Zur Gesellschaftsgeschichte des Umbruchs. Lebenswelt und Systemwechsel vor, während und nach 1989

Ort
Potsdam
Veranstalter
Forschungsprojekt „Die lange Geschichte der ,Wende’. Lebenswelt und Systemwechsel in Ostdeutschland vor, während und nach 1989”, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Datum
22.06.2017 - 23.06.2017
Von
Henrike Voigtländer / Florentine Schmidtmann, Abteilung 1 - Kommunismus und Gesellschaft, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Eine kleine Gruppe, vielleicht eine Familie, posiert vor einer Plattenbausiedlung. Sie haben sich schick gemacht und blicken in die Kamera. Das Foto, das den Tagungsflyer schmückt, zeigt eine Jugendweihe im Jahr 1992 in Stendal. Überdeckt ist es mit einer Raufasertapete – in den Umrissen des Gebietes der DDR. Schön? Nein, aber die Collage vermittelt etwas von der Stimmung vor, während und nach dem Umbruch 1989. Bereits im Vorfeld der Tagung sorgte der Flyer von Henrike Naumann, einer 1984 in Zwickau geborenen Künstlerin, für Aufmerksamkeit und Diskussion.

Anlass der Tagung war der Auftakt des am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam angesiedelten Projektes „Die lange Geschichte der ,Wende’. Lebenswelt und Systemwechsel in Ostdeutschland vor, während und nach 1989”, gefördert durch die Leibniz-Gemeinschaft. Die Forschungsgruppe von Projektleiterin KERSTIN BRÜCKWEH (Potsdam), ANJA SCHRÖTER (Potsdam), CLEMENS VILLINGER (Potsdam) und KATHRIN ZÖLLER (Potsdam) präsentierte nach einem Jahr Vorgehensweisen und erste Ergebnisse ihrer Forschung, die sich der Lücke widmet, die bis dato zwischen Zeitgeschichte und Sozialwissenschaften klafft: Während sich die historische Forschung intensiv mit der Zeit vor dem Umbruch beschäftigt und allenfalls in Form von Ausblicken die Zeit „danach“ betrachtet, verwenden die Sozialwissenschaften die Honecker-Ära lediglich als Herleitung für ihre Gesellschaftsanalysen der Systemtransformation und deren Auswirkungen, so FRANK BÖSCH (Potsdam) in seinem Eingangsstatement. Wie sich der Umbruch gestaltete und wie er gesellschaftliche Lebenswelten prägte, wird dabei unter Einbeziehung der drei Zeitkategorien vor, während und nach 1989 untersucht. In den vier Projekten der Gruppe geschieht dies anhand der Lebenswelten Wohnen, politische Kultur, Schule und Konsum. Auf der Tagung wurden diese Themenfelder durch Vorträge und Kommentare erweitert, die vor allem osteuropäische und interdisziplinäre Perspektiven einbrachten. Zu Beginn stellte Kerstin Brückweh vier Problemkomplexe vor, die im Verlauf der Tagung diskutiert werden sollten: 1. Wo beginnt und wo endet eine lange Gesellschaftsgeschichte der Transformation? 2. Welcher Untersuchungsraum bietet sich hierfür an; inwiefern und auf welche Weise sind Vergleiche der Prozesse in verschiedenen Staaten konstruktiv? 3. Wie gestaltete sich das Verhältnis von Systemwechsel und Lebenswelt? 4. Wie können zeitgenössische sozialwissenschaftliche Studien nutzbar gemacht und mit Oral History kombiniert werden?

Die Zeitperspektive des Umbruchs reflektierte PHILIPP THER (Wien) in seiner kurzgehaltenen Keynote, in der er Transformation als einen „beschleunigten synchronen Wandel“ des politischen und kulturellen Wertesystems beschrieb, dessen einzelne Sektoren sich zu unterschiedlichen Zeiten verschieden intensiv veränderten. Auf die Frage, worin ein Ende der Transformation erkennbar sei, schlug Ther die Finanzkrise in unmittelbarer Vergangenheit vor – als Bruch mit dem „Wohlstandsversprechen“. Seiner These entgegneten kritische Stimmen im Publikum, hierbei bestünde die Gefahr, einen Kompensationsmechanismus des Ostens zu reproduzieren.

