Jahrestagung 2004 des ungarischen Vereins für Sozialgeschichte (István-Hajnal-Kreis) in Pápa

Ort
Pápa, Ungarn
Veranstalter
Ungarischer Verein für Sozialgeschichte (István-Hajnal-Kreis); Sammlungen der Reformierten Kirche, Pápa
Datum
27.08.2004 - 28.08.2004
Von
Juliane Brandt, HU Berlin / Univ. Miskolc; Jószef Hudi, ref. Archiv Pápa

Gekürzte Fassung. Zu den genaueren Thesen der einzelnen Referate vgl. die Langfassung:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=716

Zum Thema "Konsumgeschichte" fand am 27. und 28. August 2004 die Jahrestagung des István-Hajnal-Kreises statt. In diesem Jahr wurde die Tagung von den "Sammlungen der Reformierten Kirche" in Pápa ausgerichtet. Anliegen der Tagung war es, konzentriert auf das 19. und 20. Jahrhundert der Sozialgeschichte des Konsums in Ungarn auf drei Bedeutungsebenen nachzugehen: Zum einen Entwicklungen und Phänomenen von Konsum im allgemeinen Sinn von Ernährung und Verbrauch im Kontext der individuellen Reproduktion, zum zweiten den Aspekten marktvermittelten Konsumierens generell und zum dritten der Entwicklung des Massenkonsums, wie sie nach dem II. Weltkrieg in Europa einsetzte und in Ungarn unter den Bedingungen des Staatssozialismus eine besondere Färbung erhielt, nachzugehen. Angestrebt war keine zeitliche Gliederung der Sozialgeschichte des Konsums in Ungarn, sondern ein Ausleuchten der Gegenstände und Proportionen dieses Konsums, von Mangel und Überfluß, von sozialen Schichten und spezifischen Formen des Konsums, seiner symbolischen Bedeutung, seiner Rolle in der Konstituierung von Gruppen und Identitäten.

Ein solches Vorgehen lag nicht zuletzt aufgrund des Forschungsstandes nahe. Die internationale Forschung der letzten Jahrzehnte hat am Beispiel besonders westeuropäischer Länder viele interessante Einsichten geliefert, Thesen formuliert und Fragen aufgeworfen. Ein Beispiel ist der von Hannes Siegrist u.a. herausgegebene Sammelband von 1997. Hinsichtlich Ungarns sind damit viele offene Fragen bezeichnet, auch wenn Wirtschaftsgeschichte, Volkskunde und Soziologie, sowie in gewissem Umfang die Ideengeschichte, einige partielle Ergebnisse geliefert haben. Der mainstream der Wirtschaftgeschichte war - zumal unter marxistischen Fragestellungen - lange auf die Produktion und nicht den Konsum orientiert. Mit Blick auf Probleme der Einkommensverteilung freilich konnte auch letzterer Aufmerksamkeit finden. Volkskundliche und anthropologische Forschungen liegen vor allem zum Bereich von Ernährung, Kleidung, Wohnen im ländlichen Bereich sowie zu deren symbolischen Projektionen vor. Die Bürgertumsforschung der vergangenen Jahrzehnte hat diesen Ergebnissen Einblicke in die städtische Welt der Bürger und Kleinbürger zur Seite gestellt. Die Forschung zur Frühen Neuzeit hat Konsum im Kontext der Lebensweise einzelner Schichten sowie deren Reflexionen darüber schon seit Jahrzehnten betrachtet. Dies spiegelt sich auch in den einschlägigen ungarischsprachigen Publikationen wieder: neben einigen wichtigen Werken wie denen von Braudel und Montanari, die übersetzt vorliegen, lassen sich mehrere volkskundliche Studienbände und Handbücher zu Ernährung, Kleidung und Wohnen und ihren symbolischen Dimensionen bis hinein in die Konstruktion einer nationalen Kultur anführen. Die Zeitschrift "Replika" hat 1996 einen thematischen Band zum Thema Konsum herausgegeben, "Korall" im Jahre 2002. Eine Textsammlung zur Kultur des Konsums ist in Vorbereitung (Viola Zentai). Eine systematisierende Darstellung, oder der Versuch einer prägnanten Synthese der zeitlichen Gliederung der Entwicklung des Konsums in Ungarns stehen jedoch noch aus, und wer den Forschungsstand auf dem Gebiet der Sozialgeschichte kennt, weiß, daß die Anwendung von Thesen von McKendrick, Brewer und Plumb u.a. mit Blick auf Ungarn noch erhebliche weitere Vorarbeiten erfordert. Vor diesem Hintergrund also waren vorrangig Problemfelder und Arbeitsgebiete skizziert, die auf der Tagung weiter untersucht werden sollten.

