Abschlusskonferenz zum Verbundforschungsvorhaben „Inkarnat und Signifikanz – Das menschliche Abbild in der Tafelmalerei von 200 bis 1250 im Mittelmeerraum (ISIMAT)“

Ort
München
Veranstalter
Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München; Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft, Technische Universität München; Doerner Institut, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München; Opificio delle Pietre Dure, Florenz
Datum
07.10.2016 - 08.10.2016
Von
Michael Bouffier, Zürich

Es scheint, als habe Giorgio Vasari, der Urahn der heutigen Kunsthistoriker, kein sonderliches Interesse an der Maltechnik gehabt. Zumindest folgt seine diesbezüglich bekannteste Aussage, erst Cimabue und Giotto hätten zur antiken Kunsttechnik und damit verbunden künstlerischen Höchstleistung zurückgefunden, vor allem dem Topos von der Wiedergeburt der Antike in Italien. Spätestens im 18. Jahrhundert dann wurde klar, dass dies nicht stimmen konnte, doch stilistische und quellenkundliche Forschung allein waren nicht in der Lage, ein alternatives Bild des historischen Prozesses zu zeichnen. Auch die aufkommende kunsttechnologische Forschung des 19. Jahrhunderts – 1864 führte etwa der französische Chemiker Louis Pasteur einen Kurs zum Gebrauch von Naturwissenschaften in den Künsten an der Pariser Ecole des Beaux-Arts ein – konnte aufgrund ihrer hauptsächlich praktischen Interessen keine befriedigenden Antworten liefern.

Seitdem hat die zunehmende Spezialisierung der Fächer dazu beigetragen, dass das Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, der Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft der Technische Universität München, das Doerner Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München sowie das Opificio delle Pietre Dure in Florenz einen wahren Kraftakt unternehmen mussten, um mit vereinten Methoden und Qualifikationen der Frage auf den Grund zu gehen: Wurden im Mittelalter antike Maltechniken verwendet? Und damit einhergehend, lässt sich maltechnische Innovation, beispielsweise bei der Herstellung von Farben oder Bindemitteln, allein auf technischen Fortschritt zurückführen oder aber löste der Wandel ästhetischer Erwartung an die Kunst etwaige technische Innovationen erst aus?

So disziplin- und epochenübergreifend das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung nach der Richtlinie „Die Sprache der Objekte“ geförderte Verbundforschungsvorhaben „Inkarnat und Signifikanz“ agierte, musste es doch räumlich, zeitlich und thematisch eingegrenzt werden: Für den Ort fiel die Wahl dabei auf den Mittelmeerraum, da dieser sowohl von der Antike bis zum Mittelalter kontinuierlich bewohnt war und gleichzeitig Handel und damit Austausch von Wissen ermöglichte. Zeitlich wurde das Jahrtausend zwischen 200 und circa 1250 n.Chr. untersucht; und thematisch sich auf die anspruchsvollste Aufgabe der bildenden Kunst – die Darstellung des Menschen – konzentriert, möglicherweise auch, weil dieser Bereich maltechnische Innovationen zuerst aufnehmen und umsetzen würde.