Das erste Panel zu Wohnen und Eigentum eröffnete INES LANGELÜDDECKE (Hamburg) mit einem Plädoyer gegen die Verwendung des Begriffs der „Wiedervereinigung“ in der Wissenschaft, da diese auf gesamtgesellschaftlicher Ebene nicht stattgefunden habe. Anhand der Situation in ehemaligen Gutsdörfern in Ostdeutschland, in die Adelsnachfahr/innen aus Westdeutschland 1989/90 nach 40 Jahren zurückkehrten und auf die DDR-Dorfbewohner/innen trafen, zeigte sie, wie sich eine lokale „Wiedervereinigung“ in der Praxis gestaltete. Aus der anfänglichen asymmetrischen Ost-West- sowie Standeskonstellation ergaben sich zwei getrennte Erinnerungs- und Erzählgemeinschaften: Während sich die Adelsfamilien auf die Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg beriefen, bezogen sich die Dorfbewohner/innen auf die unmittelbare Zeit vor dem Umbruch. Das führte nicht nur zur Ableitung ihrer Rechtsansprüche, sondern auch zu unterschiedlichen Auffassungen davon, wie das Dorfbild auszusehen habe.

Die Auswirkungen der DDR-Eigentumskonzepte und -praktiken auf die Restitution von Wohneigentum im vereinigten Deutschland stellte KERSTIN BRÜCKWEH am Beispiel einer Mikrostudie zu großstadtnahen Eigenheimen dar. Dafür bediente sie sich u.a. der Sekundäranalyse qualitativer Interviews von Stadtsoziolog/innen aus dem Jahr 2000. Während die ostdeutschen Hausbesitzer/innen durch die Generierung von „Umbruchwissen“ mit demokratischen Mitteln erfolgreich Änderungen bei der Regelung offener Vermögensfragen erwirkt hatten, wurde der Prozess der Restitution in der kollektiven Wahrnehmung als Verlustgeschichte erinnert („Umbrucherinnerung“). Das Grundbuch – auch wenn es in der DDR 1953 in seiner Rechtsgültigkeit offiziell abgeschafft wurde – beschrieb Brückweh als verbindende Wissensressource in beiden Staaten über die Zeit der Trennung hinweg und verdeutlichte damit, dass die Tradition eines „liberal-individualistischen Eigentumsverständnisses“ im Staatssozialismus keinen Bruch erfuhr. Beide Vorträge, die Eigentum nicht als rechtshistorisches, sondern als kulturelles Phänomen behandelten, fragten nach der Bedeutung von privatem Eigentum in der Transformation. Hierüber bestand Uneinigkeit bei den Kommentatoren: So befand HANNES SIEGRIST (Leipzig), Eigentum habe in der DDR eine geringe Rolle gespielt und westliche bürgerliche Ideologien seien in den 1990er-Jahren übernommen worden. MATĔJ SPURNÝ (Prag) hingegen betonte, dass Eigentum im Spätsozialismus entgegen der Ideologie viel Respekt entgegengebracht wurde und suchte nach Gründen hierfür.

