Öffentlich, populär, egalitär? Soziale Fragen des städtischen Vergnügens 1890–1960

Ort
Hamburg
Veranstalter
Yvonne Robel, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg; Alina Laura Tiews, Forschungsstelle Mediengeschichte, Hans-Bredow-Institut, Hamburg
Datum
09.02.2017 - 11.02.2017
Von
Mareen Heying, Institut für Geschichtswissenschaften, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

„Stellen Sie sich vor, Sie müssten nur drei Stunden am Tag arbeiten…“ – anknüpfend an Paul Lafargues „Das Recht auf Faulheit“ von 1880 leitete YVONNE ROBEL (Hamburg) so die von ihr und ALINA LAURA TIEWS (Hamburg) ausgerichtete Tagung ein. Wenig Arbeitszeit lässt Zeit und Raum für das Nichtstun und Müßiggang und damit auch für Freizeit und Vergnügen. Welche Formen von Vergnügen von 1890 bis 1960 im deutschen Raum vorherrschten und wer daran partizipierte, wurde in Hamburg von verschiedenen Seiten beleuchtet. Zentral waren vor allem die Frage wie egalitär Vergnügungsangebote waren und welche Funktion Freizeit hatte: Nutzt sie zur Abgrenzung oder hebt sie Grenzen auf? Wessen und welches Vergnügen ist gesellschaftlich angesehen? Welche Kontinuitäten und Brüche gibt es?

Bevor in den Vorträgen auf diese und weitere Fragen Bezug genommen wurde, startete die Tagung mit dem Film „Große Freiheit Nr. 7“, der beansprucht, ein Hamburgisches „Milieu des Vergnügens“ zu zeigen, so Robel. Der Film aus dem Jahr 1944 thematisierte viele Facetten, die auch während der Tagung zur Sprache kamen: Übergänge zwischen Beruflichkeit und Vergnügen, Unterschiede in der Wahrnehmung von Vergnügen zwischen Männern und Frauen, Stadt-Land-Gefälle. Deutlich wurde durch „Große Freiheit Nr. 7“, dass Vergnügen zu jeder Zeit nachgefragt wird, auch 1943 in Deutschland, als der Film zu drehen begonnen wurde und sich aufgrund des Kriegsverlaufes die Dreharbeiten nach Prag verlagerten. Vergnügen wurde in dem Film konnotiert mit Lebensfreude, einer Alternative zum Arbeitsalltag, wie auch mit Sehnsucht und Wünschen nach Freiheit. Aspekte, die auch in den folgenden Vorträgen thematisiert wurden und die Bandbreite des Tagungstitels aufzeigten.

DANIEL MORAT (Berlin) verdeutlichte in seinem einleitenden Vortrag am Beispiel des seit 1911 im Berliner Sportpalast stattfindenden Sechstagerennens, dass zwar das Publikum aus allen Schichten kam, dennoch eine gleichzeitige soziale Integration und Distinktion stattfanden. Morat stellte heraus, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine klassenübergreifende Kultur entstand, zugleich aber innerhalb der kulturellen Ereignisse eine Trennung durch räumliche Segregation stattfand. Bessere Sitzplätze waren durch höhere Eintrittsgelder zu bekommen, der Heuboden war den unteren Schichten vorbehalten. Dennoch gab es immer wieder Möglichkeiten, die bestehenden Trennungen zu überwinden, etwa für den ehemaligen Sportler „Krücke“, den Anführer des Heubodens, der mit seinen lauten Pfiffen unabdingbarer und willkommener Gast der Reichen war. Er wurde selbst zum Vergnügen für die anderen.

In der ersten Sektion wurde danach gefragt, inwieweit es Vergnügen für jedermann gab, ein Fokus lag hier auf Hamburg.

LISA KOSOK (Hamburg) unternahm eine Tiefenbohrung des Viertels St. Pauli, einem Durchgangsort, der Menschen mit sozialen, kulturellen und religiösen Unterschieden zusammenbrachte, die sich erst als Publikum und dann als Bewohner/innen des Stadtteils zeigten. Durch zunehmende Kontrollen und Einschränkungen, wie die Einrichtung der Davidwache 1913 und Sperrstunden in den 1920er-Jahren, wurde das Vergnügen zunehmend reglementiert und eingeschränkt.

