Rausch-Körper im 19. und 20. Jahrhundert

Ort
Köln
Veranstalter
Kristoff Kerl / Florian Schleking, Universität zu Köln
Datum
29.07.2017
Von
Markus Hedrich, Hamburg

Aktuell erlebt die historische Rauschforschung, die Phänomene der Ekstase in einer sich als nüchtern und rational begreifenden Moderne beforscht, eine bedeutende Konjunktur, wie etwa der Sammelband „Rausch – Trance – Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände“ oder die jüngst veranstaltete Konferenz „Sucht, Rausch und Genuss“ der Robert-Bosch-Stiftung zeigen.[1]

Diese Forschungskonjunktur noch etwas weiter anzukurbeln war Sinn und Zweck des Workshops an der Universität zu Köln, den die Veranstalter KRISTOFF KERL und FLORIAN SCHLEKING (beide Köln) mit einer kurzen Einleitung eröffneten, in der sie die historische Rauschforschung körpergeschichtlich perspektivierten. Im 19. und 20. Jahrhundert sei es in westlichen Ländern zu einer Ausdifferenzierung und Auffächerung von Rauschdiskursen gekommen, durch die sich vielfältige Formen des Rausches (Tanz, Sport, Religion, Gewalt, Applikation berauschender Substanzen) herausbildeten. Parallel wurden polizeiliche, medizinische, pädagogische oder rechtliche Politiken des Rausches etabliert; Rausch- und Trancephänomene seien seit dem 19. Jahrhundert zu einer privilegierten Zielscheibe der Macht geworden, hätten zugleich aber auch – etwa das öffentliche Trinken von Punks – als Vehikel widerständiger (Körper-) Praktiken fungiert. Rausch als Praktik sei eng mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verflochten, wobei die spezifische Rauschfähigkeit an Kategorien wie Alter, Klasse, Geschlecht oder (Dis-)Ability gebunden sei. Dies werfe vielfältige Forschungsfragen auf, z.B. auf welchem Körper-Praxis-Wissen Rausch basiere und wie sich dieses Macht/Wissen über die Geschichtszeit veränderte.

Das erste Panel wurde von Bildungswissenschaftlerin SARAH FLADUNG (Würzburg) eröffnet, die sich theoretischen Aspekten des Extremsports widmete, den sie als zwischen dionysischem Rausch und apollinischer Formung changierende Grenzerfahrung begriff. Die Suche nach riskanten, extremsportlichen Erfahrungen entspringe der humanen Bedürftigkeitsnatur und diene zugleich der schöpferischen Selbstgestaltung, die wiederum eine stetige Übung bzw. Askese voraussetze. Eine Körpertechnik radikaler Selbsthingabe, die letztlich der Intensivierung des Lebens diene.

Anschließend thematisierte der Historiker RUDOLF OSWALD (Würzburg) das Fußballstadion als Ort rauschhafter Vergemeinschaftung im Nationalsozialismus. Die NS-Funktionseliten hätten das Stadion schnell als wichtigen Ort politischer Inszenierung erkannt; Stadiongemeinschaft und „Volksgemeinschaft“, so Oswald, verbanden sich im NS auf herrschaftsstabilisierende Weise, z.B. als fußballbegeisterte Fans am 6. August 1933 in München das Horst-Wessel-Lied skandierten. Der Ansprache einer lokalen NS-Größe folgte die rituelle Affirmation durch die Massen; parallel konnten die Spiele zur quasi-plebiszitären Absegnung der operativen Kriegsführung dienen, etwa als beim Meisterschafts-Endspiel im Juli 1940 auf die bevorstehende „Luftschlacht um England“ eingeschworen wurde. Doch auch Störungen kamen vor, wie Krawalle in Mannheim und Fürth im Jahr 1934 oder Sprechchöre gegen DFB-Führer Felix Linnemann 1935 zeigten. Die Stadion-Propaganda blieb für die NS-Eliten auf vielfältige Weise fragil, da die Fans ständig drohten, die überformende Propagandainszenierung völkischer Vergemeinschaftung zu unterminieren.

