Vielfalt der Reformation - Vielfalt der politischen Ordnungsvorstellungen

Ort
Freiburg
Veranstalter
Historisches Seminar, Universität Freiburg
Datum
23.06.2017 - 24.06.2017
Von
Tom Zago / Luca Scalzini, Historisches Seminar, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

2017 jährt sich die Geburtsstunde der Reformation zum 500. Mal, doch was im heutigen zeitgenössischen Verständnis oftmals als eine einheitliche Bewegung dargestellt wird, präsentierte sich im 16. Jahrhundert unter einer Vielzahl verschiedener Facetten und Nuancen von Luther über Calvin, hin zu Zwingli und Melanchthon, Reformation à la Française oder aber Protestantismus in der englischen Façon. Diese Vielfalt der Reformation bildete den zentralen Gegenstand der vom Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit der Universität Freiburg organisierten Tagung - ein ambitioniertes Vorhaben. Während der Konferenz haben die Referenten und Referentinnen versucht, diesem Facettenreichtum gerecht zu werden und die theologischen Inhalte der reformatorischen Bewegung mit den dazu einhergehenden neuen politischen Ordnungsvorstellungen in Verbindung zu setzen.

Einem systematischen Einstieg in die Tagungsproblematik widmete sich NATALIE KRENTZ (Universität Erlangen-Nürnberg). Die Unterschiede bei der Ein- und Durchführung der Reformation in der Stadt beziehungsweise dem jeweiligen Herrschaftsgebiet bildeten den Schwerpunkt des Vortrages. Anhand der unterschiedlichen Phasen der Durchsetzung der Reformation am Beispiel einer Einführung im Zuge eines progressiv fortschreitenden Prozesses in der Stadt einerseits und am Beispiel der Reformation als Ablösungsmodell, der sog. landesherrlichen Reformation, andererseits. Die städtische Reformation zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass diese auf eine fortschreitende Umorganisierung des gesellschaftlichen Mikrokosmos abzielte. Die verschiedenen Phasen durchlaufend wurde die neue Lehre in der städtischen Bevölkerung bekannt und letztere für den neuen Glauben rezipierbar gemacht. Erst dann hätten sich die allgemeinen Instanzen der Stadt darum bemüht, eine Reorganisierung der theologischen Abläufe und der Liturgie herbeizuführen. Hierbei wurde vor allem das Konfliktpotenzial der spätmittelalterlichen Stadt bestehend aus einem ausgeprägten Antiklerikalismus als idealer Nährboden für die Reformation hervorgehoben. Im Gegensatz zur städtischen Reformation, die eine Verbreitung der neuen Glaubenslehre in der Bevölkerung auf förderte, operierte die landesherrliche Reformation vertikal. Spätestens mit dem Ausbruch des Bauernkrieges wurden die Rufe nach einer zügigen Einführung der Reformation durch die Landesherren lauter. Mit die Schließung von Klöstern, dem Erlass von Kirchen- und Landesordnungen, der Einsetzung evangelischer Pfarrer und der Durchführung von Visitationen wurde die Reformation im jeweiligen Territorium eingeführt. Beide Vorgänge beeinflussten die politische Ordnung der Territorien, indem sie die Entwicklung einer neuen Bürokratie anregten und sowohl die Stellung des Landesherren, als auch der Stadträte entscheidend stärkten. Der neue reformatorische Gottesdienst, so Natalie Krentz, wurde zum Symbol der Einheit der Stadt, des Landes und diente fortan der Repräsentation des Fürsten als christlicher Landesherr.

