Bando – ein außergewöhnliches Kriegsgefangenenlager? Das Langer Bandō und die deutsch-japanischen Beziehungen

Ort
Lüneburg
Veranstalter
Museum Lüneburg
Datum
02.06.2017
Von
Heike Düselder, Museum Lüneburg

Berühmt wurde es durch die Erstaufführung der 9. Symphonie von Beethoven in Japan: Das Kriegsgefangenenlager Bandō in Lüneburgs Partnerstadt Naruto. Am 1. Juni 1918 führte das Orchester im Lager unter der Leitung von Hermann Hansen mit achtzig Solisten die „Ode an die Freude“ auf. Dieses beeindruckende Ereignis ist bis heute nicht in Vergessenheit geraten, „die Neunte“ ist in Japan so etwas wie eine zweite Nationalhymne .

Das Museum Lüneburg zeigt aktuell in der Sonderausstellung „Begegnungen hinter Stacheldraht“ die Geschichte dieses außergewöhnlichen Kriegsgefangenenlagers. Die rund 1000 Kriegsgefangenen kamen aus der deutschen Kolonie Tsingtau in China, die mit der Kriegserklärung Japans an Deutschland im August 1914 in die Ereignisse des Ersten Weltkrieges einbezogen und in japanischen Kriegsgefangenenlagern interniert wurde. Das Lager Bandō war ab 1917 eines davon. Hier entwickelte sich unter der liberalen und humanitären Leitung des Lagerkommandanten Matsue ein beeindruckend vielfältiges kulturelles und gewerbliches Leben. Mit Theatergruppen, einem Orchester, Handwerksbetrieben vom Uhrmacher bis zum Fotografen, einer Lagerdruckerei, Konditorei und Molkerei avancierte Bandō zum Musterlager unter den Kriegsgefangenenlagern.

In Japan ist das Lager Bandō unmittelbar mit Beethovens „Neunter“ verbunden, seine Geschichte ist weitgehend bekannt – ganz im Gegensatz zur deutschen Historiographie. In Deutschland haben die Historiker erst vor wenigen Jahren begonnen, sich dem Massenphänomen Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg zu widmen und nach der unterschiedlichen Behandlung und den unterschiedlichen Erfahrungen der Kriegsgefangengen in den einzelnen am Krieg beteiligten Ländern zu fragen. Abgesehen von einigen Spezialisten und Sammlern haben sich bislang nur wenige Historiker für das Lager Bandō interessiert.

Begleitend zur Ausstellung hatte das Museum Lüneburg Wissenschaftler zu einem Symposium eingeladen, um die Inhalte der Ausstellung in einen größeren Zusammenhang einzubetten. Wie kam es überhaupt dazu, dass deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg in ein Kriegsgefangenenlager in Japan gerieten? War das Lager Bandō ein Sonderfall? Welche Forschungen gibt es bereits zu Bandō und wie kommt man den Biografien von Kriegsgefangenen auf die Spur?

Den einleitenden Vortrag hielt der Historiker und ehemalige Gastprofessor für Japanologie an der Freien Universität Berlin GERHARD KREBS (Berlin). Er sprach über „Das Ende des ‚goldenen Zeitalters‘ in den deutsch-japanischen Beziehungen (1894-1914)“. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann Japan, sich gegenüber dem Westen zu öffnen. Mit der Meiji-Zeit setzte ab 1868 eine rapide Modernisierung des Landes nach westlichen Vorbildern ein. Japan entwickelte sich vom Feudalstaat zu einer modernen imperialen Großmacht. Diplomatische Missionen in europäische Länder führten zu wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kontakten. Für die Reform des Militärs in Japan war vor allem Preußen ein Vorbild. Die durch die Reformen gewonnene militärische Stärke Japans führte jedoch rasch zu Expansionsstreben im ostasiatischen Raum und damit zugleich zu einer potentiellen Konkurrenz für die imperialistische Politik des Westens.

