Ort
Berlin
Veranstalter
15. Blankensee-Colloquium; Hanna Engelmeier, Goethe-Universität Frankfurt am Main; Philipp Felsch, Humboldt-Universität zu Berlin
Datum
16.03.2017 - 18.03.2017
Von
Maren Haffke, Ruhr-Universität Bochum

Die von Hanna Engelmeier und Phillip Felsch organisierte Tagung Antiakademismus, die vom 16. bis zum 18.3.2017 in Berlin stattfand, widmete sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive der Kritik an der Universität. An drei Konferenztagen erarbeiteten 14 Beiträge Eckpunkte einer Geschichte der Institution anhand ihrer Negationen. Die Strategie, die Universität über ihre Abstoßungseffekte zu fokussieren erwies sich dabei als produktive Heuristik für epistemologische Ortsbestimmungen des Akademischen. Über den Verlauf der Tagung erschien im Negativbild der an sie adressierten Kritiken, Reformvorschläge und Polemiken eine Institution, deren lange Geschichte Zeichen stetiger Neuverhandlungen trägt, die je ihr Verhältnis zu Politik, Gesellschaft und Ökonomie bestimmen. Elite-Uni, Massenuni und Cold-War-Uni, Relikt und Progressionsversprechen, Anstalt und Unternehmen, Wartezimmer, Partnervermittlung, Disziplinarapparat, Bubble und Safe-Space – viel war über die Universität zu erfahren von denen, die sie verlassen mussten, denen, die nicht mitmachen durften und denen, die sich schlicht fragten, was – mit Verlaub – ihr Problem ist.

Eine Tradition innerakademischer Akademiekritik – die Problematisierung universitärer Betriebsabläufe, Forschung und Milieus durch Universitätsmitarbeiter und Studierende – wurde dabei nicht zuletzt als basales Entwicklungsprinzip der Universität als eine Organisation bestimmt, für die die kritische Befragung ihrer Grundannahmen und Strukturen ebenso konstitutiv wie überlebenswichtig ist. Als Effekte eines solchen gleichsam institutionsinhärenten Antiakademismus wurden antithetische Momente der Dynamisierung und Erneuerung ausgemacht, die Reformversuche, Paradigmenwechsel und den Entwurf von Gegenmodellen ermöglichten und zum Teil direkt anstießen. Von dieser produktiven inneruniversitären Selbstkritik als Funktion der Selbsterhaltung wurden Angriffe auf die Universität unterschieden, die ihre grundsätzliche Daseinsberechtigung in Frage stellen und bedrohen.

Dass der überwiegende Teil der Beiträge die tagespolitische Relevanz der zweiten Variante anerkannte, jedoch die erste thematisierte, erwies sich dabei nicht als Defizit. Denn die virulente Frage nach dem Status akademischer Institutionen in Zeiten von Donald Trumps US-amerikanischen Budget-Cuts und Recep Tayyip Erdogans Repressionen gegen türkische Universitätsangehörige macht gerade die Notwendigkeit einer Differenzierung und Historisierung ihres Gegenstandes deutlich. Was die Uni ist, was sie war und was sie sein soll – es ist nicht selbstverständlich. Keineswegs trivial ist auch, ob Kritik an der Universität sich als Antiinstitutionalismus formuliert, als Antirationalismus oder als Antiintellektualismus. Eine Diskussion über die gegenwärtige gesellschaftliche Rolle der Akademie, über ihre Handlungspotentiale und ihren Schutz profitiert von genauen Perspektiven auf ihre Geschichte. Die Konferenz erarbeitete hier wichtige Angriffspunkte und zeigte zugleich einige Desiderate auf.

Als mögliche Kriterien für eine Orientierung innerhalb der komplexen Gemengelage antiakademischer Konstellationen und Genealogien schlug HANNA ENGELMEIER (Frankfurt am Main) in ihrer Einführung die drei Motive epistemischer, politischer und ästhetischer Kritik vor – Fragen also (1.) der richtigen bzw. falschen Wissenschaft, Auseinandersetzungen, die (2.) den akademischen Habitus samt seinen Privilegien adressieren, und solche, die (3.) die Schönheit oder Hässlichkeit akademischer Text- und Kunstproduktion verhandeln. Als ein weiterer Schwerpunkt zeigten sich in den Diskussionen die spezifischen libidinösen Ökonomien des akademischen Betriebs.