KRISTINA VAGT (Hamburg) stellte einen Gegenort zu St. Pauli vor, die Gartenschauen in Hamburg, 1935 und 1953. Während 1935 bei der Niederdeutschen Gartenschau Hamburg als Tor zur Welt präsentiert wurde, wurde 1953 mit einem an Italienbilder angelehnten Flair den Besucher/innen das Gefühl nahe gelegt, weltstädtisch zu sein. Dieses gezähmte Vergnügen bot einen Transport von Wissen und Kultur. Gartenschauen waren keine Orte der Ausschweifung, sondern des alltäglichen Vergnügens.

ALINA LAURA TIEWS (Hamburg) zeigte mit dem Hamburger Dom (Kirmes) einen Zwischenort auf, der als Flucht aus dem Alltag funktionierte. In dem von ihr untersuchten Zeitraum 1920 bis 1960 wurde der Dom ausgebaut und das Publikum zunehmend internationaler. Zugleich war der Dom ein Ort der Selbstrepräsentation des Publikums, der breite Massen ansprach. Tiews fragte, ob bei öffentlichen Vergnügungsorten Regeln, die andernorts gelten, außer Kraft gesetzt wurden.

In der an die Sektion anschließenden Diskussion wurde ein zentrales Problem einer Sozialgeschichte von unten angesprochen – die Quellenproblematik. Die Diversität verschiedener Orte des Vergnügens wurde bereits deutlich.

Die zweite Sektion befasste sich mit sozialen Realitäten hinter den Kulissen des Vergnügens.

SUSANN LEWERENZ (Hamburg) zeigte auf, dass in den 1920er-Jahren präsentierte „Völkerschauen“, bei denen das Publikum vermeintliche Exot/innen bei ihren Bräuchen beobachtete, als Kontinuitäten der kolonialen Kultur zu werten seien. Zugleich konnten diese Formen der Unterhaltung und Belehrung für ein deutsches Publikum auch Wege der Migration für die Darstellenden sein und eine Möglichkeit, selbstbestimmt den Lebensunterhalt zu bestreiten.

MARTIN REMPE (Konstanz) verdeutlichte anhand der Lebenswelten von Musikern im Kaiserreich, dass zum Vergnügen zwei Gruppen gehörten: die, die es anbieten, und die, die es haben. Neben dem sich im 19. Jahrhundert zum Beruf etablierenden „Unterhaltungsmusiker“ stand der Militärmusiker. Um die Würde des Militärs zu schützen, wurde etwa 1909 ein Nachtcaféverbot für Militärmusiker eingeführt; nur eine von vielen Praktiken, die einen Wandel des Berufes erzeugten.

ANTJE DIETZE (Leipzig) nahm sich Unternehmern um 1900 als sozialen Vermittlern zwischen Massenpublikum und Vergnügungsindustrie an. Am Beispiel des Kristallpalastes in Leipzig machte Dietze die unternehmerischen Absichten deutlich. Der Ort wurde kulturell transformiert und mit Blick auf Vergnügungskulturen im Ausland geplant. Massenkultur war ein Wirtschaftssektor.

Die Sektion verdeutlichte, wie die Handlungsoptionen von denjenigen die Vergnügen anboten, durch staatliche Regulierungen bestimmt waren, aber auch Möglichkeiten der Selbstrepräsentanz boten. Es wurde zudem sichtbar, dass Unternehmerinnen und Berufsmusikerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts kaum präsent waren.

Ob und wie Grenzen zum Vergnügen gehören und wie Vergnügen strukturiert war, wurde in der dritten Sektion erörtert.

KLAUS NATHAUS (Oslo) verdeutlichte anhand dreier Berliner Vergnügungsorte, wie die Konsument/innen die Unterhaltung und Interaktionsmodi zu Beginn des 20. Jahrhunderts lenkten. Während im Weinrestaurant reiche Leute zusammen kamen, die sich gegenseitig beobachteten, florierte unter Arbeiter/innen der Rummel, wo Körperlichkeit inszeniert wurde und das „treating“ praktiziert wurde: Arbeiterinnen ließen sich von Männern für eine kleine Gegenleistung einladen.

JULIA SNEERINGER (New York) zeichnete den Wandel des Hamburger Clubs „Große Freiheit 36“, von den 1920er- bis in die 1960er-Jahre nach. Der Ort war in den 1920er-Jahren für beide Geschlechter offen. Auch wenn die Nationalsozialisten dort andere Strukturen schaffen wollten, kreierte der Ort bis zu seiner Bombardierung 1943 eine Form der Normalität. Der 1958 wieder eröffnete Tanzpalast der Jugend befriedigte das Bedürfnis des jungen Publikums: Neugierde. Die Lust am eigenen Körper war wichtig für die Besucher/innen aller Schichten.

