Das Sakramentar aus Tyniec. Köln, das Reich und der politische Neuanfang unter Kasimir dem Erneuerer (1034–1058)

Ort
Kiel
Veranstalter
Kunsthistorisches Institut / Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Datum
29.06.2017 - 02.07.2017
Von
Carolin Kreutzfeldt, Mittlere und Neue Kunstgeschichte / Rike Szill, Abteilung für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Vom 29. Juni bis zum 2. Juli fand eine internationale Fachtagung des Kunsthistorischen Instituts und des Historischen Seminars in Kiel zum Sakramentar aus Tyniec statt, das nach den Tagungen zum Hitda-Codex 2012 und dem Gerresheimer Evangeliar 2015 das ortsansässige Forschungsprojekt zur Kölner Buchmalerei komplementierte. Während Peter Bloch und Hermann Schnitzler diese Handschrift als Teil der „Strengen Gruppe“ der Ottonischen Buchmalerei auf den Zeitraum zwischen 1060 und 1070 datieren, argumentieren paläographische Untersuchungen für einen Entstehungskontext vor 1050 – einem Zeitraum also, in dem die Herrscherdynastie der Piasten besonders eng mit den Saliern verflochten war. So galt es, in diesem historischen Rahmen die Entstehung des Sakramentars anhand historischer, archäologischer, paläographischer und stilistisch-kodikologischer Befunde interdisziplinär zu diskutieren.

Den Tagungsauftakt bildete der in Zusammenarbeit mit ANETA BUKOWSKA (Krakau) entstandene Abendvortrag von SEBASTIAN RISTOW (Köln), in dem er neben Formadaptionen auf innovative Architekturlösungen in frühpiastischen Bauten als Indiz für die Christianisierung in Polen zu Beginn des Hochmittelalters verwies.

Im Anschluss an ein deutsch-polnisches Grußwort des Dekans der Philosophischen Fakultät präsentierte KLAUS GEREON BEUCKERS (Kiel) ausgehend von den zentralen Ansätzen und Ergebnissen der Forschung das konkrete Erkenntnisinteresse der Tagung. Die dazugehörigen methodischen Zugänge konkretisierte ANDREAS BIHRER (Kiel) anhand der drei Wirkungsebenen regna, regiones und christianitas und verwies dabei auf mögliche Perspektiven für eine akteurszentrierte Kulturkontaktforschung.

In der ersten Tagungssektion zu den „Ottonen, Saliern und Piasten“ gab ERNST-DIETER HEHL (Mainz) zunächst eine ereignisgeschichtliche Einführung. Darin stellte er die (kirchen-) politischen Verschränkungen zwischen dem Reich und Polen, Ungarn und Böhmen um die Jahrtausendwende dar. In Ergänzung dazu erläuterte CHRISTIAN LÜBKE (Leipzig) die wirtschaftsgeschichtlichen Verflechtungen anhand des Donau- und Elbraumes, Böhmens sowie des Ostseeraumes in ihren Kontinuitäten und Brüchen. JANINA LILLGE (Kiel) betonte den Konstruktionscharakter von Verwandtschaft zwischen den Ottonen und Saliern und der Piastendynastie sowie deren pragmatische Funktionalisierung bei der Sicherung von Erbe sowie der Inszenierung von Beistandsleistungen und Heiratsverbindungen.

In den folgenden Vorträgen traten die verschiedenen Hauptakteure in den Vordergrund: So belegte GRZEGORZ PAC (Warschau) eine dezidiert ottonische Identität Richezas während ihrer Lebenszeit in Polen, von der sie sich während ihrer Witwenschaft in Köln anhand der Verwendung ihres polnischen Königinnentitels und Siegels jedoch von den Ottonen emanzipierte. EDUARD MÜHLE (Münster) zeichnete die Stationen der Rückkehr Kasimirs des Erneuerers, dem Sohn Richezas, aus seinem Kölner Exil und den Aktionsraum des piastischen Herzogs im Hinblick auf die Reorganisation des regnum Poloniae nach der Strukturkrise der 1030er-Jahre nach. Für dessen Tätigkeit als Bauherr wies ANETA BUKOWSKA (Krakau) anhand von Architekturmerkmalen der Gereonsbasilika auf dem Wawel rheinische Einflüsse in Konstruktion und Konzeption nach und argumentierte für eine Verwendung von dekorativen Elementen aus dem italienischen Raum.