Dass die Tagung nicht in einem Universitätsgebäude stattfand, sondern im Konferenzsaal 1 des Berliner Haus der Kulturen der Welt schien dabei selbst als materieller Kommentar auf die mögliche Ausweitung ästhetischer Institutionenkritik auf Architektur und Innenarchitektur anzuspielen. So erwies sich die Frage, ob die Universität tatsächlich – wie es die Düsseldorfer Band Antilopengang in ihrem Song „Fick die Uni“ behauptet – ein „hässliches Gebäude mit noch hässlicheren Räumen voll Studenten, die sich freu´n“ ist, selbst als politisch. Mehrfach im Verlauf der Tagung wurden Auflösungserscheinungen der Universität an ihrer Topographie als Ort identifiziert, dessen Autorität sich nicht mehr ohne weiteres über Präsenz- und Residenzpflicht sichern kann. Was ist die Uni, wenn keiner mehr hingeht? Was wird aus Universitätsstädten, in die keiner mehr zieht? In den spektakulären Räumlichkeiten des HKWs hatte man derweil stets klar vor Augen, dass diese Diskussion nicht nur nicht auf einem Campus geführt wurde, sondern an einem Ort mit einer ganz eigenen Institutionengeschichte und Programmatik.

So stellte Intendant BERND SCHERER (Berlin) sein Haus in seiner Begrüßungsrede auch emphatisch als antiakademische Gegeninstitution vor, deren aktuelle dritte Wirkungsphase gezielt Berührungspunkte zwischen Künsten und Naturwissenschaften aufsuche, um jenseits akademischer Grenzen angemessene Fragestellungen und Darstellungsformen für die globalvernetzte Gegenwart zu finden. Scherers Verweis auf Versuche, einen naturwissenschaftlich informierten Begriff der Forschung für künstlerische Verfahren produktiv zu machen, führte zum interessanten und im Verlauf der Tagung noch keineswegs erschöpften Punkt der aktuellen Aushandlungen zwischen geisteswissenschaftlicher Theoriebildung, Naturwissenschaften und dem, was man lange mit leichter Herablassung als ‚Kunsthochschulphilosophie‘ bezeichnet hat. Die Frage, inwieweit Antiakademismen bestimmte Fachkulturen adressieren, abwerten oder privilegieren, wie genau etwa Bezüge auf die Methoden und Begriffe der Naturwissenschaften in der Selbst- und Fremdkritik der Geisteswissenschaften mobilisiert werden, ergab sich in der praktisch ausschließlich mit Geisteswissenschaftlern besetzten Runde immer wieder. Sie scheint virulent für weitere Untersuchungen.

Die Vorträge verteilten sich auf die vier Panels (1) Sezessionen, (2) Figuren, (3) Gattungen und (4) Institutionen. Das Sezessionen-Panel eröffnete PATRICK EIDEN-OFFE (Berlin) mit einem Vortrag über die Berliner Junghegelianer, die er als antiakademische Avantgarde vorstellte, deren jenseits universitärer Anstellungen verfolgte Publikationskarrieren den historischen Beginn einer Theoriegeschichte als Bewegung markierten. In den Schriften der Intellektuellengruppe um Bruno und Edgar Bauer, Max Stirner und Arnold Ruge erkannte Eiden-Offe eine versäumte Lektüre der 68er auf ihrer Suche nach dem Proletariat als revolutionäres Subjekt. STEFAN HÖHNE (Berlin) widmete sich in seinem Vortrag dem bewaffneten Kampf um und gegen die Universität im Rahmen von Studierendenprotesten und nannte exemplarisch die in den 1970er-Jahren unter anderem für diverse Mordanschläge auf Professoren verantwortliche radikale Akademikerguerilla der italienischen Roten Brigade, sowie die militanten Feministinnen der deutschen Roten Zora. HÖHNE beschrieb den offenen Bruch mit dem Gesetz und die Legitimierung von Gewalt gegen den Staat durch die protestierenden Studierenden als Teil einer in den 1970er-Jahren erfolgenden Radikalisierung gegenüber dem military-industrial-complex, zu dem auch die ‚weißen Fabriken‘ der fordistischen Universitäten gezählt wurden und identifizierte für den Studentenprotest eine entscheidende Zäsur im Fall der Mauer. DIEDRICH DIEDERICHSEN (Wien) fragte in seinem Vortrag nach dem erotischen Gebrauchswert des institutionell geteilten Wissens in den Beziehungen von Lehrenden und Lernenden. Mit Verweis auf das literarisch und filmisch oft aufgerufene Motiv der Lebensunfähigkeit und libidinösen Blutleere von Wissenschaftlern (Diederichsen nannte exemplarisch Willem F. Hermans Roman Unter Professoren) kontrastierte er die Rede von der Erloschenheit des toten Wissens mit den Gegenbildern seiner Animation im Liebemachen – vom Abtöten der externalisierten Körperlichkeit in der Trope des ermordeten Hippie-Mädchens auf dem Krimi-Campus bis hin zur Identifizierung von Sex und Übersetzung bei Hubert Fichte.