Bis in die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts hatte man in Deutschland das aufstrebende Japan mit Interesse und Wohlwollen betrachtet. Wissenschaftler wurden nach Japan geschickt, um die japanische Architektur, Kultur und Traditionen zu studieren. Doch nicht einmal ein halbes Jahrhundert nach dem Abschluss des Freundschafts-, Schiffahrts- und Handelsvertrages zwischen Preußen und Japan vom 24. Januar 1861 gerieten die guten Beziehungen durch die imperialistische Politik der europäischen Großmächte in die Schieflage. Kaiser Wilhelm II. wollte seinen Einfluss in Ostasien mit territorialen Erwerbungen geltend machen. Daher sah er das Erstarken Japans mit Argwohn und wurde darin bestärkt durch die Berichte des Deutschen Gesandten in Peking, Max von Brandt.

Die guten Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Japan waren endgültig vorbei, als Japan im Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg 1895 das Chinesische Kaiserreich militärisch besiegte und die Liadong-Halbinsel in der südlichen Mandschurei annektierte. Gemeinsam mit Russland und Frankreich stellte sich das Deutsche Reich gegen Japan und übte Druck aus, so dass Japan schließlich einen Teil der Kriegsbeute zurückgeben und auf die Liadong-Halbinsel verzichten musste. Nur zwei Jahre später erzwang das Deutsche Reich von China die Abtretung der Hafenstadt Tsingtau. Aus Schulbüchern bekannt ist die Karikatur „En Chine“ vom Januar 1898 – die europäischen Großmächte fordern ein Stück vom „chinesischen Kuchen“. Von deutscher Seite kam gravierend hinzu, dass Kaiser Wilhelm II. mit Warnungen vor der „gelben Gefahr“ eine rassistische Kampagne auslöste, die in Japan als zutiefst verletzend empfunden wurde. Japan fühlte sich von seinen deutschen Lehrmeistern verraten. Um der Isolierung zu entgehen, schloss Japan 1902 ein Militärbündnis mit England. Damit war die Grundlage dafür geschaffen, dass Japan später an der Seite Englands in den Ersten Weltkrieg eintreten sollte.

Dem einleitenden Vortrag von Gerhard Krebs folgten die Ausführungen des Historikers ROLF-HARALD WIPPICH (Luzern). Er fragte nach der Internierung von Japanern in Deutschland 1914. Im Gegensatz zu der Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen und vor allem auch der deutschen Zivilisten in Japan waren die japanischen Zivilisten, die sich im Deutschen Reich aufhielten, Missachtung, Demütigungen und Drangsalierungen ausgesetzt, Deutschland fühlte sich durch seine „Schüler“ düpiert. Die Anzahl der Japaner im Deutschen Reich war nicht hoch, ihre Zahl lag unter 1000. Mit der Kriegserklärung Japans an das Deutsche Reich begann für sie die systematische Internierung. Es gab keine Trennung zwischen Militär- und Zivilpersonen, Männer, Frauen und Kinder, Alte und Kranke wurden zwangsinterniert. Die Japaner galten als sog. „Feindstaatenausländer“ und wurden im Vergleich etwa mit den englischen und französischen Zivilisten in Deutschland härter behandelt und bestraft als andere Gefangene. Dies sollte offensichtlich die „Retourkutsche“ für das Verhalten Japans nach einer langen Zeit freundschaftlicher Beziehungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sein. Zwar dauerte die Internierung der Japaner in Deutschland nicht sehr lange, schon im Herbst 1914 wurden sie über die neutrale Schweiz abgeschoben. Im Vergleich mit der Behandlung der deutschen Zivilisten und Kriegsgefangenen in Japan jedoch werden das Ausmaß und die Härte der Zwangsmaßnahmen, denen die japanischen Zivilisten in Deutschland ausgesetzt waren, besonders deutlich.