Anders als in früheren Jahren (vgl. Bericht zu HIK 2003) gab es diesmal keine einleitende theoretische Sektion. Man mag dies für bedauerlich halten, weil damit die Gelegenheit verschenkt wurde, die im call for papers aufgeführten Gesichtspunkte und Leitfragen nochmals zu problematisieren. Andererseits war das Programm auch ohne eine solche Sektion gut gefüllt. Die Panels demonstrierten die große Breite von Quellentypen, die für eine solche Fragestellung genutzt werden können, und das weite Spektrum der Bereiche, die für konsumgeschichtliche Fragen offenstehen.

Die Vorträge der ersten, in Plenum durchgeführten Sektion gruppierten sich um das Thema "Das Ethos des maßvollen Haushalts und die Akumulation" (1, Leitung Vera Bácskai, Budapest) und widmeten sich Fallbeispielen vom späten 18. bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Parallel fanden Sektionen statt über "´Klassen´ und ´Geschlechter´ in der (gegenständlichen) Welt des Konsums" (2, Leitung József Hudi, ref. Archiv Pápa), mit dem Schwerpunkt auf dem 16.-18. Jahrhundert, ergänzt durch Ausblicke in das frühe 19. Jahrhundert mit "Einkommen - Kosten - Konsumtion. Die Muster des Lebensmittelkonsums" (3, Leitung Gábor Gyáni, Geschichtsinstitut der Akademie, Budapest). Am Samstag folgten ein Panel über "Handel - Reklame - soziokulturelle ´Therapie´" (4, Leitung Julia Brandt, HU Berlin / Univ. Miskolc), konzentriert auf die Ära des Dualismus und die Zwischenkriegszeit, sowie ein weiteres, das die Entwicklung "Von der Mangelwirtschaft bis zur beschleunigten Konsumstruktur´" (5, Leitung Árpád Tyekvicska, Komitatsarchiv Nógrád) zum Gegenstand hatte.

