Faszinosum Revolution. Verheißung oder Bedrohung? Osteuropäische und globale Perspektiven

Ort
Tübingen
Veranstalter
Klaus Gestwa, Institut für osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Eberhard Karls Universität Tübingen
Datum
25.05.2017 - 27.05.2017
Von
Lina Loh, Institut für osteuropäische Geschichte und Landeskunde, Eberhard Karls Universität Tübingen

Aus Anlass des einhundertsten Jahrestages der Russischen Februar- und Oktoberrevolution von 1917 sowie des 75. Geburtstages von Dietrich Beyrau, der sich in seinen Forschungen seit mehreren Jahrzehnten mit Krieg und Revolution in Russland auseinandersetzt [1], erörterten HistorikerInnen im Rahmen geschichtswissenschaftliche und erinnerungspolitische Fragen rund um die Aktualität des Faszinosums Revolution.

In seiner Einführung verwies KLAUS GESTWA (Tübingen) vor dem Hintergrund des arabischen Frühlings und des ukrainischen Euromajdans auf die Aktualität der Thematik Revolution. Mit dem von Francis Fukuyama prognostizierten „Ende der Geschichte“ sei es keineswegs zum Abschied von der Revolution gekommen. Vielmehr sei diese als faszinierende und zugleich verstörende Form des beschleunigten und radikalen sozialen Wandels weiterhin in der Arena des Politischen und Historischen präsent. Angesichts des einhundertsten Jahrestages stehe vor allem Russland vor geschichtspolitischen Herausforderungen, weil die Polittechnokraten des Kremls vermeiden wollen, dass in der russischen Gesellschaft die Erinnerung an 1917 die Lust an der Revolution weckt.

In seiner Keynote stellte GERD KOENEN (Frankfurt am Main) die Oktoberrevolution in den Zusammenhang eines globalen „Zeitalters der Revolutionen“. Dieses reiche von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Jahr 1917. Insbesondere im 19. Jahrhundert seien Revolutionen verstärkt global zu beobachten gewesen. Es sei zum einen auffällig, dass westeuropäische Revolutionen zunächst häufig zu einer Involution, einer Rückentwicklung zu alten staatlichen Strukturen, geführt hätten. Zum anderen trügen große Revolutionen stets den doppelten Charakter von Innovation und Restauration in sich. In dieser Doppeldeutigkeit liege das Faszinosum der Revolution, die sich nie in einem reinen Fortschrittnarrativ auflösen ließe. Innerhalb der „revolutionären Zyklen“ habe die Russische Revolution mit ihrer Totalität und ihrem globalen Anspruch eine neue Qualität aufgewiesen. Im Zuge der Kontextualisierung der Revolutionen müsse die Oktoberrevolution daher sowohl als ein Teil als auch als das Ende des „revolutionären Zyklus“ des langen 19. Jahrhunderts gesehen werden.

Mit dem „sensory turn“ stellte JAN PLAMPER (London) einen neuen analytischen Ansatz zur Erforschung der (Emotions-)Geschichte der russischen Revolutionen vor. Plamper plädierte dafür, dass die Geschichtswissenschaft im Sinne eines holistischen Ansatzes von sozialer Wirklichkeit die aktuelle Geschichtsschreibung um die Sinnesgeschichte ergänzen müsse. An Egodokumenten von Bürgern Petrograds zeigte Plamper, dass der sinnes- und emotionsgeschichtliche Zugang drei neue Erkenntnisse ermöglicht. Erstens sei eher die Februar- als die Oktoberrevolution von den Zeitgenossen als Zäsur wahrgenommen worden. Zweitens sei nicht die kommunistische Ideologie, sondern vielmehr die nonverbale Kommunikation in den Reden der Bolschewiki ausschlaggebend für deren Erfolg gewesen. Drittens habe die Veränderung der Sinneswahrnehmungen in der Russischen Revolution eine neue revolutionäre Dimension eröffnet, da neben dem politischen System auch die Sinneserfahrung der Akteure radikal verändert wurde.

