Gera? Hier ist Gera! 27 Jahre nach der Wiedervereinigung. Tagung zur Zeitgeschichte und den Perspektiven Geras

Ort
Gera
Veranstalter
Stiftung Ettersberg und Gedenkstätte Amthordurchgang e. V.; Landeszentrale für politische Bildung Thüringen; Landesbeauftragter des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur; Stadt Gera
Datum
06.05.2017
Von
Klara Muhle, Historisches Institut/ Imre-Kertesz-Kolleg Jena, Friedrich-Schiller-Universität Jena

„Gera braucht den zweiten Blick“ – mit diesen einleitenden Worten erinnerte sich der Landesbeauftragte des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur CHRISTIAN DIETRICH (Erfurt) in seinem Grußwort an einen Rat, der ihm selbst vor seinem ersten Besuch in Gera gegeben worden sei. Gera durchlief einen großen Bedeutungswandel im 20. Jahrhundert: es entwickelte sich von der zweitreichsten Stadt Deutschlands zu Beginn des Jahrhunderts, über den Status einer Bezirkshauptstadt in der DDR mit zeitweise 130.000 Einwohnern, bis hin zu einer Stadt, die seit 1990 unter starkem Bevölkerungsrückgang leidet. Christian Dietrich verstand diese Tagung als notwendigen zweiten Blick auf die Stadt, der den Charme Geras offenlege. Die Veranstalter intendierten mit dieser Tagung, Grundlage und Anstoß für eine Diskussion in der Geraer Bevölkerung zu sein, die eigene Identität zu reflektieren und eine zukunftsorientierte Haltung zur Stadt und ihrer Geschichte zu entwickeln. In den vergangenen Jahren konnte sich keine der von städtischer Seite initiierten Imagekampagnen (Einkaufsstadt, Otto-Dix-Stadt, Hochschulstadt) langfristig durchsetzen, als ob die Öffentlichkeit diese positiven Bilder nach dem Relevanzverlust der Stadt bisher nicht annähme.

Das erste Panel thematisierte die Entwicklung Geras als Bezirkshauptstadt, nachdem 1952 in der DDR die Bundesländer aufgelöst worden waren und an deren Stelle zunächst 14 Bezirke traten. Welche Bedeutung dies konkret für Gera und die sozialistische Urbanisierungspolitik hatte, diskutierten Historiker und der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt. In ihrem Impulsvortrag stellte LENA KUHL (Potsdam) zunächst allgemein die strategische Bedeutung der neuen Herrschaftsbezirke vor. Sie könnten als Annäherung der Staatsmacht an die Bürger verstanden werden, da anstelle der fünf Bundesländer 14 Bezirke hierarchisch an zweite Stelle nach Berlin getreten seien. In der Bezirkshauptstadt seien „Initiativbauten“ entstanden, Gebäude, die außerhalb der offiziellen Wege initiiert worden seien und einen rechtlichen Graubereich dargestellt hätten. Um bedeutende Gebäude zu errichten, seien Netzwerke und die Unterstützung öffentlicher Akteure existentiell gewesen. BERTRAM TRIEBEL (Frankfurt am Main) betonte, dass Gera zunächst nicht als Bezirkshauptstadt angedacht gewesen sei und unterstrich als Besonderheit des Bezirks die Konkurrenz Geras zur nun nachgeordneten Stadt Jena als einem bedeutenden Wissenschaftsstandort. Der Moderator PETER WURSCHI (Weimar) lenkte die Betrachtung von den einflussreichen Parteistrukturen hin zum ehemaligen Oberbürgermeister Geras (1988-1990), HORST JÄGER (Gera), und fragte ihn nach seinem einstigen Handlungsspielraum. Jäger schilderte diesen als streng hierarchisch organisiert mit nur wenig individuellem Spielraum, wenngleich er für alles die Verantwortung getragen habe. Von besonderer Bedeutung sei die enge Verbindung zu den Vertriebsdirektoren, insbesondere zu jenem der Wismut, gewesen. Gemeinsam mit den Direktoren hätte die städtische Leitung kulturelles Leben organisieren und finanzieren können. In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum kam die Frage auf, inwieweit die Wismut für eine fehlende Identifikation mit der Stadt verantwortlich gewesen sei, da zahlreiche Arbeiter als Zuwanderer nach Gera gekommen seien und in den neu gebauten „Schlafstädten“ keine lokale Identität hätten entwickelt können.

