Christliches Leben in der DDR

Ort
Berlin
Veranstalter
Henning Theißen (Universität Greifswald), Andreas Stegmann (Humboldt-Universität zu Berlin), Verein für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte, Verein für Kirchengeschichte der Kirchenprovinz Sachsen
Datum
11.03.2017
Von
Andreas Stegmann, Institut für Kirchengeschichte, Humboldt-Universität zu Berlin

Seit der Mitte der 1950er-Jahre wurde im ostdeutschen Protestantismus mit zunehmender Polarisierung und Schärfe über das Verhältnis zum SED-Staat diskutiert. In dieser Diskussion wurden auch die Fragen aufgeworfen, ob und wie man als Christ in der DDR leben könne. Eine wichtige Stimme dieser Diskussion war der Hallesche Studentenpfarrer und Naumburger Theologiedozent Johannes Hamel (1911–2002), an dessen vor 60 Jahren erschienene wegweisende Schrift „Christ in der DDR“ die Tagung erinnerte.

Im ersten Teil der Tagung wurden Person und Werk von Johannes Hamel in den Blick genommen, dessen Biographie bisher größeres Interesse als seine Theologie gefunden hat. ANDREAS STEGMANN (Berlin) führte am Beispiel von Johannes Hamels Stellungnahmen der 1950er- und frühen 1960er-Jahre in die Thematik ein. Er zeigte, dass seit der Mitte der 1950er-Jahre die Frage nach der Möglichkeit und der Gestaltung christlichen Lebens in der DDR immer wieder gestellt und unterschiedlich beantwortet wurde und dass Hamels Beiträge und seine Mitarbeit an der als Reaktion auf den Mauerbau 1963 veröffentlichten „Zehn Artikeln über Freiheit und Dienst der Kirche“ den innerkirchlichen Diskurs befruchtet haben. ULRICH SCHRÖTER (Berlin) stellte die beiden wichtigsten, vor dem Mauerfall entstandenen kirchlichen Stellungnahmen zum christlichen Leben in der DDR vor: die unter Mitarbeit Johannes Hamels entstandene Handreichung „Das Evangelium und das christliche Leben in der Deutschen Demokratischen Republik“ der der Evangelischen Kirche der Union (EKU) von 1959 und die Handreichung „Der Christ in der DDR“ der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) von 1960. Beide Handreichungen versuchen von der Bibel her die Situation in der DDR zu analysieren und mit Rückgriff auf die damals im Protestantismus gängigen Argumentationsmuster politischer Ethik wie der Zweireichelehre oder der Lehre von Königsherrschaft Christi sachlich plausible und praktisch umsetzbare Anleitung zum christlichen Leben in der DDR zu geben. Vor allem der EKU-Denkschrift gelang diese biblisch inspirierte und theologisch reflektierte Situationsdeutung, weshalb sie auch innerkirchlich breit rezipiert wurde. AXEL NOACK (Halle) stellte die Mitarbeit Johannes Hamels in kirchlichen Gremien der Kirchenprovinz Sachsen, der Evangelischen Kirche der Union und der Evangelischen Kirche in Deutschland während der 1960er- und 1970er-Jahre vor und gab damit Einblick in ein für die Gesamtwürdigung von Hamels Person und Wirken bislang nicht ausreichend berücksichtigtes Arbeitsfeld. Der Mauerbau 1961 war für Hamel ein wichtiger Einschnitt: Hatte er zuvor für ein religiös begründetes Bleiben in der DDR geworben und sich in bemerkenswertem Freimut vom SED-Staat einerseits und einer ihrer Verantwortung nicht gerecht werdenden Kirche andererseits distanziert, so konzentrierte er sich seit dem Mauerbau auf die praktische Ausgestaltung kirchlicher Organisation und Tätigkeit im Schatten der Mauer. Die drei Beiträge des ersten Teils der Tagung zeigten, dass Johannes Hamel von den 1950er- bis zu den 1970er-Jahren eine wichtige Stimme innerhalb des ostdeutschen Protestantismus war, machten zugleich aber auch deutlich, dass dieser Protestantismus in sich vielstimmig war und dass auf die viele bewegende Frage nach dem christlichen Leben in der DDR vielfältige Antworten gab.