Nach den einführenden Vorträgen hatte das erste Panel das Revolutionsgeschehen „Jenseits der Metropolen“ zum Thema. PAVEL SHCHERBININ (Tambov) richtete den Blick auf die revolutionären Entwicklungen in der zentralrussischen Provinz Tambov, die dort zeitlich versetzt erst im Februar 1918 begannen. Nachrichten der Umbrüche von 1917 erreichten Tambov per Telegraph und wurden vom Gouverneur zunächst geheim gehalten, bis dann kurze Zeit später die regionalen Zeitungen darüber berichteten. Der Widerstand gegen das neue politische System war gering. Das spiegelte die passive Haltung der Provinzstädte gegenüber politischen Befehlen aus der Metropole wieder. Es gab auf Provinzebene zwar einen System-, jedoch keinen Personalwechsel. Zu gewaltsamen Ausschreitungen kam es erst nach der Inszenierung der Revolution durch die bolschewistische Partei- und Staatsführung in Tambov, welche an das politische Programm Moskaus angepasst wurde. Der eigentliche Impuls zum Aufstand kam daher nicht aus der ländlichen Bevölkerung.

IGOR NARSKIJ (Čeljabinsk) widmete sich der Wahrnehmung von revolutionärer Gewalt im Ural. Anhand von Quellenbelegen zeigte Narskij die wahllosen Verhaftungen durch angeblichen Bolschewiki im Ural, auch durch Denunzierungen von Kindern. Er stellte drei Beobachtungen heraus. Erstens müsse die Perzeption von Schrecken aus der Perspektive des Historikers von der Perspektive des Zeitgenossen unterschieden werden, um den Quellen nicht die eigenen Vorstellungen aufzuoktroyieren. Dabei zeigte Narskij, dass aus heutiger Sicht exzessive und unmotivierte Gewalt damals durchaus als angemessen empfunden wurde. Zweitens legte der Vortrag einen Schwerpunkt auf verbale Reaktionen von Schrecken und fragte schließlich drittens nach den Bewältigungsstrategien. Narskij arbeitete heraus, dass die Akteure zum einen auf volkstümliche Diskurse zurückgriffen und zum anderen mithilfe von Ironie versuchten, die irrationale Gewalt zu rationalisieren.

Im zweiten Panel setzten sich die Vortragenden mit den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen „Nach der Revolution“ auseinander. In ihrem Vortrag widmete sich SVETLANA MALYSHEVA (Kazan) der Rolle von Begräbnisritualen und Totenkulten bei der politischen Umerziehung der Bevölkerung nach der Oktoberrevolution. Nach 1917 wurden die Begräbnisrituale der russischen Bevölkerung uniformiert. Mit der Übernahme der Deutungshoheit über den Totenkult sollte so Kontrolle über die Lebenden ausgeübt werden. Die Bolschewiki griffen zum einen auf den Kult um die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges zurück, der sich durch hohe symbolische Aufladung der Grabstätten auszeichnete. In der postrevolutionären Periode bedeutete dies eine Präsenz sowjetscher Symbolik auf Friedhöfen. Zum anderen wurden traditionelle Bestattungsformen wie die Erdbestattung praktiziert, die von pragmatischen Überlegungen geprägt waren. Der Totenkult nach der Oktoberrevolution sei, so Malysheva, ein anschauliches Beispiel für die Marginalisierung traditioneller Lebensbereiche zugunsten der neuen sowjetischen Ideologie.

NIKOLAUS KATZER (Moskau) stellte in seinem Vortrag über die russische Revolutionsliteratur die These auf, das Jahr 1917 sei als der Höhepunkt einer „Revolution des Intellekts“ zu sehen, die Russlands Kulturleben über seine Grenzen hinweg verändert hätte. Literatur sei dabei als ein Dreigespann aus Akteuren, Texten und Institutionen zu verstehen, die nicht nur als Spiegel der Revolution, sondern als Manifestation derselben zu verstehen sei. Damit werden die Kernfragen nach Kontinuität und Wandel von Persönlichkeiten und Weltanschauungen aufgeworfen. Die Pluralität der Schriftsteller machte Katzer an der ablehnenden und nüchternen Haltung von Autoren wie Remizov, Bunin oder Gippius sowie an einer heroischen Darstellung der Revolution in früheren Werken Gorkijs fest. Er fragte insbesondere danach, wie die Betonung des Monumentalen und Heroischen gegenüber dem Gewöhnlichen und Alltäglichen in den 1920er- und 1930er-Jahren literarisch verhandelt wurde, um damit einen Beitrag zur der Kanonisierung der Oktoberrevolution als Gründungsmythos der Sowjetunion zu leisten.