Eine Einführung in die Ausstellung „Begegnungen hinter Stacheldraht“ gab die Kuratorin der Ausstellung, JESSICA LEFFERS (Bremen). Sie hat im Auftrag der Agentur hgb in Hannover die Ausstellung konzipiert, die Recherchen angestellt, die Ausstellungstexte und einen Großteil des Katalogs geschrieben, der zweisprachig zur Ausstellung herausgegeben wurde. Jessica Leffers stellte das dreigliedrige Konzept vor, das zunächst die Vorgeschichte der deutsch-japanischen Beziehungen erläutert. Dazu sind in der Ausstellung einige bemerkenswerte Original-Objekte zu sehen, so der Freundschaftsvertrag zwischen Preußen und Japan von 1861, eine Leihgabe des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz in Berlin, oder ein Chinesischer Drache auf einem Steinkohlestück aus dem ersten deutschen Förderschacht in Shandong von 1902, eine Leihgabe der Huis Doorn in den Niederlanden, dem Exilort Kaiser Wilhelms II. Der zweite Teil der Ausstellung dokumentiert das Lagerleben in Bandō und die vielfältigen kulturellen und gewerblichen Aktivitäten der rund 1000 Gefangenen. Im Zentrum stehen Exponate aus dem Deutschen Haus in Naruto, das als Museum und Veranstaltungsort die Geschichte Bandōs und der deutsch-japanischen Beziehungen dokumentiert. Druckerzeugnisse aus der lagereigenen Druckerei wie Postkarten, Theaterprogramme und die Lagerzeitschrift „Die Baracke“ gehören dazu, aber auch eine Kiste mit Milchflaschen, die aus der Molkerei im Lager stammt, zahlreiche Fotos vom Lagerleben, und nicht zuletzt die Uniformmütze des Lagerkommandanten Matsue. Überhaupt spielen die Menschen, handelnde Personen, eine wichtige Rolle in der Ausstellung. Mehrere Protagonisten stehen mit ihren Biographien beispielhaft für die Verhältnisse im Lager Bandō. Zu ihnen gehört Hermann Heinrich Steffens. Am 14. September 1887 in Eggersmühlen im Kreis Soltau geboren, kam er im Herbst 1913 als Leiter der Deutschen Schule in Yokohama nach Japan und von dort als Reservist nach Tsingtau. Im Lager Bandō leitete er die „Theatervereinigung der 6. Kompanie“ und kämpfte mit seinem Engagement gegen den größten Feind im Lager, die Langeweile. Nach dem Krieg kehrte Hermann Heinrich Steffens nach Deutschland zurück und arbeitete lange Jahre als Rektor der Heiligengeistschule in Lüneburg. Am 16. Dezember 1957 starb er in Lüneburg.

Der dritte Teil der Ausstellung informiert über die Nachwirkungen Bandōs , von denen die 43-jährige Städtepartnerschaft zwischen Naruto und Lüneburg die wohl eindrucksvollste ist. Seit zehn Jahren besteht auch eine Partnerschaft zwischen dem Land Niedersachsen und der Präfektur Tokushima, sie gab den Anlass dafür, dass die Bandō-Ausstellung im Museum Lüneburg gezeigt wird und ebenso dafür, dass der Niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil mit einem Grußwort im Katalog vertreten ist.

Das Symposium wurde fortgesetzt mit dem Beitrag von HANS-JOACHIM SCHMIDT (Heusweiler), dem wohl profundesten Kenner der Geschichte des Lagers. Er ist Historiker und leidenschaftlicher Sammler, der durch einen Dachbodenfund vor vielen Jahren auf Dokumente zu Bandō stieß und seitdem akribisch Informationen über die ehemaligen Kriegsgefangengen sammelt. Seine Homepage „Die Verteidiger von Tsingtau und ihre Gefangenschaft in Japan (1914—1920) zeigt die beeindruckenden Ergebnisse eines umfangreichen historisch-biographischen Projektes, das Schmidt seit 2002 in Eigeninitiative und selbstfinanziert betreibt. Er verfügt über die wohl umfangreichste Personendatenbank zur Geschichte Tsingtaus und Bandos und erläuterte die aufwändige und mühsame Recherche. An vier Beispielen zeigte er die Ursachen und Gründe dafür auf, dass Deutsche vor Ersten Weltkrieg nach Tsingtau kamen. Zu ihnen gehörte Clemens Felchnerwoski, geboren 1892 in Lubichow in Polen. Er war Sportler und organisierte in Bandō den Lagerturnverein und zahlreiche Sportveranstaltungen.[1]

