Das Regensburger Lager im Kontext der deutsch-französischen Beziehungen

Ort
Regensburg
Veranstalter
Isabella von Treskow, Universität Regensburg; Bernhard Lübbers, Staatliche Bibliothek Regensburg
Datum
16.06.2016 - 18.06.2016
Von
K. Erik Franzen, Collegium Carolinum, München

Nur durch einen Zufall wissen wir heute mehr vom Regensburger Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg. BERNHARD LÜBBERS (Regensburg), Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, wies zu Beginn der Tagung als Mitveranstalter noch einmal auf den spektakulären Fund aus dem Jahr 2008 hin: Aus einem Müllcontainer konnte ein vollständiges Exemplar der Kriegsgefangen-Zeitung „Le Pour et le Contre“ gerettet werden – eine Quelle ersten Ranges zur Erinnerung an ein in Regensburg bis dato nahezu völlig vergessenes Phänomen.

Nachdem ISABELLA VON TRESKOW (Regensburg) von der Universität Regensburg als zweite Mitveranstalterin die Bedeutung der Konferenz als Kooperationsprojekt herausgestellt hatte, das sich den Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse in die Stadtöffentlichkeit vornahm, rahmten zwei Keynotes den weiteren Verlauf der Tagung. STÉPHANE PESNEL (Paris) machte in seinem umfassenden Überblick zum Zusammenhang von Kriegserfahrung und Kriegsliteratur in Deutschland, Frankreich, England und Polen nicht nur auf die Herausbildung und Etablierung von kämpfenden Soldatendichtern auf allen Seiten der Fronten aufmerksam, sondern auch auf die vielen vom Krieg äußerlich wie innerlich verletzten Literaten, die durch ihre Zeit im Einsatz nicht selten ihr Lebensthema gefunden hatten. Markierten während des Ersten Weltkrieges zunächst Lyriker mit ihrem eruptiven Sprachgestus das literarische Feld, stand die Schilderung einer befremdenden und befremdlichen Nachkriegswirklichkeit im Zentrum sprachlicher Auseinandersetzung in den 1920er-Jahren. Danach flaute die Kriegsliteratur quantitativ deutlich ab, die zeitliche Distanz zu den Ereignissen erlaubte aber sprachlich-formale Kristallisierungen, die als Meisterwerke der Literatur des 20. Jahrhunderts eingeordnet werden – wie beispielsweise das Werk von Louis-Ferdinand Céline.

Die zweite Keynote führte die Tagungsteilnehmer näher an das Kernthema heran. In seiner Analyse von deutschen und französischen Soldatenzeitungen des Ersten Weltkriegs konstatierte ROBERT L. NELSON (Windsor, Kanada) vor allem den Geschlechteraspekt in den verbreiteten Schützengraben- und Kompaniezeitungen. Spielten Konstruktionen von heroischer, treuer Männlichkeit, besonders in den Briefen deutscher Soldaten eine prominente Rolle, existierte in den Soldatenzeitungen ein Hauptthema: junge, hübsche Frauen.

Nachdem SYBILLE GROSSE (Heidelberg) den Wert von Egodokumenten am Beispiel französisch-deutscher Briefkorrespondenz herausgearbeitet hatte, konnte sich ISABELLA VON TRESKOW dem oben erwähnten Bestand widmen, der beinahe im Müll verschwunden wäre. Von Treskow gelang nicht nur eine akribische Einordnung der Zeitung „Le Pour e le Contre“ in den Kontext bayerischer Gefangenenzeitschriften des Ersten Weltkriegs, sondern eine detaillierte Bestandsaufnahme eines aufklärerischen Debattenjournals, das gezielt Anschluss an französische Diskurswelten suchte und für seine ungefähr 1.000 Leser nicht zuletzt deshalb von Bedeutung war, weil es als Marktplatz der Argumente und nicht als Projektionsfläche von Feindbildern ausgerichtet war.