Um das „Komplizierte Erinnern“ und „Revolutionsjubiläen in Zeiten politischen Wandels“ ging es im dritten Panel. Anhand der sowjetischen Filmgeschichte zeigte ELENA ZUBKOVA (Moskau) die Rezeption der Revolution seitens der politischen Führung. Schwerpunkte waren insbesondere die Dynamiken der Imagebildung der Revolution. Zubkova zeigte, dass die Revolutionsnarrative dem politischen Kurs untergeordnet wurden, um die Macht der Partei zu legitimieren. Dabei wurden jene mit der Revolution verbundenen Geschichtsbilder, die auch die Macht der Partei legitimieren sollten, auf die Bevölkerung übertragen. In diesem System unterschied Zubkova zwischen dem intellektuellen Kunstfilm und dem Propagandafilm, der stärker an die Sehgewohnheiten der Massen angepasst war. Beide Formen des Films seien zentral für die Revolutionserinnerung der Bevölkerung gewesen. Während in den ersten Filmen Lenin als die prägende Figur der Revolution dargestellt wurde, nahm Ende der 1930er-Jahre Stalin diese Rolle ein. Erst im Tauwetter unter Chruščev kehrte Lenin in den Filmen als Revolutionsführer zurück.

Die diesjährige Hundertjahrfeier der Oktoberrevolution war das Thema des Vortrags von BORIS KOLONICKIJ (St. Petersburg). Die stetig wechselnde Erinnerungspolitik Russlands mache auch die Vergangenheit des Landes unvorhersehbar. Auf der Grundlage von Meinungsumfragen und aktuellen Darstellungen der Oktoberrevolution formulierte Kolonickij drei Thesen. Zunächst werde die Regierung eine aggressive Politik gegen eine vom Staat unabhängige Erinnerungskultur führen. Zweitens würde es unter Historikern der verschiedenen politischen Lager zu einer Auseinandersetzung um die Deutungshoheit in Bezug auf die Revolution und deren Einfluss auf die Politik kommen. Drittens sei mit einer Zunahme von Verschwörungstheorien zu rechnen, welche die Revolution monokausal zu erklären versuchen.

SHEILA FITZPATRICK (Sydney) widmete ihre Keynote der Frage, was von der Revolution in der heutigen Zeit geblieben sei. Ihr Fokus lag auf einer Auseinandersetzung mit englischsprachigen Publikationen zur Revolution aus den letzten zwei Jahren. Die gegenwärtige Beschäftigung mit der Periode der Revolution führe dazu, dass Russland kein klares Bild davon habe, wie mit der Revolution umzugehen sei. Zum einen herrsche in der Forschung ein weitgehender Konsens, dass die Revolution nach dem Kollaps der Sowjetunion als gescheitert zu bewerten sei. Tony Brenton bezeichnete sie als eine der „Sackgassen der Geschichte“. Andererseits wird auch das Narrativ der Revolution als eine historisch notwendige Entwicklung in Frage gestellt.

Im abschließenden vierten Panel warfen die Vortragenden einen Blick auf „Umbrüche seit 1989“ im (post-)sowjetischen Raum. MALTE ROLF (Bamberg) diskutierte die Transformation in Litauen in den Jahren 1988-1991 unter der Frage, ob es sich dabei um eine Revolution handelte. Wie auch in anderen baltischen Staaten wurden in Litauen transformative Prozesse vor allem durch eine aktive Zivilbevölkerung ermöglicht, die sich organsierte und Druck auf die alten Eliten ausübte. Dies hatte zwar die Neuausrichtung der Politik zur Folge; es kam jedoch zu keinem Personalwechsel. So löste sich die alte Machtelite in Litauen in der revolutionären Phase von 1990-91 vom Zentrum der Sowjetunion ab, um ihre Stellung auch in der Folgezeit weiter zu behaupten. Die Transformation in Litauen könne daher zwar als Revolution bezeichnet werden, die personelle Kontinuitäten über dem Umbruch hinweg unterscheide sie aber qualitativ von der Oktoberrevolution.

Der Vortrag von BENNO ENNKER (Radolfzell s/ St. Gallen) bildete inhaltlich den chronologischen Endpunkt der Konferenz. Ennker befasste sich mit dem heutigen Russland und warf die Frage auf, ob unter Putin eine „Revolution des Konservatismus“ stattfinde. Dieser Konservatismus sei eine gelenkte Neupositionierung der Kultur Russlands, die sich als ideologische Wende verstehen lasse. Dieser Umbruch vollziehe sich nicht, um eine bestimmte Ideologie zu fördern, sondern diene allein dem Machterhalt Putins. In der konservativen Bewahrung von „alten Werten“ sei auch die Erinnerungskultur an die Revolution mit eingebunden. Die Gründe für diese Entwicklung lägen in einer zunehmenden Globalisierung und dem Verlust eines gemeinsamen Nationalbewusstseins. Ennker stellte die These auf, dass der Kreml die Erinnerung an das Jahr 1917 nutze, um mit der Betonung von Einheit und starker Staatlichkeit, seine konservative Revolution voranzutreiben.

