"Geliebter Klassenfeind" - das schwierige Verhältnis zwischen der DDR und den Vereinigten Staaten von Amerika 1949-89

Ort
Heidelberg
Veranstalter
Uta Andrea Balbier (Universität Potsdam); Christiane Rösch (Heidelberg Center for American Studies)
Datum
17.11.2004 - 19.11.2004
Von
Uta Andrea Balbier, Hamburger Institut für Sozialforschung; Christiane Rösch, Universität Heidelberg

Wie kommuniziert man, wenn man eigentlich nicht miteinander spricht? Der Workshop „Geliebter Klassenfeind“ – das schwierige Verhältnis zwischen der DDR und den Vereinigten Staaten von Amerika 1949–89, der im November letzten Jahres in Heidelberg stattfand [1], erforschte die verschiedenen Kommunikationswege und -räume zwischen zwei zutiefst unterschiedlichen Staaten. Auf der einen Seite stand der ungeliebte erste sozialistische Staat auf deutschem Boden, auf der anderen Seite die kulturelle und militärische Supermacht USA. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen näherten sich aus unterschiedlichen politik-, sozial- und kulturhistorischen Perspektiven einem Forschungsfeld, das oft übersehen und noch häufiger heimlich belächelt wird. Ihre Vorträge bewegten sich dabei in dem schwierigen Spannungsfeld von übergeordneten, kulturellen Zusammenhängen wie Amerikanisierung und traditionellem Anti-Amerikanismus, pragmatischem politischem Anerkennungsstreben und persönlichen Kontakten und Interessen. Dennoch gelang es, das Forschungsfeld genauer abzustecken und zu zeigen, dass es durchaus einen dynamischen und vielschichtigen sozialistischen Teil der transatlantischen Beziehungsgeschichte gegeben hat.

Die beiden Veranstalterinnen Christiane Rösch (Heidelberg) und Uta Andrea Balbier (Potsdam) gaben zunächst eine kurze Einführung in die Mehrdimensionalität des Verhältnisses beider Staaten. Darin formulierten sie drei Leitgedanken, die in den Diskussionen der nächsten Tage immer wieder aufgegriffen wurden. Sie konstatierten, dass das Verhältnis beider Staaten im Grunde genommen immer auf seine diplomatischen Implikationen für den unbeteiligten Dritten und Vierten hin, nämlich die Bundesrepublik und die Sowjetunion, untersucht werden muss. Außerdem forderten sie, das Verhältnis zum jeweils anderen Staat als Indikator für gesellschaftliche Freiräume, Sehnsüchte und Eigeninteressen zu nutzen. Drittens regten sie an, globale Trends wie die Popkultur oder globale Netzwerke wie die internationale scientific community in den Blick zu nehmen und diese als vielseitige Prozesse und nicht einseitig unter dem Amerikanisierungsparadigma zu behandeln.

Im Anschluss daran gab Philip Matthes (Bonn) einen scharfzüngigen Überblick über den Anerkennungslobbyismus der DDR in den USA in den 1960er Jahren. Die DDR, auf der politischen Ebene durch die Bundesrepublik ausgebremst, versuchte durch eine Vielzahl gesellschaftlicher Kontakte zu Künstlern, Studenten, Deutsch-Amerikanern, Bürgerrechtlern und Wirtschaftsführern ihr Image in den Vereinigten Staaten zu verbessern. Obwohl Matthes einen schleichenden Imagegewinn der DDR auf dieser Ebene nachweisen konnte, blieb das Desinteresse der amerikanischen Gesellschaft gegenüber der DDR weitgehend ungebrochen und die ‚unpolitischen Kontakte’ erlangten keinen Einfluss auf die Washingtoner Anerkennungsüberlegungen.

Die beiden anschließenden Vorträge zur Popmusik unterstrichen die Asymmetrie der gegenseitigen Interessen zusätzlich. Zunächst legte Heiner Stahl (Potsdam) anschaulich dar, wie das Radio den Transfer von Popkultur in die DDR leistete, wo diese ‚eigensinnig’ nachgefragt wurde. Er zeigte, dass der amerikanische Musikeinfluss nicht eindimensional adaptiert, sondern beispielsweise zu einer eigenen DDR-Countrymusik umgeformt wurde. Stahl sprach im Bereich der Popkultur von einer ‚Selbstamerikanisierung’ der DDR-Jugend. Dieser Versuch, den Amerikanisierungsbegriff zu konkretisieren, wurde kontrovers diskutiert.
Ed Larkey (Baltimore) gelang es im Anschluss daran, die unterschiedlichen Reaktionen auf den Popmusik-Transfer herauszuarbeiten. Am Beispiel der Hörerbewerbungen um den Posten des ‚ehrenamtlichen Musikredakteurs’ beim Jugendradio DT 64 zeigte er, wie die DDR-Führung strukturell auf die ‚Verwestlichung’ des Musikbedürfnisses der DDR-Jugend reagierte. Durch den Posten des ehrenamtlichen Musikredakteurs spielte sie den Jugendlichen eine Teilnahme an der Macht vor und verteidigte gleichzeitig ihren Machtanspruch im Musikbereich, den sie durch die Amerikanisierung des Musikgeschmacks in Frage gestellt sah.

