Neue Forschung zur Kulturgeschichte des Sports

Ort
Bochum
Veranstalter
dvs-Sektion Sportgeschichte, Fakultät für Sportwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Datum
21.09.2017 - 22.09.2017
Von
Stefan Scholl, Universität Siegen

Die von Andreas Luh und Norbert Gissel (beide Bochum) an der Fakultät für Sportwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum ausgerichtete Tagung der jüngst wiederbelebten Sektion Sportgeschichte in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft widmete sich kulturgeschichtlich inspirierten Fragestellungen und Projekten im Bereich von Sport und Bewegungskultur und schloss damit an unterschiedliche Ansätze einer Neuen Kulturgeschichte an. Im Kern geht es letzterer darum, unter Kultur nicht einen gesellschaftlichen Teilbereich unter anderen zu verstehen, sondern nach gesellschaftlichen Konstruktions- und Reproduktionsmechanismen der Weltdeutung insgesamt zu fragen sowie scheinbar ahistorische Merkmale wie Geschlecht, Körper, Ethnizität oder nationale Identität in ihrer historischen Verfasstheit in den Blick zu nehmen.

Dass die kulturgeschichtliche Perspektive für die Sportgeschichte gewinnbringend ist und speziell den Austausch zwischen historisch orientierter Sportwissenschaft und AllgemeinhistorikerInnen, die Sport als wichtiges Feld gesellschaftlicher Sinnproduktion betrachten, stärken kann, zeigten nicht nur die beiden anregenden Rahmenvorträge von CHRISTIANE EISENBERG (Berlin) und JÜRGEN MARTSCHUKAT (Erfurt), sondern letztlich auch das breit gefächerte Themenspektrum der übrigen 14 Vorträge.

Grob einteilen lassen sich diese in vier sich teilweise überlappende Themenfelder, die auch innerhalb kulturgeschichtlicher Debatten einen wichtigen Platz einnehmen: Erstens rückten mehrere Beiträge die geschichts- oder gedächtnispolitischen Implikationen des Sports ins Zentrum ihrer Ausführungen. ANDREAS LUH (Universität Bochum) etwa analysierte den Comic „Asterix bei den Olympischen Spielen“ und stellte dessen Bedeutung im „kollektiven Gedächtnis“ Frankreichs heraus, THOMAS DWORSCHAK (Deutsche Sporthochschule Köln) wies auf die Rolle hin, die der Konstruktion einer authentischen Geschichte in modernen Yogadiskursen zukommt, HENRY WAHLIG und MALTE VON PIDOLL (Deutsches Fußballmuseum Dortmund) lieferten mit dem Deutschen Fußballmuseum ein ganz plastisches Beispiel für sporthistorische Geschichtspolitik in the making, und SVEN EHLERT (Universität Duisburg-Essen) führte aus, welche Rolle der Verweis auf die eigene Geschichte in der Konstruktion einer Vereinsidentität beim FC Barcelona spielte.

Zweitens stand die Frage nach Identitätskonstruktionen wiederum bei einer Reihe weiterer Beiträge im Mittelpunkt. So untersuchte etwa ANGELA LUISE HEINEMANN (Universität Duisburg-Essen) identitätsstiftende Praktiken bei den Berliner Turnern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. PHILIPP ELLRICH (Universität München) unterzog das Buch „Current State Snowboarding“ einer literaturwissenschaftlichen Analyse und betonte ebenfalls die identitätspolitischen Dimensionen solcher Selbstreflexionen.

Drittens war ein weiterer ‚klassischer‘ Fokus kulturgeschichtlicher Arbeiten breit vertreten: die Alltagsgeschichte. Sowohl die Beiträge von KAI REINHART (Universität Münster) zum Kreisklassenfußball in der DDR und von MARTIN BORKOWSKI-SARUHAN (Universität Göttingen) zum sportlichen Alltag in Oberschlesien während der deutschen Besatzungszeit als auch PAUL NIERHAUS’ (Gymnasium Sedanstraße, Wuppertal) Präsentation des spätmittelalterlichen Freischießens oder SVEN SIEMONS (Paderborn) dichte Beschreibung der Sechstage-Rennen bedienten sich alltagsgeschichtlicher Konzepte.

