5. Zürcher Werkstatt Historische Bildungsforschung

Ort
Zürich
Veranstalter
Susanne Ender / Mirjam Staub / Lukas Höhener, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich
Datum
20.04.2017 - 21.04.2017
Von
Mirjam Staub, Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Zürich

Bereits zum fünften Mal fand in Zürich die Werkstatt Historische Bildungsforschung statt, die erneut jungen Bildungsforscherinnen und Bildungsforschern die Gelegenheit bot, ihre laufenden Dissertationsprojekte einem kritischen und diskussionsfreudigen Publikum zu präsentieren. Zehn Doktorandinnen und Doktoranden nutzten die Möglichkeit, ihre eigenen Arbeiten vorzustellen und ihre damit verbundenen Fragen zu artikulieren, wobei der Schwerpunkt sowohl der Beiträge als auch der daran anschließenden Diskussionen auf der Verknüpfung von Fragestellung, Quellen und theoretisch-methodischen Prämissen lag. So wurde sich auf der Grundlage des jeweiligen Standes der einzelnen Arbeiten über konkrete Fragen, über die Vorstrukturierung der Ergebnisse der Arbeit durch einen bestimmten theoretischen und methodischen Zugang, sowie über Hilfestellungen und Lösungsmöglichkeiten für die Weiterentwicklung der Projekte ausgetauscht.

Nach der Begrüssung durch das Organisationsteam, eröffnete JIL WINANDY (Wien) den ersten Tag der Veranstaltung, indem sie aus ihrem Dissertationsprojekt zur Geschichte, Ausbreitung und Karriere der Normalmethode Johann Ignaz von Felbigers berichtete. Ihr Bestreben ist es, mittels der historischen Diskursanalyse sowohl die Kontexte und Beweggründe der Rezeption der Lehrmethode zu erklären, als auch zu erforschen, weshalb die Pädagogikgeschichte der Normalmethode bis heute sehr unterschiedlichen Stellenwert einräumt. In der Diskussion stand die methodische Ausrichtung im Zentrum, wobei der Nutzen und Nachteil der historischen Diskursanalyse besprochen wurden.

Einen Fokus auf Bildungsdiskurse legte BERNHARD HEMETSBERGER (Wien) mit seinem Dissertationsprojekt zu „Bildungskrisen – oder Erzählungen vom besseren Leben“, in welchem er anhand der Analyse von populärwissenschaftlichen Quellen der Frage nach der Konstruktion von sogenannten „Bildungskrisen“ nachgeht und darüber hinaus Zyklen von „Hoch-Zeiten“ der Krisenrhetorik aufzeigen möchte. Im Zentrum des Referates stand insbesondere die Frage, wie sich Bildungskrisenerzählungen systematisieren lassen, wobei insbesondere das Narrativ solcher Bildungskrisenerzählungen interessiert.

DANIEL SIEGENTHALER (Basel) verfolgt mit seinem Projekt zur Geschichte des Schulfaches Geografie in den Schulen der Sekundarstufe II in der Deutschschweiz einen akteurzentrierten Ansatz. Mit seinen Fragen nach der Veränderung von Zielen, Inhalten und Methoden des Schulfaches will er in erster Linie die an der Konstruktion und Konstitution des Faches beteiligten Akteure analysieren, wobei er die Hypothese verfolgt, dass das Schulfach inhaltlich aus der Schulpraxis heraus und damit in einem „bottom up“-Prozess gebildet wurde.

Eine Institutionengeschichte schreibt BETTINA GROSS (Zürich) mit ihrer Dissertation, in der sie die Entwicklung des privaten Lehrerseminars Unterstrass in Zürich von 1860-2002 untersucht. Mit einem umfangreichen Quellenfundus konfrontiert, stellen sich ihr insbesondere Fragen der Systematisierung und Eingrenzung der Themenkomplexe, für deren Bearbeitung sie vier Zeitabschnitten vorschlägt. Neben forschungspraktischen Hinweisen bezüglich des Umgangs mit dem Quellenbestand wurde in der Diskussion angeregt, danach zu fragen, wie sich das Seminar trotz verschiedener struktureller Veränderungen in seiner Form bis heute behaupten konnte.

JASMIN TRINKS (Chemnitz) zeigte in ihrem Referat, wie sie anhand von Primärquellen, Fotografien und Zeitzeugeninterviews, die besondere Form einer stark religiös geprägten Reformpädagogik des Lehrers und Pädagogen Karl Prelle analysiert. Nicht nur stehen Prelles Konzeption einer reformpädagogischen Schulpraxis im Interesse ihrer Forschung, sondern insbesondere auch dessen Form der Inszenierung der „idealen Lernumgebung“. Diskutiert wurde anschliessend die theoretische Verortung der Arbeit, wobei die Besonderheit der Zuordnung Prelles sowohl zur Reformpädagogik als auch zur Landschulbewegung als zentral erachtet wurde.