In der ersten Sektion [1] sprach JUDITH SZATMÁRI (Ráday-Archiv Budapest) über "die Haushaltsführung des Pester reformierten Pfarrers Gábor Báthori 1796-1839". ERSZÉBET MOLNÁR BÁNKI (Museum Kiskunfélegyháza) referierte über die "Mentalität der Bauernbürger im Konsumverhalten der Redemptionisten des jazygisch-kumanischen Distrikts 1780-1830". Die Grundlage ihrer Analyse bildete die Untersuchung der Wirtschaftsweise und Lebensführung von vier Generationen einer Familie aus Großkumanien, die durch weitere Stichproben aus dem kleinkumanischen und jazygischen Gebiet ergänzt wurde. Diese bereits vorliegene detaillierte Studie wurde im Referat besonders auf spezifische Konsumformen und auf Proportionen zwischen Ausgaben für Prestigekonsum und Haushaltseinkommen, zwischen Landakkumulation und Prestigekonsum hin ausgewertet. Gleich zwei Vorträge des Panels beschäftigten sich mit der Lebensführung ungarischer Dichter und zeigten, wie deren Nachlässe über die gemeinhin daran bearbeiteten literaturgeschichtlichen Fragen hinaus auch als sozialgeschichtliche Quellen genutzt werden können. ORSOLYA VÖLGYESIs (Literaturinstitut der Akademie, Budapest) Interesse galt dem "wirtschaftenden Dichter" Sándor Kisfaludy, TAMÁS DOBSZAY (Neue Geschichte, ELTE Budapest) widmete sich Ferenc Kazincy und dessen Leben in Széphalom. CSABA CSÓTI (Archiv des Komitats Somogy, Kaposvár) erörterte anschließend "Die Tradition der ´Nüchternheit´. Akkumulation und Konsumkultur in einer Unternehmerfamilie in der Provinz in den 1920er-1940er Jahren". Er führte vor, wie ein Somogyer Unternehmer aus den Überresten eines Handwerksbetriebes eine Reihe erfolgreicher, außerordentlich diversifizierter Unternehmen (vom Holzhandel über die Zwirnfabrik bis zum Handel mit Kirchenbedarfsartikeln) aufbaute, und zugleich ein an den Möglichkeiten gemessen äußerst niedriges familiäres Konsumniveau beibehielt.

Die zweite Sektion begann mit einem Vortrag von IRÉN BILKEI (Komitatsarchiv Zala, Zalaegerszeg) über "Prunk in der Kleidung der Frauen des mittleren Adels im 16. Jahrhundert". ANNAMÁRIA JENEY-TÓTH (Komiatasarchiv Hajdú-Bihar, Debrecen) rekonstruierte in ihrem Beitrag zu "Konsumgewohnheiten im Alltag der Klausenburger Bürger in der frühen Neuzeit" die Spanne der Artikel, die marktvermittelt konsumiert wurden, sowie die technischen Umstände, unter denen diese bezogen wurden. Die folgenden vier Referate untersuchten Aspekte der höfischen Kultur im königlichen Ungarn und Siebenbürgen der frühen Neuzeit. BORBÁLA BENDA (ELTE Budapest) analysierte "Konsumgewohnheiten an den Aristokratenhöfen des 17. Jahrhunderts in Ungarn" mit Blick auf deren soziale Differenzierung. JUDIT BALOGH (Univ. Miskolc) verfolgte in ihrem Vortrag über die "Welt der Gegenstände an den siebenbürgischen Aristokratenhöfen des 17. Jahrhunderts" die Herausbildung der barocken aristokratischen Lebensweise, in der charakteristischen Phasenverschiebung, die im Vergleich zwischen Ungarn und Siebenbürgen in Architektur und Wohnkultur zu beobachten ist. JÓZSEF DUSNOKI-DRASKOVICH (Ref. Univ. S. Károlyi, Budapest) gab in seinem Beitrag über "Aristokratische Lebensweise und repräsentativen Konsum in Gyula und Nagykároly in der Mitte des 18. Jahrhunderts" hauptsächlich einen Einblick in den Alltag der Familie Baron Harruckern, den er anhand der Erinnerungen eines Franziskanermönchs sowie von Aufzeichnungen der Familie beleuchten konnte. Gestützt auf seine gemeinsam mit SÁNDOR KOVÁCS durchgeführten Forschungen stellte ZSIGMOND CSOMA den Wandel der Gartenkultur der Familie Festetics in deren Privatpark sowie in der von der Familie unterhaltenen Landwirtschaftshochschule, dem Georgikon, im 18. und 19. Jh. vor. JÓSZEF HUDI (Ref. Archiv Pápa) untersuchte in seinem Beitrag zum Pápaer Casino im Vormärz das Funktionieren des Adelskasinos, seine Dienstleistungen und deren Nutzer im Kontext der Gesellschaft des Marktfleckens. Unter der Überschrift "Schichten des Gebrauchs von Gegenständen des täglichen Lebens und ihre Bedeutung in einem Markflecken zu Beginn des 19. Jahrhunderts" stellte PÉTER GRANASZTÓI (Volkskunde-Museum, Budapest) Einsichten aus der datenbankgestützten Auswertung von 200 Nachlaßverzeichnissen aus dem Marktflecken Kiskunhalas 1760-1850 vor. Die Verzeichnisse belegen die Differenzierung des Inventars nach sozialer Schichtung sowie daran geknüpfte unterschiedliche Wege seiner Beschaffung. Geplant ist die Erweiterung der Untersuchung durch die Rekonstruktion individueller Lebenswege und der aus ihnen resultierenden Motive für den Wandel der Lebensweise.