Es folgten die Zeithistoriker EVA LOCHER und STEFAN RINDLISBACHER (beide Freiburg, CH), die gesundheitsorientierte Abstinenzdiskurse und Momente des alpinen Höhenrauschs in der Schweizer Jugendbewegung analysierten. Abstinente Jugendliche z.B. der Verbindung Helvetia entdeckten körperliche Aktivität um 1900 als Ersatz für studentische Trinkrituale, wobei der Mediziner Auguste Forel den schweizerischen Abstinenzdiskurs verwissenschaftlichte und ihm zugleich internationale Strahlkraft gab. Das Wanderbuch der Basler Sektion der Verbindung Helvetia zeigt Fotos von Jugendlichen, die mit nacktem Oberkörper und angespanntem Bizeps posieren; die Mitglieder des 1907 gegründeten Schweizer Wandervogels stilisierten die Bergwelt der Alpen dann zum Ideal gesundheitlicher Lebensführung, wobei sie das „hoch hinaus“ der Berge rauschhaft erlebten. Der Berner Lebensreformer Werner Zimmermann, Autor des Werkes „Lichtwärts“ (1922), fügte der Abstinenz weitere Praktiken der souci de soi wie körperliche Ertüchtigung, Vegetarismus und Freikörperkultur hinzu – ein lebensreformerisches Gesundheitsregime, das alpine Touren in ein komplexes System von Körperpraktiken einband und das um den natürlichen „Adrenalinkick“ der Berge kreiste.

Das zweite Panel begann ISABELLE STÅHL (Stockholm/Berlin), die den Workshop mit einem talk zu den Drogenexperimenten der Neurologen Fritz Fränkel und Ernst Joël bereicherte. Fränkel versuchte, bei sich und seinen Probanden durch die Applikation halluzinativer Substanzen (u.a. Meskalin, Äther, Kokain) experimentell pathologische Bewusstseinszustände zu kreieren und so neues Wissen über Psyche und Wahn zu generieren. Die gemeinsamen Drogenversuche mit Walter Benjamin in Benjamins Apartment in Berlin führten zu einer Literarisierung der „Räusche auf Papier“; die Protokolle zeigten, dass etwa externe Stimuli (Stich mit scharfem Objekt) Visionen scharfer Objekte in der Welt des Rausches hervorriefen. Auch fragmentierte „Horrortrips“ kamen vor, die zu Angst, Misstrauen und Paranoia führten. In Fränkels Studien verband sich wissenschaftliche Laborpraxis mit literarischen Rauschdiskursen, was eine progressive Counterculture innerhalb der Psychiatrie produzierte. Walter Benjamin deutete die berauschenden Substanzen zudem als Medium der von Karl Jaspers konstatierten Subjekt-Objekt-Spaltung, die sich im Rausch voll offenbare und vielleicht auch überwinden lasse.

Ebenfalls Karl Jaspers phänomenologischer Schule war der Psychiater Kurt Beringer zuzurechnen, der sich 1927 in Heidelberg mit der Schrift „Der Meskalinrausch“ habilitierte. Der Historiker IVO GURSCHLER (Wien) referierte zu körperlichen Ausnahmezuständen in Beringers Meskalinversuchen am Universitätsklinikum Heidelberg, bei denen primär Ärzte und Ärztinnen als Probanden dienten. Das Meskalin wurde in aller Frühe gespritzt, worauf unterschiedliche klinische Tests erfolgten. Beringer zergliederte den Meskalinrausch in Wirkungen auf die Sinne wie Geruch, Geschmack, Gehör und Gesichtsempfindungen sowie Veränderungen des Denkablaufs und „Zeitsinnstörung.“ Klinische Symptome seien etwa „weltallhaftes“ Kälteempfinden, eingebildete Unterbrechungen der Körperkontinuität und Störungen der Lageempfindung. So meinte ein Arzt, jeglichen Bezug zu seinen Gliedmaßnahmen zu verlieren, ein anderer, sein Körper sei nicht mehr vorhanden, „höchstens die Beine ganz winzig unterm Kinn.“ Die Tests, so Gurschler, hätten die Macht des Arztes über die Realität konsolidiert und korrespondierten zugleich mit Deleuze/Guattaris organlosem Körper, wobei es im Rausch gelänge, das eingefleischte Selbst des organlosen Körpers durch eine Subversion des Molaren zu überwinden.