Von den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren ausgehend wurde dann die Diskussion über das christliche Leben im ostdeutschen Protestantismus am Beispiel einzelner Themen und Protagonisten bis in die 1980er-Jahre verfolgt. MATTHIAS GOCKEL (Basel) wertete im komparativer Perspektive die Quellen zum Luthergedenken des Jahrs 1983 in Ost- und Westdeutschland aus. Er zeigte, dass die „geteilte“ Geschichte nicht nur eine „getrennte“, sondern eben auch eine „gemeinsame“ Geschichte war und dass der Protestantismus in Ost und West die Erinnerung an die Reformation nutzte, sich der eigenen Gegenwart gegenüber zu positionieren. MICHAEL HÜTTENHOFF (Saarbrücken) wandte sich den staatsnahen evangelischen Theologen der DDR (Rosemarie Müller-Streisand, Gert Wendelborn, Gerhard Bassarak u.a.) zu und untersuchte deren Rezeption der reformatorischen Zweireichelehre. Diese war zuvor schon in Kreisen der Ost-CDU und des staatsnahen Luthertums (Moritz Mitzenheim) genutzt worden, um den SED-Staat theologisch zu affirmieren, und strukturanaloge Argumentationsmodelle für die Bestimmung des Verhältnisses von Kirche und Staat fanden sich sogar in SED-nahen Kreisen. Bei den staatsnahen Theologen diente die Zweireichelehre in den 1960er- und 1970er-Jahren dazu, deren ideologisch motivierte Bejahung des SED-Staats nachträglich theologisch zu legitimieren, allerdings um den Preis einer Verzeichnung der Zweireichelehre und einer Preisgabe des christlichen Wahrheitsanspruchs. Rezipiert wurde diese staatsloyale Zweireichelehre im kirchlichen Raum nicht, vielmehr wurde anstelle der fragwürdigen Trennung von weltlichem und geistlichem Bereich und der Beschränkung der Kirche auf den geistlichen Bereich die von der reformatorischen Zweireichelehre eigentlich geforderte Unterscheidung der Bereiche eingeschärft, die um das Recht der Kirche weiß, sich der Welt gegenüber zu verhalten. HENNING THEISSEN (Greifswald) zeigte am Beispiel des akademischen Unterrichts und der für diesen bestimmten Lehrbücher theologischer Ethik, wie die theologische Reflexion und Diskussion christlichen Lebens in der DDR Gestalt gewann. Die an der staatsnahen Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin entstandene Ethikdarstellung von Hans-Georg Fritzsche und das am kirchennahen Theologischen Seminar Leipzig entstandene Ethiklehrbuch von Joachim Wiebering entwickelten in den 1980er-Jahren Deutungen christlichen Lebens in der DDR, die beide Prinzipien- und Situationsethik zu verbinden versuchten, wobei Fritzsche eher das Sich-Einlassen auf die gegebene Situation, Wiebering eher die Orientierung an den Prinzipien verfolgte. ANNE KÄFER (Münster) richtete den Blick auf die 1980er-Jahre und zeigte am Beispiel des Umweltthemas, welche Schnittmengen es zwischen Oppositionsgruppen und Kirche gab. Zwei personenbezogene Beiträge rundeten den exemplarischen Gang durch vierzig Jahre DDR-Kirchengeschichte ab: WOLFGANG RATZMANN (Leipzig) porträtierte den Leipziger Theologen Gottfried Voigt, der durch seine Lehrtätigkeit und seine Publikationen Generationen ostdeutscher Pfarrer die Bibel und die lutherische Tradition nahegebracht und sie durch seine für das Luthertum typischen glaubensgewisse und weltzugewandte Grundhaltung geprägt hat. Und MARTIN NAUMANN (Leipzig) stellte abschließend den Görlitzer Bischof Hans-Joachim Fränkel vor, dessen Einsatz für die Menschenrechte in den 1970er- und 1980er-Jahren diesem politischen und für den SED-Staat potentiell gefährlichen Thema eine theologische Tiefendimension abgewann.

Die Vorträge wurden von den ca. 50 Anwesenden mit großem Interesse aufgenommen und zum Teil kontrovers diskutiert. Wertvoll waren die Beiträge von Zeitzeugen, darunter eine Reihe von Theologinnen und Theologen, die während der DDR in kirchenleitender Funktion tätig waren – mit dem früheren Propst der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Friedrich Winter war sogar einer der Mitverfasser der EKU-Handreichung von 1959 anwesend – und die die wissenschaftliche Rückschau durch ihre Erfahrungen und Überlegungen bereicherten.

Konferenzübersicht:

Andreas Stegmann: Johannes Hamels Beitrag zur Diskussion um das christliche Leben in der DDR in den 1950er und frühen 1960er Jahren

Ulrich Schröter: Die Handreichungen zum Christsein in der DDR von EKU und VELKD (1959/60) und ihre Bedeutung für das Leben von Christen in der DDR

Axel Noack: Johannes Hamels Tätigkeit in kirchlichen Gremien und Kommissionen in den 1960er und 1970er Jahren

Matthias Gockel: Das Lutherjubiläum 1983 in Ost und West

Michael Hüttenhoff: Der Streit um die Rezeption der Zweireichelehre durch Vertreter einer staatsnahen evangelischen Theologie

Henning Theißen: Wie wurde theologische Ethik in der DDR gelehrt? Evangelische Beispielstudien

Wolfgang Ratzmann: Ein lutherischer Theologe aus Leidenschaft. Gottfried Voigts Impulse für Predigt und christliche Existenz in der DDR

Anne Käfer: Umweltschutz als Opposition. Ein Bindeglied zwischen Kirchen und Gruppen in der späten DDR?

Martin Naumann: Die Menschenrechte als zentrales Thema Bischof Hans-Joachim Fränkels

Zitation
Tagungsbericht: Christliches Leben in der DDR, 11.03.2017 Berlin, in: H-Soz-Kult, 16.10.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7362>.