Renarrativierung in der Vormoderne. Funktionen – Transformationen – Rezeption

Ort
Freiburg
Veranstalter
Thorsten Glückhardt/ Sebastian Kleinschmidt/ Verena Linder-Spohn, GRK 1767 Faktuales und Fiktionales Erzählen, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Datum
23.02.2017 - 25.02.2017
Von
Thorsten Glückhardt, Seminar für Alte Geschichte, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Vom 23.02. bis zum 25.02.2017 fand im Liefmann-Haus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg die Tagung des Graduiertenkolleg 1767 „Faktuales und Fiktionales Erzählen“ zum Thema Renarrativierung in der Vormoderne statt. Die Tagung wurde konzipiert und organisiert von den Kollegiatinnen und Kollegiaten Verena Linder-Spohn, Sebastian Kleinschmidt und Thorsten Glückhardt.

In insgesamt elf Vorträgen beschäftigten sich die Teilnehmer/innen der Alten Geschichte, Archäologie, germanistischen und anglistischen Mediävistik, Klassischen Philologie, Islamwissenschaft, Skandinavistik und Theologie mit dem Phänomen der Renarrativierung. Großer Dank gebührt vorab der Albert-Ludwigs-Universität für das Bereitstellen der Räumlichkeiten sowie der DFG bzw. dem GRK 1767 dank derer Mittel diese Tagung realisiert werden konnte.

Nach der Begrüßung im Namen der Organisatoren durch THORSTEN GLÜCKHARDT (Freiburg) eröffnete die Sprecherin des Graduiertenkollegs MONIKA FLUDERNIK (Freiburg) die Tagung und hieß alle Gäste herzlich in Freiburg willkommen. Den anschließenden Abendvortrag „Variation, Transformation, Korrektur. Literaturwissenschaftliche Konzepte der narrativen Wiederholung“ hielt ACHIM AURNHAMMER (Freiburg), in dem er die Vielschichtigkeit und die damit einhergehenden Herausforderungen des Themenkomplexes der Renarrativierung hervorhob. Aus seinen Überlegungen kondensierte er eine zur Disposition gestellte Heuristik der Renarrativierung, die auch während des anschließenden Abendempfangs angeregt diskutiert wurde.

Nachdem THORSTEN GLÜCKHARDT (Freiburg) Formen und Aspekte der Renarrativierung in der Antike ausgeführt hatte, unternahm VERENA LINDER-SPOHN (Freiburg) selbiges für das Mittelalter. SEBASTIAN KLEINSCHMIDT (Freiburg) rundete die Einführung mit der kritischen Analyse bestehender Ansätze des Wiedererzählens und deren Potenzial für ein interdisziplinäres Arbeiten ab.

Die erste inhaltliche Sektion der Tagung konzentrierte sich auch Formen der Rezeption und wurde von TOM VANASSCHE (Freiburg) moderiert. In ihrem Vortrag untersuchte BETTINA PETERLI (Fribourg/CH) die Wandlungen der Dido-Figur von der sie bestimmenden Verarbeitung in Vergils „Aeneis“ über den altfranzösischen „Roman d’Eneas“ bis hin zur mittelhochdeutschen Fassung durch Heinrich Veldeke. Einen Schwerpunkte setzte sie dabei auf die bildliche Gestaltung des cpg 403, das als multimodales Zusammenspiel von Text und Bild begriffen wurde: Überzeugend konnte Peterli herausarbeiten, dass die Bilder einen doppelten Prätext aufweisen und die Renarrativierung des Aeneas-Stoffes deutliche Züge einer Mediävalisierung tragen.

Im Anschluss daran untersuchte CHRISTIAN NEUMANN (Göttingen) die Erzählung, wie die Sibyllinischen Bücher nach Rom gekommen seien. Unter dem Aspekt der Renarrativierung interpretierte er die Erzählung bei den Autoren Plinius dem Älteren, Laktanz, Dionysios von Halikarnassos und Aulus Gellius und stellte deutlich die verschiedenen Kontexte und Funktionen der Erzählungen heraus. Hierbei standen nicht nur die historischen Unterschiede, sondern auch gattungsspezifische Besonderheiten des Wiedererzählens im Vordergrund, die die Palette möglicher Funktionalisierungen der Renarrativierung deutlich machten.

THOMAS SCHMITZ (Bonn) blieb mit seinem Vortrag zum epischen Wiedererzählen im Zeitrahmen der römischen Kaiserzeit. Eindrucksvoll konnte er nachweisen, wie die Renarrativierung in der Zweiten Sophistik zum zentralen Instrument künstlerisch-literarischer Tätigkeit avanciert war. Neben dieser antiken Praxis sei zudem die Reflektion über die Möglichkeiten und Chancen der Renarrativierung insbesondere bei Dion Chrysostomos beachtenswert, die für die Historische Narratologie entscheidende Anhaltspunkte für den antiken Umgang mit Prätexten biete.