JOHANNES WARDA (Dresden) verwies in den einleitenden Worten für das zweite Panel zur Architekturgeschichte und Städtebaupolitik ab 1952 auf die Präsenz der Architektur als eines der langlebigsten Zeugnisse, die den Lebensraum der Menschen präge. KAY RICHTER (Perleberg) lieferte einen Überblick der Stadtstrukturen und Architekturgeschichte Geras. Obwohl die Stadt im Zweiten Weltkrieg nur wenig zerstört worden und damit nur kleine Freiflächen im Stadtzentrum entstanden waren, sollte ein zentrales Ensemble als sozialistisches Stadtzentrum neben dem historischen Zentrum entstehen. Als erstes Neubauviertel primär zur Unterbringung der zahlreichen Wismut-Arbeiter entstand Bieblach 1958 im Norden der Stadt, 1972 folgte Lusan. Die Einwohnerzahl stieg von 100.000 im Jahr 1960 auf 130.000 1990. Das Haus für Kultur, das 1977 bis 1981 geplant wurde, sei eines der letzten vollendeten Großbauprojekte in der DDR gewesen. Die Architektur hätte versucht die sozialistische Lebensweise zu fördern, indem Räume geschaffen wurden, die als Mittelpunkte der sozialistischen Gesellschaft dienen sollten. In Gera habe es sich gezeigt, dass dieser geplante zentrale Platz vor dem Kunst- und Kulturzentrum nie als solcher von der Bevölkerung angenommen worden sei. HANS-GEORG TIEDT (Gera), von 1972 bis 1989 Stadtarchitekt Geras, sprach über die Probleme, die für die Altstadt aufgrund der neuen Großwohnsiedlungen entstanden seien. In der Innenstadt hätte der Wegzug zahlreicher Menschen in die Neubaugebiete mit erhöhtem Lebensstandard zu immer größerem Leerstand geführt. CHRISTOPH LIEPACH (Leipzig) versuchte den Ambivalenzen in den Erinnerungsbildern der Großraumsiedlung Gera-Lusans zwischen sanierungsbedürftiger und vom Wegzug gezeichneten Siedlung und idealisiertem Gemeinschaftserlebnis nachzuspüren. JULIANE RICHTER (Leipzig) richtete ihren Blick auf die Großwohnsiedlungen heute. Nach ihrem Eindruck erobere sich die Natur Lusan langsam wieder zurück, während gleichzeitig die Bewohner begännen, die einzelnen Häuser individuell zu gestalten.

Das dritte Panel thematisierte die widersprüchliche Rolle des Bergbauunternehmens Wismut für Gera als einst größter Arbeitgeber der Region und gleichzeitig radioaktives Endlager. In ihrem Impulsvortrag beschrieb JULIANE SCHÜTTERLE (Berlin), wie sich die Wismut im Volksmund zum „16. Bezirk“ entwickelt habe. Die AG/SDAG Wismut sei das größte sowjetische Reparationswerk 1947-1989 gewesen. Dort sei Uranerz für die Sowjetunion gefördert worden, das nie bei den Zollbehörden registriert worden sei. Für Beschäftigte habe dies das Leben in einem Mikrokosmos mitsamt zahlreicher Privilegien bedeutet. Es sei ein leistungsabhängiges Lohnsystem eingeführt worden sowie soziale und kulturelle Einrichtungen für Beschäftigte. Ende der 1980er-Jahre jedoch sei auch in der DDR das Umwelt- und Gefahrenbewusstsein gestiegen, das mit Uranerzabbau verbunden gewesen sei. Der ehemalige Wismutkumpel TILO WETZEL (Gera) sei zur Wismut gegangen, da es dort zunächst eine bessere Versorgung mit Lebensmitteln, später mit Wohnungen gegeben habe. Als seine heutige Aufgabe sehe er es, Schüler/innen für das radioaktive Erbe der Wismut zu sensibilisieren. Die Umweltaktivistin GRIT RUHLAND (Paitzdorf) betonte ebenfalls die Bedeutung des verantwortungsvollen Umgangs mit dem Erbe der Wismut als schwach radioaktives Endlager. Sie appellierte dafür, dass alle Zahlen der Strahlenbelastung offengelegt werden würden, woran die offiziellen Instanzen bisher kein Interesse zeigen würden. Bisher sei in der Datenbank ALASKA nur offengelegt, was die SDAG (Bezeichnung ab 1954) verursacht habe, nicht aber die SAG (vor 1954). Sie forderte die Bevölkerung auf, mehr Druck auszuüben. Der Moderator FRANK KARBSTEIN (Gera) verwies auf die Aktualität der Debatte, da zehn Jahre nach der Bundesgartenschau in Gera in der Presse die Frage wiederaufgekommen sei, ob die stetige Präsenz der Umweltbelastung durch die Wismut dazu geführt hätte, dass die angestrebten Besucherzahlen nicht erreicht worden seien oder ob die Gartenschau wie eine historisierende Decke über die Umweltsünden gestülpt worden sei.

