Neue Arbeiten zur NS-Zeit im Rheinland

Ort
Schleiden, Vogelsang
Veranstalter
Landschaftsverband Rheinland; LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte; Institut für Geschichtswissenschaft, Universität Bonn; Universität Trier
Datum
10.12.2016
Von
Vera Gewiss, Universität Bonn

Am 10. Dezember 2016 fand die Fachtagung „Neue Arbeiten zur NS-Zeit im Rheinland“ auf Einladung des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte sowie der Institute für Geschichtswissenschaft der Universitäten Bonn und Trier statt. Der wissenschaftliche Leiter der NS-Dokumentation Vogelsang, Stefan Wunsch, ermöglichte die Durchführung der Tagung auf der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang.

HELMUT RÖNZ (Bonn) und THOMAS GROTUM (Trier) führten einleitend aus, worin sich ihre beiden Projekte ähneln. Sowohl das Projekt des Bonner LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte „Widerstand im Rheinland 1933-1945“ als auch das Trierer Projekt „Die Gestapo Trier in der Christophstraße 1. Justiz und Polizei im regionalen Umfeld in der NS-Zeit“ arbeitet studentenbasiert. Rönz und Grotum betonten in ihrer Begrüßung die Notwendigkeit, Nachwuchshistorikern die Möglichkeit zu geben, sich über deren Arbeiten universitätsübergreifend austauschen zu können. In diesem gewählten Rahmen bot sich die Möglichkeit, ohne Druck Erfahrungen im Halten wissenschaftlicher Vorträge zu sammeln.

Die erste Sektion befasste sich mit dem Verhältnis der Konfessionen zum Nationalsozialismus, das sowohl Anpassung als auch Opposition umfassen konnte. Den ersten Vortrag hielt SIMON GOLLETZ (Bonn) über die Deutsche Jugendkraft 1930–1935. Zu Beginn zeichnete er kurz die Geschichte der konfessionellen Sportbewegung seit dem frühen 19. Jahrhundert nach. Die Deutsche Jugendkraft sei in den 1920er-Jahren einer der mitgliederstärksten Vereine im Deutschen Reich gewesen und 1932 sogar der größte Verein des Katholischen Jungmännerverbandes. Nach 1933 nahmen die Repressionen seitens des neuen NS-Staates gegen den Verein stetig zu. Die Deutsche Jugendkraft hatte Probleme, ihr eigenes Profil zu halten, und die spezifische Aufgabe des Verbandes ging verloren.

Anschließend sprach MATTHIAS KLEIN (Trier) über Zwangssterilisationen im Raum Trier. Er begann mit der Vorstellung eines mit einer Predigt von Kardinal von Galen bedruckten Flugblatts, in der dieser sich gegen Zwangssterilisationen aussprach. Anhand des Beispiels von Maria K., die Kreisfürsorgerin im Kreis Prüm war, sich gegen die Zwangssterilisation einsetzte und dieses Flugblatt verbreitete, zeichnete Klein die bürokratische und juristische Vorgehensweise der NS-Verfolgungsbehörden detailliert nach. Er unterstrich, dass das Verfahren gegen K. aufgrund von juristischen Details zum Schutze der Frau verschleppt wurde.

Den letzten Vortrag der ersten Sektion hielt VERA GEWISS (Bonn). Sie behandelte den Bund Neudeutschland, einen der katholischen Jugendbewegung zugehörigen Verband, und das Verhalten seiner Mitglieder gegenüber dem NS-Regime. Sie verdeutlichte, dass es kein einheitliches Vorgehen des Bundes gegen die Nationalsozialisten gab, sondern dieser vielmehr von einem weiten Spektrum differierenden Verhaltens von Anpassung, Mitläufertum bis hin zu Widerstand geprägt war. Sie führte einige Beispiele nonkonformen Verhaltens innerhalb der Kölner Neudeutschen an. So gerieten diese wiederholt mit der Hitlerjugend aneinander. Darüber hinaus berichtete die Referentin von Kommunikationswegen der Neudeutschen innerhalb des Zweiten Weltkriegs und wies darauf hin, dass hier noch Forschungsbedarf bestehe.