In der zweiten Sektion der Tagung, die von NIKOLAS DETERING (Freiburg) moderiert wurde, standen die verschiedenen Funktionen von Renarrativierungen im Vordergrund. GÜL SEN (Bonn) eröffnete die zweite Sektion mit einer Analyse der von Mustafa Na’īmā Efendi verfassten Hofchronik. Dabei näherte sie sich dieser ersten osmanischen Chronik über die Gattungsfrage an und zeigte deren kompilatorische Intertextualität auf. Der Prätext wird dabei durch Ausweitung, eine veränderte Erzählordnung aber auch ein Spiel mit der Fokalisierung verändert, der Einsatz von direkter Rede führt zudem zu einer Literarisierung, wodurch insgesamt eine neue Lesart eröffnet wird. Die folgenden Chronisten erzählen die Geschichte mit Rückgriffen weiter und renarrativieren somit.

Im Folgenden interpretierte OLGA LORGEOUX (Göttingen) die alttestamentliche Erzählung von König David und dem Propheten Nathan, die im Rahmen der Bußkatechese Kyrills von Jerusalem wiedererzählt wurde. Dabei war die Wiedererzählung und Modifikation einer faktualen Erzählung, die theologisch stark aufgeladen war, gleichbedeutend mit einer theologischen Neuausrichtung im Sinne des Neuen Testamentes. Der lebensweltlich Bezug und die Aktualisierung von Erzählungen mittels spezieller Autoritäten standen dabei besonders im Fokus, um den Spielraum des Wiedererzählens christlich-kanonisierter Texte hervorzuheben.

Mit einer Betrachtung der Heldenbilder der isländischen „Trójumanna Saga“ fuhr SABINE WALTHER (Bonn/Kopenhagen) fort. Sie konzentrierte sich besonders auf die Alpha-Variante dieser Saga, deren Szenengestaltung anderen nordischen Sagen folgt und Dares Phrygius‘ „De Excidio Troiae Historia“ Original durch Hinzuziehen von Elementen der zeitgenössischen französischen Trojatexte (besonders in Bezug auf Priamus‘ Rede und den Fall Trojas) aktualisiert. Die Renarrativierung dient hier somit einer Nordisierung der Trojasage und einer Darstellung des Idealbilds des Adels für die isländische Elite.

Die zweite Sektion beschloss LAURA VELTE (Heidelberg) mit einem Vortrag zum Floris-Stoff in verschiedenen Kultur- und Sprachräumen: Ausgehend vom altfranzösischen „Conte de Floire et Blanchefleur“ machte sich Velte auf die Suche nach Renarrativierungen in der mittelhochdeutschen „Flore und Blanscheflur“-Bearbeitung Konrad Flecks und Boccaccios „Filocolo“. Sie konnte zeigen, dass die Praxis des Wiedererzählens den mittelalterlichen Autoren Freiräume bereitstellte, in denen das Spiel mit der Metanarrativität möglich ist.

In der dritten Sektion der Tagung, die den letzten Tagungstag eröffnete, wurde nun der Fokus auf verschiedene Formen der Transformationen gelegt. Diese Sektion wurde von JOHANNES FRANZEN (Freiburg) moderiert. Mit der Gestaltung von Emotionen im epischen Werk des Valerius Flaccus beschäftigte sich REBEKKA SCHIRNER (Mainz). Am Beispiel der Abschiedsszene zwischen Peleus und Achill, die als Kontrapunkt zum Abschied zwischen Hector, Astyanax und Andromache in Homers Ilias gelesen wurde, konnte sie zeigen, dass das Konzept der Renarrativierung auch auf einer strukturellen Ebene greift: Während die narrativierten Emotionen jeweils in Prä- und Retext gänzlich unterschiedlich sind, verweist die Personenkonstellation in den Szenen der „Argonautica“ deutlich auf das Vorbild des Prätexts und stellt sich in dessen Nachfolge.

Einen dezidierten Medienwechsel hatte der Vortrag zum Medeiamythos von JACOBUS BRACKER (Hamburg) zum Thema. Nachdem das Identifizieren eines einzigen Prätextes für einen Mythos kaum möglich ist, konzentrierte sich der Vortrag auf die verschiedenen Darstellungen einer Szene innerhalb des Mythos. Dafür wurden bildliche Darstellungen auf Vasenbildern und Reliefs verschiedener Zeiten genutzt, um die jeweilige narrative Ausgestaltung und die damit einhergehenden Schwerpunkte nicht nur innerhalb der Literatur, sondern auch der plastischen Kunst nachzuvollziehen.