Die zweite Tagungssektion stellte sowohl den Aufbau und Inhalt der Handschrift selbst als auch die „Strenge Gruppe“ der Ottonischen Buchmalerei in Köln in den Vordergrund: Nach einer kurzen Einleitung zum Sakramentar aus Tyniec, in der KLAUS GEREON BEUCKERS verschiedene Problemfelder zu dessen Datierung und Funktion, seiner Stellung innerhalb der Handschriftengruppe sowie der Kölner Buchmalerei als Diskussionsimpulse formulierte, gab CHRISTOPH WINTERER (Frankfurt) einen Überblick über die Gattung der Sakramentare. Dabei zeichnete er deren Entwicklung vom Früh- zum Hochmittelalter nach und veranschaulichte deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede anhand verschiedener Illustrationen des Vere dignum und des Te igitur.

Diesem Beitrag schloss sich eine kodikologische Vorstellung des Sakramentars an, in dessen Rahmen EWA KOBYLIŃSKA den Vortrag von SŁAWOMIR SZYLLER (beide Warschau) verlas, der selbst nicht anwesend sein konnte. Er schrieb nicht nur über Veränderungen hinsichtlich Aufbau und Umfang der Handschrift, sondern ebenfalls über dessen Provenienz- und Restaurationsgeschichte. Trotz des kodikologischen Befundes, dass sich das Sakramentar erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts sicher in Tyniec nachweisen ließe, sprach er sich für eine frühere Verortung ebendort aus. PAWEŁ FIGURSKI (Warschau) argumentierte demgegenüber, dass das Sakramentar weder für eine monastische noch kirchliche Nutzung in Polen hergestellt worden sei: So fehlten sowohl lokale polnische Heilige als auch trotz seiner hochwertigen Ausstattung Hinweise auf einen monastischen Besitz. Einen Entstehungskontext im Milieu des Kölner Erzbischofs hielt er hingegen für wahrscheinlicher.

An dem als Schwesterhandschrift bezeichneten Sakramentar aus St. Vitus in (Mönchen-) Gladbach betonte HARALD HORST (Köln) die Unterschiedlichkeit der textlichen Zusammenstellung und damit die Konzeption der Handschrift. Trotz offensichtlicher Ähnlichkeiten im Aufbau stellte er erhebliche Unterschiede in der Reihenfolge und Auswahl der Votivmessen sowie der künstlerischen Ausstattung fest, die auf einen gemeinsamen Entstehungskontext innerhalb der Kölner Schule hinwiesen. Anhand des Abdinghofer Evangeliars exemplifizierte BEATE BRAUN-NIEHR (Berlin) Entstehung, Verbleib und Gebrauch einer Handschrift anhand ihrer Paratexte und Illuminationen. So argumentierte sie anhand einer singulären Abbildung der Apostelaussendung für einen Entstehungskontext um St. Severin und sprach sich aufgrund der Nachträge für eine deutlich frühere Translation des Evangeliars nach Paderborn zu Beginn des 12. Jahrhunderts aus. Mit seinem Beitrag zum New Yorker Evangeliar setzte JOSHUA O’DRISCOLL (New York) das Sakramentar aus Tyniec in den Kontext der Ausschmückungskonzepte der „Reichen Gruppe“. Dabei belegte er anhand des Einbandes und der illustrierten Folia sowohl die Entwicklung eigener Innovationen als auch einen künstlerischen Austausch mit der Reichenauer Schule. URSULA PRINZ (Kiel) ordnete das Sakramentar innerhalb der „Strengen Gruppe“ ein: So stellte sie anhand der Ausgestaltung der Rahmenornamentik eine Chronologie auf, nach der das Sakramentar aus Tyniec zwar als Vorbild für das Evangeliar aus St. Vitus fungiert, bei der Erstellung der späteren Handschriften der Gruppe jedoch keine Anwendung mehr gefunden hätte. Als Begründung hierfür zog sie einen möglichen Export der Handschrift bald nach ihrer Anfertigung in Betracht. Der Beitrag von ANDREA WORM (Graz) lieferte mit einer stilistisch-ikonographischen Betrachtung zu den fragmentarisch erhaltenen Wandmalereien im Dekagon von St. Gereon eine weitere Vergleichsperspektive zur romanischen Buchmalerei. So setzen die dort beobachtete Motivik und Farbigkeit italienische Vorbilder voraus. Insofern weise das Sakramentar aus Tyniec auf eine eigenständige ästhetische Lösung hin.