Zu Beginn verfolgte YVONNE SCHMUHL (München) in ihrem Beitrag den Transfer von Wissen zur Maltechnik zunächst auf sprachlicher Ebene und konnte zeigen, dass das griechische Wort ‚andreikelon‘ (dt. ‚mensch-/mannähnlich‘) im Kontext der Maltechnik als ‚Inkarnatfarbe‘ verwendet wurde und vom 5. Jahrhundert v.Chr. bis ins 10. Jahrhundert nachzuweisen ist. Gleichzeitig eröffnete sie einen faszinierenden Blick auf das antike Inkarnat und seine Differenzierung in der nachfolgenden Zeit. Darauf stellte LUISE SAND (München) die im Rahmen des Forschungsvorhabens erzielten Ergebnisse kunsttechnologischer Untersuchungen an einem guten Dutzend Mumienportraits vor, die als einzig erhaltene Tafelbilder der Antike einen Eindruck der Technik jener Zeit vermittelten. Dabei wurden die verwendeten naturwissenschaftlichen Analysemethoden vorgestellt, mit denen der Katalog an ausgewählten Werken beinahe vollständig untersucht werden konnte: Neben klassischeren Untersuchungsmethoden wie der Erstellung von Auf- und Streiflichtaufnahmen sowie der Untersuchung mit einem Stereomikroskop, wurden die Objekte mittels ultraviolettem Licht (UV lässt Retuschen dunkel erscheinen) und Infrarotlicht (IR macht Unterzeichnung sichtbar) untersucht; daneben fand eine Analyse der Pigmente mit Hilfe der zerstörungsfreien Mikro-Röntgenfluoreszenzanalyse (μ-RFA zur Charakterisierung der elementaren Zusammensetzung von Pigmenten) statt. Außerdem wurden Querschliffe durch die Malschichten erstellt, um die Abfolge des Farbauftrags nachvollziehbar zu machen, sowie um mittels Infrarot- und Massenspektroskopie (beide zur Charakterisierung der molekularen Zusammensetzung) die Bindemittel und mittels energiedispersiver Röntgenanalyse (REM-EDX) die anorganischen Bestandteile – wie Pigmente und Füllstoffe – zu ermitteln. Die Ergebnisse erlauben Luise Sand eine Zuordnung der Tafeln zu den antiken Techniken Tempera, Enkaustik und kalte Wachsmalerei – gleichzeitig wird dabei aber offensichtlich, wie unscharf die Begriffe bisher verwendet wurden. Der Beitrag von ELISABETH FUGMANN (München) über die Mumienportraits im Liebieghaus in Frankfurt machte noch einmal die Komplexität der enkaustischen Maltechnik deutlich.

Eine weitere Objektgruppe aus der Antike, römische Kriegs- bzw. Paradeschilde des 3. Jahrhunderts n.Chr. aus dem heutigen Syrien, fand dank IRMA PASSERI (New Haven, CT) Eingang in die Tagung. Chronologisch folgend zerlegte dann CRISTINA THIEME (München) Werke des frühen und vor allem hohen Mittelalters sehr klar und anschaulich in ihre Malschichten und glich diese Ergebnisse mit den quellenschriftlichen Befunden ab; CATHARINA BLÄNSDORF (München) ergänzte diese Befunde anschließend durch die Analyse von sechs Ikonen aus dem Katharinenkloster in Ägypten.

Am Nachmittag des ersten Konferenztages führte MICHELE BACCI (Freiburg im Üechtland), bekannt für seine Forschung zum mittelalterlichen Kultbild, in die Faszination des Westens im 11. und 12. Jahrhundert für Ikonen des Ostens ein, die offenbar eine freie Imitation dieser Werke bedingte. Darauf verglich ESTHER WIPFLER (München) westliche und östliche Maltechniken konkret am Beispiel der Marienikone auf dem Monte Mario, die als Werk des Evangelisten Lukas verehrt wird, wobei erneut der Begriff der Enkaustik diskutiert wurde. Ein weiteres, bekanntes Beispiel wurde dann vom Direktor der Abteilung für byzantinische, mittelalterliche und moderne Kunst in den Vatikanischen Museen, ARNOLD NESSELRATH (Rom / Berlin), präsentiert, der Befunde der Restaurierung der Salvatorikone vorstellte. Die Chemiker HEIKE STEGE und PATRICK DIETEMANN (beide München) ließen die Tagungsteilnehmer an ihren umfangreichen Analysen von Bindemitteln teilhaben, die einen Vergleich von Mumienportraits mit italienischer Malerei des 12. und 13. Jahrhunderts ermöglichen; als Bindemittel der Mumienportraits konnte meist Bienenwachs, für das Mittelalter überwiegend Ei nachgewiesen werden.