Im Figuren-Panel gab MARIAN FÜSSEL (Göttingen) einen historischen Überblick über negative Gelehrtenbilder und verfolgte den schlechten Ruf von Akademikern bis ins Mittelalter. Füssel identifizierte in seiner Rundschau drei große Genres der Schmähung von Universitätsangehörigen: Kritik an den akademischen Ritualen der Zertifizierung und Legitimierung von Wissen, die etwa die Käuflichkeit von Graden beanstandete; Vorwürfe der Weltfremdheit und Nutzlosigkeit akademischer Tätigkeit; sowie Vorbehalte gegen Studierende und ihre Frivolität und Sittenlosigkeit. Erst ab dem 19. Jahrhundert sieht Füssel Kritik auch an einem Zuviel an Disziplin aufkommen und macht eine Zäsur um 1800 aus, in deren Folge Gelehrte zu Staatsdienern werden. Für Irritationen sorgte der Vortrag von JÜRGEN KAUBE (Frankfurt am Main), der die These aufstellte, man könne Studenten schon deshalb nicht als Studierende bezeichnen, weil diese in Wahrheit noch nie studiert hätten. Mit provokanter Lakonie zeichnete Kaube ein Bild von Universitäten als Orte vor allem des Wartens: Junge Menschen würden dort in fremdfinanzierter Freiheit älter, bis dann irgendwann die Karriere einsetze. Der wahre und aus Kaubes Sicht problematische Antiakademismus sei, dass sie der Universität sonst im Grunde indifferent gegenüberstünden, was wiederum für eine Organisation dieser Größe höchst untypisch sei: wo kenne man es sonst, dass der Großteil der Mitglieder einer Institution sich im Dauerprotest befinde? Kaube identifizierte darin einen Konflikt von Selbstbild und Wirklichkeit.

Am zweiten Konferenztag nahm THOMAS ETZEMÜLLER (Oldenburg) die Aushandlungsprozesse universitärer Zugehörigkeit und Ausstoßung anhand von drei Grenzfiguren des akademischen Betriebs in den Blick: „Arme Irre“, Friedrich Kittler und die Professorengattin. Erstere richteten als Querulanten mit akademischen Aspirationen lange Briefe mit ausführlichen Darlegungen ihrer privaten Studien an Professoren, um Einlass in die Institution zu erbitten, würden aber grundsätzlich ignoriert. Anhand der Gutachten von Kittlers Habilitationsverfahren zeichnete Etzemüller in einem zweiten Schritt die erfolgreiche Neuverhandlung und Verlegung akademischer Binnengrenzen in Folge einer wissenschaftlichen Provokation nach. Die Professorengattin, deren Mitarbeit an der Konstruktion der männlichen Wissenschaftspersönlichkeit konstitutiv zu übersehen sei, bestimmte er schließlich als Markierung der akademischen Außengrenze durch Verniemandung.

EVA GEULEN (Berlin) nutzte den Auftakt des Gattungen-Panels für einen Appell gegen den Antiakademismus als Kategorie und Forschungsgegenstand. So seien viele der beschriebenen Phänomene der Abstoßung und Selbstkritik schlicht das Funktionsprinzip einer akademischen Kultur, deren Freiheit im Privileg der Zweckfreiheit unter staatlicher Bewirtschaftung bestehe. Eine Gefahr für die Autonomie der Universität identifizierte Geulen in den unabsehbaren Folgen der Ökonomisierung und Digitalisierung akademischer Abläufe. Mit einer Politisierung sei der Akademie gleichwohl nicht gedient. Als unabhängige Institution habe sie das Recht eine Blase zu sein, die es nicht nur gegenüber wirtschaftlichen und technischen Begehren zu verteidigen gelte, sondern auch gegenüber dem Transparenzverständnis, das in studentischen Initiativen für political correctness wie Münkler-Watch zum Ausdruck komme. JULIKA GRIEM (Frankfurt am Main) stellte anhand von vier Romanen Motive des Lebens und Leidens an der Institution in jüngeren Campusnovels vor: John Williams Stoner (1965, mit großem Erfolg wieder aufgelegt 2012), Peter Sloterdijks Das Schelling Projekt (2016), Jonas Lüschers Kraft (2017) und Tom McCarthys Satin Island (2015). Griem fokussierte in allen Büchern eine Semantisierung der Verräumlichung, die Prozesse der Institutionalisierung und Deinstitutionalisierung in topographische Bilder von Universitäten als Gerichtsgebäude, Inseln und Türme einlese. Ihre Romanauswahl kennzeichnete sie als formale Entscheidung für „Männerromane“ und verwies auf eine notwendige Parallelisierung mit weiblichen Perspektiven, für die sich Chris Kraus´ I love Dick anbiete. FRANCOIS CUSSET (Paris) widmete sich in seinem Vortrag der autonomen zapatistischen Universität in Chiapas, Mexiko und sah darin eine konkrete Gegeninstitution zum humboldtschen Modell, der er utopisches Potential zuerkannte. So unterhalte die aus 200 Studenten und 30 Lehrern zusammengesetzte selbstorganisierte Universität erfolgreich alternative Strategien der höheren Bildung entlang eines kollektiv erstellten Lehrplans, der von der Kolonialgeschichte über emotionale Mathematik bis hin zum Biohacking reiche.

