Italien und das Meer. L’Italia e il mare. Raum – Reise – Migration

Ort
Kassel
Veranstalter
Italien-Netzwerk, Universität Kassel
Datum
20.06.2017
Von
Daniel Gneckow / Johannes Thüne, Fachbereich 05 Gesellschaftswissenschaften, Universität Kassel

Italien ist ohne das Meer nicht zu denken. Wasser umfasst, begrenzt und prägt das Land wie auch die Inseln Sizilien und Sardinien. In Geschichte und Gegenwart bildete Italien einen mit vielfältigen Bedeutungen und Erinnerungen aufgeladenen Raum im Mittelmeer. Politische, gesellschaftliche, ökonomische, soziale, sprachliche, literarische und künstlerische Implikationen formieren dieses Gefüge, in dem sich diverse Akteure bewegen und handeln: Reisende, Flaneure, Flüchtende. Um dies zu veranschaulichen, präsentierten italienische und deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen beim dritten Italientag der Universität Kassel fünf stimulierende Vorträge, die das mare nostrum aus der Sicht der Geschichts-, Sprach- und Literaturwissenschaft, Philosophie und Kunstwissenschaft beleuchteten.

Kurze Einführungen von Nikola Roßbach, Angela Schrott und Ingrid Baumgärtner eröffneten den Italientag, ehe FOLKER REICHERT (Stuttgart) die Routen spätmittelalterlicher Jerusalemreisender in den Blick nahm. Reichert verglich die Pilgerreisen mit heutigen Pauschalreisen; in standardisierter Form nahmen sie in Venedig, vereinzelt auch in Genua, ihren Anfang und führten die Pilger über die venezianischen Kolonien und das vom Johanniterorden beherrschte Rhodos ins Heilige Land und zur Grabeskirche. Anhand von drei Reiseberichten thematisierte Reichert die Stationen Venedig (Konrad Grünemberg), Kreta (Felix Fabri) und Zypern (Pfalzgraf Ottheinrich). Der Konstanzer Patrizier Konrad Grünemberg, der mit seiner Reisegruppe im April 1486 Venedig erreichte und dort die nächsten Wochen bis zur Abfahrt des Schiffs verbrachte beschrieb fasziniert Markuskirche und Dogenpalast, weitere Sehenswürdigkeiten und Schätze der wasserdurchfluteten Serenissima. Schwärmerisch lobte er die Schönheit der Venezianerinnen, die mit der mythischen Helena jenseits des Meeres konkurrieren könnten. Dabei inszenierte sich der gut situierte Patrizier, so Reichert, als kunstsinnig und weltlichen Belangen zugeneigt. Gleich zweimal besuchte der Ulmer Dominikanermönch Felix Fabri Jerusalem. Aus seinen Berichten erfahren wir etwa, dass der Vertragsabschluss mit dem venezianischen Schiffsreeder nicht selten Anlass zum Streit bot und überhaupt Konflikte um die Überfahrt immer wieder an der Tagesordnung waren: In Kreta drängten die Reisenden auf ein schnelles Weiterkommen, während die Schiffsbesatzung einen längeren Aufenthalt im Hafen anstrebte, um profitablen Zusatzgeschäften nachgehen zu können. Abenteuerlich gestaltete sich die Erkundung der Mittelmeerinsel Zypern für den Pfalzgrafen Ottheinrich, der 1521 mit 19 Jahren als letzter Reichsfürst zum Heiligen Grab reiste und wegen der Unbeliebtheit der venezianischen Kolonialmacht Beschwerliches erlebte. Wenngleich vielfach erprobt, war die Passage ins Heilige Land keineswegs ein reines Vergnügen, denn sie bot zahlreiche Gefahren für Leib und Leben. Die mangelhafte Versorgung und die schlechten Bedingungen an Bord erwiesen sich als strapaziös, wobei das zumeist als feindlich wahrgenommene Meer, so Reichert, negativ konnotiert war.

