Get Together der Initiative Digital Humanities im Rhein-Main-Gebiet

Ort
Mainz
Veranstalter
Centrum für Digitale Forschung in den Geistes-, Sozial- und Bildungswissenschaften (CEDIFOR); Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften (mainzed)
Datum
22.09.2017
Von
Anne Klammt, mainzed - Mainzer Zentrum für Digitalität in den Geistes- und Kulturwissenschaften

Vielfältig und inspirierend verlief das erste Get Together der Initiative Digital Humanities im Rhein-Main-Universitäten-Verbund (RMU) in Mainz. Die Veranstalter haben damit einen ersten Meilenstein ihres mit Mitteln der strategischen Allianz Rhein-Main-Universitäten (RMU) geförderten Vorhabens zur Etablierung eines Verbundes aller in den Digital Humanities aktiven Einrichtungen im Rhein-Main-Gebiet umgesetzt. Ziel des Verbundes ist es, die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Einrichtungen zu vereinfachen und zu vervielfältigen, um gemeinsame Schwerpunkte in der Forschung, Lehre und Vermittlung zu entwickeln. Das Rhein-Main-Gebiet versammelt eine Fülle von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die innovative Forschungen in den Digital Humanities betreiben. Bester Beleg waren die binnen weniger Wochen eingetroffenen insgesamt 38 Anmeldungen von Postern. Das Spektrum der Forschungsthemen und -methoden, wie auch der Institutionen hat selbst die Veranstalter überrascht. Gegliedert in „Projekte“, „Konzepte“ und „Tools“ wurden geplante Vorhaben, laufende Projekte und Anwendungen aus den digitalen Geistes- und Kulturwissenschaften vorgestellt. Vertreten waren neben mainzed und CEDIFOR sowie den unterschiedlichen Instituten und Abteilungen der drei Universitäten in Darmstadt, Frankfurt und Mainz auch zahlreiche außeruniversitäre Einrichtungen (darunter zwei Einrichtungen des Leibniz-Verbunds, das Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte und das Städel-Museum).

Eine nachhaltige Entwicklung der Digital Humanities im Rhein-Main-Gebiet benötigt aber nicht allein Kompetenz und Forschergeist in der Informatik und den Geistes- und Kulturwissenschaften, sondern langfristige Strategien und technische Forschungsinfrastrukturen. Die strategischen Ziele und erreichten Meilensteine waren Inhalt der Vorstellungen von mainzed und von CEDIFOR sowie der Digitalen Akademie an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, dem Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte und des Leibniz-Institutes für Europäische Geschichte. Deutlich wurde hierbei, dass eine Strategie zur digitalen Forschung an geistes- und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen und Objekten für jede Einrichtung und jeden Verbund individuell abgeleitet werden muss; generische Lösungen gibt es nicht.

Strukturelle Anpassungen, das Angebot neuer Dienste und die systematische Neuorientierung sind Erfordernisse, die sich aus dem neuen Forschungsfeld Digital Humanities und der Digitalisierung der Geistes- und Kulturwissenschaften insgesamt für die wissenschaftlichen Bibliotheken und die Rechenzentren ergeben. Zu bewältigen sind der Bedarf nach persistenten Adressen (PID, DOI), Viewern für 3D-Objekten, offenen Daten, Tools, kollaborativen Arbeitsumgebungen, der Möglichkeit zur Versionskontrolle, virtuellen Forschungsumgebungen, der Emulation von Anwendungen und Programmen zur forschungsgeschichtlichen Dokumentation und Vieles mehr. Wie die Rechenzentren und Bibliotheken der drei Universitäten auf diese Herausforderungen reagieren und den Transformationsprozess gestalten wurde in zwei kollaborativen Referaten vorgetragen. Eine besondere Rolle nimmt schließlich die Deutsche Nationalbibliothek (DNB), Frankfurt, ein. In einem eigenen Beitrag wurden Perspektiven ihrer Arbeit an den für die Semantische Vernetzung so wichtigen Normdaten wie auch an dem Web-Archiv vorstellte.

War das Get Together den Tag über ganz von Konzepten, Bedarfen und Anwendungen bestimmt, lenkte die Keynote von JOSCHA BACH [Harvard University] am Abend den Blick auf die Gesamtheit der wissenschaftlichen Beschäftigung mit geisteswissenschaftlichen Fragen mit der Hilfe von und aus dem Blick der Informatik. Fußend auf seinen Forschungen im Program for Evolutionary Dynamics entfaltete Bach seine Thesen zum menschlichen Denken, das durch die Fortschritte auf dem Feld der künstlichen Intelligenz (KI) neu und anders zu verstehen sei. Ein wesentlicher Punkt ist für Bach, dass KI sich fundamental vom menschlichen Geist unterscheidet und stets unterscheiden wird, weil das menschliche Denken nicht von seiner körperlichen Bedingtheit zu trennen ist und nicht vollständig berechenbar sein kann. Die Informatik und Mathematik liefern aber neue Zugangswege und neue Bilder zur Betrachtung genuin geisteswissenschaftlicher und philosophischer Fragen. Daher, so forderte Bach sein Plenum auf, müssen die Geisteswissenschaften die Möglichkeiten der Digitalisierung und die Ergebnisse der Forschungen zur KI nutzen, sonst werden sie aus der Zeit und ihren Diskursen fallen. Die Vorträge und die Keynote wurden aufgezeichnet und eine zeitnahe Veröffentlichung auf Youtube wird angestrebt.

Konferenzübersicht:

Einführung
Kai-Christian Bruhn (Mainz): Vorstellung mainzed
Johannes Daxenberger (Darmstadt): Vorstellung CEDIFOR

Forschungsinfrastrukturen im Rhein-Main-Gebier
André Brinckmann (Mainz): Rechenzentren der Rhein-Main-Universitäten,
Thomas Risse (Frankfurt am Main): Universitätsbibliotheken der Rhein-Main-Universitäten
Peter Leinen (Frankfurt am Main): Deutsche Nationalbibliothek

Digitale Strategien außeruniversitärer Forschungseinrichtungen
Andreas Wagner (Frankfurt am Main): MPI Europäische Rechtsgeschichte
Marco Büchler (Mainz): Leibniz-Institut für Europäische Geschichte
Torsten Schrade (Mainz): Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz

Keynote
Joscha Bach (Harvard University): Von der KI zum digitalisierten Geist: Was zum Puzzle fehlt

Zitation
Tagungsbericht: Get Together der Initiative Digital Humanities im Rhein-Main-Gebiet, 22.09.2017 Mainz, in: H-Soz-Kult, 06.10.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7361>.
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Veröffentlicht am
06.10.2017
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