In der dritten Tagungssektion rückten die Beziehungen zwischen Köln und Krakau in den Fokus: CHRISTIAN HILLEN (Köln) erläuterte die Wirkungsbereiche des Kölner Erzbischofes und Onkels Kasimirs des Erneuerers, Hermanns II., und verwies auf dessen Handeln auf verschiedenen Politikfeldern, dessen Kern eine Förderung der Familie einerseits sowie des Kölner Erzbistums andererseits bildete. Sein von der Forschung postuliertes Wirken beim Wiederaufbau der Kirchen und Klöster in Polen entbehre gleichwohl einer soliden Überlieferungslage. Ähnliches bescheinigte auch RUDOLF SCHIEFFER (Bonn) den Thesen zu den Verbindungen von Köln und Krakau durch Abt Aaron. Dass dieser 1044 die Weihe zum Bischof von Krakau in Köln empfangen hätte, sei anhand von Quellen nicht belegbar. Kontakte zwischen Köln und Krakau ließen sich mithin erst für die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts sicher nachweisen. ROMAN MICHAŁOWSKI (Warschau) bestätigte in seinem Vortrag die historische Existenz Aarons von Krakau anhand eines Quellenzeugnisses aus dem 11. Jahrhundert. Ferner erläuterte er die polnische Forschungsdebatte über die Stiftung der Abtei von Tyniec: Zwar würden Kasimir der Erneuerer und Aaron von Krakau mit den Anfängen des Klosters in Verbindung gebracht, dennoch sprach er sich für Bolesław II. als eigentlichen Stifter aus. Mit seinen Ausführungen zu den Kontakten der Kiever Rus’ und dem Reich öffnete LUDWIG STEINDORFF (Kiel) abschließend den Blick über Polen hinaus und betonte einzelne Begegnungsmomente auf Basis von Heiratsverbindungen, mit denen sich auch ein kultureller Austausch belegen ließe.

KLAUS GEREON BEUCKERS leitete die Abschlussdiskussion ein: Dabei betonte er den engen Austausch von Akteuren auf der dynastischen Ebene, jedoch ließen sich keine eindeutigen Verbindungen zwischen diesen und dem Sakramentar aus Tyniec herstellen. Die Umstände seines Transfers seien daher nicht rekonstruierbar. So sei es zwar einer Kölner Malerschule zuzuordnen, dennoch existierten keine Hinweise auf eine für Tyniec motivierte Herstellung.

Zugleich machte Beuckers einen Vorschlag für eine neue chronologische Ordnung der „Strengen Gruppe“ und betonte ferner, dass ein ästhetischer Wandel von der Volumen- hin zur Flächenform erkennbar sei. Vor allem anhand der Rahmenornamentik und der paläographischen Befunde ließe sich das Sakramentar aus Tyniec an den Anfang der „Reichen Gruppe“ der Kölner Buchmalerei setzen, es diene somit als Vorbild für das Sakramentar aus St. Vitus und indirekt auch für die späteren Handschriften der „Strengen Gruppe“.