Wie sich Reformation und politische Ordnungsvorstellung in einer Person vereinen, zeigte ISABELLE DEFLERS (Universität Freiburg) in ihrem Vortrag zum berühmten lutherischen Reformator Philipp Melanchthon und dessen Verständnis von politischer Ordnung. Als Mitglied der respublica literaria stand Melanchton mit den wichtigsten Persönlichkeiten seiner Zeit in Verbindung und nahm wesentlichen Einfluss auf die zahlreichen politischen Ereignisse seiner Zeit. Das politische Umfeld Melanchthons würde somit einen entscheidenden Interpretationsrahmen zum Verständnis des Reformators bilden. Die Auffassung des Reformators bezüglich des Widerstandsrechts kann, so die Referentin, in zwei Perioden eingeteilt werden. In der Frühphase der Reformation zwischen 1521 und 1530 ist die Arbeit von Melanchthon von einer stringenten Ablehnung jeder Art von Widerstand gekennzeichnet. Mit der Zuspitzung der politischen Lage der Protestanten, veränderte sich die Haltung des Reformators. Das Widerstandsrecht als „Notwehr“ wurde gebilligt und gezwungenermaßen angenommen. Doch auch jetzt verlor Melanchthon sein eigentliches Ziel nicht aus den Augen: die Aufrechterhaltung des Friedens. Als Berater seines Landesherren in politischen und kirchlichen Fragen bemühte sich der Humanist darum, stets einen mittleren Weg einzuschlagen. Die politischen Unruhen seiner Zeit veranlassten ihn, sich mit der politischen Ordnung auseinanderzusetzen und die Aufgaben der Obrigkeit als Garant der Stabilität und Frieden festzulegen. Die Pax Publica, die Erhaltung des öffentlichen Friedens, muss als einer der wichtigsten Aspekte seiner Ordnungsvorstellung angesehen werden. Als Antwort auf die sich zuspitzende politische Lage im Reich musste auch Melanchthon seine Stellung reformulieren und ein aktives Widerstandsrecht in Aussicht stellen. Damit öffnete er einem organisierten Widerstand Tür und Tor. Der Druck der politischen Ereignisse zwangen den Reformator, seine Stellungnahme zu revidieren und seinen strickt pazifistischen Kurs zumindest zu nuancieren. Anhand von Melanchthon vermochte so die Wechselwirkung zwischen der sich beschleunigenden reichspolitischen Situation und der eigenen Positionierung der Reformatoren verdeutlicht zu werden.

Eine Tagung, die sich mit der Reformation beschäftigt, darf sich nicht nur mit dessen Anhängern und Propagandisten auseinandersetzten. Es lohnt sich, einen Blick auf die Fälle zu werfen, wo aktiv versucht wurde, die Reformation einzudämmen und ihre Ausbreitung zu verhindern. Diese so treffend benannten „gescheiterten Reformationen“ bildeten den Kern des Vortrags von CHRISTIAN KÜHNER (Universität Freiburg). Am Beispiel von Bayern und den österreichischen Erblanden skizzierte der Referent die Bemühungen, um die Einführung der Reformation zu verhindern bzw. einzudämmen. Obschon man Bayern und Österreich nur zu gerne als kulturell und historisch nahezu identisch ansieht, unterstreicht vor allem das Scheitern oder der Erfolg der jeweiligen Religionspolitik in beiden Territorien grundlegende historische gesellschaftspolitische Unterschiede. In Bayern war vor allem die starke Stellung des Fürstenhauses ausschlaggebend für den Erfolg der Religionspolitik. Die bayerischen Landesherren hatten bereits im Mittelalter ihren Einfluss auf die Kirche konsolidiert und ein Kirchenregiment errichtet. Obschon die Reformation auch hier vor allem innerhalb der intellektuellen Oberschicht Fuß fasste und Städte wie Augsburg oder Regensburg den neuen Glauben einführten, konnte sie sich nicht lange halten. Mittels harscher Maßnahmen wurde die Bevölkerung zur Konversion oder Emigration gezwungen und innerkatholische Reformen nahmen der Reformation ihre Angriffsfläche.

Weniger entschieden konnte die Reformation in den österreichischen Erblanden zurückgedrängt werden. Die Stellung der Habsburger als einerseits Landesherren über ihr eigenes Territorium und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – also auch protestantischer Landesfürsten – andererseits, zwang sie, eine konziliantere Linie zu bewahren. Ebenfalls kannten die österreichischen Erblanden einen einflussreichen Adel und eine im Vergleich zu Bayern vom Landesherren unabhängige Kirche – von einem Kirchenregiment konnte keine Rede sein. Die Politik der Rekatholisierung in den Erblanden bestand vornehmlich aus Überredung, Überzeugung und sanftem Druck. Erst mit dem Export der bayrischen Religionspolitik und vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges konnten die Habsburger dem Beispiel der bayerischen Wittelsbacher folgen. Machte in Bayern die starke landesherrliche Stellung, die Existenz eines Kirchenregiments und die persönliche Motivation der Wittelsbacher das Erfolgsrezept der Rekatholisierung aus, so muss der Spielraum des Kaisers viel enger gezogen werden. Als Kaiser der Heiligen Römischen Reiches konnte eine so entschiedene Vorgehensweise nicht adaptiert werden, was der Reformation einen leichteren Einzug erlaubte.

