„Habsburg vor Ort“ – lokale Realitäten und Herausforderungen imperialer Geltungsansprüche im Alltag der Donaumonarchie

Ort
Mainz
Veranstalter
Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz
Datum
02.02.2017 - 03.02.2017
Von
Mikuláš Zvánovec, Lehrstuhl für deutsche und österreichische Studien, Karlsuniversität Prag

Am 2. und 3. Februar 2017 fand ein internationaler Workshop am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) in Mainz zum Thema „Habsburg vor Ort – lokale Realitäten und Herausforderungen imperialer Geltungsansprüche im Alltag der Donaumonarchie“ statt. Der Workshop wurde von der DFG-finanzierten Emmy Noether-Nachwuchsgruppe „Glaubenskämpfe: Religion und Gewalt im katholischen Europa (1848–1914)“ organisatorisch und finanziell getragen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Workshops aus Deutschland, Österreich, Italien, Tschechien, Ungarn, der Schweiz und der Ukraine behandelten in ihren Beiträgen die vielfältigen, kulturellen, sozialen und religiösen Aspekte des lokalen Alltagslebens in der Habsburgermonarchie. Wie wurde mit der Vielfalt in den beiden Reichshälften unterschiedlich umgegangen? Und wie widersprüchlich stehen die „großen“ nationalen Narrative dazu?

Als Kommentatoren der Beiträge wurden JOACHIM VON PUTTKAMER (Jena) und PIETER M. JUDSON (Florenz) eingeladen. Pieter M. Judson stellte dem interessierten Publikum im Rahmen eines Abendvortrags auch sein letztes Buch „The Habsburg Empire. A New History“[1] vor, das beim Verlag C.H. Beck bald auch in deutscher Übersetzung vorliegen wird.[2]

Nach der Eröffnung des Workshops durch EVELINE BOUWERS (Mainz) und PÉTER TECHET (Mainz) seitens des IEG, die auch die Tätigkeit des Instituts vorstellten, besprach NANINA EGLI (Zürich) in ihrem Referat die translokalen Deutungen der habsburgischen Stammburg Habsburg im schweizerischen Kanton Aargau. Anhand von Beispielen verschiedenster künstlerischer Erinnerungsformen an die Burg Habsburg zeigte sie die veränderte Bedeutung der Burg als historischer Schauplatz für das Geschlecht Habsburg im 19. Jahrhundert. Sie erörterte, wie unterschiedlich die spezifisch mit der Stammburg konstruierte Identität zu den national-staatlichen Erzählungsformen stünde. Anders als bei diesen seien die multinationalen und religiösen Aspekte stärker in den Vordergrund getreten.

BÁLINT VARGA (Budapest) stellte seine vor kurzem veröffentlichte Monographie[3] über den magyarischen Nationalismus und die „symbolic politics“ in der ungarischen Reichshälfte dar. Er analysierte anhand der in Ungarn anlässlich der Millenniumsfeier von 1896 errichteten Gedenkstätten die regional bedingten Unterschiede hinsichtlich der Leistungsfähigkeit und der Rezeption der magyarisch-nationalen Identität vor Ort. Er wählte dabei als Beispiele Städte mit verschiedenen sozio-kulturellen Hintergründen aus, wie etwa Pressburg (Bratislava), Neutra (Nitra), Munkatsch (Mukatschewe), Kronstadt (Braşov), Martinsberg (Pannonhalma), Pusztaszer und Semlin (Zemun). Wie die vergleichende Darstellung zeigte, sei der Erfolg derartiger Nationalisierungsbestrebungen nicht direkt von der Modernität (wie Ernst Gellners Theorie behauptet) abhängig, sondern vielmehr von den konfessionellen und sozialen Umständen der vornationalen Periode. Solche nationalisierenden Gedenkstätten seien auch auf die lokale Rezeption angewiesen gewesen: Ihr Erfolg sei davon beeinflusst worden, ob und wie die regionalen Traditionen von den nationalen Meistererzählungen vereinnahmt werden konnten.

