unterwegs. Zu Gestalt, Funktion und Materialität von Wegen

Ort
Hamburg
Veranstalter
Debora Oswald / Linda Schiel / Nadine Wagener-Böck, Isa Lohmann-Siems Stiftung, Hamburg
Datum
10.02.2017 - 11.02.2017
Von
Carsten Juwig, Hamburg

Bereits zum elften Mal lud die Hamburger Isa Lohmann-Siems Stiftung (ILSS) die interessierte Öffentlichkeit zu ihrer jährlichen Projekttagung ins traditionsreiche Warburg-Haus ein.[1] Ihr Motto lautete heuer „unterwegs. Zu Gestalt, Funktion und Materialität von Wegen“. Konzipiert wurde das Kolloquium von den drei Projektmitarbeiterinnen der ILSS, der Klassischen Archäologin Debora Oswald, der Kunsthistorikerin Linda Schiel und der Volkskundlerin Nadine Wagener-Böck. Diese fest im Stiftungsgedanken verankerte Interdisziplinarität prägte dann auch das internationale Teilnehmer/innenfeld der zweitägigen Veranstaltung.

Das von den Organisatorinnen ausgegebene Ziel des Projektes war die Untersuchung der konkreten materiellen Gegebenheiten von Straßen, Pfaden und Routen. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei den ästhetischen Potenzialen unterschiedlicher Wegformen und deren Einbettung in ihren jeweiligen kulturellen Kontext. Der thematische Horizont der neun dazu ausgewählten Fallstudien reichte vom bronzenen bis zum digitalen Zeitalter. Und da sich alle Beiträge konsequent an der vorgegebenen empirischen Ausrichtung orientierten, eröffnete die Tagung wichtige und innovative Einblicke in die Artifizialität von Wegen und die mit ihnen einhergehenden Praktiken des Unterwegsseins.

Die unterschiedlichen Gesichtspunkte der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Wegen zeigte bereits pointiert der erste Vortrag „Zur historischen Genese von Wegformen und Wegnetzstrukturen“ von HANS-ULRICH SCHIEDT (Bern). Am Beispiel des Inventars historischer Verkehrswege in der Schweiz führte Schiedt das Instrumentarium vor Augen, mit dem die schier unüberschaubare Menge lokaler Wegformen typisiert und analysiert werden kann, sei es nach ihrer Materialität, intendierten Nutzung oder ihrer Zugänglichkeit. Die Verknüpfung von Wegformen mit verkehrstechnischen oder sozialen Veränderungen offenbart, dass Wege trotz aller sekundären Anpassungen und Standardisierungen eine bemerkenswerte Persistenz der Linienführung besitzen. Prägend bleibt meist ihre erste Spur, selbst wenn diese zufällig entstanden ist.

Wenn Wege im Laufe der Zeit aber tatsächlich einmal im Sande verlaufen und sich dem direkten Zugriff entziehen, kann man sie rekonstruieren. Dies demonstrierte die Archäologin SUSANNE RUTISHAUSER (Bern) in ihrem Beitrag „Hollow Ways: Wegenetze der Bronzezeit“. Im Mittelpunkt stand dabei das gut 3000 Jahre alte Wegesystem des nordsyrischen Siedlungsgebietes Tall al-Hamidiya. Da die Hohlwege heute mehrere Zentimeter unter der Erdoberfläche liegen, werden sie erst in Luftaufnahmen wirklich greifbar. Daraus folgt, dass man Wegen in ihrer Gänze oft erst im bzw. als Bild habhaft wird. Die Archäologien bedienen sich dazu, wie Rutishauser veranschaulichte, unter anderem Satellitenbildern, die ursprünglich für militärische Zwecke angefertigt wurden. Hier ließe sich grundsätzlich fragen, welche Weltbilder den wissenschaftlichen Blick eigentlich justieren? Schließlich stützen sich doch heute viele Argumentationen geradezu selbstverständlich auf ein Bildmaterial, das global agierende Wirtschaftsunternehmen generieren und verbreiten. Die zukünftige Analyse von Wegen könnte da anschließen an aktuelle Forschungen zur Kartographie, schließlich transportieren Karten und Satellitenbilder neben kulturellem Kapital auch Macht- und Deutungsansprüche. [2]

