Sicherheit und Humanität in Russland und Deutschland in den Jahren des Ersten Weltkrieges

Ort
Moskau
Veranstalter
Arnd Bauerkämper, Freie Universität Berlin; Natalia Rostislavleva, Russische Staatliche Geisteswissenschaftliche Universität, Moskau
Datum
23.03.2017 - 24.03.2017
Von
Arnd Bauerkämper, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin; Natalia Rostislavleva, Russische Staatliche Geisteswissenschaftliche Universität, Moskau

In der fast hundertjährigen Forschungsgeschichte des Ersten Weltkrieges ist der Umgang mit den Angehörigen der feindlichen Staaten und die Bestimmung der Balance zwischen Humanität und Sicherheit auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen in der Kriegszeit vernachlässigt worden. Diesem Themenfeld widmete sich die internationale Konferenz „Sicherheit und Humanität in Russland und Deutschland in den Jahren des Ersten Weltkrieges“, die am 23. und 24. März 2017 an der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften (RGGU) in Moskau stattfand. Veranstalter der Tagung waren das Russisch-Deutsche Lehr- und Wissenschaftszentrum der RGGU, das Deutsche Historische Institut Moskau und die Freie Universität Berlin, mit Unterstützung der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in der Russischen Föderation.

Die Konferenz eröffnete der Rektor der RGGU, EVGENY IVACHNENKO. Er betonte, dass das 20. Jahrhundert mit einer Tragödie – mit dem deutsch-russischen Krieg – begann. Auch wies er darauf hin, dass man dieses unmöglich ohne Forschungen zum Ersten Weltkrieg verstehen könne. Heute zeige diese Katastrophe, wie die zwischenstaatlichen Beziehungen nicht konstruiert werden dürften. Abschließend hob Ivakhnenko die erfolgreiche Zusammenarbeit der RGGU mit mehreren Forschungsinstitutionen Deutschlands hervor, besonders der Freien Universität Berlin.

Der ständige Vertreter des Botschafters der Bundesrepublik in Russland, der bevollmächtigte Minister ANDREAS MEIZNER wies darauf hin, dass unter den aktuellen turbulenten Bedingungen in den Beziehungen zwischen Russland und Deutschland das gemeinsame Studium des Ersten Weltkrieges eine besondere Bedeutung gewinne und ein Feld für den Ausbau der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern sei. Meizner hob auch darauf hervor, dass in Deutschland eine derzeit stark betriebene Forschungsrichtung in der Geschichtswissenschaft die Kultur der Erinnerung sei. Man solle dabei die Stimmen von allen hören, und Russinnen und Russen seien dabei äußerst wichtig, egal wie schmerzhaft die Erinnerungen an diese tragischen Ereignisse seien. Meizner betonte, dass das Russisch-Deutsche Lehr- und Wissenschaftszentrum der RGGU, die Freie Universität Berlin und das Deutsche Historische Institut Moskau durch die Vorbereitung und Durchführung der Konferenz zur Untersuchung dieses Problems ihren Beitrag leisten.

Der Direktor des Deutschen Instituts in Moskau, NIKOLAUS KATZER, wies auf das präzedenzlose Ausmaß entgrenzter Gewalt und Prinzipienlosigkeit hin, das der Erste Weltkrieg herbeiführte. Mehr noch, sie wurden in der Kriegszeit zur Normalität. In diesem Zusammenhang betonte Katzer, dass es wichtig sei, die Historiker auf die Kategorie der Humanität aufmerksam zu machen, die im Kontext des Ersten Weltkrieges bislang kaum untersucht worden sei. Nach Ansicht Katzers sollen solche moralischen Prinzipien wie Ehrlichkeit und Gerechtigkeit in der Regulierung internationaler Beziehungen die wichtigste Rolle spielen und zum Gegenstand der historischen Forschung werden.