Im nächsten Beitrag stellte MARION WULLSCHLEGER (Bern / Zürich) ihre Untersuchung zur kaiserlichen Geburtstagsfeier in der Hauptstadt des österreichischen Küstenlandes, Triest vor. Wullschleger betrachtete diese Veranstaltungen als traditionelle Vergegenwärtigung des integrativen habsburgischen Loyalitätsanspruchs vor Ort. Sie schilderte detailliert den Ablauf der Geburtstagsfeier in Triest. Besondere Aufmerksamkeit widmete sie den Trägern dieser Feier, also den lokalen Behörden, den Kirchengemeinschaften wie auch den lokalen Privatvereinen. Obwohl diese Feier auch von Feindschaft und Boykotten nicht frei blieb, habe sich die Kaisertreue, abgesehen von den radikalen Nationalisten, vor Ort sogar mit dem sozialistischen oder italienisch-nationalistischen Gedankengut nicht inkompatibel gezeigt.

Dem Thema der Sakralisierung des öffentlichen Raumes widmete sich TOMÁŠ PAVLÍČEK (Prag). Sein Betrag behandelte die Auswirkungen von Säkularisierung und Nationalismus auf die religiösen Praktiken in der böhmischen Stadt Rakonitz (Rakovník). Am Beispiel von dieser auf dem Gebiet der Prager Erzdiözese liegenden, königlichen Stadt erforschte Pavlíček die Einflüsse auf das lokale religiöse Leben vor Ort. Pavlíček zeigte in diesem Fall auf, dass klare politische oder nationale Linien kaum festzustellen gewesen seien, zumal nationalistische oder sozialistische Meinungen die Diskurse über Gott oder Kaiser in Rakovník nicht einmal am Vorabend des Ersten Weltkrieges überschattet hätten.

Den ersten Tag des Workshops rundete der Abendvortrag von Pieter M. Judson ab, in dem er sich auf die Thesen seiner Monographie stützte. Dieses Buch strebt eine Gesamtdarstellung der Habsburgermonarchie unter Einbeziehung der lokalen und alltäglichen Faktoren an. Mit der Einbeziehung der lokalen Vielfältigkeit ließe sich vermeiden, die Habsburgermonarchie nach den nachträglich entstandenen, nationalen Narrativen zu erzählen. In seiner Untersuchung der habsburgischen Staatsbildungsprozesse von unten, die mit Maria Theresia begonnen hatten, gelangte Judson zu vollkommen neuen Ergebnissen und Interpretationen. Judson bestritt die These der nationalstaatlichen Historiographien, das Habsburgerreich sei ein „Völkerkerker“ gewesen. Ausführlich behandelte er auch die widersprüchliche Beziehung zwischen Nation und Imperium. Im Gegensatz zur Ermöglichung der ethnischen Heterogenität in der Habsburgermonarchie bezeichnete er die post-habsburgischen Nachfolgestaaten nach 1918 als kleine Vielvölkerstaaten, sogar Völkerkerker, weil sie vielmehr zur Unterdrückung der Vielfältigkeit neigten. Dem Abendvortrag schloss sich der Kommentar von Professor Joachim von Puttkamer (Jena) an, der einerseits die ungarische Perspektive der Doppelmonarchie betonte, andererseits die Nationalitätenfrage noch einmal beleuchtete.

Am nächsten Tag präsentierte THOMAS STOCKINGER (Wien) die Verwaltungsreformen in Mähren und Niederösterreich nach 1848. Anders als in einem „neoabsolutistischen“ Staat zu erwarten wäre, habe die Umsetzung der grundlegenden Reformen keine blinde Befolgung zentralistischer Anordnungen aus Wien dargestellt. Die lokale Situation wurde in den komplexen Kommunikationsprozessen stets berücksichtigt, weil nicht nur die Behörden, sondern auch weitere Akteure, wie etwa Hausbesitzer oder Handwerker, dabei einbezogen wurden. Einerseits wurden einige verwaltungspolitische Forderungen gegenüber den Gemeinden erpresserisch erhoben, andererseits wurde den Gemeindeforderungen, etwa den Anträgen auf Zuweisung zu einem anderen Bezirk, fast immer stattgegeben. Stockinger wies auch darauf hin, dass im Rahmen des Verwaltungsaufbaues der frühen 1850er-Jahre die Nationalität in Mähren vor Ort so gut wie keine relevante Rolle gespielt habe.