Die dritte Sektion begann mit einem hervorragend fundierten Vortrag, der freilich eher die ökonomischen Grundlagen des Problems "Konsum" als diesen selbst berührte. Basierend auf mehrjährigen datenbankgestützten Auswertungen von Statistiken zur Landwirtschaft der gesamten dualistischen Periode sprach MARIANN NAGY (Inst. für moderne Geschichte, Univ. Pécs) über "Regionale Unterschiede in den Einkommensverhältnissen der ungarischen Landwirtschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts". Anschließend betrachtete KÁROLY HALMOS (Sozialgeschichte, ELTE Budapest) die Auswanderung von Ungarn in die Vereinigten Staaten an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert unter dem Aspekt der motivierenden Wirkung von frei verfügbarem Einkommen und Konsum. ERNO CSEKO (Stadtarchiv Sopron) problematisierte in seinem Vortrag über den "ungünstige[n] Einfluß der Milchgenossenschaften auf den Milchverbrauch der Bauernkinder" zu Beginn des 20. Jahrhunderts den methodischen Ansatz einer zeitgenössischen soziolgischen Studie László Leopolds, die eben diese Wirkung zu beobachten meinte. ANDRÁS VÁRI (Universalgeschichte, Universität Miskolc) setzte in seinem Vortrag "Bier! Wein! Schnaps!" anhand der "Stereotypen in bezug auf Alkohol in Mitteleuropa an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert" die Reihe seiner anregenden Analysen zu soziokulturellen Stereotypen in der Region fort. GYÖRGY KÖVÉR (Sozialgeschichte, ELTE Budapest) nahm die aufgrund der breiten Zeugenbefragungen in dem Ritualmordprozeß von Tiszaeszlár vorliegende dichte Beschreibung zu jenem "besonderer[en] Tag - Tiszaeszlár am 1. April 1882" zum Ausgangspunkt, um (nach seiner bereits publizierten soziologischen Untersuchung der Teilnehmer des Prozesses) auf der Tagung die besondere Rolle von Konsumvorgängen in den Geschehnissen an jenem Sabbattag in der Pesachzeit zu analysieren. - ZSIGMOND CSOMA (Landwirtschaftsmuseum Budapest) ging in seinem Beitrag über die "Tendenz der Veränderung des Weinkonsums in Budapest an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert" vor allem auf den Wandel ein, den die seit den 1890er Jahren in Ungarn massiv auftretende Reblauspest im ungarischen Weinbau generell, wie insbesondere im Umland Budapests, auslöste. TÜNDE CSÁSZTVAY (Literaturinstitut der Akademie, Budapest) stellte unter der Überschrift "Zylinder und weinseliger Katzenjammer" abschließend den Niederschlag vor, den der Konsum von Alkohol bei Dichtern und Erzählern der Jahrhundetwende gefunden hat.