Im Anschluss befasste sich der Germanist JORIS LÖSCHBURG (Hamburg) mit dem Topos Krieg und Subjektivierung bei Ernst Jünger. In Jüngers Werken „In Stahlgewittern“ (1920) und „Der Kampf als inneres Erlebnis“ (1922) werde der Krieg als „kämpferisches Antiserum“ gegen die lebensfeindliche Sicherheit der Zivilisation inszeniert; ein Blutrausch, in dem sich Eros und Thanatos amalgamierten und sich das vitalistische Bedürfnis befriedige, sich völlig zu entfesseln. Auch die Landschaften und Räume in Jüngers Werken seien mit Rausch geladen; die Soldaten marschierten wie rauschhafte Maschinen, die zu einem Kriegskörper bzw. corpus belli (Peter Trawny) verwachsen seien. Ein „Blutrausch“ kriegerischer Subjektivierung, der zur empathischen Selbstgeburt aus dem Kampfe führe, was, so Löschburg, die moralische Ungeheuerlichkeit von Jüngers Wortkaskaden exemplifiziert.

Den Auftakt zum dritten Panel machte der Historiker HANNES WALTER (Berlin), der zum Thema der psychiatrischen Pathologisierung des Kokainismus zur Zeit der Weimarer Republik vortrug. Neue Modelle, die den gesunden Körper als nüchtern konzeptualisierten, hätten im 19. Jahrhundert zu vielfältigen sozialen Kontrollen geführt, die auch den Kokainrausch als temporären Wahnsinn delegitimierten. Bereits 1886 habe Psychiater Albrecht Erlenmeyer Kokain als „Geißel der Menschheit“ klassifiziert; die Berliner Psychiater Fränkel und Joël beschrieben den Kokainrausch 1924 als Trias von Euphorie, Rausch und Depression, wobei sie Kokainismus mit „Müßiggängern“, „Sportinteressenten“ und „Nachtportiers“ assoziierten. Der Psychiater Hans Rosenfeld konstatierte dann, dass Kokainismus eine deviante Sexualität herbeiführe. Schon vorher hatte Emil Kraepelin den Kokainismus als erblich beschrieben, was das Phänomen an Entartungskonzepte anschlussfähig machte und in biopolitische Strategien einer „eugenischen“ Optimierung des body politic überführte.

Im Anschluss ging die Kunsthistorikerin LISA HECHT (Köln) auf weibliche Ekstase in Salomes Tanz bei Grafiker Aubrey Beardsley und Schauspielerin Alla Nazimova ein. Salome, die Tochter der Herodias, die nach einem Tanz das Haupt Johannes des Täufers forderte (und erhielt), wurde von Oscar Wilde im Bühnenstück Salome (1891) dramatisiert. Wildes knappe Regieanweisung „Salome dances the dance of the seven veils“ wurde zunächst von Aubrey Beardsley illustriert. Beardsley lud Salomes Tanz mit orientalistischen Diskursen auf, indem er Salome als Verführerin inszenierte, die sich einer Erotisierung zugleich entziehe, da ihr Blick, kalt und medusenhaft, versteinert sei. Während Salome bei Beardsley als Prototyp der femme fatale auftrete, biete Alla Nazimova im Film „Salome“ (1922) eine rauschhafte tour de force des Ausdruckstanzes, in der sich emanzipatorische Momente von „weiblicher Berauschtheit“ (Loïe Fuller) entfalteten. Bereits bei Beardsley entziehe sich Salome dem Zwang schön sein zu müssen, bei Nazimova avanciere sie zur jenseits der male gaze stehenden Personifikation des Rausches, die eine Parallelität von Eros und Thanatos generiere und die Figur der femme fatale in moderne Genderdiskurse überführe.

Der Historiker JAN-HENRIK FRIEDRICHS (Hildesheim) schloss die Konferenz mit einem Vortrag zu bundesrepublikanischen Drogendiskursen in den 1970er- und 1980er-Jahren, in dem er die vom Heroin gezeichneten Körper der Drogensüchtigen als das (abjekte) Andere deutete, über das sich bürgerliche Identität erst subjektiviere. Ein SPIEGEL-Artikel von 1971 sei von Schock und Faszination gegenüber den entstellten Körpern der Heroinisten getragen; dies korrespondiere mit den „grotesken Körpern“ (Stallybrass/White) des Karnevals, in deren diskursiver Herstellung bürgerliche Subjekte alles Untere – von unteren Klassen bis zur unteren Körperhälfte – von sich abspalteten, um es zugleich als Angst und Ekel über das Groteske wieder zu internalisieren. Dies exemplifizierte Friedrichs am Film „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ (1981), in dem die heroinsüchtige Protagonistin zusehends verfalle; parallel werde die Sucht im Film mit devianter Sexualität konnotiert und die abhängige Christiane F. mit Metaphern weiblicher Besessenheit überzogen, die an William Friedkins „Der Exorzist“ (1973) anknüpften – ein Diskurs, der die Körper der Heroinsüchtigen als Bedrohung hervorbringe und zugleich mit Sinn versehe.