Wie sich lokale politische Kultur im Umbruch entwickelte, thematisierte das zweite Panel: MARKUS KRZOSKA (Siegen) referierte zu lokalen umweltpolitischen Partizipationsprozessen in einem polnischen Industriegebiet an der Grenze zur Tschechoslowakei und der DDR. Krzoska zeigte, dass Umweltschutz kein ausschließlich von Spezialist/innen besetztes Thema war, sondern auch breitere Teile der Bevölkerung, darunter hauptsächlich Mitarbeiter/innen der Industriebetriebe und lokalen staatlichen Akteur/innen, sich der Verschmutzung und auftretender Gesundheitsprobleme annahmen. Krzoska bezeichnete das Handeln der Akteur/innen in Anlehnung an Michel de Certeaus Alltagsverständnis zwar als kommunikativ, jedoch nur innerhalb isolierter „Mikrogruppen“. Tatsächlich gebe es zwar in den angrenzenden Ländern die gleichen Probleme, jedoch kooperierten sie weder, noch thematisierten sie – im Gegensatz zu Polen – die Umweltverschmutzung lautstark. Nachdem die durch Krzoska vorgenommene Alleinstellung Polens in diesem Punkt im Anschluss angezweifelt wurde, fragte NED RICHARDSON-LITTLE (Exeter) in seinem Kommentar, ob die Studie auf einen Vergleich nationalstaatlicher Prozesse abziele oder auf eine transnationale Verflechtungsgeschichte, was eine Diskussion über die Eignung beider Modelle initiierte.

ANJA SCHRÖTER beschäftigte sich mit politischer Kultur in Ostdeutschland, deren Begrifflichkeit sie sehr offen als Gesamtheit der politischen Auffassungen der Bürger und ihrer Handlungen fasste. Anhand von „kleinen gesellschaftlichen Sphären“ wie Anwohnerinitiativen oder den Klubs der Intelligenz als offizielle Einrichtung des Kulturbundes zeigte sie, dass bereits vor 1989 debattiert wurde. In der anschließenden Diskussion wurde hinterfragt, inwiefern nicht schon in den 1970er-Jahren kritische Auseinandersetzungen erlaubt waren und ob in den 1990er-Jahren wirklich alles gesagt werden konnte. Damit wurde die Frage aufgeworfen, von welchem Zeit- und Forschungsstandpunkt aus die lange Geschichte der ‚Wende‘ geschrieben wird. JAN PALMOWSKI (Warwick) plädierte für einen noch stärkeren mikrohistorischen Zugang, indem beide Ebenen – Systemwechsel und Lebenswelt – stärker miteinander verbunden würden. Inwiefern beide Elemente wiederum voneinander trennbar seien, wurde im Anschluss diskutiert.

Zwei verschiedene Bereiche jugendlicher Lebenswelten standen im Mittelpunkt des dritten Panels. CHRISTIAN WERKMEISTER (Halle an der Saale) betrachtete den Wandel der Musikszene während der Transformation der Sowjetunion zu Russland. Konservativer russischer Schlager wurde populär und finanziell erfolgreich, auch ehemalige Untergrundrockmusiker/innen versuchten sich der Massenkultur anzupassen. Mit dem Wegfall der Notwendigkeit, sich vom staatlichen Repressor abzugrenzen, musste die Untergrund-Szene nun ihren zentralen identitätsstiftenden Bezugspunkt politisch neu ausrichten und gleichzeitig dem kommerziellen Druck standhalten. THOMAS LINDENBERGER (Potsdam) sprach sich in seinem Kommentar dafür aus, die Musiksubkulturen der Sowjetunion nicht auf Opfer der kapitalistischen Kulturindustrien zu reduzieren, sondern diesen Prozess der Kommerzialisierung als einen politischen zu betrachten. Die Entwicklung der Musikszene stelle damit eine für Subkulturen typische Verfallsgeschichte dar, die von Kommerzialisierung und dem Verlust von Authentizität geprägt sei. Angemerkt wurde die Brisanz von Gender in der Rockmusik: Geschlecht stelle eine der stabilsten Kategorien für die (Re-)Produktion von Ordnung dar. Wie wurde Gender auf die verschiedenen Musikstile bezogen – zum Beispiel Schlager als weiblich und Punk als männlich konnotierte Musik – und was wurde damit assoziiert?