FRANZISKA WENZEL (Bochum) beschloss die dritte Sektion, indem sie sich mit der narrativen Perspektivierung der Exeter-Rätsel beschäftigte, die auf die lateinischen Rätselsammlungen Symphosius‘ und Aldhelms zurückgehen. Die im Verhältnis zu den lateinischen Originalen freiere Fokalisierung der altenglischen Rätsel führt zu einer Imitation narrativer Gedichte und einer stärkeren Einbettung in die Kultur der Angelsachsen. Diese kulturelle Transformation hatte zur Folge, dass die Exeter-Rätsel nicht mehr das Erlernen der Grammatik in den Vordergrund stellten, sondern das Spielen mit der Perspektive.

In der Abschlussdiskussion tauschten sich die Teilnehmer/innen über die verschiedenen Voraussetzungen aus, die gegeben sein müssen, um von einer Renarrativierung sprechen zu können. Dabei diente die zu Beginn der Tagung von Achim Aurnhammer präsentierte Heuristik als Leitfaden. Da die bisherigen Modelle des Wiederaufgreifens einer bestehenden Erzählung nicht befriedigend erschienen, verständigten sich die Teilnehmer/innen und Organisator/innen darauf, die erzielten Ergebnisse in einem Sammelband zu veröffentlichen, um so nicht nur die anregende und produktive Abschlussdiskussion, sondern auch den Mehrwert der einzelnen Beiträge für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen. Die Tagung kann aufgrund der breiten interdisziplinären Streuung, der regen Diskussionen und der angenehmen Arbeitsatmosphäre als sehr gelungen betrachtet werden, deren Erfolg sich auch im nun folgenden Tagungsband wiederspiegeln soll.

Konferenzübersicht

Eröffnung
Thorsten Glückhardt (Alte Geschichte, Freiburg) / Monika Fludernik (Anglistik, Freiburg)

Abendvortrag

Achim Aurnhammer (Germanistik, Freiburg), Variation, Transformation, Korrektur. Literaturwissenschaftliche Konzepte der narrativen Wiederholung

Begrüßung

Thorsten Glückhardt (Alte Geschichte, Freiburg) / Sebastian Kleinschmidt (Anglistische Mediävistik, Freiburg) / Verena Linder-Spohn (Germanistische Mediävistik, Freiburg)

Sektion I: Rezeption
Sektionsleitung: Tom Vanassche (Germanistik, Freiburg)

Bettina Peterli (Germanistische Mediävistik, Freiburg/Schweiz), Wandlungen der Dido-Figur in Text und Bild. Vergil - Roman d’Eneas - Veldeke und die Illustrationen des cpg 403

Christian Neumann (Klassische Philologie, Göttingen), Der Preis der Weisheit - Die (Wieder-) Erzählung von Tarquinius und den sibyllinischen Büchern

Thomas Schmitz (Klassische Philologie, Bonn), Epische Wi(e)dererzählungen: Homer in der zweiten Sophistik

Sektion II: Funktionen
Sektionsleitung: Nicolas Detering (Germanistik, Freiburg)

Gül Sen (Islamwissenschaften, Bonn), Gattung ‘Hofchronik’: Narratologische Ansätze in der vormodernen osmanischen Hofgeschichtsschreibung

Olga Lorgeoux (Kirchengeschichte, Göttingen), Alttestamentliche Erzählungen im spätantiken Religionsunterricht - Die Bußkatechese Kyrills von Jerusalem

Sabine Walther (Skandinavistik, Bonn/ Kopenhagen), Heldenbilder in Verrat und Niederlage: Trojas Fall in der altisländischen Trójumanna Saga

Laura Velte (Germanistische Mediävistik, Heidelberg), Un picciolo libretto volgarmente parlando. Zum metanarrativen Spiel mit Schrift und Stimme in ausgewählten Floris-Bearbeitungen

Sektion III: Transformationen
Sektionsleitung: Johannes Franzen (Germanistik, Freiburg)

Rebekka Schirner (Klassische Philologie, Mainz), Re-Emotionalisierung, Re-Evaluierung, Re-Kontextualisierung: Valerius Flaccus und seine epischen Vorgänger. Eine Fallstudie

Jacobus Bracker (Klassische Philologie, Hamburg), Transmediationen des Medeiamythos

Franziska Wenzel (Anglistische Mediävistik, Bochum), Telling, translating, transforming. On narrative perspective in Old English and Latin riddles

Abschlussdiskussion und Schlussworte

Thorsten Glückhardt (Alte Geschichte, Freiburg) / Sebastian Kleinschmidt (Anglistische Mediävistik, Freiburg) / Verena Linder-Spohn (Germanistische Mediävistik, Freiburg)

Zitation
Tagungsbericht: Renarrativierung in der Vormoderne. Funktionen – Transformationen – Rezeption, 23.02.2017 – 25.02.2017 Freiburg, in: H-Soz-Kult, 04.05.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7152>.