Die anschließende Sektion stand unter der Leitfrage, wie der Austausch zwischen beiden Staaten in Systemen funktionierte, deren immanente Regeln den politischen Zugriff scheinbar erschwerten wie in Wissenschaft und Kultur. Zunächst analysierte Holger Stunz (Mainz) an Hand von Artikeln in amerikanischen Musikzeitschriften die amerikanische Perzeption der Entwicklung der Klassischen Musik in der DDR. Dabei zeigte er, wie ostdeutsche Orchester zu Beginn der 1950er Jahren noch Anerkennung auf der Basis eines gesamtdeutschen Traditionsbestandes erfuhren, der jedoch immer stärker verblasste. Mit ihrer eigenen, strengen kulturpolitischen Vorgaben folgenden, Gegenwartsmusik hatte sich die DDR zudem bereits Mitte der 1950er Jahre soweit vom internationalen Musikdiskurs entfernt, dass sie in den USA keine Beachtung mehr fand. Stunz wies ebenfalls auf das hohe Desinteresse der amerikanischen Gesellschaft gegenüber der DDR hin.
Im Anschluss daran skizzierte Jens Niederhut (Köln) in seinem Beitrag den Wissenschaftleraustausch zwischen der DDR und den USA. Darin zeigte er, wie die DDR-Wissenschaftler und -Wissenschaftlerinnen zu Beginn der 1970er Jahre Zugang zu der ‚unpolitischen’ internationalen scientific community fanden. Die SED-Führung fürchtete jedoch den amerikanischen Einfluss über diesen Austausch. Durch die Analyse von Reiseberichten wies Niederhut dezidiert nach, dass diese Angst berechtigt war, denn einige Verfasser stellten dem Klassenfeind durchaus gute Noten aus und schwärmten von den Arbeitsbedingungen und der offenen wissenschaftlichen Konkurrenz in den Vereinigten Staaten. Fraglich blieb jedoch, ob es im Rahmen dieses Austausches zu einem tatsächlichen Wissenstransfer kam.

Als nächstes stand der Film als Feld der ideologischen Auseinandersetzung im Mittelpunkt. Zunächst wies Rosmary Stott (London) nach, dass in der DDR seit den 1970er Jahren nicht nur die Nachfrage nach Hollywood-Produktionen anstieg, sondern dass sich auch das Profil der Filme veränderte, die gezeigt werden durften. Während zu Beginn der 1970er Jahre insbesondere sozialkritische und künstlerisch wertvolle Filme ausgewählt wurden, traf dies auf die 1980er Jahre Produktion ‚Dirty Dancing’, die erfolgreich in der DDR lief, kaum noch zu. Fraglich blieb jedoch, ob von diesem Trend auf eine zunehmende ‚Amerikanisierung’ der DDR-Kultur geschlossen werden kann. Anschließend arbeitete Peter Ulrich Weiß (Potsdam) aus dem erfolgreichsten Spionagefilm der DEFA ‚For Eyes Only’ treffsicher die typischen Merkmale des Amerikabildes der DDR-Propaganda heraus: Zum einen webte die Produktion aus dem Jahr 1963 in den Lebensstil der amerikanischen Agenten die Klischees der westlichen Dekadenz – Alkoholismus, Glücksspiel und Prostitution – ein. Zum anderen enthielt die Arbeitspraxis der US-Geheimdienstler Anspielungen auf Folter, Todesstrafe und Kooperation mit ehemaligen Nationalsozialisten. Das Besondere an diesem Bild war, dass es nicht nur den amerikanischen way of life, sondern gleichzeitig die Verwestlichung der Bundesrepublik anprangerte. An die anschließende Filmvorführung schloss sich eine hitzige Diskussion darüber an, wie das Publikum einem solchen Film heute in der Retrospektive gerecht werden kann. Denn obwohl der Film über weite Passagen als durchaus spannungsvoll empfunden wurde, regen der ‚sozialistische Held’ und seine langen politischen Plattitüden heute doch eher zum Schmunzeln an.