DOMINIK HERZNER (Aachen) untersucht in seiner Dissertation die Geschichte der Deutschen Auslandschulen in Spanien seit ihrer Gründung Ende des 19. Jahrhunderts. Als Schulen, die ursprünglich als Missionswerk evangelischer Auswanderergruppen aus Deutschland gegründet wurden, haben diese verschiedene Veränderungen auf organisationaler und konzeptioneller Ebene durchlaufen. Herzner geht diesen nach, um die Frage zu stellen, inwieweit diese Schulen als Teil der deutschen Geschichte zu verstehen sind. Dabei wurde in der Folgediskussion auf die Wichtigkeit hingewiesen, dass neben Veränderungen auch Kontinuitäten erklärungsbedürftig seien.

Den zweiten Tag eröffnete SUSANNE ENDER (Zürich) mit ihrem Referat zur Debatte um Bildungsstandardisierung seit 1990. Anhand der beiden Akteure OECD auf internationaler Ebene und EDK (Eidgenössische Erziehungsdirektoren Konferenz) in der Schweiz fragt sie danach, wie sich der Bildungsbegriff in der Schweiz und auf internationaler Ebene im Rahmen der Debatte um Bildungsstandardisierung seit 1990 bis heute verändert hat. Dabei geht sie vom theoretischen Konzept der „world polity“ aus, wobei in der darauf folgenden Diskussion angeregt wurde, dieses Konzept für dessen Verwendung in der historischen Bildungsforschung kritisch zu betrachten.

LUKAS HOEHENER (Zürich) setzte sich in seinem Referat über „NetzwerkeR der Schweizer Curriculumforschung“ mit der Frage auseinander, wie Themen der wissenschaftlichen Forschung auf die Agenda von Politik, Lehrerbildung und Bildungsverwaltung gesetzt wurden und letztlich auch in die Schulpraxis einflossen. In seinem Dissertationsprojekt erforscht er diese Frage unter wissensgeschichtlichen Aspekten sowie mittels der historischen Netzwerkanalyse, mit der er Schlüsselpersonen identifizieren und deren „Interplay“ untersuchen möchte. Er betonte aber ausdrücklich, diesen methodischen Ansatz ebenso zu problematisieren, um durch dessen Anwendung nicht Gefahr zu laufen, den Blick für andere Prozesse und Mechanismen zu verlieren.

Ebenfalls mit Netzwerken beschäftigt sich LISBETH MATZER (Köln) in ihrer Dissertation, in welcher sie Akteur/innen, Strukturen und Aktivitäten von NS-Jugendorganisationen in Österreich zwischen 1938-1945 untersucht. Den Hauptfokus legt sie einerseits auf die Netzwerke von Akteur/innen in Führungspositionen, andererseits fragt sie aufgrund der lokalen, regionalen und grenzüberschreitenden Arbeit der Jugendorganisationen nach den Handlungsspielräumen der Akteur/innen und den infrastrukturellen Gegebenheiten. In der anschliessenden Diskussion wurde insbesondere angeregt, neben der allgemeinen theoretischen Verortung, die Spezifika der österreichischen Situation herauszuarbeiten und theoretisch zu konzeptualisieren.

Das abschliessende Referat der Tagung hielt STEFAN SCHATZ (Berlin), welches ebenfalls die Kriegsjahre 1938-1945 fokussierte. Er präsentierte das Konzept seiner Dissertation über das deutschsprachige Schulwesen im Reichsgau Sudetenland, wobei er den Schwerpunkt auf das Narrativ von Identitätsbildung und Abgrenzungsversuchen legt, das er anhand von Akten der Schulverwaltung sowie mittels Schulbuchanalysen untersuchen möchte. Zur Diskussion brachte er die Problematik des Umgangs mit einem immensen Quellenbestand, wobei er sich vor die Frage gestellt sieht, die Quellenarten mit seiner Forschungsintention in Einklang zu bringen, da diese in sich bereits verschiedene Themenkomplexe zu vereinen sucht.