An der abschließenden Podiumsdiskussion nahmen KLAUS GESTWA (Tübingen), DIETRICH BEYRAU (Tübingen), MADHAVAN PALAT (Neu-Delhi), sowie BENNO ENNKER (Radolfzell / St. Gallen) teil. In der Diskussion lag der Fokus auf der Gewalt zur Zeit der Oktoberrevolution. Palat plädierte dafür, das Augenmerk nicht auf die revolutionäre Zeit zu beschränken. Es würde dabei deutlich werden, dass Gewalt keineswegs ausschließlich ein Phänomen der Arbeiterklasse gewesen sei. Gerade die Führungselite habe einen neuen, die Arbeiter integrierenden Gewaltdiskurs angestoßen. Auf diese Weise wurde das bestehende Sozialgefüge in Russland zerstört. Beyrau führte die Diskussion auf die Grundfrage nach der Semantik von „Revolution“ zurück. In der Forschung zeige sich, dass die Verknüpfung von Demokratisierung und Revolution nicht zutreffend sei. Vielmehr müsse nach den auslösenden Prozessen von Revolutionen gefragt werden. Revolutionen würden meist positiv bewertet werden, der damit einhergehende Terror würde jedoch marginalisiert werden. Erklärbar sei dies durch das Fehlen von konkurrierenden Terrornarrativen der Opfer im russischen Reich.

Die Konferenz spannte durch die verschiedenen Panels einen chronologischen Bogen und konnte so zeigen, dass die Russischen Revolutionen seit 1917 eine prägende Rolle in der russischen Politik und Gesellschaft spielte. Die Aktualität des politischen Umgangs mit der Erinnerungskultur in Russland stellt die Geschichtswissenschaften erneut vor die Aufgabe, sich mit der Faszinosum Revolution auseinander zu setzen.

Konferenzübersicht:

Eröffnung
Klaus Gestwa (Tübingen)

Keynote I
Gerd Koenen (Frankfurt am Main): Der Rote Oktober im Zyklus des europäischen und globalgeschichtlichen „Zeitalters der Revolutionen“

Keynote II
Jan Plamper (London): Wie klang Februar, wie roch der Rote Oktober? Zur Sinnesgeschichte der Russischen Revolution

Sektion I: Jenseits der Metropolen

Pavel Shcherbini (Tambov): Die Russische Revolution in der Provinz
Igor Narskij (Čeljabinsk): Der Schrecken der Revolution. Reaktionen der Bevölkerung 1917-1921 im Ural.

Sektion II: Nach der Revolution

Svetlana Malysheva (Kazan): „Die Macht installiert sich auf dieser Barriere zum Tode“. Die Russische Revolution und die politische Instrumentalisierung des Totenkults
Nikolaus Katzer (Moskau): Gesichter und Masken. Russische Schriftsteller in Krieg und Revolution,
1914-1921

Sektion III: Kompliziertes Erinnern: Revolutionsjubiläen in Zeiten politischen Wandels

Elena Zubkova (Moskau): Das Imaginäre der Revolution: Oktober 1917 in den sowjetischen Spielfilmen – von Eisenstein bis Perestrojka
Boris Kolonickij (St. Petersburg): The Unpredictable Past in an Unpredictable Time. The 100th Anniversary of the Russian Revolution

Keynote III
Sheila Fitzpatrick (Sydney): Celebrating (or not) the Centenary of the Russian Revolution_

Sektion IV: Umbrüche seit 1989

Malte Rolf (Bamberg): Der Umbruch im Baltikum 1989-91
Benno Ennker (Radolfzell/ St. Gallen): „Konservative Revolution“ unter Putin -auf dem Weg zu einem neuen Führer-Regime?

Podiumsdiskussion: Die Ambivalenzen der Revolution: Gemeinschaftserlebnis, Gewaltraum, Erinnerungsort

Benno Ennker (Radolfzell / St. Gallen) / Klaus Gestwa (Tübingen) / Dietrich Beyrau (Tübingen) / Madhavan Palat (Neu Delhi)

Anmerkungen:
[1] Dessen Arbeiten hierzu wurden jüngst gesammelt veröffentlicht: Dietrich Beyrau, Krieg und Revolution. Russische Erfahrungen, Paderborn 2017.

Zitation
Tagungsbericht: Faszinosum Revolution. Verheißung oder Bedrohung? Osteuropäische und globale Perspektiven, 25.05.2017 – 27.05.2017 Tübingen, in: H-Soz-Kult, 11.11.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7384>.