Im vierten Panel wurde der Blick auf die Friedliche Revolution 1989/90 gerichtet. Anders als im Volksaufstand 1953, spielte die Geraer Bevölkerung 1989 nur eine marginale Rolle. JEANNETTE VAN LAAK (Leipzig) ging in ihrem Impulsvortrag dem Grund nach, warum der Protest in Gera 1989 so zaghaft verlaufen sei. Dies sei in den frühen 1980er-Jahren anders gewesen, als die Stadt ein regionales Zentrum Andersdenkender gewesen sei. Gerade deshalb seien Aktivisten Anfang der 1980er-Jahre verhaftet worden und hätten 1989 als potentielle Kräfte einer Revolution gefehlt. Auch sei es in der Arbeiterstadt Gera 1953 leichter gewesen, Arbeiter für den Kampf um eine Lohnerhöhung zu mobilisieren. ULLRICH ERZIGKEIT (Gera) relativierte die Aussage van Laaks und behauptete, dass sich nach dem Durchgreifen der Polizei in den frühen 1980er-Jahren nicht alle Akteure zurückgezogen hätten. Die weiteren Ausführungen thematisierten das politische Leben in den 1990er-Jahren und suchten darin Gründe für das fehlende Selbstbewusstsein der Stadt. MATTHIAS RÖDER (Gera), von 1994 bis 1999 Mitglied des Stadtrates, sprach von Fehlentscheidungen, die getroffen worden seien. Der Versuch, die Betriebe auf den neuesten Stand zu bringen, sei missglückt. CHRISTIAN MATERN (Gera) sah in den schlechten Bedingungen der Unternehmen in Gera in den 1990er-Jahren den Kern für die Abwanderung. Auch für ihn sei die Entbürgerlichung der Stadt in den 1970/1980er-Jahren bis heute ein Grund dafür, dass in Gera nur zögerlich demonstriert wurde.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion lenkte JÖRG GANZENMÜLLER (Weimar/Jena) den Fokus auf drei zentrale Fragen auf der Suche einer städtischen Identität: Worauf könne Gera stolz sein? Inwieweit ließe sich Geras Entwicklung nach 1989 als reine Verlustgeschichte schreiben? Und welche Potentiale habe Gera für die Zukunft? THOMAS LEIDEL (Gera) berief sich in seiner Antwort auf den zu Beginn der Veranstaltung aufgeworfenen zweiten Blick, den Gera brauche. In architektonischer Hinsicht habe Gera allen Grund stolz zu sein, so beispielsweise auf die Bauten aus der Gründerzeit. Aber auch das sozialistische Erbe solle und werde nicht außer Acht gelassen. So hätten vor drei Jahren die Überlegungen, das Kultur- und Kongresszentrum abzureißen, zu einem Aufschrei in der Bevölkerung geführt. MERLE FUCHS (Gera) hob die Bedeutung der Wirtschaft hervor, die vorangehen müsse, um die Kultur zu finanzieren und bezog sich im Vergleich auf die Zusammenarbeit zwischen Wismut und der Stadt zu DDR-Zeiten. Auch betonte sie das wirtschaftliche Potential Geras, gleichwohl es keine großen Forschungsinstitute gebe und somit der eigene Nachwuchs nicht vor Ort ausgebildet werden könne. Fuchs hielt dazu an, nicht auf Großinvestoren von außen zu warten, sondern machte auf erfolgreiche Firmengründungen der letzten Jahre als nachahmenswerte Beispiele aufmerksam. DANIEL ZEIN (Gera) verdeutlichte in seiner Schilderung der Kulturszene eindrücklich, dass sich Gera innerhalb der letzten zehn Jahre stark positiv gewandelt habe. Es gebe ein durchaus reiches kulturelles Leben, das von den Bürgern auch angenommen und geschätzt würde. Alle drei betonten die gute Infrastruktur Geras und die Bedeutung der Bundesgartenschau 2007, die der Stadt starke finanzielle Unterstützung eingebracht habe. Allerdings benötigten die positiven Entwicklungen Zeit für tiefgreifende Veränderungen. Vor allem fielen in der Diskussion junge Geraer auf, die nach ihrem Studium in ihre Heimatstadt zurückgekehrt sind und die vielfältigen Potenziale in der Stadt sehen.

