Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus

Ort
Salzburg
Veranstalter
Haus der Stadtgeschichte, Stadtarchiv Salzburg; Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg
Datum
10.05.2017 - 12.05.2017
Von
Barbara Huber, Österreichische Mediathek Wien, Universität Salzburg

Bereits seit 2009 läuft das Projekt „Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus“, durchgeführt vom Haus der Stadtgeschichte (Stadtarchiv Salzburg) in Kooperation mit dem Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg. Nach zahlreichen, regelmäßigen öffentlichen Vorträgen und derzeit sieben thematisch gewichteten Projektpublikationen, fand nun eine vergleichend ausgerichtete Fachtagung statt. Unter dem Titel „Stadt im Nationalsozialismus“ wurden vom 10. bis 12. Mai 2017 Ergebnisse des Projekts in Zusammenschau mit Forschungen aus österreichischen und deutschen Städten und Regionen diskutiert. Die Panels waren so konzipiert, dass jeweils ein Vertreter, eine Vertreterin des Salzburg-Projekts die Ergebnisse zusammenfassend präsentierte und Desiderata aufzeigte. Die Einheiten wurden durch einen Vortrag mit der Perspektive von außen ergänzt und mittels verbindendem Kommentar vervollständigt.

BERNHARD GOTTO (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin) plädierte im Eröffnungsvortrag dafür, die Stadt als Ganzes in den Blick zu nehmen und sich von der Betrachtung geschlossener Blöcke (Wirtschaft, Wehrmacht, Partei usw.) zu lösen. So sehr der Nationalsozialismus „die Stadt“ hasste, so sehr brauchte er sie für seinen Aufstieg. Stadt wurde zum Ort von Gewalt, Terror, überwältigender Inszenierung; ihre Atmosphäre wurde verändert, auf urbane Strukturen radikal zugegriffen. Gotto führte bereits am ersten Abend das Ideologem „Volksgemeinschaft“ ein, das sich in unterschiedlichem Verständnis neben Begriffen wie Selbstermächtigung, Netzwerke oder Revolution durch die gesamte Tagung zog.

Die „Volksgemeinschaft“, von ERNST HANISCH (Universität Salzburg) verstanden als utopischer Begriff, sei Versprechung für die Zukunft und gleichzeitig Mittel der Durchsetzungspolitik gewesen. Erst in der sozialen Praxis habe sich eine Reaktion erzeugt, offiziell manifestiert im Konstrukt gefühlter Gleichheit. Die Metapher „Zwitter“ dürfte die Einstellung derjenigen, die weder Nationalsozialisten, noch im Widerstand waren, entsprochen haben.

ERNST LANGTHALER (Universität Linz) steckte in einem Trias-Modell nationalsozialistischer Herrschaft den Rahmen ab, in dem alle Tagungsbeiträge in zeitlicher, räumlicher sowie gesellschaftlicher Differenzierung verortet werden konnten. Neben den Faktoren repressiver und charismatischer Herrschaft wirkte als dritter Eckpunkt die kompensatorische Herrschaft, verankert in der „Volksgemeinschaft“. Diverse Ansätze, bezogen auf die Aktionen von „oben“, die Reaktionen sowie Aktionen von „unten“ würden bei der Annäherung an die Antwort, warum der Nationalsozialismus auf so viel Hinnehmen und Mitmachen stieß, helfen. Langthaler stellte die Grundfragen in den Denk-Raum, wie die realen Mischformen von repressiver, charismatischer und kompensatorischer Herrschaft fassbar seien; wie es möglich wäre vielschichtig präziser zu differenzieren; und wie Spuren in der postnazistischen Gesellschaft verfolgt und sichtbar gemacht werden könnten.

HELGA EMBACHER (Universität Salzburg) verwies für den Bereich der Machtstrukturen in Salzburg besonders auf offene Forschungen über Betriebsstilllegungen, zu Verflechtungen von Wehrmacht und Wirtschaft, zur SS auf biographischer Ebene oder zur Entnazifizierung der Polizei. DIETER POHL (Universität Klagenfurt) erinnerte an das Fehlen einer großen Gesamtdarstellung der NSDAP. Er unterstrich vor allem in der Auseinandersetzung mit Herrschaftsstruktur die Notwendigkeit, Verflechtungen und Netzwerke in den Blick zu nehmen. Herrschender Konsens in diesen Gefügen sei ebenso zu beachten wie Konflikte.