Am ersten Tag der Konferenz trugen im Rahmen des Panels „Emotionen und Feindbilder“ SVEN OLIVER MÜLLER (Universität Tübingen), ARND BAUERKÄMPER, LUKAS KELLER (beide Freie Universität Berlin) und IGOR BOGOMOLOV (Institut für wissenschaftliche Information in den Gesellschaftswissenschaften in der Russischen Akademie der Wissenschaften, RAW) vor. In dem Vortrag von Müller „Eine Gewaltgemeinschaft? Perspektiven einer Emotionsgeschichte an der Heimatfront im Ersten Weltkrieg“ wurden Emotionen als Konstrukte bezeichnet, die aufgrund der zur Kriegszeit vorherrschenden Situation der „Spionagemanie“ Gewalt legitimierten. Lukas Keller hielt den Vortrag „Sicherheit und Freiheit: ,Feindliche Ausländer‘ und der Beginn des Ersten Weltkrieges in Deutschland“. Er stellte eine vor dem Krieg vorherrschende Atmosphäre von Angst, Verlusten und Intoleranz dar. Der Lage der russischen Untertanen in Deutschland und Österreich-Ungarn am Anfang des Ersten Weltkrieges war der Vortrag von Igor Bogomolov „Russische Untertanen in Deutschland und Österreich-Ungarn vor und am Anfang vom Ersten Weltkrieg in Deutschland“ gewidmet. Über den Aufbau des Feindbildes der Deutschen im Russischen Zarenreich als wichtigen Bestandteil der nationalen Sicherheitspolitik sprach Bauerkämper in seinem Vortrag „Zwischen ,nationaler Sicherheit‘ und Humanität. Feindbilder ,des Deutschen‘ im Russischen Zarenreich: Konzeptionelle Überlegungen“.

Der Leiter des Verbindungsbüros der Freien Universität Berlin in Moskau, TOBIAS STÜDEMANN, betonte die Bedeutung einer lebendigen Wissenschaftskommunikation unter den Bedingungen der allgemeinen Digitalisierung. Trotz unseres Lebenstempos dürfe man die Vergangenheit nicht vergessen.

Im Panel „Sicherheitspolitik und Militäroperationen“ wurden der Vortrag der Vizerektorin für Wissenschaft an der RGGU, OLGA PAVLENKO über „Deutschland in den russischen militärstrategischen Plänen am Vorabend des Ersten Weltkrieges“ und ALEXANDRA BACHTURINAs Beitrag „Der Kampf gegen Spionage im Gouvernement Suwalki in den Jahren des Ersten Weltkrieges“ diskutiert. Darüber hinaus enthielt die Sektion die Präsentation des korrespondierenden Mitgliedes der Russischen Akademie der Wissenschaften, Vasily Christoforov (RGGU), über „Die Konfrontation zwischen russischer und deutscher Aufklärung in den Jahren des Ersten Weltkries“ und den Vortrag von A.B. ASTASCHOV (RGGU) über „Russische Armee und deutsche Kolonisten in Polen im Jahr 1915: Eine Erfahrung in der Bevölkerungspolitik unter den Bedingungen des totalen Krieges“. Nicht zuletzt sprach IRINA SMETANINA (Tschuwaschische Staatliche Universität, Tscheboksary) über „Fragen der Sicherheit und Humanität in der Privatkorrespondenz russischer Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg“. Dazu wurde besonders die Interpretation der Begriffe „Frontier“, „Totalität“, „Exil“ und „Verbannung“ kontrovers diskutiert.

Den zweiten Tag der Konferenz eröffnete die Sektion „Gesellschaft und Intellektuelle“, in der NATALIA ROSTISLAVLEVA (RGGU), ILYA ZHENIN (RANHiGS), TRUDA MAURER (Universität Göttingen) und IRINA GORDEEVA (RGGU) ihre Vorträge hielten. Der Präsentation von Rostislavleva „Die Geschichtswissenschaft in Russland in den Jahren des Ersten Weltkrieges: Zwischen Sicherheit und Humanität“ eröffnete die Sitzung. Ilya Zhenin hielt den Vortrag „Thomas Mann und der Erste Weltkrieg: Bewältigung einer unpolitischen Humanität“. Truda Mauer berichtete in ihrem Vortrag über „,Cives academici‘ und ,Untertanen von feindlichen Ländern‘: Die Russen an deutschen Universitäten während des Ersten Weltkrieges“ über die Einstellung deutscher akademischer Gemeinschaften gegenüber russischen Studenten. Über die Tolstojaner-Bewegung, die zum Weltfrieden und Abbau von Grenzen aufrief, sprach IRINA GORDEJEWA in ihrem Vortrag „Anti-Grenzen-Ideen der ,Tolstoianer‘ in den Jahren des Ersten Weltkriegs“. Intensiv diskutiert wurden das Problem des semantischen Feldes von „Humanität“ und Besonderheiten der Erscheinungsformen der Sicherheit in der geistigen Sphäre.