Wie die Lebenswelt Schule durch die Umbruchsphase geprägt war, untersucht KATHRIN ZÖLLER. Die Tatsache, dass der Unterricht trotz enormer Einschnitte in das Leben weiterging, „du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst“[1], sei eine große Herausforderung für alle schulischen Akteur/innen gewesen. Schüler/innen hätten zwar während der Umbruchszeit in der Schule den Umgang mit Herrschaft sowie das Austesten von Grenzen ohne folgenschwere Sanktionen üben können. Allerdings assoziierten die von ihr bisher befragten Personen im Nachhinein den Systemwechsel nicht mit der Schule, sondern mit Momenten aus ihrer Lebenswelt außerhalb der staatlichen Bildungsinstitution. In der Diskussion wurde Kathrin Zöllers „methodischer Dreischritt“ aus Praxeologie, Oral History und der Sekundäranalyse der 1987 in der DDR begonnenen und bis heute weitergeführten Sächsischen Längsschnittstudie debattiert. Zöller plädierte für eine Berücksichtigung der Entstehungsgeschichte der Studie und das Einbeziehen der Originalfragebögen in die Auswertung aus zeithistorischer Perspektive. Mit Neugier und Skepsis wurde ihr experimenteller Zugang zur Verknüpfung von Oral History-Interviews und sozialwissenschaftlichen Studien aus den 1980er-Jahren diskutiert. EMMANUEL DROIT (Berlin) hinterfragte, ob die systemischen Veränderungen in einem „staatlichen Unternehmen“ wie der Schule nicht schärfere Einschnitte in die Lebenswelt bedingten. Kathrin Zöller verwies auf die Diversität der schulischen Akteur/innen, die in weiteren Interviews einbezogen würden und möglicherweise drastischere Erfahrungen gesammelt hätten.

Zu Beginn des letzten Panels über Konsum und Gesellschaft lenkte KATJA BÖHME (Potsdam) den Blick auf den Übergang von Gebrauchswert zum Kulturwert eines Objektes. Sie untersuchte die Beziehung von Biografie und Objektwelt in der DDR und Ostdeutschland anhand der Schenkung von über tausend DDR-Objekten einer ehemaligen DDR-Bürgerin an das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt. Insbesondere im Kontext eines sprunghaften Neuerwerbs von westlichen Konsumgütern zu Beginn der 1990er-Jahre und dem gleichzeitigen Wegwerfen von DDR-Alltagsgegenständen („Abschütteln von ‚DDR-Ballast’“) als Anpassung an die westliche Lebenswelt, sei es zu einem Ent- und Neubewertungsprozess materieller Objekte und somit zu einem Wandel der materiellen Kultur gekommen. Der Umgang mit und der Erwerb von Dingen sei konstitutiv für die Individualisierung von Lebensweisen, so Böhme, die aus diesem Prozess sozial- und lebensgeschichtliche Rückschlüsse ableiten möchte. JULIA OBERTREIS (Erlangen) schlug in ihrem Kommentar vor, die Analyse um eine nicht-museale Perspektive der verkauften, unbenutzten, kaputten, reparierten oder vererbten Dinge zu erweitern.

Dem Konsum in Ostdeutschland wendete sich CLEMENS VILLINGER zu, der anhand einer Fallstudie zu einem thüringischen Dorf den Wandel von Erwerbs- und Gebrauchspraktiken von Waren und Dienstleistungen im historischen Umbruch 1989/90 untersuchte und sich dabei auf die Konsumfelder Ernährung und Hausbau konzentrierte. Den Begriff „Konsum“, welchen er durch eine Analyse von Praktiken von seiner normativen Prägung und westlicher Konnotation lösen möchte, konstruierte er mittels eines praxeologischen Ansatzes. In den 27, Anfang der 1990er-Jahre geführten Interviews aus Merxleben, die ihm als empirische Basis dienten, würden frühere Konsumpraktiken, wie die Überwindung von Engpässen, als Erfolgsgeschichte wahrgenommen; die Konsumpraktiken nach dem Umbruch dagegen als Verlustgeschichte, da dies als Krise des sozialen Umgangs in der Lebenswelt bewertet würde. Julia Obertreis brachte die Faktoren „Vitamin B“ und Verwandtschaftsbeziehungen in Dorfgemeinschaften sowie eine begriffliche Abgrenzung von Konsumpraktiken zu Vergnügungspraktiken auch im Verhältnis Stadt/Land in die Diskussion, welche sich auch Villingers methodischem Ansatz der Sekundäranalyse von ethnologischen Forschungsdaten widmete.