WOLFGANG GÖDERLE (Graz) beschäftigte sich in seinem Beitrag mit der lokalen Dimension der Volkszählungserhebungen in Cisleithanien (Österreich) zwischen 1869 und 1910. Er untersuchte insbesondere die Beziehung zwischen den Gemeinden und den statistischen Zentralbehörden. Anhand von ausgewerteten Volkszählungsformularen und der darin auf der kommunalen Ebene vorgenommenen Veränderungen dokumentierte Göderle die unterschiedlichen Erwartungen seitens der Gemeinden und der Zentralstellen.

FRANCESCO FRIZZERA (Trient / Eichstätt) behandelte die Loyalitäts- und Zugehörigkeitsgefühle der Bevölkerung von Trentino während des Ersten Weltkrieges. Seine Untersuchung ging von der Analyse von Tagebüchern von Trientinern aus den Jahren 1914 bis 1919 aus. Diese Tagebücher ermöglichen eine plausible Überprüfung der persönlichen Loyalitäten der Bevölkerung. Frizzera zeigte dabei mehrere Identitätsüberlappungen, und er stellte dabei fest, dass die Loyalität der Trientiner gegenüber dem Habsburgischen Staat eindeutig überwogen habe. Während die nationalistischen Aktivisten auf die Loyalitätsfrage kaum Einfluss hatten, führten der Krieg wie auch die drakonischen Maßnahmen der Militärbehörden zur Entsolidarisierung zwischen italienisch- und deutschsprachigen Trientinern.

Den Fragen bezüglich der Resistenz der national indifferenten Bevölkerung multinationaler Regionen ging auch PÉTER TECHET (Mainz) nach, der im Rahmen seines Beitrags ein konkretes Konfliktbeispiel aus der katholischen Kirche im Dorf Drenowa bei Fiume/Rijeka, an der ungarisch-kroatischen Seeküste schilderte. An den Querelen um den vom lokalen, kroatischen Bistum abgesetzten Pfarrer von Drenowa, hinter den sich die dortige Bevölkerung stellte, zeigte Techet auf, wie diesem Konflikt kroatisch- und italienisch-nationale Narrative sekundär aufgedrängt wurden, obwohl sich die lokale, übrigens kroatischsprachige Bevölkerung jenseits des nationalen Lagerdenkens verortete. Im Gegenteil zu den nationalisierenden Narrativen lehnten die Drenowaner ab, religiöse Fragen für nationalistische Zwecke zu instrumentalisieren. Die Akzeptanz der supranationalen Idee des Katholizismus erwies sich somit vor Ort stärker als jegliche Nationalisierung. Die katholische Religion bildete dementsprechend auf der lokalen Ebene eine gewisse Grundlage zum Widerstand gegen die (auch seitens der höheren Kirchenhierarchie betriebenen) Nationalisierungsbestrebungen.

Im letzten Beitrag des Workshops widmete sich ZORIANA MELNYK (Lemberg / Florenz) der Koexistenz von Priestern und lokalen Behörden im habsburgischen Galizien. Anhand von drei Beispielen, wo Priester sich vor dem Gericht zu verantworten hatten, untersuchte sie die Beziehungen zwischen Klerus, Staat und Laien. Der Austausch reichte von Kooperation über Konkurrenz bis hin zu offenen, national gefärbten Konflikten. Genauso wie die Behörden verhielten sich auch die Priester stets loyal dem Staat gegenüber, um ihre Rechte und ihren Einfluss vor Ort geltend machen zu können.