Die Opposition Süditaliens gegen die italienische Einigung fokussierte THOMAS BREMER (Halle-Wittenberg) am Beispiel der Autobiografie Carmine Croccos. Nachdem Freiwilligenverbände unter der Führung Giuseppe Garibaldis im Mai 1860 Sizilien und Neapel erobert hatten, war Italien nach der Flucht der Bourbonen mit Ausnahme des Kirchenstaats und Venetiens seit 1861 geeint. In der Basilicata, zwischen den Meeren, führten jedoch Politik, Kriminalität und süditalienische Volkskultur zur Herausbildung des Brigantentums. In ihm manifestierte sich, angetrieben von extremer bäuerlicher Armut und politischer Opposition, die politische Gespaltenheit der süditalienischen Bevölkerung. Die einen, so Bremer, unterstützten die vertriebenen Bourbonen, die anderen waren Anhänger Garibaldis und des neuen italienischen Staates. Carmine Croccos wohl in den 1890er-Jahren verfasste Autobiografie „Come divenni brigante“ („Wie ich Brigant wurde“) ist die einzige ausformulierte Selbstdarstellung dieses Brigantentums in einer ansonsten weitgehend analphabeten Volkskultur. Crocco, 1830 als Sohn eines einfachen Bauern geboren, erlebte bereits in seiner Kindheit die Spannungen mit der herrschenden Oberschicht. Ein Konflikt mit einem Großgrundbesitzer beförderte, nach eigener Aussage, seine Radikalisierung und Betätigung als brigante politico. Crocco avancierte zum Anführer einer durch die ganze Basilicata marodierenden Bande, die die tradierten Herrschaftsstrukturen erschütterte, bis die mit dem Papst verbündeten Franzosen ihn 1864 gefangen nahmen. Im August 1872 zu lebenslanger Haft verurteilt, starb Crocco 1905 im Gefängnis. Die dort entstandene Autobiografie ist ein einzigartiges Dokument der due Italie aus der Perspektive einer unter enormem Druck stehenden bäuerlichen Gesellschaft. Dabei bewertete Bremer die Briganten und ihre Guerillakämpfe als Resultat einer fehlenden Integration in den italienischen Einigungsprozess.

ALESSANDRA LOMBARDI (Brescia) verdeutlichte die medienvermittelte Pluralität des Bildes von Lampedusa. Die südlichste Mittelmeerinsel Italiens, einst Urlaubsdomäne, heute Flüchtlingsstätte, ist ein Ort der Kontraste: Die Medien vermitteln, die Insel sei ein Symbol der Hoffnung auf ein besseres Leben. Zugleich gilt Lampedusa als Sinnbild für Flüchtlingsströme und Migrationspolitik und damit als Kaleidoskop für die politischen Spannungen auf nationaler Ebene. Bilder, Videos, Kunstobjekte und Gebäude würden, so Lombardi, als nicht-sprachliche Elemente zunehmend Teil des Lampedusa-Diskurses. Während bei deutschen Zeitschriftentiteln geopolitische Themen dominierten, habe in Italien eine Humanisierung der Berichterstattung stattgefunden. Gemeinsam ist beiden Ländern indes die zumeist negative Konnotation der Insel. Die Mehrheit der italienischen Beiträge bewertet das Meer als Massengrab und Ort der Tragödien; Lampedusa selbst wird wiederkehrend als Gefängnisinsel und als Grenze zwischen Europa und Afrika charakterisiert, nur selten als verbindende Brücke. Während italienische Touristen aus Solidarität und Hilfsbereitschaft Lampedusa besuchten, ist die Insel für deutsche Touristen kein beliebtes Reiseziel. Erst in jüngster Zeit hätten Nachhaltigkeit und Gedächtnistourismus neue Chancen für die Insel eröffnet. Dazu zähle beispielsweise die Eröffnung des „Museum des Vertrauens und des Dialogs für das Mittelmeer“ im Jahr 2016, welches Kunstwerke aus dem Mittelmeerraum und Gegenstände von Personen der Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa von 2013 ausstelle. Lombardi schloss mit der offenen Frage, ob Lampedusa ein möglicher Ort der Versöhnung zwischen Tourismus und Migration sein könnte. Möglicherweise könne der Tourismus zu seinem in Bildungsreisen liegenden Ursprung zurückkehren, indem die Touristen auf soziale, kulturelle und ökonomische Problematiken aufmerksam gemacht würden.