Als Resümee der Tagung formulierte CAROLINE ARNI (Basel), die die gut durchdachten und elaborierten Projekte würdigte, drei synthetisierende Gedanken: (1) Zur theoretischen Verordnung einer Dissertation bemerkte sie, dass diese nicht nur dazu dienen könne, Sachverhalte zu erklären. Vielmehr gehe es darum, „den Gegenstand theoretisch zu denken“, sich also bewusst zu sein, dass ein Gegenstand der wissenschaftlichen, historischen Analyse nicht einfach gegeben sei, sondern konstruiert und konzeptualisiert werde. Dazu bedarf es einer theoretischen, reflektierten Beschreibung des Gegenstandes mittels analytischer Begriffe. (2) Sie wies darauf hin, dass gerade der Zusammenhang von Theorie, Methoden und Quellen Ansprüche und Erwartungen verschiedener Art beinhalte, die es zu kennen gelte. Sie ermutigte die Doktorierenden, sich über das persönliche Forschungsinteresse klar zu werden, da dies Hinweise zur Begründung und Relevanz des Gegenstandes gibt. (3) Neben der Konstruiertheit des Gegenstandes, wies Caroline Arni darauf hin, dass auch Narrative in Quellentexten meist nicht einfach so zu finden seien. Deren Erarbeitung laufe zwar keinesfalls willkürlich ab, erfordere jedoch, dass ein kreativer Auseinandersetzungsprozess mit den Quellen zugelassen wird. Dabei sei es umso wichtiger, neben Akteur/innen deren Praktiken in diesen Prozess miteinzubeziehen.

GERHARD KLUCHERT (Berlin) kommentierte die Tagung aus einer inhaltlichen Perspektive der historischen Bildungsforschung. Auffallend sei, dass der thematische Schwerpunkt bei fast allen Referaten im Bereich der Schulforschung lag. Dabei sei ein „Rückimport“ dieser Themen aus der empirischen Bildungsforschung feststellbar. Gerade Themen, wie die Entstehung und Verbreitung pädagogischer Konzepte und Methoden zeigten sich besonders anschlussfähig an andere Bereiche der Erziehungswissenschaft. Er ermutigte die Doktorierenden, sich während ihres Projektes von weitreichenden Anforderungen und Ansprüchen an Theorien und Methoden zu emanzipieren und sie für die eigene Arbeit handhabbar zu machen, und sich auch bewusst zu sein, dass große Begriffe zwingend einer inhaltlichen Auseinandersetzung bedürften. Dennoch müssen die Anforderungen an deine Dissertation als Qualifikationsabriet berücksichtigt werden. Gerhard Kluchert zeigte sich angetan vom hohen Niveau des Elaborierten und Reflektierten, welches in den Referaten und den Diskussionen sichtbar wurde und war erfreut darüber, dass bereits während der Tagung bei Vielen ein Denk- und Schaffensprozess angestossen wurde.

Die Zürcher Werkstatt Historische Bildungsforschung ermöglichte einen offenen Umgang mit forschungspraktischen Schwierigkeiten, wie auch die wiederkehrende und vertiefte Diskussion des Verhältnisses von Fragestellung, methodischen und theoretischen Prämissen. Als besonders hilfreich erwiesen sich die kritischen, sehr konstruktiven Kommentare von Caroline Arni und Gerhard Kluchert, sowie die engagierten Diskussionen der Referent/innen und Diskutant/innen. Abschließender Tenor des Plenums war ein grosses Lob an die Tagungsorganisation und die Bestärkung, das Format der Werkstatttagung auch künftig beizubehalten.

Konferenzübersicht:

Jil Winandy (Wien): Normalmethode. Geschichte, Ausbreitung und Karriere einer Lehrmethode

Bernhard Hemetsberger (Wien): Bildungskrisen - oder Erzählungen vom besseren Leben

Daniel Siegenthaler (Basel): Zur Geschichte des Schulfachs Geographie

Bettina Gross (Zürich): Seminar Unterstrass Zürich

Jasmin Trinks (Chemnitz): Von der Lernschule zur Lebensschule

Dominik Herzner (Aachen): Geschichte Deutscher Auslandsschulen in Spanien

Susanne Ender (Zürich): Die Debatte um Bildungsstandardisierung seit 1990. Analyse von Inhalten und Akteuren in der Schweiz und auf internationaler Ebene

Lukas Höhener (Zürich): Bildungsreformen nach wissenschaftlichem Diktum - über NetzwerkeR der Schweizer Curriculumforschung

Lisbeth Matzer (Köln): Funktionsweisen der NS-Jugendorganisationen in Österreich. Perspektiven - Quellen - Methoden

Stefan Schatz (Berlin): Zwischen Sudetendeutschtum und Reichsidentität. Das deutschsprachige Schulwesen im Reichsgau Sudetenland 1938-1945

Caroline Arni (Basel) / Gerhard Kluchert (Berlin): Kritischer Tagungsrückblick

Zitation
Tagungsbericht: 5. Zürcher Werkstatt Historische Bildungsforschung, 20.04.2017 – 21.04.2017 Zürich, in: H-Soz-Kult, 09.05.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7163>.