Ziel des Vortrags von CHRISTOPH STROHM (Universität Heidelberg) war es einerseits, einen Überblick über die einflussreiche und folgenschwere Schweizer Reformation zu geben und andererseits, die Besonderheiten derselben in Hinblick auf das Tagungsthema zu beleuchten. Die Schweizer Reformation entwickelte sich zunächst unabhängig in den urbanen Zentren Genf, Basel und Zürich und wuchs erst später zu einer Einheit zusammen. Hierbei hob der Referent hervor, dass sich die Schweizer Reformation keineswegs ausschließlich innerhalb der Grenzen der Schweizer Eidgenossenschaft abspielte, sondern vielmehr als grenzübergreifende Bewegung gedacht werden muss. Die Anfänge der Schweizer Reformation finden sich bei Zwingli, der, tief beeindruckt von den Lehren des Erasmus von Rotterdam, einen humanistischen Zugang zum Evangelium annahm und diesen in seiner Gemeinde Zürich auch in die Messe einfließen ließ. Außerdem erlangte er die Unterstützung der weltlichen Autoritäten der Stadt. Dies war besonders wichtig für Zwinglis reformatorischen Ansatz, weil er eine Reformation der Gesellschaft für ebenso notwendig hielt wie eine Reformation des Glaubens. Zwinglis Kurs brachte die Stadt Zürich in Konflikt mit der Katholischen Kirche, welche jedoch den Abfall nicht verhindern konnte. Zwingli sprach der Kirche das Recht ab, Verhaltensregeln jenseits der Bibel festzulegen, ohne jedoch ins lutherische sola fide überzugehen. Und eben das Verhältnis zwischen Zwingli und Luther lohnt weiterer Betrachtung. Der wesentliche Unterschied ergab sich aus Zwinglis philosophischerem Zugang zur Bibel. Hinzu kamen die unterschiedlichen Auffassungen in Bezug auf die Kirchenzucht als staatliche Sittenzucht. Zwingli trieb dies besonders voran, indem er in Zürich ein nach den Regulatorien der Bibel richtendes, weltlich-geistliches Gericht einsetzte. Zwingli distanzierte sich im Laufe der Zeit verstärkt vom Wittenberger Reformator und betonte seine Eigenständigkeit.

In seinem Vortrag beschäftigte sich MARK GREENGRASS (Universität Paris-Sorbonne) mit der französischen Reformation und deren besonders gewaltsamen Verlauf, den er auf den „hugenottischen Traum“ eines protestantischen Frankreichs und die ebenso radikale Verfolgung der Protestanten durch die gallikanische Kirche zurückführte. Die zunächst von außen induzierte französische Reformation wurde erst 1559 zu einer genuin französischen Bewegung, als sie von Parteien mit militärischen Optionen aufgegriffen wurde. In dieser ersten Phase der französischen Reformation sieht die heutige Forschung das Bestreben seitens der Hugenotten, den Protestantismus als Staatsreligion einzuführen und den König zu konvertieren – falls nötig auch gewaltsam. Als zusätzlicher eskalierender Faktor habe der französische Zentralismus eine wichtige Rolle gespielt, denn er verhinderte eine regionale Lösung der Spannungen wie im Heiligen Römischen Reich. Der „hugenottische Traum“ von der Konversion des Königs war aber mit der St.-Bartholomäus-Nacht ausgeträumt. Gleichberechtigung war nun das Ziel der Hugenotten. Andererseits sahen die Katholiken die Chance, die Hugenotten vollständig auszurotten und standen der Idee des religiösen Pluralismus ablehnend gegenüber. Das Resultat war ein Bürgerkrieg mit heftigen Ausschreitungen auf beiden Seiten. Die Krönung und Konversion Heinrichs von Navarra beendete endgültig den Traum eines protestantischen Königs, zeigte sie doch, dass der französische König nur Katholik sein konnte. Gleichzeitig brachte sie jedoch mit dem Edikt von Nantes zumindest zeitweiligen Frieden und Toleranz. Es sei dennoch falsch, dieses Edikt von Nantes als Grundstein für Glaubensfreiheit zu betrachten, wurde es doch 1629 widerrufen. Mark Greengrass zeigte in seinem Vortrag auf, dass die französische Reformation und ihr besonders blutiger Verlauf verschiedenen Faktoren geschuldet war: Zunächst der Stärke der gallikanischen Kirche, dann der relative Schwäche des französischen Königtums in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sowie dem Ansatz der vollständigen Konversion, den beide Seiten verfolgten.