NS-Herrschaft in ihrer gesellschaftlichen Dimension zu betrachten, das Miteinander von oben und unten zu denken, war für GERALD LAMPRECHT (Universität Graz) wesentlich. Es stelle sich immer noch die Frage nach der Wirkmächtigkeit des NS-Systems, denn bisherige Erklärungsansätze von der Bindekraft Hitlers oder der Willenlosigkeit der Bevölkerung würden zu kurz greifen. Stadtspezifisch interessierte Lamprecht das Verhältnis zwischen Eliten im Gau und Eliten der Gauhauptstädte – die tatsächliche Beziehung beider Machtsphären.

Elitentausch und das Element des „Wichtig-Seins“ konstatierte SABINE PITSCHEIDER (Wissenschaftsbüro Innsbruck) als stabilisierende Machtfaktoren in Innsbruck. Sie verbildlichte in ihrem Vortrag Sein und Schein des NS-Regimes in der Gauhauptstadt.

Die vielfache Nutzbarmachung von Beinamen einer Stadt veranschaulichte ANDREAS HEUSLER (Stadtarchiv München) am herausragenden Beispiel Münchens als „Hauptstadt der Bewegung“. Die Vergabe eines signifikanten Labels war herrschaftspolitisches Kalkül, womit nicht zuletzt ein Bedeutungsverlust im traditionellen bayrischen „Herrschaftsverständnis“ kompensiert worden sei. Die Unmittelbarkeit Münchens zu Hitler habe eine direkte Einmischung in die Stadt bedeutet, sodass die Kommunalpolitik enorm eingeschränkt gewesen sei. Es habe an einer führenden, arbeitenden Stadtspitze, an einem Gremium mit wirklicher politischer Agenda gefehlt. Gearbeitet sei in der zweiten Reihe und die Stadt vom „Parteibonzen“ Christian Weber regiert worden. Für die städtische Verwaltung konstatierte THOMAS WEIDENHOLZER (Stadtarchiv Salzburg) das Ineinanderwirken von Normen und Maßnahmen. Auf die „Entalltäglichung“ bürokratischer Herrschaft sei eine „Veralltäglichung“ rassistischer NS-Herrschaft gefolgt, was sich in Salzburg auf kommunaler Ebene beispielsweise besonders im Bereich des Fürsorgewesens gezeigt habe. Nicht nur Weidenholzer ortete im Bereich der Gesundheitspolitik ein weitgehendes Desiderat der Forschung. Die „Hauptstadt der Bewegung“, die „Führerstadt Linz“ und Salzburg als Kulturstadt bilanzierte schließlich WALTER SCHUSTER (Stadtarchiv Linz) in Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Er konstatierte München und Linz, zum Teil auch Salzburg in der Kommunalverwaltung ein weitgehend schwaches politisches Personal.

Strukturelle Mischformen bestanden in der Zeit des Nationalsozialismus bekanntlich auch auf kultureller Ebene und den hier geschaffenen Identitäten. ANDREAS SCHMOLLER (Universität Salzburg) erinnerte an die Vielschichtigkeit politischer und politisierter Kultur in Salzburg, an den Umgang mit kulturellen Formen und Praktiken im Allgemeinen. In Kontinuität und Adaption habe das NS-System neue Sinnhorizonte basierend auf ideologischen Masternarrativen geschaffen. Die angestrebte Aufwertung des traditionell Regionalen sei in Salzburg verhältnismäßig einfach gewesen, da bereits vorher jede Moderne fehlte. Eine künstlerische Avantgarde fehlte auch in Linz, was die nationalsozialistische Vereinnahmung ebenso erleichterte. BIRGIT KIRCHMAYR (Universität Linz) konzentrierte sich auf den Status von Linz als „Führerstadt“ und dem darin mitangelegten Versuch, eine kulturelle Identität zu schaffen. Ähnlich wie München, war Linz ein stark persönlich geprägtes und gesteuertes Projekt Hitlers. So sei in der Stadtplanung beispielsweise mit dem Kulturzentrum nahe des Volksgartens – wo heute das neue Musiktheater steht – eine außergewöhnlich massive Umgestaltung geplant gewesen, die allerdings nicht verwirklicht wurde. Städtische Kultureinrichtungen sahen sich im Aufschwung und hätten sich bemüht den Status als „Führerstadt“ zu vermarkten. Bruckner, Stifter und Stelzhamer wurden als „Genies“ nationalsozialistisch in Szene gesetzt, ein Reichs-Bruckner-Orchester wurde gegründet et cetera. Dennoch, betonte Kirchmayr, hätte die NS-Zeit für Linz keinerlei kulturelle Aufwertung bedeutet. Darauf, dass die kulturellen Transformationen in den Gauen unterschiedlich und in verschiedenen Phasen verliefen, wies OLIVER RATHKOLB (Universität Wien) hin, wie an diversen Beispielen aus Linz und Salzburg gezeigt hätte werden können. Er strich noch einmal die Wichtigkeit der Tatsache hervor, dass der Nationalsozialismus auf gefilterte Konstruktionen der Volkskultur zurückgreifen konnte.