KASPAR MAASE (Tübingen) legte in seinem Vortrag, der die letzten beiden Sektionen einleitete, den Startpunkt einer städtischen Vergnügungskultur auf 1850 und zog einen Bogen bis ins 21. Jahrhundert. Am Vergnügen teilzuhaben, kennzeichnete städtisches Leben. Einige Adelige übten sich im „Slumming“ der populären Arbeiterkultur im 19. Jahrhundert, sie nahmen versteckt an der Arbeiter/innenkultur teil. Der Teilhabeanspruch der Massen nahm zu, Schranken wurden weiter überwunden. Maase fragte, inwieweit die Privatisierung von Vergnügen zunehmend die Nutzung regulierte. Durch den Walkman etwa wurde Musik zwar öffentlich gehört, doch der Konsum blieb privat. Vergnügen sei ein Spiel, in dem Asymmetrien historisch abgebaut wurden.

Die vierte Sektion widmete sich den sozialen Identitäten des Vergnügens

SÖNKE FRIEDREICH (Dresden) stellte den Wandel der Vergnügungsmöglichkeiten in der Stadt Plauen dar. Das 1898 eröffnete Theater bot einer bestimmten Gruppe Eintritt. Das Kino jedoch war ein egalitärerer Ort für das Massenpublikum. Bei den zahlreichen öffentlichen Tanzvergnügen in der Stadt gab es eine hohe soziale Durchmischung der Menschen. Praktiken des ländlichen Vergnügens zogen auch in die Stadt, dies wiederum schuf eine regionale Identität von Plauen.

MARTIN REIMER (Dresden) verdeutlichte am Beispiel von Dresden, wie Vergnügen politisch instrumentalisiert wurde. Schon seit dem 19. Jahrhundert diente die Hochkultur der Distinktion. Durch den schnellen Wiederaufbau des Theaters nach 1945 wurde ein positiv besetztes Selbstbild des Bürgertums geschaffen. Zugleich wurde eine imaginierte bürgerliche Kultur in der Stadt kreiert. Im SED-Staat wandelte sich dieses Bild wieder gegen das Bürgertum. Orte waren mit Identitäten verknüpft, die wiederum auf das Publikum wirkten.

Die letzte Sektion widmete sich sozial kodierten Diskursen des vergnüglichen Lebens in Städten.

ANNE KURR (Hamburg) machte deutlich, wie das Vergnügen der westdeutschen Oberschicht der 1960er-Jahre auch darin bestand, Reichtum sichtbar zu machen und ihn zu feiern. Es herrschte unter ihnen eine Freizügigkeit gegen soziale Normen. Während auf Sylt bürgerliche Eliten für sich feierten, waren in München Grenzen sozial durchlässig. Klassengrenzen konnten auch durch Frauenkörper überschritten werden, wenn diese aus unteren Schichten kamen und sich mit Männern der Oberschicht vergnügten.

ERIK KOENEN (Bremen) fragte, inwieweit Medien ein Moment der Stadtkultur um 1900 waren. Modernes Vergnügen sei medialisiertes Vergnügen, so prägten Zeitungen Bilder der Großstadt. Koenen regte dazu an, die historische Sozialforschung stärker für historische Forschungen zu nutzen, da diese Einblicke in moderne städtische Medienvergnügungen gebe und Antworten auf die Frage, wie mediale Praktiken von Menschen gelebt wurden.

Während Kurr den Dokumentarfilm als Quelle nutzbar machte, regte Koenen zur Nutzung anderer Disziplinen an.

Die verschiedenen Orte, Kontexte und Formen des Vergnügens, denen bei der Tagung Raum gegeben wurde, zeigten, dass im 20. Jahrhundert zunehmend Vergnügen nicht nur den Menschen bereitet wurde, die vor Ort waren, sondern Orte des Vergnügens als Magnete genutzt wurden, um Menschen aus dem Umland oder Ausland anzulocken. Vergnügen selbst oblag dabei administrativen Steuerungen und wandelte sich durch diese. Während ein Ort für die einen eine Flucht aus dem Alltag sein konnte, war es eine Kontaktzone für andere. Vergnügen half darüber hinaus, Männlichkeit, Weiblichkeit oder Jugend zu konstruieren. Vergnügen produziert und erlaubt Kategorisierungen. Öffentliche Körperlichkeit und Emotionen waren dabei zentrale Merkmale. Auch war Vergnügen Arbeit – für diejenigen, die es anboten.