Die zweite Sektion thematisierte Frauen im Nationalsozialismus. CHARLOTTE JAHNZ (Bonn) sprach über Frauenrollen in deutschen Frauenzeitschriften zwischen 1941 und 1955 anhand der nationalsozialistischen „NS-Frauenwarte“, der ostdeutschen „Frau von heute“ und der westdeutschen „Constanze“. Sie konstatierte, dass rassistische Stereotype und völkische Traditionen auch nach 1945 sowohl in der DDR als auch in der BRD noch spürbar waren. Grundsätzliche Themen der Zeitschriften waren Frau und Beruf, Ehe, Liebe und Mutterschaft.

Nach der Mittagspause führte Stefan Wunsch die Teilnehmer der Tagung durch die neue Dauerausstellung des Museums. Hierbei erläuterte er aus Kuratorensicht die Konzeption der Ausstellung.

SEVERIN WERNER (Bonn) stellte im Anschluss an die Führung seine Bachelorarbeit vor, in der er sich einem Forschungsdesiderat annahm und über Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Rheinland sprach. Auf Basis seiner statistischen Auswertung des LVR-Widerstandsprojekts[1] kam er zu dem Ergebnis, dass Frauen zwar in oppositionellen Gruppen geduldet wurden, aber auf führender Ebene äußerst selten zu finden waren. Er ging außerdem auf definitorische Schwierigkeiten von „Frauenwiderstand“ ein und gab zu bedenken, dass dieser nicht klar vom allgemeinen Widerstand abzugrenzen sei. Als Beispiel nannte er hierbei auch Ehepaare, die gemeinsam widerständig handelten. Außerdem sei das Rollenverständnis der Frau als Hausfrau und Mutter hierbei von Bedeutung gewesen.

Die dritte Sektion widmete sich der Gestapo als zentralen Verfolgungsbehörde im Rheinland. CHRISTIAN GÜNTER (Bonn) begann mit einem Werkstattbericht über sein Dissertationsvorhaben, das die Gestapostelle Aachen zum Thema hat. Nach einer Einführung in die Forschungsgeschichte hob der Referent hervor, dass die Gestapo Aachen von der Forschung bisher kaum beachtet wurde. Inhaltlich wolle er in seiner Dissertation die Organisation der Behörde und mit den Methoden der modernen Netzwerkforschung die Vernetzung innerhalb der Behörde betrachten, so Günter.

Im zweiten Vortrag der Sektion sprach KSENIA STÄHLE (Trier) über die Rückkehr von Fremdenlegionären ins Deutsche Reich. Anhand des Beispiels von Nikolaus Harens schilderte sie, wie es einem Fremdenlegionär nach der Rückkehr ins Deutsche Reich erging. Die Referentin hob hervor, dass der Umgang mit Fremdenlegionären der Behandlung sogenannter „Asozialer“ glich. Stähles Ergebnisse basierten in erster Linie auf den gut überlieferten Verhörprotokollen der Gestapo, anhand derer sie detailliert die Vorgehensweise der Gestapobeamten nachzeichnete. In Harens Fall lägen insgesamt sieben solcher Protokolle vor.

Die Sektion schloss mit dem Vortrag von JUSTUS JOCHMANN (Trier) über die nachrichtendienstlichen Tätigkeiten von „POLUX“. Diese Dienststelle des französischen Geheimdienstes ist von der Forschung bisher nicht beachtet worden, insbesondere weil die Quellen zur Gestapo Trier erst 2015 entdeckt wurden. „POLUX“ agierte in Luxemburg seit Mai 1936. Nach der deutschen Einnahme von Luxemburg gelangte jedoch das gesamte Material der Dienststelle an die Besatzer und führte zu umfangreichen Ermittlungen der Gestapo Trier gegen Einzelpersonen. Jochmann zeigte in seinem Vortrag, dass die Gestapo Trier vor allem mit anderen Behörden, also durch Netzwerke arbeitete. Damit bestätigt er die neuere Gestapo-Forschung, die bereits den „Mythos“ der allgegenwärtigen Gestapo widerlegt hat und neben Denunziationen und V-Leuten vor allem die Netzwerkbildung als Mittel der Verfolgung hervorhob.