In der Abschlussdiskussion wurde das interdisziplinäre Vorgehen der Sekundäranalyse von sozialwissenschaftlichen Erhebungen, mit der die vier Wissenschaftler/innen des ZZF einen kaum betretenen methodologischen Pfad in der Geschichtswissenschaft einschlagen, als Grundsatzdebatte kritisch, aber dennoch konstruktiv, unter die Lupe genommen. Dies offenbarte die unterschiedliche akademische Ausrichtung zwischen qualitativer und quantitativer Forschung der Teilnehmer/innen. MICHAL KOPEČEK (Jena/ Prag) sprach die kritische Historisierung der Sozialwissenschaften als Voraussetzung der Sekundäranalyse an, da diese Wissenschaften selbst historische Akteur/innen seien bzw. zu einem Hauptinstrument der politischen Akteur/innen gemacht wurden. Die intensive Debatte zeigte, dass das Thema weiterer Auseinandersetzung bedarf. So sprachen sich auch die Expert/innen dafür aus, diesem Themenkomplex auf einer Nachfolgetagung ein eigenes Panel zu widmen.

Die Diskussion um den Zusammenhang von Systemebene und Lebenswelt offenbarte einen Konflikt von Makro- und Mikrogeschichte: Während HANNES SIEGRIST (Leipzig) einzig in der Untersuchung des Wandels von Institutionen einen Erkenntnisgewinn sah, plädierte CLAUDIA KRAFT (Siegen) für eine genauere Erforschung des Umgangs der Menschen mit den Regeln, anstatt die der Regelfunktionen selbst. Einen vermittelnden Vorschlag unterbreitete RAJ KOLLMORGEN (Görlitz/Zittau), der System und Lebenswelt nicht zu sehr auseinander reißen möchte, sondern einen Gewinn darin sieht, beide miteinander zu verknüpfen – einen Weg, den das Potsdamer Projekt beschreitet, während das von Kraft geleitete Siegener Projekt „Manövrierräume im Staatssozialismus“ stärker auf die Analyse von Situationen setzt.

Als grundlegende Herausforderung der Gesellschaftsgeschichte des Umbruchs kristallisierte sich die Bestimmung des Zeitpunktes heraus, von dem aus Fragen an die Zeitgeschichte gestellt werden: Wird die Zäsur 1989 im Rahmen einer „Problemgeschichte der Gegenwart“ (Hockerts) betrachtet oder doch als eine Erosionsgeschichte der DDR zusammen mit einer relativen Erfolgsgeschichte der BRD? JENS GIESEKE (Potsdam) warnte vor einer Geschichte der Vereinigungsgesellschaft mit der Demokratie als Endpunkt. Stattdessen forderte er die Aufnahme der DDR als ebenbürtiges Untersuchungsobjekt in die Vereinigungsgeschichte. Frank Bösch ergänzte, dass die alte Bundesrepublik nicht als selbstverständlich zu sehen sei und ebenso in die Forschung über den Umbruch einbezogen werden müsse.

Die Diskussion um die Begrifflichkeit „Transformation“, rief infolge Thers Vorschlag, 1989/90 als „Scharnier“ zu beschreiben, viele Lösungsvorschläge zu Tage, deren nebeneinander stehende Vielfalt schlussendlich akzeptiert wurde. Vor allem Droits Metapher für den Umbruch als ein Schwimmer zwischen zwei Flussufern, fand Anklang. Kollmorgen machte sich für den Transformationsbegriff für Raum und Zeit als zusammenhängende Kategorien stark. Hierzu stellte MATTHIAS MIDDELL (Leipzig) in Frage, ob die DDR im Zentrum von 1989 stehe und forderte, die globalen Dimensionen mehr in den Fokus zu nehmen. Er fragte provokant, ob das Phänomen 1989 nicht sogar bis heute andauere.