In zwei Panels lag der Schwerpunkt auf dem Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945. NADJA DANGLMAIER (Universität Klagenfurt) veranschaulichte unter anderem anhand der Verfolgung der Kärntner Slowenen und Sloweninnen die Besonderheiten der Erinnerungslandschaft Kärntens. So wichtig in der Geschichte des Bundeslandes die Deportation der „Ausgesiedelten“ ist, so wenig präsent sei sie im öffentlichen Gedächtnis. Das Schicksal der „Ausgesiedelten“ habe nicht zum propagierten NS-Bild des Aggressors aus dem Süden gepasst, daher hätte sich Schweigen festgesetzt. Danglmaier beleuchtete die entstehende Asymmetrie zwischen Opfern und Wahrnehmung, die nicht zuletzt dazu führte, dass die Befreiung vom Nazismus in Kärnten eine Doppelbödigkeit erhielt. Dass sich der Umgang mit belastenden Orten im zeitlichen Abstand auch ändern kann, machte die Vortragende am Beispiel des KZ-Außenlagers Klagenfurt-Lendorf deutlich. GERT KERSCHBAUMER (Salzburg) erinnerte an die Probleme bei der Anerkennung von NS-Opfern nach 1945 und daran, dass Opfer Namen haben, die genannt werden sollen. Nicht nur bei der Verfolgung, sondern auch im Widerstand habe man während der NS-Herrschaft auf bereits bestehende „Vorarbeiten“ und Strukturen zurückgegriffen, betonte GERHARD BAUMGARTNER (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes Wien) zusammenfassend.

Der Bedeutung kollektiver Mentalitäten ging ALEXANDER PINWINKLER (Universität Salzburg) nach. Er plädierte dafür, vermehrt die Zirkulation von Ideologemen, Austausch und Rezeption von Nachkriegsdiskursen in den Fokus zu nehmen. Möglicherweise ließe sich der dominierende Eindruck eines „beredten Schweigens“ und gepflogener Leerstellen diskursanalytisch auf Ebene des semantischen Sprachumbaus festmachen.

Wie, woran erinnert und mit dem „NS-Erbe“ umgegangen wird, zeigte ANDREAS EICHMÜLLER (NS-Dokumentationszentrum München) am Städtebeispiel München. Besonders der Widerstand, mit der Weißen Rose als Kern, stand zunächst im Zentrum des Erinnerns. Widerstand sei quasi als „Entschuldung“ für die Stadtgesellschaft als Gegenentwurf zum Nationalsozialismus gezeichnet worden. Wie in vielen Städten war die Erinnerungspolitik in München stark von der US-Militärregierung geprägt und mehrere Jahrzehnte habe ein „diskretes Gedenken“ dominiert. Als „Täterort“ habe sich München dem Erbe erst spät, in den 1990er-Jahren gestellt, resümierte Eichmüller. Im Umgang mit dem Nationalsozialismus gehe es nicht nur um „Beschweigen“, sondern auch um die Diskursivität des Prozesses an sich, wie MARGIT REITER (Universität Wien) zusammenschauend festhielt. So tendierte man in Deutschland zur Internalisierung, in Österreich zur Externalisierung auf sozialer und individueller Ebene. Da Vergessen und Verdrängen aktive Prozesse sind, regte Reiter die Verwendung des Bergriffs der Absperrung an. Besonders ein Element, das von der Forschung bisher gerne vernachlässigt wurde, sei die Tatsache, dass im privaten wie im öffentlichen Bereich einerseits materielle Erinnerung, andererseits positive Erinnerung an den Nationalsozialismus weggesperrt wurde. Reiter stellte abschließend eine Grundfrage: Welche Alternative hätte es im Umgang mit dem Nationalsozialismus, zu dem wie er war, gegeben?