Viertens und letztens ging es in mehr oder weniger allen Beiträgen darum, auf welche Weise sportliche bzw. sportpolitische Gegenstände, Objekte wie Subjekte, durch Diskurse und Praktiken hervorgebracht wurden, sei es das moderne ‚Doping‘, wie im Beitrag von MARCEL REINOLD (Universität Münster), sei es das biopolitische Wissen um die gesundheitliche Wirkung von Sport, wie im Beitrag von STEFAN SCHOLL (Universität Siegen).

Insgesamt zeichnete sich deutlich das Erkenntnispotenzial kulturgeschichtlicher Fragestellungen an die Geschichte von Sport und Bewegungskultur ab, das weniger in einem einheitlichen methodisch-theoretischen Ansatz besteht, sondern daraus erwächst, dass Sport und Bewegungskultur als wichtiger Teil gesellschaftlicher Bedeutungsproduktion analysiert werden. Die Reaktivierung der Sektion Sportgeschichte, die bereits im nächsten Jahr die Diskussionen auf einer Tagung in Hannover weiterführen wird, scheint geglückt. Ein siebenminütiger Beitrag über die erkenntnisreiche Tagung war im Abendprogramm des Deutschlandfunks am 28. September zu hören[1].

Konferenzübersicht:

Christiane Eisenberg (Humboldt-Universität Berlin): Was ist Sport? Überlegungen zum Gegenstand einer Kulturgeschichte des Sports

Jürgen Martschukat (Universität Erfurt): Das Zeitalter der Fitness. Überlegungen zum Verhältnis von Liberalismus, Körper und Selbstverantwortung

Andreas Luh (Universität Bochum): Asterix bei den Olympischen Spielen,- Fiktionen und Wirklichkeiten, (sport) historische Erinnerung und kollektives Gedächtnis

Angela Luise Heinemann (Universität Duisburg-Essen): Nation, Gesang und Gefühl: Identitätsstiftende Praktiken bei den Berliner Turnern (1811-1820)

Stefan Scholl (Universität Siegen): Sportgeschichte, Gouvernementalität und Biopolitik

Claudia Fleischle-Braun (Universität Stuttgart): Studien zu Einflüssen der Rhythmus- und Ausdruckstanzbewegung auf die Tanzausbildung in Frankreich

Thomas Dworschak (Deutsche Sporthochschule Köln): Die Konstruktion des modernen Yoga

Henry Wahlig / Malte von Pidoll (Deutsches Fußballmuseum Dortmund): Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund aus kulturgeschichtlicher Sicht

Sven Siemon (Universität Paderborn): Sport und Kultur. Kulturhistorische Potenziale der Sechstage-Rennen im Kaiserreich und Weimarer Republik

Kai Reinhart (Universität Münster): „Helden der Kreisklasse“ in der DDR

Marcel Reinhold (Universität Münster): Erkenntnisperspektiven einer Kulturgeschichte der Anti-Doping-Politik

Martin Borowski-Saruhan (Universität Göttingen): Sport in Oberschlesien unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg: Volkstum, Alltag, Eigensinn

Sven Ehlert (Universität Duisburg-Essen): Der FC Barcelona während der Franco-Diktatur: Regimetreuer Club oder katalanischer Rückzugsort?

Paul Nierhaus (Gymnasium Sedanstraße,Wuppertal): Stadtkultur im spätmittelalterlichen Freischießen

Philipp Ellrich (Universität München): Current State Snowboarding: Zur formal-ästhetischen Lesbarkeit sportlicher Wirklichkeit

Anmerkung:
[1]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2017/09/28/kulturgeschichte_des_sports_dlf_20170928_2020_1f41be51.mp3 (19.10.2017).

Zitation
Tagungsbericht: Neue Forschung zur Kulturgeschichte des Sports, 21.09.2017 – 22.09.2017 Bochum, in: H-Soz-Kult, 26.10.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7372>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.10.2017
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