Die ersten drei Vorträge der vierten Sektion waren allesamt der Entwicklung, dem Gebrauch bzw. der Wahrnehmung von Reklame gewidmet. GYULA SZAKÁL (Universität Gyor) stellte den "Verkauf von Träumen und einer neuen Lebensweise" anhand von Gyorer Tageszeitungen 1890-1914 vor. Seine Ausführungen dokumentierten vor allem den wachsenden Umfang, mit dem Werbung in das Leben der Stadt und deren Zeitung lesenden Einwohnern trat, sowie das Spektrum der Strategien, mit denen Konsumbereitschaft geweckt werden sollte. BOLDIZSÁR VÖRÖS (Geschichtsinstitut der Akademie, Budapest) ging in seiner Untersuchung von "Geschäftsanzeigen in der Presse der ungarischen Sozialdemokratie, 1870-1890" zum einen auf die beworbenen Artikel bzw. Konsumgelegenheiten - von der "Arbeiteruhr" über Mittel zur Gesundheitspflege bis zur als Streiklokal angebotenen Kneipe - und die Strategien von deren Präsentation bei den "Genossen" und "Arbeitern" ein. Zum anderen analysierte er die Debatte über die Zulässigkeit von Werbung, die in dieser Presse geführt wurde. DÁNIEL SZABÓ (Geschichtsinstitut der Akademie, Budapest) prüfte in seinem Beitrag zu "Rekláme und Krieg" für den ungarischen Fall die in der Literatur vertretende These, wonach der Erste Weltkrieg einen besonderen Typus von "Kriegswerbung" hervorgebracht und zur Dominanz geführt, sowie Patriotismus zu einem Verkaufsargument gemacht hätte. Derartige Argumentations- und Wirkungsstrategien waren durchaus zu beobachten, doch wurde die "Kriegsannonce" damit nicht zum bestimmenden Typus. Ebenso blieb die Kriegsbegeisterung in den Reklamen eher die Ausnahme und als Argument auf die ersten Monate des Weltkriegs beschränkt. ZSOMBOR BÓDY (Sozialgeschichte, Universität Miskolc) beschäftigte sich mit "organisierte[m] Konsum - Konsumgenossenschaften der Mittelklasse und der Arbeiter in Budapest in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts". Die Vorstellung der Entwicklung dieser Organisationen füllt eine Forschungslücke, da sich die bisherigen Aufarbeitungen von Genossenschaften in Ungarn auf den Typus der Vertriebsgenossenschaften bzw. der Genossenschaften im agrarischen Raum, vorrangig auf die den Agrariern nahestehende "Hangya" [Ameise] beschränkten. PÉTER HÁMORI (Sozialpolitik, Pázmány-Universität Piliscsaba) stellte anhand der geschlossenen Armenpflege, der Betreuung von arbeitsunfähigen Bedürftigen in Betreuungeinrichtungen, "Versuche zur Kontrolle und zur Veränderung des Konsumverhaltens von Armen und Bedürftigen in der ungarischen Sozialpolitik 1890-1945" vor.

Die fünfte Sektion widmete sich nach einem Rückblick vor allem den Jahren des Sozialismus in Ungarn. PÉTER APOR (CEU Budapest) stellte eine 1920 erschienene Schrift des marxistischen Ökonomen Jeno Varga vor, in der dieser Vorschläge zur Beseitigung der Ungleichheit in der kapitalistischen Wirtschaft unterbreitete. CSABA HÉJJ (Hauptstädt. Archiv, Budapest) diskutierte die sozialgeschichtliche Auswertbarkeit von Ergebnissen zweier statistischer Erhebungen aus den Jahren der Weltwirtschaftskrise und der sozialistischen Wende. TIBOR VALUCH (Soziologie, ELTE Budapest) arbeitete in seinem materialreichen und höchst instruktiven Beitrag zum Wandel der Ernährungsgewohnheiten in Ungarn nach 1945 vier Entwicklungsphasen - bis ca. 1950, bis Ende der 1960er Jahre, die siebziger Jahre, sowie die Phase seit den 1980er Jahren - heraus, deren Spezifik auf unterschiedlichen Feldern des Konsums er beschrieb. MIHÁLY SZÉCSÉNYIs (Haupstädt. Archiv, Budapest) Fallstudie ging auf den Weg der Beseitigung des Lebensmittelmangels der endvierziger und fünfziger Jahre ein. ORSOLYA KARLAKI (Anthropologie, Univ. Miskolc) stellte in ihrem Referat über "Märchenautos. Das Volksmobil der siebziger Jahre" Ergebnisse einer Untersuchung aus Miskolc in den 1970er Jahren vor. KATA JÁVOR (Volkskunde-Inst. der Akademie, Budapest) untersuchte abschließend "Veränderungen im Äußeren der Jugendlichen von Varsány", einem Dorf im Komitat Nógrád, von 1971 bis 2004. Wirtschaftliche Veränderungen - die Gründung der LPG (1960) und die Arbeitsaufnahme der Männer in der Bauwirtschaft - , aber seit den achtziger Jahren auch der Anschluß an internationale Jugendmoden veränderten das Gesamtbild (Ablegen der Tracht) und formten auch das Verhältnis zum Körper (alles verdeckende alte Frauentracht - enge, bauchfreie Kleidung der Mädchen heute) wie die Maßstäbe für die Geschlechtercharaktere (Arbeitsleistung, oder aber gute Kleidung als Ausweis von Männlichkeit).