Die Tagung zeigte einmal mehr, dass in der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime nach wie vor verschiedene, zum Teil spezifische Forschungsdesiderata bestehen. So nicht nur stark im Bereich des (regionalen) Gesundheitswesens, sondern beispielsweise auch beim Thema Denunziation, in der Auseinandersetzung mit dem Aspekt gezielter Terrorausübung um Gewalt in den Griff zu bekommen oder zur Anpassungsleistung der Menschen. Für Österreich fehlt es an breit angelegten Studien ähnlich dem Salzburger Projekt, die einen Vergleich zwischen den Gauen ermöglichen. Sollte die „Ostmark“ in ihren herrschaftspolitischen, strukturellen und gesellschaftsspezifischen Facetten in ein Gesamtverhältnis zum „Altreich“ gesetzt werden – ein österreichisches Forschungsmanko übrigens –, muss komparativ gearbeitet werden. Damit in Verbindung steht die Auseinandersetzung mit systemtragenden Netzwerken und Beziehungsgefügen. Klar kristallisierte sich aus den Beiträgen heraus, dass eine Beschäftigung mit offiziellen und inoffiziellen Sozialgeflechten künftig forciert werden sollte.

Welche gewinnbringenden und vor allem praktikablen Wege dabei einzuschlagen sind, blieb allerdings weitgehend offen. Insgesamt entstand während der Tagung ein anregender Denk-Raum, in dem auch die Besonderheiten des Projekts „Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus“ deutlich wurden.

Konferenzübersicht:

Eröffnungsvortrag

Bernhard Gotto (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin): Von Handlungsstätten zu Erinnerungsorten? Städte als Akteure, Objekte und Überlebende der NS-Diktatur

Panel 1: Machtstrukturen

Helga Embacher (Universität Salzburg): Merkmale der Machtstrukturen der NS-Herrschaft in Salzburg
Dieter Pohl (Universität Klagenfurt): Machtstrukturen im NS-System – allgemein und kommunal
Gerald Lamprecht (Universität Graz): Kommentar

Panel 2: Kommunalpolitik

Thomas Weidenholzer (Stadtarchiv Salzburg): Die Salzburger Kommunalverwaltung. Eine „ganz normale“ Organisation?
Andreas Heusler (Stadtarchiv München): Kommunalpolitik in der „Hauptstadt der Bewegung“. München im nationalsozialistischen Städtewettbewerb
Walter Schuster (Stadtarchiv Linz): Kommentar

Panel 3: Bevölkerung

Ernst Hanisch (Universität Salzburg): …und die Bevölkerung? Einige Ergebnisse des Salzburg-Projektes
Sabine Pitscheider (Wissenschaftsbüro Innsbruck): Schein und Sein – NS-Propaganda und Alltag in Innsbruck
Ernst Langthaler (Universität Linz): Kommentar

Panel 4: Terror – Opfer – Widerstand

Gert Kerschbaumer (Salzburg): „Rassische“ und politische Verfolgung in Salzburg
Nadja Danglmaier (Universität Klagenfurt): NS-Terror, Verfolgung und Widerstand. Erinnerungskultur in Kärnten
Gerhard Baumgartner (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes Wien): Kommentar

Panel 5: Kunst und Kultur

Andreas Schmoller (Universität Salzburg): Das Gegen- und Miteinander von Salzburgs kulturellen Identitäten
Birgit Kirchmayr (Universität Linz): Aus dem Schatten von Wien und Salzburg – die vermeintliche kulturelle Stärkung der „Führerstadt Linz“ im Nationalsozialismus
Oliver Rathkolb (Universität Wien): Kommentar

Panel 6: Das Problem Nationalsozialismus nach 1645

Alexander Pinwinkler (Universität Salzburg): Kontaminierte Vergangenheit. Gesellschaft, Politik und Kultur in Salzburg zwischen Schweigen und Erinnern
Andreas Eichmüller (NS-Dokumentationszentrum München): „Hauptstadt des Beschweigens?“ München und die Erinnerung an den Nationalsozialismus seit 1945
Margit Reiter (Universität Wien): Kommentar

Albert Lichtblau (Universität Salzburg): Schlusskommentar

Zitation
Tagungsbericht: Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus, 10.05.2017 – 12.05.2017 Salzburg, in: H-Soz-Kult, 15.06.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7205>.