Die Vorträge von GALINA SCHATOCHINA (Institut für Allgemeine Geschichte der RAW, Moskau) über „Die Verwirklichung der Grundsätze der Haager Konventionen in der Zeit des Ersten Weltkrieges“, OXANA NAGORNAYA (Süduralisches Institut für Management und Wirtschaft, Tscheljabinsk) über „Internationale Vermittlung und humanitäre Kontrolle? Internationale Inspektionen in den Kriegsgefangenenlagern an der Ostfront im Ersten Weltkrieg“ und von EVGENY SERGEEV (Institut für Allgemeine Geschichte der RAW) über „Humanitäre Aspekte der Entscheidungen der Pariser Friedenskonferenz“ thematisierten Fragen des Völkerrechts und humanitäre Prinzipien. Dazu wurden die Umsetzung des Haager Übereinkommens, die internationalen Inspektionen der Kriegsgefangenenlager und humanitäre Aspekte der Entscheidungen auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 dargestellt.

Der Moderator der Abschlussdiskussion, NIKOLAUS KATZER, betonte, dass die Humanität als universale Kategorie nur eine ideale Konstruktion sei, weil dieses Konzept nationale und regionale Ausprägungen aufweise und das Bedürfnis nach Sicherheit nicht nur ein staatliches, sondern auch ein kollektives und individuelles Problem sei. Ein breites Forschungsfeld ist auch die komplexe und gelegentlich widersprüchliche Praxis der Umsetzung humanitärer Ideen. Die Konferenzteilnehmer machten auf Unterschiede zwischen der Geschichte der Begriffe und deren Verwendung in Forschungen aufmerksam. Deshalb stellen sich Humanität und Sicherheit eher nicht als Begriffe, sondern als Konzepte dar. Auch Emotionsgeschichte als kulturelles Konstrukt in den Jahren des Ersten Weltkrieges, die Rolle der Akteure im humanitären Engagement sowie methodologische Probleme in den Forschungen zu den moralischen Prinzipien und zur Sicherheit wurden diskutiert. Außerdem behandelte die abschließende Debatte Fragen der kollektiven Psychologie sowie Besonderheiten der Wechselbeziehungen von Sicherheit und Humanität in den verschiedenen Segmenten der Gesellschaft und des Staates zur Zeit des Ersten Weltkrieges.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einleitung

Е. Н. Ивахненко, д. филос. н., проф., ректор РГГУ / Evgeny Ivakhnenko, (Rektor der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften (RGGU)),Рюдигер фон Фрич, Чрезвычайный и Полномочный Посол ФРГ в РФ / Rüdiger von Fritsch (Botschafter der BRD in der RF),
Д-р Н. Катцер, проф., директор Германского исторического института в Москве/
Nikolaus Katzer ( Direktor des Deutschen Historischen Instituts Moskau),
В. И. Заботкина, д. ф. н., проф., проректор РГГУ по международному сотрудничеству / Vera Zabotkina (Vizerektorin für internationale Zusammenarbeit der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften (RGGU)

Сессия I / Panel I:Эмоции и образы врага / Emotionen und Feindbilder
Moderation: Nikolaus Katzer

Sven Oliver Müller (Eberhard Karls Universität Tübingen): Eine Gewaltgemeinschaft? Perspektiven einer Emotionsgeschichte an der Heimatfront im Ersten Weltkrieg
Lukas Keller (Freie Universität Berlin): Feinddiskurse und Sozialdarwinismus. Bilder von den „Russen“

Arnd Bauerkämper (Freie Universität Berlin): Zwischen „Nationaler Sicherheit“ und Humanität. Feindbilder des „Deutschen“ im Russischen Zarenreich – Konzeptionelle Überlegungen
Igor Bogomolov (Institut für wissenschaftliche Information in den Gesellschaftswissenschaften RAW): Russische Untertanen in Deutschland und Österreich-Ungarn am Vorabend und am Beginn des Ersten Weltkrieges
Игорь Богомолов, к.и.н., Институт научной информации по общественным наукам (ИНИОН) РАН. Русские подданные в Германии и Австро-Венгрии накануне и в начале Первой мировой войны

Diskussion

Сессия II / Panel II: Политика безопасности и военные операции / Sicherheitspolitik und Militäroperationen
Moderation: Arnd Bauerkämper