In den nach den Sektionen und der Tagung aufkommenden Diskussionen wurde danach gefragt, wohin der forschende Blick auf Vergnügungsangebote führt. Was wurde angeboten, wer hatte teil und mit welchen Praktiken wurde interagiert? Wurde Vergnügen genutzt, um vermeintliche Normalität in Krisenzeiten herzustellen? Wie sehr führte staatliche Kontrolle der Kultur zum Wandel von Vergnügen? Wie krisenresistent war Vergnügen? Welche sozialen Grenzen gab es und wie durchlässig waren diese, welche alternativen Möglichkeiten schufen sie? Der aufgeworfenen Frage nach Egalität schlossen sich Fragen nach Geschlecht und Migration an. Auch wenn sich schon zu Beginn der Tagung abzeichnete, dass populäres Vergnügen keine Möglichkeit für das Überwinden von Klassengrenzen war, so wurde doch in den einzelnen Vorträgen vor allem deutlich, wie dies punktuell zwar gelang, zugleich jedoch verwehrt wurde. Es fanden Formen von Integration und Ausschluss statt, keine Egalisierung.

Die Vorträge und Diskussionen gaben viele Antworten, doch wurden – und hier zeigt sich die Qualität der Tagung – weitaus mehr Fragen aufgeworfen, denen weiter nachgegangen werden kann. Zudem wurde deutlich, wie spannend und ertragreich für die historische Forschung Fragen nach Egalität sind, nicht nur im Hinblick auf Vergnügen.

Konferenzübersicht:

Filmvorführung „Große Freiheit Nr. 7“, mit historischer Einführung durch Yvonne Robel

Yvonne Robel (Hamburg) und Alina Laura Tiews (Hamburg): Begrüßung und Einführung

Daniel Morat (Berlin): Hereinspaziert! Städtisches Vergnügen zwischen sozialer Integration und urbaner Distinktion

Sektion: Angebote für „Jedermann“?

Lisa Kosok (Hamburg): Soziale Topografien städtischen Vergnügens

Kristina Vagt (Hamburg): Vergnügen vor blühender Kulisse. Publikumsmagnet Gartenschau

Alina Laura Tiews (Hamburg): „Wir essen keine republikanische Arbeiterwurst!“ Besucher des Hamburger Doms

Moderation: Knud Andresen (Hamburg)

Sektion: Soziale Realitäten hinter den Kulissen

Susann Lewerenz (Hamburg): Migrantische „Völkerschauen“ der 1920er- und 1930er-Jahre. Kultur- und sozialgeschichtliche Perspektiven

Martin Rempe (Konstanz): Das Vergnügen der Anderen. Unterhaltungsmusiker avant la lettre im Kaiserreich

Antje Dietze (Leipzig): Maßnahmen zur Hebung des Standes. Strategien von Unternehmern des Vergnügungsgewerbes im deutschsprachigen Raum (1880–1930)

Moderation: Linde Apel (Hamburg)

Sektion: Soziale Grenzen des Vergnügens

Klaus Nathaus (Oslo): Interaktion im öffentlichen Vergnügungsraum. Entwicklungstendenzen von der Kommerz- zur Massenkultur (ca. 1900 – 1939)

Julia Sneeringer (New York): Große Freiheit 36. Youth, Music and the Policing of Social Boundaries in Hamburg St. Pauli

Moderation: Judith Ellenbürger (Hamburg)

Kaspar Maase (Tübingen): „Wille zum Vergnügen“ und Vermarktlichung der Vergnügungen. Zur historischen Dynamik kultureller Egalisierung in Städten

Sektion: Vergnügen und soziale Identitäten

Sönke Friedreich (Dresden): Vergnügen in der „Emporkömmlingsstadt“. Soziale Scheidelinien in der populären Kultur Plauens im frühen 20. Jahrhundert

Martin Reimer (Dresden): „Bürgerliche Vergnügungskultur“ in der sozialistischen Stadt? Betrachtungen zur „Hochkultur“ im Dresden der Nachkriegszeit

Moderation: Alina Laura Tiews (Hamburg)

Sektion: Sozial kodierte Diskurse des vergnüglichen Lebens

Anne Kurr (Hamburg): Unverdientes Vergnügen? Mediale Figuren der Oberschicht in der frühen Bundesrepublik

Erik Koenen (Bremen): Städtische Freizeit als Medienvergnügen. Überlegungen zur sozialen Geschichte urbaner Mediennutzung (1890 – 1930)

Moderation: Yvonne Robel (Hamburg)

Zitation
Tagungsbericht: Öffentlich, populär, egalitär? Soziale Fragen des städtischen Vergnügens 1890–1960, 09.02.2017 – 11.02.2017 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 08.05.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7161>.