Eine alternative Institution stellte auch ROSA EIDELPES (Wien / Berlin) vor und eröffnete damit das Institutionen-Panel: ihr Vortrag widmete sich dem 1937 von George Bataille, Michel Leiris und Roger Caillois gegründeten Collège de Sociologie. Parallel zur universitären Institutionalisierung der Ethnologie verfolgten die Wissenschaftler und Künstler im Collège das surrealistisch informierte Programm einer Sakralsoziologie als ethnographisches Verfahren mimetischer Ansteckung. Indem sie der rationalen Objektivierung des Fremden die Gegenstrategie einer rituellen Immersion und Identifikation gegenüberstellten, positionierten die Protagonisten des Collèges ihr Projekt als Psychoanalyse des akademisch Unbewussten. Eidelpes identifizierte in diesen Strategien ein antithetisches Moment, das in der akademischen Konsolidierung der Ethnologie als Leitdisziplin der 1930er Jahre produktiv geworden sei.

In seinem Keynote-Vortrag identifizierte GEOFFROY DE LAGASNERIE (Paris) die Frage nach der Universität als Frage der Ethik. Wolle die Universität ein Ort der Wahrheit sein – und das sollte sie, so De Lagasnerie – müsse sie sich jenseits der Fetischisierung ihrer Verfahren für eine Pluralität der Formen öffnen. Er verwies beispielhaft auf die französischen Poststrukturalisten, deren Projekte sich nicht zuletzt auch als disziplinäre vorgestellt hätten (Archäologie bei Foucault, Grammatologie bei Derrida) und bestimmte einen kritischen Antiakademismus als möglichen Weg, die Universität in produktiver Weise zu deinstitutionalisieren. Dies müsse einhergehen mit dem Abschied von der Vorstellung, die Akademie sei jemals frei gewesen – Ausschluss und Zensur bestimmter Diskurse seien ihr konstitutiv.

Am letzten Konferenztag ging DAVID KALDEWEY (Bonn) aus soziologischer Perspektive aktuellen identitätspolitischen Diskursen an US-amerikanischen Universitäten nach. Den für diese Tendenzen oft in Stellung gebrachten Sammelbegriff der ‚Political Correctness‘ identifizierte er als Fremdzuschreibung und markierte ein Empirieproblem in bisherigen Analysen der PC-Protestbewegungen angesichts mangelnder Studien und Literatur. So sei Insbesondere unklar, inwiefern die Argumentationen und Begriffe identitätspolitischer Interventionen – Kaldewey nannte exemplarisch die Konzepte ‚Safe Space‘, ‚Trigger Warnings‘, ‚Cultural Appropriation‘ und ‚Microaggression‘ - konkrete Bezüge zu den Cultural Studies und zu poststrukturalistisch informierten Theorien aufwiesen. Während ein solcher Theoriebezug in vielen kritischen Auseinandersetzungen vorausgesetzt werde, was Ausweitungstendenzen hin zu einer Kritik auch der geisteswissenschaftlichen Theoriebildung selbst zeige, verfolgte Kaldewey die Begriffe historisch in Diskurse der Erziehungs- und Lebenswissenschaften. REMBERT HÜSER (Frankfurt am Main) lenkte in seinem Vortrag den Blick auf die stadt- und universitätspolitischen Auswirkungen der akademischen DiMiDo-Pendelkultur. Dem Typus des emphatischen Berlin-Pendlers unserer Tage als „Nomade im Speck“ des ICE-Bordbistros stellte Hüser historische Vorläufer wie den „Lufthansa-Prof.“ und den „Spagat-Professor“ der Wende-Zeit an die Seite und identifizierte das Hauptstadt-Pendeln der Gegenwart als Nachwirkung einer Cold-War-Kulturstandortpolitik, die Berlin als „Ziergarten der Bohème“ gepflegt und ausgestellt habe. Angesichts kommender städtepolitischer Herausforderungen sei diese Praxis, die den Universitätsstädten wichtige Potentiale vor Ort entziehe, zu überdenken. Beunruhigendes berichtete KADER KONUK (Duisburg-Essen) über die jüngsten Angriffe der türkischen Regierung auf die Universität und ihre Mitarbeiter, die Konuk als staatlich verordnete Gleichschaltung der Wissenschaft beschrieb. Durch Verhaftungen, Kündigungen, Berufs- und Ausreiseverbote im Anschluss an den gescheiterten Militärputsch 2016 solle unter anderem Kritik an der Behandlung ethnischer Minderheiten unterdrückt werden. Konuk identifizierte die aktuellen Repressionen als historische Gegenbewegung zur Gründung und Entwicklung der türkischen Universität als Institution einer säkularen intellektuellen Elite in den 1930er-Jahren. Während unter anderem mit Hilfe geflüchteter Gelehrter aus Deutschland akademische Institutionen mit humanistischem Bildungsideal aufgebaut wurden seien islamische Schulen geschlossen worden. In deren Neugründung in den 1990er-Jahren formuliere sich auch der Wunsch nach einer islamischen Bildung und Ausbildung in Abgrenzung zum säkularen Universitätsprojekt.