Der letzte Vortrag des Symposiums widmete sich der Frage, ob das Lager Bandō ein Sonderfall ist. FRANK KÄSER (Berlin) hat die Berichte ausgewertet, die durch Missionsreisen in die Kriegsgefangenenlager zustande kamen. 1916 entsandte die amerikanische Botschaft den Sekretär Sumner Welles zu einer Rundreise durch die japanischen Lager. Sein Bericht zeigt die sehr unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Lagern: Gab es in manchen Lagern viele Verbote, z.B. das Briefeschreiben oder die Ausübung eines Handwerks, so gab es andere Lager, in denen Handwerk erlaubt, aber Theatergruppen verboten waren oder eben das Lager Bandō, das sich durch eine überaus große Freizügigkeit gegenüber den Gefangenen auszeichnete. 1918 besuchte Dr. Fritz Paravicini im Auftrag des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz auf einer 16tägigen Reise die Kriegsgefangengenlager und lobte insbesondere die Verhältnisse in Bandō: „In diesem Lager herrscht eine sehr rege und vielseitige Tätigkeit. Fast alle Handwerke, bis zum Photographen und Uhrmacher, werden in den etwa vierzig dafür bestimmten Lauben ausgeübt, […] Ackerbau und Viehzucht werden hier in größerem Maßstabe betrieben. Eine Mustermelkerei mit modernsten Apparaten, für die ein Japaner 5000 Yen zur Verfügung gestellt, liefert mit ihren zehn Stück schönstem Fleckvieh einen Teil der Lagermilch und verkauft auch Produkte an die Stadt…“

Das Fazit des Symposiums: Bandō war ein außergewöhnliches Kriegsgefangenenlager. Durch die besondere Haltung des Kommandanten Matsue und die Zusammensetzung der Kriegsgefangenen, unter denen viele Ostasieninteressierte waren, die Kenntnisse der japanischen Kultur und Verständnis für die japanische Mentalität mitbrachten, kam es hier zu einem regen und wechselseitigen Austausch zwischen Japanern und Deutschen. Die „Begegnungen hinter Stacheldraht“ wirkten nachhaltig bis in die Gegenwart. Das Vorhaben, die Dokumente zu Bandō der Unesco zur Aufnahme in das Weltdokumentenerbe vorzuschlagen, zeugt von der Bedeutung, die der Geschichte und Wirkung dieses besonderen Kriegsgefangenenlagers inzwischen von beiden Ländern beigemessen wird.

Konferenzübersicht:

Gerhard Krebs (Berlin), Das Ende des „goldenen“ Zeitalters in den deutsch-japanischen Beziehungen (1894-1814)

Rolf-Harald Wippich (Luzern), Der deutsch-japanische Krieg 1914 und die Internierung von Japanern im Deutsche Reich

Jessica Leffers (Bremen), Begegnungen hinter Stacheldraht – Einführung in die Sonderausstellung

Hans-Joachim Schmidt (Heusweiler), Biographien aus Bandō – Probleme und Ergebisse von Rekontruktionsversuchen

Frank Käser (Berlin), Das Lager Bandō – ein Sonderfall?

Abschlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Ein Blick auf die Homepage von Hans-Joachim Schmidt lohnt sich: <http://www.tsingtau.info/> (19.06.2017).

Zitation
Tagungsbericht: Bando – ein außergewöhnliches Kriegsgefangenenlager? Das Langer Bandō und die deutsch-japanischen Beziehungen, 02.06.2017 Lüneburg, in: H-Soz-Kult, 19.06.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7211>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.06.2017
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