In seinem Vortrag zeichnete RONALD G. ASCH (Universität Freiburg) die Entwicklungslinien der englischen Reformation von Heinrich VIII. bis zur ‚Glorious Revolution‘ nach. Ersterer muss auch als die prägende Figur der englischen Reformation betrachtet werden, selbst wenn seine eigenen Glaubensvorstellungen unklar und die theologische Nähe der Church of England zum Katholizismus groß blieben. Politische Überlegungen verhinderten die Vollendung des Konfessionalisierungsprozesses. Während unter Heinrich VIII. vor allem die Vorherrschaft des Königs über die Kirche durchgesetzt wurde, fand die eigentliche Reformation verstärkt unter Edward VI. statt. Dem minderjährigen König konnten seine Schwächen leichter verziehen werden, sodass er zum Vorbild des idealen protestantischen Königs avancierte, das sein Vater aufgrund seiner religiösen Ambivalenz und weltlichen Laster nicht hatte sein können. Die blutige Regentschaft seiner Nachfolgerin, der katholischen Königin Mary I., erschütterte nachhaltig das Vertrauen der Protestanten in die Krone. Der Kompromisscharakter der elisabethanischen Reformation verstärkte Unmut und Zweifel der Protestanten zusätzlich. In diesem Klima tiefsten gegenseitigen Misstrauens wurde die Frage nach der Vorherrschaft des Königs immer wieder diskutiert. Dies trieb Gräben durch die englischen Eliten, die sich auch im politischen Konflikt zwischen Krone und Parlament niederschlugen. Die Protestanten wurden vermehrt zu Unterstützern des Republikanismus, weil sie darin die Möglichkeit zur Durchsetzung ihrer Religion sahen. Obwohl in der neuen Church of England nach der Wiederherstellung des Königtums spätestens ab 1688 eine Glaubensfreiheit für Protestanten herrschte, blieb das konfessionelle Bild der Church of England unscharf und entsprach somit nicht dem angestrebten puritanischen Ideal. Es waren die großen Entwicklungslinien der Reformation in England, die Ronald G. Asch hervorhob, um gleichzeitig darzulegen, wie der Kompromisscharakter der Church of England zwar ein prinzipielles Miteinander von Katholiken und Protestanten erlaubte, gleichzeitig aber tiefen Unmut und Unzufriedenheit in extremeren Kreisen auslöste und schließlich auch das Fortbestehen der Monarchie gefährdete.

„Vielfalt der Reformation - Vielfalt der politischen Ordnungsvorstellungen“, so lautete das eingangs vorgestellte Thema der Tagung und wenn eines klar wurde, dann, dass es die eine Reformation nicht geben konnte. Die Referenten konnten nur exemplarisch anreißen, welche Komplexität sich hinter den verschiedenen Vorläufen und Akteuren verbirgt. Jedoch wurde veranschaulicht, wie sich die Reformation je nach kulturellem und politischem Kontext differenziert ausdrückte, was sich unmittelbar auf ihren Erfolg auswirkte. Was sich jedoch als gemeinsames Fazit sagen lässt, ist die tiefe Verflechtung politischer und religiöser Vorstellungen und ihre besondere Interdependenz in der Frühen Neuzeit. Gleichwohl müssen, eben aufgrund der Vielfalt sowohl der reformatorischen Bestrebungen als auch der politischen Ordnungsvorstellungen, die regionalen Besonderheiten und Unterschiede aufmerksam beobachtet und berücksichtigt werden. Indem die Referenten und Referentinnen stets auf die Tatsache hinwiesen, dass die erfolgreiche Ausbreitung dieser kirchlichen Erneuerungsbewegung alles andere als selbstverständlich gewesen ist, wurde der enge Bezug der Reformation zur gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingung des 16. Jahrhunderts klar herausgearbeitet.

Konferenzübersicht:

Ronald G. Asch (Freiburg): Einführung

Natalie Krentz (Erlangen-Nürnberg): Die lutherische Reformation zwischen städtischer und landesherrlicher Reformation

Isabelle Deflers (Freiburg): Melanchthons Reformation und sein Verständnis von politischer Ordnung

Christian Kühner (Freiburg): Gescheiterte Reformationen: Bayern und die österreichischen Erblande im Vergleich

Christoph Strohm (Heidelberg): Die Schweizer Reformation als Alternativmodell zur Wittenberger Reformation

Mark Greengrass (Paris): Die Hugenotten und die französische Monarchie

Ronald G. Asch (Freiburg): Die Reformation und die politische Kultur in England

Zitation
Tagungsbericht: Vielfalt der Reformation - Vielfalt der politischen Ordnungsvorstellungen, 23.06.2017 – 24.06.2017 Freiburg, in: H-Soz-Kult, 23.10.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7354>.
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23.10.2017
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