolemik zum böhmischen Ständeaufstand 1618-1623.

Anna-Katharina Rieger (Erfurt): Fragmente, Linien, Netze oder was man über Räume des Religiösen im griechisch-römischen östlichen Mittelmeerraum als Heterotopien oder third spaces sagen kann.

Meret Strothmann (Bochum): Im Zentrum steht die Magie. Zu religiösen Räumen der Christen in der römischen Antike.

Susanne Rau (Erfurt): Kommentar

Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Räume des Religiösen. Zwischenraum, third space oder Heterotopie?, 07.10.2016 – 08.10.2016 Erfurt, in: H-Soz-Kult, 13.02.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7005>.