Mit dem Abgleich von Quellenmaterial mit Ergebnissen kunsttechnologischer Untersuchungen an Malerei des 12. und 13. Jahrhunderts aus Pisa – vorgestellt als Zentrum künstlerischer Produktion im hohen Mittelalter – beschloss die italienische Kunsthistorikerin CATERINA BAY (Pisa) den ersten Konferenztag.

Der zweite Tag der Abschlusskonferenz widmete sich der Detailbetrachtung einer Auswahl an verschiedenen Bildmedien: Am Morgen untersuchte zunächst ANTONIA D’ANIELLO (Elba) die Verbreitung von Materialgeschichte und Ikonographie in den Kreuzen eines italienischen Künstlers des 12. Jahrhunderts: Berlinghiero Berlinghieri. STEPHANIE EXNER (Dresden) folgte mit den Ergebnissen einer zerstörungsfreien Strahlenuntersuchung eines der wenigen bemalten Tafelkreuze des 13. Jahrhunderts in Deutschland, dem Werk in der ehemaligen Zisterzienserklosterkirche Pforta. Die nordalpine Wandmalerei der Spätantike und des frühen Mittelalters wurde mit Beispielen vor allem aus der Rhein-Mosel-Region von KORANA DEPPMEYER (Trier) vorgestellt. ANNEGRET PLONTKE-LÜNING (Jena) verfolgte dagegen die Spuren des Inkarnats in der byzantinisch geprägten Wandmalerei in Georgien. Am Nachmittag rundeten Beispiele für die Gestaltung der Inkarnate in der Buchmalerei das Spektrum ab: Zunächst verglich DORIS OLTROGGE (Köln), die sich auf dem Gebiet der Kunsttechnologie nicht zuletzt durch die Mitherausgabe einer hervorragenden Quellenedition des Liber illuministarum aus Kloster Tegernsee verdient gemacht hat, Inkarnate in der Buchmalerei vor allem des 10.–12. Jahrhunderts mit einigen Werken aus der Spätantike. Der italienische Kunsthistoriker FABRIZIO CRIVELLO (Torino) zeigte daraufhin in seinem Vortrag die Entscheidungsmöglichkeit des Buchmalers beim Umgang mit einer Vorlage gerade bei der Wahl der Hautfarbe auf. Schließlich setzte der kroatische Kunsthistoriker JOSIP BELAMARIČ gemeinsam mit der Restauratorin ŽANA MATULIĆ BILAČ (beide Split), ausgehend vom Evangeliarium Traguriense in Trogir die Buchmalerei des 13. Jahrhunderts ins Verhältnis zur Tafelmalerei der Zeit. Im Rahmen des Tagungsprojektes hervorzuheben bleibt noch die unter dem Titel „Perspektiven“ anberaumte letzte Sektion, in der es zwei Absolventinnen des Lehrstuhls für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft (ELISABETH FUGMANN und RONJA EMMERICH) ermöglicht wurde, ihre Abschlussarbeiten, die in neue Projekte einfließen sollen, vorzustellen. Aus zeitlichen Gründen musste auf den zweiten Vortrag leider verzichtet werden; der Beitrag wird jedoch wie alle anderen Vorträge im Abschlussband des Projektes, der bereits im Juni 2017 erscheinen soll, nachzulesen sein.

Das auf der Tagung vorgestellte Wissen um die verwendeten Maltechniken von der Antike bis zum Mittelalter erlaubt erstmals einen genaueren Blick auf den künstlerischen Entscheidungsprozess, der – wie wir es von der Neuzeit gewohnt sind – auch schon vor Cimabue und Giotto von der zu erzielenden Wirkung ebenso abhängen kann, wie vom Menschenbild des Künstlers. Der Kunsthistoriker wird durch die Tagungsergebnisse eindrücklich darauf hingewiesen, dass die Wahl der Technik bewusst ist und nicht auf Beherrschen bzw. Nicht-Beherrschen einer Technik beruhen muss.