Mit der Schilderung der Stadt Regensburg im Ersten Weltkrieg und dem besonderen Blick auf die französischen Gefangenen des nahezu vergessenen Lagers verdichteten GEORG KÖGLMEIER (Regensburg) und DOMINIK BOHMANN (Regensburg) den Zuschnitt dieser gelungenen Tagung, die all das an Wissen über einen bis hierhin blinden Fleck der Lokalgeschichte zusammentrug, was derzeit als gesichert gilt. Köglmeier beschrieb Regensburg als Stadt mit Einwohnern, deren Zustimmung zur Monarchie mit jedem Jahr sank, deren soziale und wirtschaftliche Lage sich zunehmend verschlechterte und deren Kriegsbegeisterung sich von Anfang an in Grenzen gehalten hatte. Als Beleg für die relativ großen Spielräume innerhalb des Lagers wertete Dominik Bohmann allein schon die Existenz der Lagerzeitung, die Diskussionen spiegelte, viele Aspekte der spezifischen Lager-Kultur und des Alltag benannte und ein scharfes Bild der Lebensbedingungen zwischen Arbeitszwang und gewährten Freiheiten der Kriegsgefangen implizit oder explizit kennzeichnen konnte und lesbar machte.

Bernhard Lübbers´ Hinweis auf die enorm positive Wirkung des Lesens auf Lagerinsassen (Lesen als „Seelenapotheke“) folgte eine Präzisierung kulturgeschichtlicher Facetten der Regensburger Lagergeschichte. HUBERT EMMERIG (Wien) beleuchte die numismatische Perspektive des Lagergeldes in Regensburg, WOLFGANG ASHOLT (Berlin) analysierte die Boulevardisierung der Theateraufführungen im Lager mit den Stichworten “Projektion“ (Wunschvorstellungen von Liebes- und Eheverhältnissen und „Kompensation“ (des Schreckens des Krieges). SUSANNE FONTAINE (Berlin) betonte die durch Auswahl und Vortrag von Titeln und Stücken populärer Klassik und Salonmusik freundliche und vermittelnde Haltung auch und gerade gegenüber Gefangenen, die nur wenig mit klassischer Musik zu tun hatten. Stilistische Buntheit und stringente Dramaturgie ergaben eine Mischung, die die Grundlage für die Öffnung eines Sehnsuchtsraums der Gefangenen bildete.

Dann folgte am dritten und letzten Konferenztag methodisch ein Schritt weg von der lokalen Mikrostruktur ins makrohistorische. Auf Kriegsgefangenschaft als Massenphänomen konzentrierte sich UTA HINZ (Düsseldorf). Sie zeichnete in ihrem Vortrag über die Erfahrung der Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg das Bild einer zunehmenden, kulturellen Brutalisierung und Radikalisierung durch eine sich verstetigende Ökonomisierung des Krieges durch die Militäradministration. Insbesondere ab 1916 setzten Radikalisierungsprozesse mit Blick auf die Konstituierung von Feindbildern und auf die Behandlung von Gefangenen ein, wobei ein Aspekt bemerkenswert bleibe: Auf lokaler, nicht-staatlicher Ebene lassen sich die erwähnten Brutalisierungsprozesse sehr viel seltener aufzeigen. Hier kam es im Gegenteil zu einer Form der Gewöhnung an die Gefangenen bis hin zu Vertrauensseligkeit.

Auf die bedeutende Funktion eines zumindest teilweise selbst strukturierten Lagerlebens der Gefangenen wies RAINER PÖPPINGHEGE (Paderborn) hin. Kulturelle Lageraktivitäten, zu denen nicht zuletzt die produzierten Lagerzeitungen zählten, waren kein Selbstzweck, sondern ordneten den Alltag und förderten Gemeinschaft. Insofern hatten sie einen therapeutischen Effekt. Durch Kulturbewahrung bildeten sich nationale Sinnstiftungsgemeinschaften heraus. Auch Pöppinghege erinnerte an einen zentralen Gedanken im Selbstverständnisses der Kriegsinhaftierten: Sie verstanden sich nicht als Opfer des Krieges, sondern als Kämpfer für das Vaterland.