Wie man Wegerfahrungen bewusst präfiguriert, verdeutlichte anschließend das Beispiel des protestantischen Adligen Otto Friedrich von der Groeben, der im Jahr 1694 seine Pilgerreise ins Heilige Land als Buch veröffentlichte. Wie die Kunsthistorikerin MARIA SCHALLER (Hamburg) in ihrem Beitrag „,Stich bey Stich‘ auf dem ,schmertzlichen Kreitz Weg Christi‘. Die tätowierten Pilger-Zeichen des Otto Friedrich von der Gröben und seine ,Orientalische Reise-Beschreibung‘ (Marienwerder, 1694)“ auffächerte, war dieser Bericht aber nicht nur ein Ergebnis individueller Christus-Nachfolge, sondern auch deren Motivation. Denn von der Groeben präsentierte seinem Publikum auf Kupferstich-Tafeln auch jene fünf Pilgerabzeichen, die er sich als Zeichen seines Glaubenseifers in die Arme ätzen ließ, wobei ein Stich gar den akkuraten Plan des Jerusalemer Kreuzwegs zeigte. Mit der via dolorosa vor Augen konnten sich nun auch die andächtigen Leser/innen die Leiden ihres Reiseführers und den Kreuzweg Christi vergegenwärtigen und sich imaginativ ins Herz einschreiben.

Technisch aktuellere Aspekte der Medialisierung von Wegen ergänzte dann die Ethnologin SIBYLLE KÜNZLER (Zürich). Unter dem Motto „On the (Digital) Road. Unterwegs für, in, mit und durch Google Street View“ analysierte sie anschaulich die multidimensionalen Konstruktions- und Erfahrungsmöglichkeiten im augmentierten Raum. Indem die digitalen Pfade auf motorischen Bewegungen beruhen, erschaffen sie neuartige hybride Erfahrungsformen, wie zum Beispiel das sitzende Durchqueren von Landschaften vor dem Bildschirm oder das Navigieren anhand des Mobiltelefons. Da es dabei jeweils ein Bild des Weges ist, das den Blick fixiert, lässt sich fragen, wie konkret oder abstrakt die Wegerfahrungen sind. Schließlich kollidieren die digital generierten Bewegungsmuster teils mit der realen Wegeführung oder es werden Routen vor Augen gestellt, die für viele Nutzer/innen kaum nachvollziehbar sind (etwa wenn Kletterer Kameras Felsen hinauf bugsiert). Wie Künzler zeigte, mutiert so der Gang durch den augmentierten Raum zum Erkenntnisweg.

Das letzte Panel des ersten Tages bildeten zwei Beiträge der klassischen Archäologie, die noch einmal unterschiedliche Analysemethoden und Untersuchungsebenen vor Augen führten. Im ersten Vortrag, „Straßen benennen. Zum System von Straßennahmen im antiken Rom“ legte RICCARDO MONTALBANO (Venedig / Tübingen) systematisch dar, auf welch unterschiedlichen Quellen die Straßennamen der noch jungen ewigen Stadt beruhten. Vereinten manche kurzerhand Start und Ziel des Weges, verewigten andere zentrale Gebäude oder gar die Physis des Geläufs. Und weil einige Titel auch historische Ereignisse erinnerten (die je nach politischem Klima getilgt werden konnten), offenbart sich das öffentliche Wegenetz als eine Form des kollektiven Gedächtnisses. Amtlich geregelt wurde die Straßenbenennung aber nicht, obwohl sich der Fiskus ihrer bediente. Wer schreibt also Wege ins öffentliche Bewusstsein ein und wie geschieht dies, bildet auch hier die ,erste Spur‘ Persistenzen aus? Diese Frage stellt sich angesichts zeitgenössischer Erinnerungskulturen immer wieder neu.