Nach der regen transdiziplinären Diskussion und den dabei keimenden Ideen erwartet man gespannt die Publikation der Tagungsvorträge, um mit der vorgestellten Fülle an Daten arbeiten zu können. Dies gilt nicht nur für die beteiligten Disziplinen der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie, Kunsttechnologie und Restaurierung, sondern auch für andere historische Disziplinen, die sich beispielsweise mit dem Mensch- bzw. Gottesbild im 1. Jahrtausend n.Chr. beschäftigen.

Konferenzübersicht:

Wolfgang Augustyn (München): Begrüßung

Erwin Emmerling (München): Einführung

Yvonne Schmuhl (München): Die Parameter bei der Darstellung des Inkarnats in Antike und Mittelalter

Luise Sand (München): Kunsttechnologische Studien zu Mumienporträts und dem Severer-Tondo

Irma Passeri, Anne Gunnison & Erin Mysak (New Haven, CT): The Examination of 3rd Century Painted Shields from Dura Europos

Cristina Thieme (München): Inkarnate in der frühchristlichen und mittelalterlichen Tafelmalerei. Vergleiche zwischen den Quellenschriften und den Untersuchungsergebnissen

Elisabeth Fugmann (München): Maltechnische Untersuchung von drei Mumienporträts im Liebieghaus Frankfurt a. M.

Catharina Blänsdorf (München): Examination of six icons in the Holy Monastery St. Catherine at Mount Sinai

Michele Bacci (Freiburg im Üechtland): Western Perceptions of Byzantine Icons and Their Modelling Techniques

Esther Wipfler (München): Die Darstellung von Inkarnat und Physiognomie der Gottesmutter in Ost und West am Beispiel der Marienikone auf dem Monte Mario

Arnold Nesselrath (Rom / Berlin): Beobachtungen während der Restaurierung der Salvatorikone des Sancta Sanctorum

Patrick Dietemann, Heike Stege, Christoph Steuer, Andrea Obermeier and Ursula Baumer (München): Pigments and binding media of antique mummy portraits and 12th to 13th centuries Italian paintings and croci dipinte

Caterina Bay (Pisa): Materia, forma e colore. Considerazioni e proposte, a seguito di indagini diagnostiche condotte su croci e icone nella collezione del Museo Nazionale di San Matteo di Pisa

Antonia d’Aniello (Elba): La Croce dipinta in area lucchese: riflessioni su diffusione, storia materiale e iconografia dal XII secolo a Berlinghiero

Stephanie Exner (Dresden): Das beidseitig bemalte Tafelkreuz im ehemaligen Zisterzienserkloster Pforta

Wandmalerei

Korana Deppmeyer (Trier): Das Inkarnat in Wandmalereien aus Trier von der Antike bis zum Mittelalter

Annegret Plontke-Lüning (Jena): Inkarnat in der georgischen Wandmalerei vom 7. bis zum 12. Jh.

Buchmalerei

Doris Oltrogge & Robert Fuchs (Köln): Facias carnaturam … – Zur Maltechnik von Inkarnaten in der früh- und hochmittelalterlichen Buchmalerei

Fabrizio Crivello (Torino): Das Inkarnat in der karolingischen und ottonischen Buchmalerei im Vergleich

Josip Belamarič & Žana Matulić Bilač (Split): The Incarnate in the Evangeliarium Traguriense from Trogir Chapter Archive

Perspektiven

Ronja Emmerich (München): Die Darstellung der Inkarnate im sog. Uta-Codex und im Sakramentar Heinrichs II. (München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 13601 und Clm 4456)

Zitation
Tagungsbericht: Abschlusskonferenz zum Verbundforschungsvorhaben „Inkarnat und Signifikanz – Das menschliche Abbild in der Tafelmalerei von 200 bis 1250 im Mittelmeerraum (ISIMAT)“, 07.10.2016 – 08.10.2016 München, in: H-Soz-Kult, 05.04.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7100>.