Was die Universität war, ist und werden kann lohnt sich weiter zu diskutieren. Die Antiakademismus-Tagung hat dafür mögliche Begriffe und Epistemologien vorgeschlagen und erste argumentative Grundlagen gelegt. Damit sie kein Abgesang gewesen sein wird gilt es auch, diese Diskussionen innerhalb der Akademie fortzuführen. In den schönen Räumen des HKW über die Uni zu sprechen war als produktive Distanzierungsgeste gleichwohl ein guter Anfang. So zeigte sich die Entscheidung der Organisatoren für den Tagungsort als Teil einer Reihe von materiellen Interventionen gegen die Gestaltungsstrategien akademischer Konferenzformate – von der Anordnung der Sprechenden bis zur hochwertigen Verpflegung reichend –, die den Sound der Tagung mitzuprägen schienen. Die konzentrierten und sachlichen Diskussionen waren immer wieder von selbstreferenziellen Momenten des Spiels gekennzeichnet. Die Akademiker, so scheint es, haben sich gefreut.

Konferenzübersicht:

HANNA ENGELMEIER und PHILIPP FELSCH: Einführung

1. Panel: Sezessionen

PATRICK EIDEN-OFFE: Drop-outs der preußischen Bildungsexpansion: die Berliner Junghegelianer und ihre rheinischen Nachfolger

STEPHAN HÖHNE: Universitätsguerilla und bewaffnete Bildungsreform. Militanter Antiakademismus in Europa und den USA 1977-1989

DIEDRICH DIEDERICHSEN: Hilfe, mein Lover ist Ethnologe!

2. Panel: Figuren

MARIAN FÜSSEL: Schulfüchse, Streithähne und gelehrte Affen. Der Habitus des Professors und die Formierung eines antiakademischen Diskurses seit der Frühen Neuzeit

JÜRGEN KAUBE: Zu welchem Ende studiert man nicht?

THOMAS ETZEMÜLLER: Grenzgestalten: „Arme Irre“, Friedrich Kittler und die Pseudo-Wissenschaft. Antiakademismus qua Zuschreibung

3. Panel: Gattungen

EVA GEULEN: August Wilhem Schlegel: Antiakademismus in der Akademie

JULIKA GRIEM: Insel der Seligen, eisernes Gehäuse: Soziale Topographien in zeitgenössischen Universitätsromanen

FRANCOIS CUSSET: From Davos to San Cristobal: the dialectics of autonomy

4. Panel: Institutionen

ROSA EIDELPES: ‚Psychoanalyse‘ der Wissenschaft, Austreibung des Wissenschaftlichen Geistes und mimetische Ethnologie: Der Antiakademismus des Collège de Sociologie

GEOFFROY DE LAGASNERIE (Keynote): The University and its Critics: Academic Norms, Dissension and the Production of Knowledge

DAVID KALDEWEY: Die Universität als „Safe Space”. Neue studentische Bewegungen als Verwirklichung und Ende von Theorie

REMBERT HÜSER: Dreitagebart

KADER KONUK: Akademische Freiheit als Bedrohung: Exil in und aus der Türkei

Zitation
Tagungsbericht: Antiakademismus, 16.03.2017 – 18.03.2017 Berlin, in: H-Soz-Kult, 27.06.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7216>.