Die subjektive Verinnerlichung von Wegen thematisierte dann der Vortrag von DEBORA OSWALD (Hamburg) „Wo bin ich? Weg- und Landmarken entlang der Via Salaria“. Wie Oswald in ihrer kulturellen Biographie dieser Straße erläuterte, wurde die Via Salaria ursprünglich für den Salztransport angelegt, öffnete sich aber schnell diversen Nutzungsformen und Motivationen, militärischen Heerzügen ebenso wie erholungssuchenden Urlaubern. Damit einher gingen individuelle Praxen der Verortung und Kartierung. Memoriert wurde der Routenverlauf anhand von Orientierungspunkten, wie landschaftlichen Gegebenheiten oder staatlich gesetzten Marken. So erhält der öffentliche Raum neben einer kollektiven auch eine kognitive Dimension, die ihn subjektiv erfahrbar macht. Konzeptuell denkt man da an die klassische Gedächtniskunst, die den Verlauf von Argumentationen ebenfalls mithilfe eines Netzes von Orten und Bildern einprägte.

Der zweite Veranstaltungstag begann mit dem ebenso unterhaltsamen wie gelehrten Vortrag von ERIK WEGERHOFF (Zürich) „Unterwegs in die Postmoderne: Die Spielstrasse“. Der von Amts wegen sperrig benannte ‚verkehrsberuhigte Bereich’ fasste 1980 in Deutschland Fuß und brach mit einem traditionellen Wegeparadigma: Indem er seine motorisierten Nutzer/innen auf die anthropozentrische Schrittgeschwindigkeit abbremste, konterkarierte er das technikbegeisterte Prinzip geradliniger Beschleunigung. Dazu bedurfte es zum einen konkreter baulicher Eingriffe in das Stadtbild, das nun streckenweise nostalgisch anmutende Kopfsteinpflaster und ornamentale Pollerkaskaden prägten. Zum anderen sollte eine Medienoffensive das neuartig postmoderne Lebensgefühl achtsamer Langsamkeit im öffentlichen Bewusstsein zementieren. So bildete die Spielstrasse einen egalitären Raum des sozialen Mit- und Nebeneinanders gegenläufiger Bewegungsformen.

Welche vielschichtige ästhetische Potenziale gerade die formale Gestaltung von Wegen evoziert, verdeutlichte daran anschließend LINDA SCHIEL (Hamburg) mit ihrem Beitrag „Strecke – Gestalt – Ritual. Weg in Tadao Andos Chichu Art Museum“. In diesem ,vergrabenen‘ Museum auf der japanischen Insel Naoshima tauchen die Besucher/innen in ein undurchschaubares Wegenetz ein, das ihnen ihre Bewegungsfreiheit immer weiter entreißt. Und indem sie das auf- und absteigende Ganglabyrinth teils sogar über Geröllwüsten hinweg zu einzelnen Kunstkammern führt, wird die Bewegung zum konstitutiven Teil ästhetischer Erfahrung. Dass Ando dabei ganz bewusst genrehafte Seh- und Erfahrungsgewohnheiten unterläuft, führt Schiel darauf zurück, dass sich seine Raum- und Bewegungschoreographien auf traditionelle Tempelanlagen besinnen – der Gang durch die Kunstkatakombe wird zur Einkehr ins innerste Selbst.

Stärker noch als das Museum ist die Stadt ein Raum ständiger sozialer Aushandlungen. Wie NADINE WAGENER-BÖCK (Hamburg) mit ihrem abschließenden Vortrag „Wege von Wert. Über Transportrouten karitativer Altkleidersammlungen“ aufwies, wird das soziale Wegenetz so auch moralisch aufgeladen. Das Beispiel privater Kleiderspenden verdeutlicht sehr schön, welche hohe Erwartungen sich mittlerweile an die Transparenz von Verteilungs- und Warenwegen richten – nicht zuletzt, weil sie die mediale Berichterstattung ins öffentliche Bewusstsein rückt. Indem Hilfsorganisationen ihre Transportrouten öffentlich nachvollziehbar machen, stiften sie Vertrauen, um soziale Projekte zu etablieren und Spenden einzuwerben. Dazu platzieren sie nicht nur besonders ausgezeichnete und gut erreichbare Container im öffentlichen Raum, sondern auch Geodaten im digitalen Raum der Internetpräsenzen. So entsteht ein Netz sich überlagernder Wege, die einem Ethos folgen.