In der Abschlussdiskussion wurde nochmal die Wichtigkeit des lokalen Aspektes bei der Untersuchung der habsburgischen Realität betont. Mit der Fokussierung auf die lokale Dynamik lassen sich die starren Konzepte der nationalen Indifferenz, des Nationalismus oder des Identitätsbegriffs hinterfragen. Professor Judson wünschte sich sogar eine Geschichte der Habsburgermonarchie, in der Wörter, wie Nation oder nationale Indifferenz gar nicht vorkämen.

Konferenzüberblick:

Begrüßung und Vorstellung des IEG
Eveline Bouwers (Mainz); Péter Techet (Mainz)

Symbolpolitik: Herstellung von Identität und Loyalität im (trans)nationalen Raum

Nanina Egli (Zürich): „Habsburgs Mauern nicht vor Ort: Wie das Haus Habsburg im 19. Jahrhundert mit Bezug auf ihre Stammburg eine transnationale Identität begründet“ (mit einem Kommentar von Pieter Judson)

Bálint Varga (Budapest): „Symbolische Politik im Spannungsfeld des Nationalstaates, der lokalen Gedächtnisse und konkurrierender Nationsbildungen in Ungarn am Ende des 19. Jahrhunderts (mit einem Kommentar von Joachim von Puttkammer)

Sakralisierung des öffentlichen Raumes

Marion Wullschleger (Bern/Zürich): „Kaiserfest in der Kirche und auf der Straße: Die Feiern zum Geburtstag des Kaisers in der Stadt Triest in der späten Habsburgermonarchie (1898–1918) (mit einem Kommentar von Pieter Judson)

Tomáš Pavlíček (Prag): „Rückkehr zum Herrscher am Anfang des Krieges. Sakrale Musik und religiöse Praktiken am Beispiel von Rakonitz in Böhmen. (mit einem Kommentar von Joachim von Puttkammer)

Abendvortrag

Pieter M. Judson (Florenz): „Rethinking the Relationship of Nation and Empire in Austria-Hungary: State Building from Below“ (mit einem Kommentar von Joachim von Puttkammer)

Lokale Wahrnehmungen der imperialen Geltungsansprüche

Thomas Stockinger (Wien): „Der Einstand des habsburgischen Staates ‚vor Ort‘. Verwaltungsaufbau und nationale Momente in Niederösterreich und Mähren in den 1850er-Jahren“ (mit einem Kommentar von Pieter Judson)

Wolfgang Göderle (Graz): „Schwieriger Ausgleich: Die lokale Domension der Volkszählung in der österreichischen Reichshälfte zwischen 1869 und 1910“ (mit einem Kommentar von Joachim von Puttkammer)

Francesco Frizzera (Trento/Eichstätt): „Menschen zwingen, ihr Zugehörigkeitsgefühl zu überdenken. Die Bevöklerung einer Grenz region (Alto-Adige/Südtirol) vor und nach dem Ersten Weltkrieg“ (mit einem Kommentar von Pieter Judson)

Politische Ziele und „nationale“ Ansprüche im religiös-kirchlichen Raum

Péter Techet (Mainz): „Nationalisierter Stadt-Land-Konflikt innerhalb der katholischen Kirche der Ungarisch-Kroatischen Seeküste“ (mit einem Kommentar von Pieter Judson)

Zoriana Melnyk (Lemberg/Florenz): „Einheimische Beamte und Priester zwischen Land und Reich im Habsburgischen Galizien“ (mit einem Kommentar von Joachim von Puttkammer)

Abschlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] Pieter M Judson, The Habsburg Empire: A New History, Cambridge MA, 2016.
[2] Pieter M Judson, Habsburg. Geschichte eines Imperiums, München, 2017.
[3] Bálint Varga, The Monumental Nation. Magyar Nationalism and Symbolic Politics in Fin-de-siècle Hungary, New York, 2016.

Zitation
Tagungsbericht: „Habsburg vor Ort“ – lokale Realitäten und Herausforderungen imperialer Geltungsansprüche im Alltag der Donaumonarchie, 02.02.2017 – 03.02.2017 Mainz, in: H-Soz-Kult, 23.03.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7073>.