Nachdem BRITTA LANGE (Berlin) anthropologische Forschungen am Körper von Kriegsgefangenen mit dem Ziel der Rassendiagnose beschrieb, widmete sich OXANA NAGORNAIA (Tscheljabinsk) gegen Ende der Tagung konkret den Verhandlungen von Politik und Feindschaft am Beispiel des Umgangs mit russischen Kriegsgefangenen, die sie als Weiterführung rassischer Diskurse wertete: Das Schreckensbild der gewalttätigen Slawen überdauerte schließlich nicht nur die Lagergesellschaften, sondern setzte sich im Zweiten Weltkrieg fort.

Zum Abschluss der Veranstaltung führten die beiden Veranstalter, Isabella von Treskow und Bernhard Lübbers, den Teilnehmern und Diskutanten noch einmal vor Augen, dass es sich bei dem Thema der Konferenz immer noch um wissenschaftliches und erinnerungskulturelles Neuland handle: Das Wissen um die Existenz und Bedeutung von Kriegsgefangenschaft in der Öffentlichkeit Regensburgs im Ersten Weltkrieg stehe auch hundert Jahre nach dem Ereignis nahezu am Anfang. Doch spätestens nach dieser inspirierenden Tagung mit der sie begleitenden Ausstellung in der Staatlichen Bibliothek Regensburg („Mitten im Krieg , Mitten in Regensburg. Französische Kriegsgefangene in Regensburg 1914-1918“, Mai bis August 2016) kann niemand mehr sagen, er hätte doch nichts wissen können. Dem Zufall sei Dank.

Konferenzübersicht:

Isabella von Treskow und Bernhard Lübbers: Einführung

Stéphane Pesnel, Paris, Sorbonne: Kriegserfahrung und Kriegsliteratur

Sybille Große, Universität Heidelberg: Französisch-deutsche Briefkorrespondenz im Ersten Weltkrieg: linguistische Analysen

Robert L. Nelson, University of Windsor, Kanada: Deutsche und französische Soldatenzeitungen des Ersten Weltkriegs

Isabella von Treskow, Universität Regensburg: „Le Pour et le Contre“ stand nicht allein. Französische Gefangenenzeitungen des Ersten Weltkriegs in Bayern

Dominik Bohmann, Universität Regensburg: Zwischen Zwang und Freiheit. Französische Kriegsgefangene in Regensburg

Georg Köglmeier, Universität Regensburg: Regensburg im Ersten Weltkrieg. Das städtische Umfeld des Kriegsgefangenenlagers

Bernhard Lübbers, Staatliche Bibliothek Regensburg: Lesen als Form der Bewältigung. Lektüren und Bibliotheken für Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg

Hubert Emmerig, Universität Wien: Das Lagergeld im Regensburger Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs

Wolfgang Asholt, Humboldt-Universität zu Berlin: Boulevard im Krieg: die Auswahl der Theaterstücke im Regensburger Lager

Susanne Fontaine, Universität der Künste Berlin: Musik im Kriegsgefangenenlager Regensburg

Uta Hinz, Universität Düsseldorf: Erfahrung Gefangenenschaft im Ersten Weltkrieg

Rainer Pöppinghege, Universität Paderborn: Lager-Kulturen im Ersten Weltkrieg

Britta Lange, Humboldt-Universität zu Berlin: Die Hirtin und der Naturforscher. Sprachwissenhscaftliche und anthropologische Forschungen in Lagern des Ersten Weltkriegs

Oxana Nagornaia, Universität Tscheljabinsk: „Nicht Freunde, nur Verbündete“: Entente-Kriegsgefangene in den deutschen Lagern

Isabella von Treskow und Bernhard Lübbers: Abschluss der Tagung

Zitation
Tagungsbericht: Das Regensburger Lager im Kontext der deutsch-französischen Beziehungen, 16.06.2016 – 18.06.2016 Regensburg, in: H-Soz-Kult, 24.04.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7148>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.04.2017