Blickt man auf die Gesamtheit der bearbeiteten Themen und die Akzentsetzungen der Vorträge, so ist zu konstatieren, daß viele Beiträge auf die Diskussion über Konsum bzw. auf diskursive Reflexionen bestimmter Formen von Konsumaktivitäten eingingen. Andere Referate behandelten die Voraussetzungen von Konsum im Sinne der Haushalts- wie der politischen Ökonomie, oder der versuchten Einflußnahme auf Konsumverhalten. Untersuchungen von Konsummustern im langfristigen Verlauf sowie des tatsächlichen Konsumverhaltens einzelner Schichten oder Gruppen erhielten dagegen weitaus weniger Gewicht. (Dies gilt besonders für die Sektionen 3 und 4.) Das reflektiert Voraussetzungen, die mit dem Forschungsstand zum Problem "Konsumgeschichte" in Ungarn gegeben sind, wie auch methodische, besonders arbeitstechnische Probleme: Die sich erst seit den 80er Jahren als eigene Disziplin etablierende und erst nach 1989 institutionalisierte ungarische Sozialgeschichte hat von Beginn an kulturgeschichtliche und anthropologische Fragestellungen rezipiert. Viele "klassische", gegebenenfalls kliometrisch bearbeitbare Fragestellungen sind damit aber nach wie vor unaufgearbeitet geblieben. Wo wiederum Quellen vorliegen, die auch quantitativ analysiert werden können, lassen sich in absehbarer Zeit erste Ergebnisse vielfach auch in der Untersuchung diskursiver Aspekte gewinnen. Dies ermöglicht - und ermöglichte auch auf der Tagung - äußerst interessante Diskussionen, setzt der Reichweite der möglichen Interpretationen jedoch zugleich gewisse Grenzen. Vielfach erschien eben diese genauere Untersuchung der als kulturelle Praxis reflektierten Konsummuster und -aktivitäten als weitere Perspektive der Forschung, auf die die Referenten verwiesen oder deren Fehlen die Diskussion konstatierte.

Wie immer wird - mit dem Reihentitel "Ständische Gesellschaft - bürgerliche Gesellschaft" ["Rendi társadalom - polgári társadalom"] in der Herausgeberschaft der veranstaltenden Institution ein Tagungsband erscheinen und die zu Aufsätzen erweiterten Vorträge dokumentieren.

[1] zu den genaueren Thesen der Referate vgl. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=716

Zitation
Tagungsbericht: Jahrestagung 2004 des ungarischen Vereins für Sozialgeschichte (István-Hajnal-Kreis) in Pápa, 27.08.2004 – 28.08.2004 Pápa, Ungarn, in: H-Soz-Kult, 04.03.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-719>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.03.2005
Beiträger
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung