Medical Traditions in and around Byzantium

Ort
München
Veranstalter
Albrecht Berger, Institut für Byzantinistik, Ludwig-Maximilians-Universität München; Isabel Grimm-Stadelmann, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität München; Alain Touwaide, Institute for the Preservation of Medical Traditions, Los Angeles
Datum
14.07.2017 - 15.07.2017
Von
Albrecht Berger, Institut für Byzantinistik, Ludwig-Maximilians-Universität München; Isabel Grimm-Stadelmann, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität München

Die Motivation für den Workshop "Medical Traditions in and around Byzantium" entstand aus dem Bedürfnis heraus, den aktuellen Forschungsstand zu den medizinischen Überlieferungen und deren vielfältigen Wechselwirkungen innerhalb des byzantinisch geprägten Kulturkreises im transdiziplinären fachwissenschaftlichen Dialog zu diskutieren. Die konstante Evolution des traditionellen und empirischen Wissens innerhalb der Heilkunde sowie dessen Assimilation durch die byzantinische medizinische Gebrauchsliteratur im Verbund mit den Kulturen des östlichen Mittelmeerraumes und der daraus resultierenden Diversität an komplexen heilkundlichen Denkstrukturen verlangt nach einer zukünftigen transdisziplinären Forschungskooperation mit transkultureller, aggregativer und dynamischer Ausrichtung, wozu der Workshop einen ersten Schritt leisten konnte.

Unter diesem Gesichtspunkt und mit diesem Ziel vor Augen wurden nicht nur die Referenten eingeladen, sondern auch die Organisation des Workshops wurde bewusst auf eine interdisziplinäre und internationale Basis gestellt, als Kooperation zwischen dem Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der medizinischen Fakultät der LMU München, dem Institut für Byzantinistik, Neogräzistik und Byzantinische Kunstgeschichte, ebenfalls der LMU München, sowie dem Institute for the Preservation of Medical Traditions (IPMT) in Los Angeles, einer in dieser Form weltweit einzigartigen Forschungsinstitution mit Schwerpunkt auf byzantinisch geprägten Medizintraditionen im Mittelmeerraum.

Die Beiträge, zentriert um die byzantinische medizinische Gebrauchsliteratur als kulturellem Knoten- und Schnittpunkt zwischen östlichen und westlichen Medizintraditionen, erstreckten sich in chronologischer Hinsicht vom Alten Orient bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts und erörterten medizintheoretische Konzepte des persischen, semitischen, kaukasischen und lateinischen Kulturkreises ebenso wie transkulturelle Wechselwirkungen im Bereich der Therapeutik, Materia Medica und (Ethno-)pharmakologie. Insbesondere das innovative Element der byzantinischen Heilkunde ließ sich anhand der reziproken Interaktionsprozesse zwischen der byzantinischen Welt und den benachbarten Kulturen aus den überlieferten Quellen deutlich vor Augen führen, wobei zahlreiche Textbeispiele den im transkulturellen Dialog erreichten Erkenntnisgewinn sowie die fortwährende Aktualisierung und Ergänzung der vorhandenen medizinischen Gebrauchstexte illustrierten.

Vor diesem Hintergrund relevante Fragestellungen, wie beispielsweise nach einer adäquaten Editionsmethode zur Erschließung des reichlich in den Handschriften vorliegenden unedierten Materials[1] unter Berücksichtigung von additiven Textzeugen aus parallelen Medizinkulturen, wurden im Plenum ausführlich diskutiert. Die Edition medizinischer Gebrauchsliteratur von derart umfassender transkultureller Dimension ist mit den herkömmlichen Editionsprinzipien kaum zu bewerkstelligen, sondern bedarf einer spezifischen, an den Einzeltexten und deren paralleler Überlieferung von Fall zu Fall neu zu orientierenden Methodik unter besonderer Berücksichtigung von kodikologischen und philologisch-linguistischen Momenten, wie z.B. die Adaption und Präzisierung der Fachterminologie, des Weiteren auch sämtlicher überlieferter Textredaktionen, da diese oftmals zeitgenössische Fokussierungen und Tendenzen innerhalb der Heilwissenschaft widerspiegeln, und nicht zuletzt von inhaltlichen Emendationen, die gerade im Bereich von Therapeutik, Materia Medica und Pharmakologie den jeweiligen individuellen oder auch epochenspezifischen Erkenntnisgewinn illustrieren – hierzu insbesondere die Beiträge von KLAUS-DIETRICH FISCHER (Mainz), ALAIN TOUWAIDE (Los Angeles), DANILO VALENTINO (Hamburg) und ILIAS VALIAKOS (München).

Im Verlauf dieses Workshops ist es erstmals gelungen, die kaukasischen Medizintraditionen als neuen Forschungsbereich dem fächerübergreifenden Wissenschaftsdialog zugänglich zu machen: Die Beiträge von CAROLINE MACÉ (Göttingen) und RAMAZ SHENGELIA (Tiflis) veranschaulichten die Fülle des noch komplett unerschlossenen Materials und ließen zudem dessen Wert für die transdisziplinäre medizinhistorische Forschung erahnen. Während hinsichtlich der armenischen medizinischen Literatur noch großer Bedarf an Grundlagenforschung besteht, konnte mit der Publikation eines Kataloges der georgischen medizinischen Handschriften[2] bereits ein erster Schritt hin zur Erschließung des reichlichen Quellenmaterials geleistet werden. Im Rahmen des Workshops konnte nur die Dimension dieser Quellengruppe aufgezeigt werden; gerade hier wäre eine weiterführende transdisziplinäre Kooperation mittels entsprechender Forschungsprojekte dringend nötig.

Neben der Notwendigkeit interdisziplinärer Texteditionen und der Entwicklung einer dafür adäquaten Editionsmethodik wurde als ein weiteres Forschungsdesiderat der Bedarf an kulturhistorisch vergleichenden Untersuchungen angesprochen, da diese Ursprung und Wirkungsgeschichte vielfältiger Tendenzen und Motive innerhalb der medizinischen Gebrauchsliteratur nicht primär unter dem editorischen, sondern vielmehr unter einem rezeptionsgeschichtlichen Aspekt analysieren und damit einen für zahlreiche diverse Fachbereiche interessanten Zugang zu den unterschiedlichen Medizintraditionen eröffnen. Im Beitrag von SIAM BHAYRO (Exeter) und STEFANIE RUDOLF (Berlin) wurde die Rezeption mesopotamischer und griechisch-römischer Motive seitens der mittelalterlichen syrischen Medizinbücher analysiert, während ISABEL GRIMM-STADELMANN (München) exemplarisch das Fortwirken altägyptischer iatromagischer Motive innerhalb der byzantinischen medizinischen Gebrauchsliteratur[3] erläuterte.

Die kulturelle Diversität spiegelt sich am deutlichsten im therapeutischen Bereich wider; so befasste sich der Beitrag von MEHRNAZ KATOUZIAN-SAFADI (Paris) mit der Interaktion zwischen Theorie und Praxis, der von KORAY DURAK (Istanbul) mit der Import-Exportsituation unterschiedlichster Materia Medica. Das kulturelle Grenzen überschreitende Gelehrtennetzwerk, das sich hier konstituierte, sorgte für einen leben-digen und beide Seiten gewinnbringenden Wissenstransfer zwischen der byzantinischen und den benachbarten Medizinkulturen, wie der Beitrag von NIKOLAJ SERIKOFF (London) am Fall der Beziehungen zwischen Byzanz und der arabischen Welt zeigte. Aus einem solchen transkulturellen therapeutischen Dialog wurden spezielle Therapiekonzepte entwickelt – ein Beispiel dafür stellte HELENA PAAVILAINEN (Jerusalem) mit den jüdischen Quellen zur Behandlung von Melancholie vor –, die dann wieder zur Ausgangsbasis für entsprechende Modifikationen und praxisorientierte Ergänzungen der schriftlich fixierten Überlieferungen wurden.

In der Betrachtung der sprachlichen, redaktionellen und kulturhistorischen Diversität therapeutischer Quellen darf das Corpus der Rezeptliteratur und insbesondere der spät- und post-byzantinischen Iatrosophia nicht fehlen, weshalb ihnen in dem Workshop zwei Beiträge von DANILO VALENTINO (Hamburg) und PATRICIA A. CLARK (Canada) gewidmet waren. Das Besondere an diesem Genre therapeutischer Gebrauchsliteratur ist nicht nur die variierende Intensität ethnopharmakologischer und volksheilkundlicher Überlieferungen bis hin zu ergänzenden oder alternativen iatromagischen Heilkonzepten, sondern auch die genuine Quellensituation, welche die byzantinische medizinische Tradition in all ihren transkulturellen Ausprägungen und Schattierungen gelegentlich sogar bis in die aktuelle Neuzeit des 20. Jahrhunderts tradiert hat.[4] Gerade im Bereich der Iatrosophia besteht nach wie vor großer Handlungsbedarf, da der Großteil dieser Texte noch unediert ist, weshalb im Rahmen des Workshops Möglichkeiten einer sinnvollen wissenschaftlichen Erschließung dieser Textgruppe diskutiert wurde: weniger eine Vielzahl von Einzeleditionen als vielmehr die Erschließung der Texte in einem Gesamtcorpus wäre hier von weiterführendem Nutzen für die medizin- und kulturhistorische Forschung. Besonderes Augenmerk müsste dabei auf die Quellen – etwa die Pseudogalenica und frühbyzantinische Kompilationen, ebenso wie therapeutische Notizen an byzantinischen Krankenhäusern, die sog. Xenonika[5] – und die Rezeptionsgeschichte gelegt werden.

In seiner Einführung wies ALBRECHT BERGER (München) darauf hin, dass das Münchner Institut für Byzantinistik bereits in der Zeit zwischen 1976 und 2001 unter dem damaligen Lehrstuhlinhaber Armin Hohlweg erstmals die byzantinische Medizin in den Fokus der byzantinistischen Forschung gerückt hatte, eine Tradition, an die der gegenwärtige Workshop anknüpfen konnte. Ein erster internationaler Dialog zum Thema der byzantinischen Medizin fand im Jahre 1983 in Dumbarton Oaks statt, unter Konzentration auf die Quellensituation als solche mit besonderer Berücksichtigung der Spätantike und frühbyzantinischen Zeit, wobei aber bereits einzelne Beiträge auf Einflüsse paralleler Medizinkulturen hinwiesen.[6] In der Zwischenzeit wuchs das Interesse an der byzantinischen medizinischen Gebrauchsliteratur stetig an, insbesondere innerhalb der Klassischen Philologie und der Arabistik; so sind seit 1983 zahlreiche Texteditionen und Einzeluntersuchungen erschienen[7] und einschlägige Forschungszentren haben sich etabliert (IPTM, Mainz, Siena). Der aktuelle Workshop wiederum rückte erstmals die transkulturelle Dimension der Quellensituation zur byzantinischen Medizin ins Zentrum des fachwissenschaftlichen Dialogs.

Als Fazit des Workshops zu den mit Byzanz in Zusammenhang stehenden Medizintraditionen lässt sich konstatieren, dass eine umfassende wissenschaftliche Erschließung der byzantinischen medizinischen Gebrauchsliteratur mehr denn je die Kooperation zahlreicher philologischer und historischer Fachdisziplinen benötigt, um den diversen Kompilationsgrundlagen, den epochenspezifischen redaktionellen und thematischen Schwerpunktsetzungen sowie der fortwährenden inhaltlichen, aber auch sprachlichen Aktualisierung der Einzeltexte je nach individuell variierendem Rezipientenkreis gerecht zu werden. Konkretes Ziel des Workshops war demnach die Initiierung einer internationalen Forschungskooperation zum Zwecke einer optimalen Erschließung des überlieferten Quellenmaterials unter philologischen, editorischen, kulturhistorischen und rezeptionsgeschichtlichen Aspekten.

Zur Verwirklichung der im Workshop diskutierten und präzisierten Zielsetzungen ist zum einen die Publikation der Tagungsbeiträge, ergänzt um etliche weitere Medizintraditionen (z.B. koptische, türkisch-seldcukische und bulgarische Überlieferungen) in Vorbereitung, zum anderen wurde eine turnusmäßige Wiederholung des Workshops sowie die Konstituierung themenbezogener Forschergruppen angeregt.

Konferenzübersicht:

Albrecht Berger (Institut für Byzantinistik, Ludwig-Maximilians-Universität München): Eröffnung und Einführung

Isabel Grimm-Stadelmann (Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Ludwig-Maximilians-Universität München): Traces of ancient Egyptian wisdom in Byzantine medical literature

Ilias Valiakos (Institut für Byzantinistik, Ludwig-Maximilians-Universität München): Antidotarium magnum, Antidotarium Nicolai, and the Dynameron of Nikolaos Myrepsos

Koray Durak (Department of History, Boğaziçi University, Istanbul): Byzantine Exports of materia medica to the Islamic World

Nikolai Serikoff (Institute of Oriental Studies, Russian Academy of Sciences): The circulation of medical knowledge between Byzantium and the Arabic World

Alain Touwaide: (University of California / The Huntington / Institute for the Preservation of Medical Traditions, USA): Arabic into Greek. Revisiting Symeon Seth

Mehrnaz Katouzian-Safadi: (Université Denis DIDEROT, Paris 7): Reading literature, practicing medicine. Râzi and his Arabic and Persian colleagues

Siam Bhayro (Department of Theology and Religion, University of Exeter) / Stefanie Rudolf (Geschichts- und Kulturwissenschaften (Seminar für Semitistik/Arabistik, Freie Universität Berlin): Syriac medical handbooks and the persistence of the Greco-Roman and Mesopotamian sciences

Helena Paavilainen (Hadassah Medical School, Hebrew University of Jerusalem): Melancholy and its treatment in Jewish medical sources

Caroline Macé (Akademie der Wissenschaften zu Göttingen): Greek Christian sources of Armenian medical thought

Ramaz Shengelia (Department for the History of Medicine and Bioethics, Tbilisi State Medical University): Georgian medical manuscripts and texts: history and peculiarities

Klaus-Dietrich Fischer (Institut für Geschichte, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz): ‚Beifang‘ im lateinischen Oribasius: Die Streuüberlieferung griechischer medizinischer Werke

Danilo Valentino (CSMC – Centre for the Study of Manuscript Cultures, Universität Hamburg): Similar medicine, different eras. Iatrosophia from Byzantium to early-modern Greece

Patricia A. Clark (University of Victoria): The iatrosofion. Recent connections with Ancient Greek and Byzantine medicine

Anmerkungen:
[1] Vgl. Alain Touwaide, A Census of Greek Medical Manuscripts. From Byzantium to the Renaissance, in: Medicine in the Medieval Mediterranean 6, London – New York 2016.
[2] Ramaz Shengelia u. a., Catalogue of Georgian Medical Manuscripts, Tiflis 2017. Die Publikation ist entstanden in Kooperation zwischen der Tbilisi State Medical University und dem Michael Shengelia Museum for the History of Georgian Medicine, in georgischer Sprache mit englischer Einleitung (E. Suladze).
[3] Isabel Grimm-Stadelmann, Untersuchungen zur Iatromagie in der byzantinischen Zeit. Zur Tradierung altägyptischer und spätantiker medizinischer Zaubertexte, in: Byzantinisches Archiv (in Druckvorbereitung).
[4] Vgl. Danilo Valentino, Das Iatrosophion des Codex Taur. B.VII.18, in: Münchner Arbeiten zur Byzantinistik 1, Neuried 2016; Patricia A. Clark (Hrsg.), A Cretan Healer's Handbook in the Byzantine Tradition. Text, Translation and Commentary, in: Medicine in the Medieval Mediterranean (o. Nr.), Farnham – Burlington 2011.
[5] Vgl. David Bennett, Medicine and Pharmacy in Byzantine Hospitals. A study of the extant formularies, in: Medicine in the Medieval Mediterranean 7, London – New York 2017.
[6] Vgl. John Scarborough (Hrsg.), Symposium on Byzantine Medicine, Dumbarton Oaks Papers 38 (1984).
[7] Vgl. die entsprechenden bibliographischen Notizen in der Byzantinischen Zeitschrift.

Zitation
Tagungsbericht: Medical Traditions in and around Byzantium, 14.07.2017 – 15.07.2017 München, in: H-Soz-Kult, 02.11.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7380>.