Im Ganzen lieferte die Auftakttagung des Projekts mit renommierten Referent/innen und Kommentator/innen sowie interdisziplinären Beiträgen einen wichtigen Anstoß für die Forschung an der Gesellschaftsgeschichte des Umbruchs und für die Nutzung von sozialwissenschaftlichen Quellen in der Geschichtswissenschaft. Sie zeigte auch, dass der Blick über den disziplinären Tellerrand und das Einnehmen unterschiedlicher Akteursperspektiven zu einer kritischen Selbstreflexion führen kann, die für das Schreiben der jüngsten Zeitgeschichte(n) unablässig ist. Schließlich befinden Historiker/innen sich aktuell selbst noch in den Ausläufern jenes heiß diskutierten Umbruchs.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Frank Bösch (Potsdam)

Inhaltliche Einführung
Kerstin Brückweh (Potsdam)

Keynote
Philipp Ther (Wien): Die Transformation von unten
Moderation: Ana Kladnik (Potsdam)

Panel I: Wohnen und Eigentum. Zwischen Enteignung, Aneignung und Neukonstituierung der Lebenswelt
Moderation: Elisabeth Timm (Münster)

Ines Langelüddecke (Hamburg): Aneignung und Umdeutung. Wie die Erben der früheren Gutsbesitzer in Brandenburg Geschichte schreiben
Kerstin Brückweh (Potsdam): Ostdeutsche Eigenheime im Kontext. Eigentum, Raum, Zeit
Kommentare: Matěj Spurný (Prag), Hannes Siegrist (Leipzig)

Panel II: Politische Kultur, lokale Demokratisierung und Partizipation im Umbruch
Moderation: Detlef Pollack (Münster)

Markus Krzoska (Siegen): Die Wahrnehmung der Umweltverschmutzung im ostdeutsch-polnisch-tschechoslowakischen ,Schwarzen Dreieck‘. Massenphänomen oder
Spezialistenproblem?
Anja Schröter (Potsdam): Politische Kultur Ost? Lokale Demokratisierung und Partizipation vor, in und nach der friedlichen Revolution
Kommentare: Jan Palmowski (Warwick), Ned Richardson-Little (Exeter)

Panel III: Zwischen Straße und Schulhof. Jugendliche Lebenswelten im Umbruch
Moderation: Sabine Reh (Berlin)

Christian Werkmeister (Halle): Vom „punkigsten Land der Welt“ zum „kulturpolitischen U-Boot“. Der Wandel eigenständiger Jugendszenen im sowjetischen Zerfallsprozess
Kathrin Zöller (Potsdam): Hurra, hurra die Schule brennt? Schulische Lebenswelt in Ostdeutschland vor, während und nach 1989/90
Kommentare: Emmanuel Droit (Berlin), Thomas Lindenberger (Potsdam)

Panel IV: Konsum und Gesellschaft in der langen Geschichte der „Wende“
Moderation: Heinz-Gerhard Haupt (Bielefeld/Florenz)

Katja Böhme (Potsdam): Behalten, entsorgen, ersetzen. (DDR-)Dinge als Quelle für eine Sozialgeschichte des Umbruchs
Clemens Villinger (Potsdam): Den Konsum im Dorf lassen. Ländliche Erwerbs- und Gebrauchspraktiken vor, während und nach 1989/90
Kommentar: Julia Obertreis (Erlangen)

Roundtable: Lebenswelt im Systemwechsel. Gesellschaftsgeschichtliche Dimensionen einer langen Geschichte von „1989“
Moderation: Kerstin Brückweh (Potsdam)

Expert/innen: Matthias Middell (Leipzig), Claudia Kraft (Siegen), Michal Kopeček (Jena/Prag), Raj Kollmorgen (Görlitz/Zittau), Jens Gieseke (Potsdam)

Anmerkung:
[1] Bezieht sich auf den Klappentext von Peter Richter, 89/90, München 2015: „Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst [...]?“.

Zitation
Tagungsbericht: Zur Gesellschaftsgeschichte des Umbruchs. Lebenswelt und Systemwechsel vor, während und nach 1989, 22.06.2017 – 23.06.2017 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 06.10.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7347>.