Im Zentrum der spannenden Abschlussdiskussion, an der auch interessierte Besucher/innen teilnahmen, stand die Frage nach dem Wesenskern des Rausches, der von einigen Beiträgern als vordiskursiv-essenziell, von anderen hingegen als bloßer Machteffekt gedeutet wurde.

Ein inhaltlicher Schnittpunkt des Workshops war der Hinweis auf die wichtige Rolle von Rauschdiskursen als Spiegel und „Gegenhorizont“[2] einer sich als nüchtern, klar und rational begreifenden Moderne. Weitere Forschungen, etwa zu digitalen Räuschen, Rausch als widerständiger Praktik oder zu (post-)kolonialen Rauschdiskursen wären wünschenswert. Insgesamt konnte der Workshop durch die spannende Intersektion von Rausch- und Körpergeschichte einen innovativen Beitrag zur theoretischen Schärfung der Rauschforschung leisten. Parallel gelang es, vielfältige Impulse für eine über Rausch gedachte Subjektgeschichte der Moderne zu generieren und historische Rauschphänomene als Sonde zur Analyse von (Gesellschafts-) Geschichte zu etablieren.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Kristoff Kerl (Universität zu Köln) / Florian Schleking (Universität zu Köln)

Panel I. Rausch, Disziplin und Gemeinschaft: Sport und Lebensreform im 20. Jahrhundert

Sarah Fladung (Würzburg): Das Phänomen Extremsport: Auf der Suche nach Grenzerfahrungen zwischen Ekstase und Askese

Rudolf Oswald (Würzburg): Zwischen Volksgemeinschaft und „Vereinsfanatismus“: Das Fußballstadion als Ort rauschhafter Vergemeinschaftung im Dritten Reich

Eva Locher/Stefan Rindlisbacher (Freiburg, Schweiz): Abstinente Jugendliche im Höhenrausch

Panel II. Räusche auf dem Papier. Psychiatrische und literarische Experimente

Isabelle Ståhl (Stockholm): Reconciling Subject and Object: Literarische Rauschgiftstudien in the Weimar Republic 1919-1933

Ivo Gurschler (Berlin / Wien / Linz): Ausweg Auflösung? Körperliche Ausnahmezustände in Beringers Meskalinrausch (1927)

Joris Löschburg (Hamburg): Im Kriegsrausch: Ernst Jüngers Selbstgeburt aus dem Kampf

Panel III. Berauschte und abweichende Körper: Sexualität, Tanz und Devianz

Hannes Walter (Berlin): Kokain, Sexualität und Devianz: Der Kokainrausch im Fokus der Psychiatrie in der Weimarer Republik

Lisa Hecht (Köln): Im Rausch der sieben Schleier: Salomes Tanz bei Aubrey Beardsley und Alla Nazimova

Jan-Henrik Friedrichs (Hildesheim): „Wie ein sexueller Höhepunkt“: Körper, Geschlecht und Sexualität im bundesrepublikanischen Drogendiskurs der 1970er und 1980er Jahre

Abschlussdiskussion / Wrap Up

Anmerkungen:
[1] Michael Schetsche / Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Rausch – Trance – Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände, Bielefeld 2016. Zur Konferenz: Sucht, Rausch und Genuss. Medizin-, sozial- und kulturgeschichtliche Perspektiven, 25.04.2017 – 28.04.2017 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 04.11.2016, <www.hsozkult.de/event/id/termine-32443> (27.09.2017). Bezüglich der aktuellen Konjunktur der Rauschforschung siehe auch: Robert Feustel, Grenzgänge. Kulturen des Rausches seit der Renaissance, München 2013, Robert Feustel, „Ein Anzug aus Strom“. LSD, Kybernetik und die psychedelische Revolution, Wiesbaden 2015.
[2] Schetsche / Schmidt, Rausch – Trance – Ekstase, S. 9.

Zitation
Tagungsbericht: Rausch-Körper im 19. und 20. Jahrhundert, 29.07.2017 Köln, in: H-Soz-Kult, 03.10.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7341>.