Als Resümee der facettenreichen Beiträge bleibt festzuhalten, dass sie dank ihrer konzisen, immer am Objekt entwickelten Argumentationen den Weg als kulturwissenschaftliches Arbeitsfeld neu vermessen haben. Die Tagung selbst war geprägt von einer ebenso offenen wie konzentrierten Arbeitsatmosphäre und lebendigen Diskussionen. Einen großen Anteil an ihrem Gelingen hatten neben der klugen Konzeption der Veranstaltung auch ihre großzügige Ausstattung durch die ILSS sowie die aufmerksamen Mitarbeiter/innen und Hilfskräfte des Warburg-Hauses. Einem breiteren Publikum werden die Tagungsergebnisse dann im nächsten Frühjahr zugänglich, wenn im Berliner Reimer-Verlag ihre Publikation erscheint – man darf sich auf sie freuen!

Konferenzübersicht:

Hans-Ulrich Schiedt (Universität Bern), „Zur historischen Genese von Wegformen und Wegnetzstrukturen“

Susanne Rutishauser (Universität Bern), „Hollow Ways: Wegenetze der Bronzezeit“

Maria Schaller (Universität Hamburg), „,Stich bey Stich‘ auf dem ,schmertzlichen Kreitz Weg Christi‘. Die tätowierten Pilger-Zeichen des Otto Friedrich von der Gröben und seine ,Orientalische Reise-Beschreibung‘ (Marienwerder, 1694)“

Sybille Künzler (Universität Zürich), „On the (Digital)Road. Unterwegs für, in, mit und durch Google Street View“

Riccardo Montalbano (Università Ca' Foscari Venezia / Eberhards Karl Universität Tübingen), „Straßen benennen. Zum System von Straßennamen im antiken Rom“

Debora Oswald (Isa Lohmann-Siems Stiftung, Hamburg), „Wo bin ich? Weg- und Landmarken entlang der Via Salaria“

Erik Wegerhoff (ETH Zürich), „Unterwegs in die Postmoderne: Die Spielstraße“

Linda Schiel (Isa Lohmann-Siems Stiftung Hamburg), „Strecke – Gestalt – Ritual. Weg in Tadao Andos Chichu Art Museum“

Nadine Wagener-Böck (Isa Lohmann-Siems Stiftung Hamburg), „Wege von Wert. Über Transportrouten karitativer Altkleidersammlungen“

Anmerkungen:
[1] Informationen zur Stiftung finden sich auf ihrer Homepage: http://www.isa-lohmann-siems-stiftung.de/index.php (16.03.2017).
[2] Siehe hierzu etwa Ingrid Baumgärtner / Martina Stercken (Hrsg.), Herrschaft verorten. Politische Kartographie im Mittelalter und in der frühen Neuzeit (Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen 19). Zürich 2012; Marion Picker / Véronique Maleval / Florent Gabaude (Hrsg.), Die Zukunft der Kartographie. Neue und nicht so neue epistemologische Krisen. Bielefeld 2013; Klaus Sachs-Hombach, „Karte und Orientierung. Einige Anmerkungen zu Begriff und Funktion von realen und kognitiven Karten“. In: Michael Bischoff / Vera Lüpkes / Wolfgang Crom (Hrsg.), Kartographie der frühen Neuzeit. Weltbilder und Wirkungen (Studien zur Kultur der Renaissance 5). Marburg 2015, S.251-257; William Rankin, After the Map. Cartography, Navigation, and the Transformation of Territory in the Twentieth Century. Chicago / London 2016.

Zitation
Tagungsbericht: unterwegs. Zu Gestalt, Funktion und Materialität von Wegen, 10.02.2017 – 11.02.2017 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 23.04.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7153>.