Die Tagung führte zu einer lebendigen Diskussion auf dem Podium sowie im Publikum über das Selbstverständnis Geras. Es wirkte, als sei die Thematik ein notwendiger und erwünschter Impuls für die Bevölkerung der Stadt, die sich auf der Suche nach der eigenen Identität befindet. Das Potenzial der eingeladenen Gäste, vor allem der Zeitzeugen, hätte allerdings einen noch größeren Einblick erhoffen lassen. Vor allem der geladene Stadtarchitekt, der das Bild Geras über Jahrzehnte mitprägte, ging leider nicht auf Fragen nach der Entstehungsgeschichte einzelner Gebäude ein. Die Zukunft wird zeigen, wie fruchtbar der Anstoß für die Geraer Bevölkerung tatsächlich war. Die Tagung hat ihren primären Zweck erreicht, die Bürger zur Diskussion anzuregen und steht damit als zweite Veranstaltung seiner Art nach der Auftaktveranstaltung in Suhl 2016 für ein innovatives Konzept der Stiftung Ettersberg, mit lokalen Öffentlichkeiten in Thüringen ins Gespräch zu kommen, indem man die eigene Stadt als gegenwärtige Lebenswelt zum Ausgangspunkt historischer Reflexionen macht. Es lässt hoffen, dass auch weitere Tagungen dieser Art in anderen Thüringer Städten folgen.

Konferenzübersicht:

GRUßWORT:
Christian Dietrich (Landesbeauftragter des Freistaats Thüringen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Erfurt)

PANEL I: STAAT, BEZIRK UND MACHT: SOZIALISTISCHER AUFBAU UND HERRSCHAFTSSICHERUNG
Moderation: Peter Wurschi (Stiftung Ettersberg, Weimar)

Impulsgeberin: Lena Kuhl (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam)
Diskutanten: Bertram Triebel (Historiker, Frankfurt am Main)
Horst Jäger (Oberbürgermeister der Stadt Gera 1988 – 1990)

PANEL II: GERA ALS SOZIALISTISCHE GROSSSTADT: ARCHITEKTUR UND STÄDTEBAUPOLITIK
Moderation: Johannes Warda (TU Dresden)
Impulsgeber: Kay Richter (Architekturhistoriker, Perleberg)
Diskutanten: Christoph Liepach (Designer und Buchautor über Gera-Lusan, Leipzig)
Hans-Georg Tiedt (Stadtarchitekt der Stadt Gera 1972 – 1989)
Juliane Richter (Kunsthistorikerin, Leipzig)

PANEL III: WISMUT: GROSSE LIEBE – UMWELTSÜNDE
Moderation: Frank Karbstein (Vorstandsvorsitzender der Gedenkstätte Amthordurchgang e.V., Gera)

Impulsgeberin: Juliane Schütterle (BStU, Berlin)
Diskutanten: Grit Ruhland (Umweltkreis Ronneburg, Paitzdorf)
Tilo Wetzel (ehemaliger Wismut-Kumpel, Gera)

PANEL IV: FRIEDLICHE REVOLUTION 1989 / 90: VON UM- UND AUFBRÜCHEN
Moderation: Ullrich Erzigkeit (ehem. Chefredakteur der OTZ, Gera)

Impulsgeberin: Jeannette van Laak (Simon-Dubnow-Institut, Leipzig)
Diskutanten: Matthias Röder (ehem. Neues Forum, Gera)
Christian Matern (Politikwissenschaftler und Projektentwickler, Gera)

PODIUMSDISKUSSION: WAS WILL GERA? – VERGANGENHEIT ALS CHANCE. PODIUMSDISKUSSION ZU IMAGE, ZEITGESCHICHTE, ZUKUNFTSPLAN
Moderation: Jörg Ganzenmüller (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Ettersberg, Weimar)

Diskutanten:
Thomas Leidel (Stadtplaner im Dezernat Bau und Umwelt der Stadt Gera)
Merle Fuchs (Geschäftsführerin des Technologie- und Gründerzentrums Gera)
Daniel Zein (Kulturmanager und Rückkehrer, Gera)

Zitation
Tagungsbericht: Gera? Hier ist Gera! 27 Jahre nach der Wiedervereinigung. Tagung zur Zeitgeschichte und den Perspektiven Geras, 06.05.2017 Gera, in: H-Soz-Kult, 05.09.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7299>.