TRISTANA DINI (Neapel) beleuchtete in ihrem italienischsprachigen Vortrag, zu dem sie abschnittsweise deutsche Übersetzungen lieferte, unter Bezug auf Michel Foucault, Giorgio Agamben und Judith Butler biopolitische Perspektiven der Migration im Mittelmeerraum. Ausgangspunkt war das in den 1970er-Jahren von Foucault geprägte Konzept der Biomacht oder Biopolitik, das von der Grundannahme gekennzeichnet ist, die Gesellschaft kontrolliere durch bestimmte Machttechniken die Entwicklung der Bevölkerung in Hinblick auf Geburten- und Sterblichkeitsrate sowie Fortpflanzung. Im Unterschied zu Foucault machte Giorgio Agamben, der die Idee der Biopolitik in den 1990er-Jahren adaptierte und weiterentwickelte, einen direkten Zusammenhang zwischen neuer Biomacht und alter souveräner Macht geltend. Als Paradigma der Moderne klassifizierte er das Lager Auschwitz, in dem der Ausnahmezustand zur Regel geworden wäre. Der Souveränität der Biopolitik in besonderem Maß ausgeliefert sind Geflüchtete, die einzig und allein über ihr Leben verfügen. Bei ihnen ist die aristotelische Unterscheidung zwischen Bios, dem individuellen Leben Einzelner, und Zoë, der allgemeinen Tatsache des Lebens, außer Kraft gesetzt, so dass Flüchtlinge, Dini zufolge, als Verkörperungen des Homo sacer, des aller Rechte beraubten Menschen, zu betrachten seien. Dadurch würden sie gleichsam zum Gegenstand politischer Debatten. Flüchtlinge sterben zu lassen, sei ein geradezu alltägliches Phänomen im Mittelmeerraum, wobei die Verantwortung dafür nach Judith Butler gleichermaßen allen und niemandem gehöre. Butler schlägt eine neue Politik vor, die auf Abhängigkeit und Interdependenz zwischen den Menschen basiert. Während Macht vor dem 18. Jahrhundert auf den Tod fokussiert gewesen sei, leite sie sich heute über die Wirkungsmacht auf Leben her. Macht definiert sich nicht länger durch die Kompetenz eines Souveräns, sterben zu machen oder leben zu lassen, sondern vielmehr durch die Fähigkeit, leben zu machen oder sterben zu lassen. Dabei verdeutlicht die von Butler eingeführte Unterscheidung zwischen betrauerbaren und unbetrauerbaren Leben die Prekarität der Leben von Flüchtlingen, deren individuelle Schicksale im Rahmen der Biopolitik nichts zählen.

Über die Verarbeitung italienischer Meeresküsten bei Adolf Höninghaus referierte abschließend ELISABETH BRÜGGER (Krefeld). Der Maler begann 1844 seine vier Jahre dauernde Grand Tour durch Italien, bei der er auch Sizilien besuchte, wovon ein fertiggestelltes Gemälde zeugt. Die Reiseroute des 1810 in Krefeld geborenen Malers ist, nicht zuletzt aufgrund der spärlichen Quellenlage zu Person und Werk, nur schwer nachvollziehbar. Brügger zufolge scheint er ein wahrer Einzelgänger gewesen zu sein. Seine Stationen lasse sich jedoch anhand der in zahlreichen Skizzen festgehaltenen Motive rekonstruieren: Höninghaus kam mit dem Schiff in Palermo an, wo er eine Ölstudie des Monte Pellegrino anfertigte. Im Gegensatz zu den anderen Künstlern seiner Zeit, die neben dem Berg auch die Stadt und Bucht von Palermo darstellten und sich um ein Gleichgewicht von Land und Meer bemühten, blendete er das Meer in einigen seiner Skizzen ganz aus. Dies unterstreiche, so Brügger, seine Individualität bei der Suche und Verarbeitung seiner Motive. Den Bauwerken der griechischen Antike, auf die sich zahlreiche andere Künstler konzentrierten, trägt Höninghaus in äußerst divergierendem Ausmaß Rechnung. Während er das Teatro Taormina ins Zentrum einer klassischen, weiten Landschaftsansicht rückte, stellte er in einer weiteren Skizze eine griechische Tempelruine lediglich an den Rand der von einem Felsen dominierten Bildkomposition. Höninghaus folgte also unterschiedlichen Bildkonventionen. In seinem Skizzenwerk ließ er das Meer oftmals außen vor, um dem Betrachter bereits bekannte Bildinhalte neu zu ent- oder verschlüsseln und seinem Publikum neue Perspektiven auf Italien zu eröffnen. Höninghaus übte sich in der Schattenwirkung und den Übergängen von Farben. Die häufig realistisch aufgefassten Skizzen scheinen sein ureigenes Interesse an italienischen Motiven widerzuspiegeln und dennoch auch Grundlage für idealisierte Gemälde zu sein. So finden sich in seinem Skizzenwerk vergleichsweise wenige klassische, sondern eher lichtvolle Ansichten von Italien, die keineswegs klischeehaft wirken.