Olga Pavlenko (Vizerektorin der RGGU): Deutschland in den russischen militär-strategischen Plänen am Vorabend des Ersten Weltkrieges
О.В. Павленко, к.и.н., проректор РГГУ. Германия в российских военно-стратегических планах накануне Первой мировой войны
Alexandra Bakhturina (RGGU): Der Kampf gegen Spionage im Gouvernement Suwalki in den Jahren des Ersten Weltkrieges
А. Бахтурина, д.и.н., проф., РГГУ. Борьба со шпионажем на территории Сувалкской губернии в годы Первой мировой войны
Vasilij Christoforov (korrespondierendes Mitglied der RAW RGGU): Die Konfrontation zwischen der russischen und deutschen Aufklärung in den Jahren des Ersten Weltkrieges
В. Христофоров, член-корр. РАН, д.и.н., проф., РГГУ. Противоборство российской и германской разведок в годы Первой мировой войны
Alexander Astaschov (RGGU): Russische Armee und deutsche Kolonisten in Polen im Jahr 1915: eine Erfahrung in Bevölkerungspolitik unter den Bedingungen des totalen Krieges
Асташов, к.и.н., доц., РГГУ. Русская армия и немецкие колонисты в Польше в 1915 г.: опыт политики населения в условиях тотальной войны
Irina Smetanina (Tschuwaschische Staatliche Universität): Fragen der Sicherheit und Humanität in der Privatkorrespondenz russischer Soldaten im Ersten Weltkrieg:
Сметанина, к.и.н., Чувашский государственный университет. Проблемы безопасности и гуманности в личной переписке русских солдат Первой мировой войны

Сессия III / Panel III: Общество и интеллектуалы / Gesellschaft und Intellektuelle
Moderation: Evgeny Sergeev
Natalia Rostislavleva (RGGU): Die Geschichtswissenschaft in Russland in den Jahren des Ersten Weltkriegs - zwischen Sicherheit und Humanität
Ростиславлева, д.и.н., проф., РГГУ. Историческое знание в России в годы Первой мировой войны: между безопасностью и гуманностью
Ilya Zhenin (RGGU): Thomas Mann und der Erste Weltkrieg: Bewältigung einer unpolitischen Humanität
Женин, к.и.н., доц. РГГУ. Томас Манн и Первая мировая война: преодоление аполитичной гуманности
Trude Maurer (Georg-August-Universität Göttingen): „Akademische Bürger“ und „feindliche Ausländer“: Rußländer an deutschen Universitäten im Ersten Weltkrieg
Труде Маурер, Гёттингенский университет имени Георга-Августа. «Академическое сообщество академические граждане?» и «враждебные иностранцы»: Россияне в университетах Германии в годы Первой мировой войны
Irina Gordeeva (RGGU): Anti-Grenzen-Ideen der „Tolstojaner“ in den Jahren des Ersten Weltkriegs
Ирина Гордеева, к.и.н., доц. РГГУ. Антиграничные идеи толстовцев в годы Первой мировой войны

Дискуссия / Diskussion

Сессия IV / Panel IV : Международное право и принципы гуманности /Völkerrecht und Prinzipien der Humanität
Moderation: Natalia Rostislavleva

Evgeny Sergeev (Institut für allgemeine Geschichte RAW): Humanitäre Aspekte der Entscheidungen der Pariser Friedenskonferenz
Евгений Сергеев, д.и.н., проф., Институт всеобщей истории РАН. Гуманитарные аспекты решений Парижской мирной конференции
Oxana Nagornaya (Süduralische Hochschule für Verwaltung und Wirtschaftswissenschaften (Tscheljabinsk)): Internationale Vermittlung und humanitäre Kontrolle? Internationale Inspektionen in den Kriegsgefangenenlagern an der Ostfront im Ersten Weltkrieg
О. С. Нагорная, д.и.н., Южно-уральский университет управления и экономики. Международное посредничество и гуманитарный контроль? Интернациональные инспекции в лагерях военнопленных Восточного фронта Первой мировой войны
Galina Shatokhina (Institut für allgemeine Geschichte RAW): Die Verwirklichung der Grundsätze der Haager Konvention in der Zeit des Ersten Weltkrieges (am Beispiel der neutralen Niederlande)
Шатохина, д.и.н., Институт всеобщей истории РАН. Реализация положений Гаагских конвенций в период Первой мировой войны (на примере нейтральных Нидерландов)

Zitation
Tagungsbericht: Sicherheit und Humanität in Russland und Deutschland in den Jahren des Ersten Weltkrieges, 23.03.2017 – 24.03.2017 Moskau, in: H-Soz-Kult, 27.07.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7247>.