Die letzte Sektion des Workshops nahm zwei interessante Randbereiche der Interaktion zwischen beiden Staaten in den Blick: Das Amerikabild und die Amerikareisen jüdischer Schriftsteller und die Beziehungen zwischen der Evangelischen Kirche in der DDR und protestantischen Glaubensgemeinschaften in den USA. Zunächst arbeitete Christian Mariotte (Paris) anhand der Werke von Günter Kunert, Irene Runge und Barbara Honigmann überzeugend unterschiedliche Komponenten ihrer jeweiligen Amerikabilder heraus, die teils an die Kulturkritik der 1920er Jahre anknüpften, teils auf persönlichen Ressentiments beruhten und teils der vorgegebenen marxistischen Linie folgten. Darüber hinaus warf er die wichtige Frage auf, ob es einen Zusammenhang zwischen der Neuentdeckung jüdischer Identität in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren und der Konfrontation jüdischer Schriftsteller mit dem lebendigen amerikanischen Judentum gegeben haben könnte. Danach skizzierte Carsten Dippel (Potsdam) die verschiedenen Ebenen der DDR-USA-Beziehungen im religiösen Bereich. Diese reichten von der Frage nach Besuchspraxis unter Gemeinden und der Beeinflussung der Kirchenmusik durch den amerikanischen Gospel, bis hin zu theologischen Grundfragen zu dem Verhältnis von Staat und Kirche.

In ihrem Abschlussvortrag gelang es Young-Son Hong (New York) das Tagungsthema in eine breitere globale und post-koloniale Perspektive einzuordnen. Unter dem Titel ‚The Cold War Battle for the Third World, 1950–1970’ zeigte sie, wie die DDR ihr Propagandabild eines rassistischen, auf der Basis ökonomischer Ausbeutung fußenden Amerika auch dazu einsetzte die Herzen der Menschen in der Dritten Welt zu erobern. Mit einem daran anschließenden Abriss über deutsch-deutsche Entwicklungshilfe-Konkurrenz in den Staaten der Dritten Welt im Schatten der Supermächte Sowjetunion und USA unterstrich Hong nachdrücklich ihre Forderung nach einer transnationalen Perspektive auf die deutsche Geschichte nach 1945.

Der Workshop lebte neben der hohen Qualität der Vorträge von einer zwanglosen und lebendigen Diskussionskultur. Zu dieser trugen auch die eingeladenen Moderatoren, Experten und Zeitzeugen Dorothee Wierling (Hamburg), Rainer Schnoor (Potsdam), Ed Larkey (Baltimore) und Philipp Gassert (Heidelberg) bei. Bei einer Podiumsdiskussion diskutierten sie unter anderem über Amerika als Land der Moderne. Sowohl die Begeisterung für die Fortschrittlichkeit Amerikas, der sich auch die DDR-Wissenschaft und -Wirtschaft nicht entziehen konnten, als auch der antikapitalistische Amerikahass verfügten über gemeinsame Traditionslinien. Diese brachten verschiedene Amerikabilder hervor, die von einzelnen Gesellschaftsgruppen unterschiedlich adaptiert wurden. Daher warnte Rainer Schnoor auch davor, von dem Amerikabild der DDR-Propaganda auf einen allgemeinen Anti-Amerikanismus in der DDR zu schließen.

Trotz des disparaten Themenspektrums, das von Religion über Musik bis hin zum Film reichte, bleiben grundsätzliche Forschungsdesiderate bestehen. So gelang es zwar Amerikanisierungsprozesse in der DDR nachzuweisen, die methodischen und theoretischen Schwächen der Begriffe Verwestlichung und Amerikanisierung insbesondere im sozialistischen Staat konnten jedoch nicht gelöst werden. Auch hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen der Verwestlichung der DDR und ihrer gesellschaftlichen Stabilität blieben viele Fragen offen. Die Veranstalterinnen hoffen daher die Diskussionen auf einer Folgekonferenz gegen Ende des Jahres fortzusetzen.

Anmerkungen:
[1] Tagungsprogramm siehe http://www.hca.uni-heidelberg.de/media/pdf/klassenfeind.pdf

Kontakt

Uta Andrea Balbier, Hamburger Institut für Sozialforschung
E-Mail: Uta.Balbier@his-online.de
Christiane Rösch, Universität Heidelberg
E-Mail: Christiane.Roesch@uni-hd.de

Zitation
Tagungsbericht: "Geliebter Klassenfeind" - das schwierige Verhältnis zwischen der DDR und den Vereinigten Staaten von Amerika 1949-89, 17.11.2004 – 19.11.2004 Heidelberg, in: H-Soz-Kult, 23.03.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-732>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.03.2005