Insgesamt gelang es den Referenten, die vielen Gesichter im Verhältnis zwischen Italien und dem Meer seit dem Mittelalter zu veranschaulichen: Abenteuerlustige Reisende wagten die Seefahrt ins Heilige Land über die venezianischen Besitzungen im Mittelmeerraum. Im Süden widersetzten sich renitente Briganten nach der italienischen Einigung den neuen Machthabern aus dem Norden. Zugleich bildete Italien einen Anziehungspunkt für deutsche Maler des 18. und des 19. Jahrhunderts, die sich nicht nur von den italienischen Meeresküsten inspirieren ließen. Neben diesen historischen Perspektiven kam auch die aktuelle Situation zur Sprache: Die Rezeption und Darstellung Lampedusas in deutschen und italienischen Medienberichten seit 2013 verdeutlicht einen tiefgreifenden Wandel der Bedeutungen, die der Insel zugeschrieben wurden und werden, während biopolitische Perspektiven auf Migration im Mittelmeerraum die prekäre Situation der Geflüchteten ins Bewusstsein rückten. So eröffnete der nunmehr dritte Kasseler Italientag, der mehr als 60 begeisterte Studierende und Gasthörer anzog, höchst erfolgreich neue Perspektiven auf Italien und das Meer, nicht ohne vielfältige Ansatzpunkte für die weitere Beschäftigung mit Italien in Geschichte und Gegenwart zu liefern.

Konferenzübersicht:

Angela Schrott (Kassel) / Nikola Roßbach (Kassel): Begrüßung

Ingrid Baumgärtner (Kassel): Moderation

Folker Reichert (Stuttgart): In Venedigs Kolonialreich unterwegs: Reisen nach Jerusalem im späten Mittelalter

Angela Schrott (Kassel): Moderation

Thomas Bremer (Halle-Wittenberg): Zwischen den Meeren. Carmine Croccos Autobiografie „Wie ich Brigant wurde“ und die Opposition des Südens gegen die italienische Einigung

Nikola Roßbach (Kassel): Moderation

Alessandra Lombardi (Brescia): Lampedusa: Touristenziel und Rettungsstation für Flüchtlinge? / Lampedusa: approdo disperante (e disperanza) o paradiso turistico?

Angelika Bönker-Vallon (Kassel): Moderation

Tristana Dini (Neapel): Vite che non contano: „biopolitica“ dell'immigrazione nel mediterraneo / Leben, die nicht zählen. Biopolitik und Einwanderung im Mittelmeerraum

Nikola Roßbach (Kassel): Moderation

Elisabeth Brügger (Krefeld): In Betrachtung italienischer Meeresküsten. Unpublizierte Ansichten aus Sizilien von Adolf Höninghaus (1810-1882)

Zitation
Tagungsbericht: Italien und das Meer. L’Italia e il mare. Raum – Reise – Migration, 20.06.2017 Kassel, in: H-Soz-Kult, 29.07.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7270>.
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Veröffentlicht am
29.07.2017
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