Die vierte und letzte Sektion thematisierte „Raum und Region in der NS-Zeit“. ANDREAS BORSCH (Trier) eröffnete die Sektion mit einem Vortrag über die Rolle des Landrats bei der wirtschaftlichen Existenzvernichtung der Juden in der Vulkaneifel. Exemplarisch verdeutlichte er diese anhand des Landrats im Landkreis Daun Dr. Paul Wirtz. Borsch zufolge verfolgte Wirtz eine konsequente Überwachung, Disziplinierung und Exklusion der jüdischen Bevölkerung. Borsch stellte dabei einen allmählichen Übergang von einem unorganisierten Vorgehen zu einer bürokratischen Professionalisierung des Verfahrens fest.

Der letzte Vortrag der Tagung wurde von ALENA SAAM (Bonn) über ihre Masterarbeit gehalten, die grenzüberschreitenden Widerstand zwischen 1933 bis 1945 im Rheinland thematisierte. Untersuchungsraum waren hierbei die Grenzen zu den Benelux-Ländern, Frankreich und bis 1935 auch zum Saargebiet. Insbesondere Letzteres hatte bis zur Rückgliederung eine hohe Bedeutung für den linken Widerstand, der von dort aus zahlreiche Schmuggelaktionen von Flugblättern sowie Kurierdienste von Geld oder Instruktionen über die Grenze organisierte. Auch zeigte sie die Vorgehensweise der Gestapo gegen Emigranten anhand von konkreten Beispielen, wie der Infiltrierung und Aufdeckung eines Bibelforschernetzwerks in den Niederlanden mit einem V-Mann auf. Abschließend betonte sie, dass besonders die Grenzsicherung durch die Grenzpolizei und den Zollgrenzschutz ein Desiderat seien, das noch der Aufarbeitung bedürfe.

Abschließend bedankten sich Helmut Rönz und Thomas Grotum bei den Referenten und dem Publikum. Sie betonten, dass Forschungsdesiderate aufgedeckt wurden und die Studierenden und Mitarbeiter beider Forschungsgruppen viele Anschlusspunkte untereinander hätten. Außerdem vereinbarten sie, dieses hybride Format für BA- und MA-Absolventen sowie Doktoranden zu wiederholen.

Konferenzübersicht:

Helmut Rönz (Bonn) und Thomas Grotum (Trier): Begrüßung und Einführung

Sektion 1: Zwischen Opposition und Anpassung: Konfessionen im Nationalsozialismus
Moderation: Helmut Rönz (Bonn)

Simon Golletz (Bonn): Die Deutsche Jugendkraft 1930-1935
Matthias Klein (Trier): Galen und Gesundheitsamt - Ein Flugblatt und seine Folgen
Vera Gewiss (Bonn): Der Bund Neudeutschland in der NS-Zeit

Sektion 2: Frauen im Nationalsozialismus
Moderation: Wolfgang Rosen (Bonn)

Charlotte Jahnz (Bonn): Geschlechterrollen in deutschen Frauenzeitschriften 1941 bis 1955
Führung durch die Dauerausstellung durch Stefan Wunsch
Severin Werner (Bonn): Frauen im Widerstand im Rheinland - eine qualitative und quantitative Einordnung

Sektion 3: Die Gestapo im Rheinland
Moderation: Keywan Klaus Münster (Bonn)

Christian Günter (Bonn): Die Gestapostelle Aachen
Ksenia Stähle (Trier): Gefährliche Rückkehrer? Fremdenlegionäre im Visier der Gestapo Trier
Justus Jochmann (Trier): Die Gestapo an der Grenze. Das nachrichtendienstliche Tätigkeitsfeld am Beispiel von „POLUX“

Sektion 4: Raum und Region in der NS-Zeit
Moderation: Thomas Grotum (Trier)

Andreas Borsch (Trier): Die wirtschaftliche Existenzvernichtung der jüdischen Bevölkerung in der Vulkaneifel. Der Landrat als zentraler Akteur im „Arisierungsnetzwerk“
Alena Saam (Bonn): Grenzüberschreitender Widerstand 1933-1945

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Portal Rheinische Geschichte, http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Widerstandskarte/Seiten/Widerstandskarte.aspx (06.03.2017).

Zitation
Tagungsbericht: Neue Arbeiten zur NS-Zeit im Rheinland, 10.12.2016 Schleiden, Vogelsang, in: H-Soz-Kult, 15.03.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7056>.