Ausgehend davon sollten in zukünftigen Untersuchungen zur Kölner Buchmalerei europäische Kontexte eine stärkere Berücksichtigung finden, so etwa eine engere Beziehung zur Monumentalmalerei hergestellt werden und nähere paläographische Untersuchungen insbesondere von Nachträgen durchgeführt werden. Die Tagung korrigierte somit nicht nur bestehende Forschungsmeinungen, sondern zeigte auch auf, wie viel Forschungsbedarf im Hinblick auf das Sakramentar aus Tyniec im Speziellen wie auch zur Kölner Buchmalerei und den Außenbeziehungen in frühsalischer Zeit im Allgemeinen noch besteht. Die Beiträge dieser Tagung können dabei als erste Ausgangspunkte dienen, eine rasche Publikation ist in Arbeit.

Sebastian Ristow (Köln) / Aneta Bukowska (Krakau): Piasten und Ottonen. Archäologie zum Beginn des Hochmittelalters in Polen. Baubefunde und Christianisierung

I. Ottonen, Salier und Piasten

Michael Düring (Kiel): Begrüßung durch den Dekan der Philosophischen Fakultät
Klaus Gereon Beuckers (Kiel): Einleitung
Andreas Bihrer (Kiel): Außenbeziehungen in ottonisch-frühsalischer Zeit. Zur Einführung
Ernst-Dieter Hehl (Mainz): Das Reich und seine Nachbarn im Osten von Otto III. bis Konrad II.
Christian Lübke (Leipzig): Ökonomische Aspekte der Beziehungen zwischen dem Reich und dem östlichen Europa in der Zeit der Ottonen und frühen Salier
Janina Lillge (Kiel): Alte und neue Verwandte? Aufgaben und Funktionen verwandtschaftlicher Beziehungen im Spiegel spätottonischer und salischer Quellen
Grzegorz Pac (Warschau): Richeza, Queen of Poland († 1063). Profiting from Ottonian Descent and Royal Status
Eduard Mühle (Münster): Kasimir I., Krakau und die Restauration piastischer Herrschaft in den 1040–1050er Jahren
Aneta Bukowska (Krakau): Die Architektur des Wawel in Kraków unter Kasimir dem Erneuerer und ihre Beziehungen in das Rheinland

II. Das Sakramentar und die Kölner Buchmalerei

Klaus Gereon Beuckers (Kiel): Einleitung
Christoph Winterer (Frankfurt): Die Tradition von Sakramentarillustrationen und -texten
Sławomir Szyller/Ewa Kobylińska (beide Warschau): Sacramentarium Tinecense. Son histoire et l’aspect codicologique du manuscrit
Paweł Figurski (Warschau): Political Liturgy of the Sacramentary of Tyniec in the Context of Ottonian-Salian Liturgical Books
Harald Horst (Köln): Das Sakramentar aus St. Vitus in (Mönchen-)Gladbach (UB Freiburg, Hs. 360a) in der Texttradition gregorianischer Sakramentare
Beate Braun-Niehr (Berlin): Das Abdinghofer Evangeliar. Beobachtungen und Fragen zu seiner Geschichte
Joshua O’Driscoll (New York): Ein neuer Blick auf das Kölner Evangeliar in New York und seine Stellung innerhalb der Kölner ottonischen Buchmalerei
Ursula Prinz (Kiel): Zur Ornamentik des Sakramentars aus Tyniec im Kontext der Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts
Andrea Worm (Graz): Reform und Neubeginn. Die Wandmalereien im Dekagon von St. Gereon in Köln

III. Köln und Krakau

Christian Hillen (Köln): Zwischen Köln und Krakau, Klosterreform und Erzbistum. Zur Politik Erzbischof Hermanns II. von Köln (amt. 1039–1056)
Rudolf Schieffer (Bonn): Die Kölner Klosterlandschaften in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts
Roman Michałowski (Warschau): Aaron von Krakau und die Gründung der Abtei Tyniec
Ludwig Steindorff (Kiel): Die Kiever Rus’ und das Reich im 10./11. Jahrhundert
Klaus Gereon Beuckers (Kiel): Abschlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Das Sakramentar aus Tyniec. Köln, das Reich und der politische Neuanfang unter Kasimir dem Erneuerer (1034–1058), 29.06.2017 – 02.07.2017 Kiel, in: H-Soz-Kult, 05.08.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7279>.
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Veröffentlicht am
05.08.2017
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