World's Fair Symposium

Ort
San Francisco
Veranstalter
Tammy Lau (Fresno); Robert W. Rydell (Bozeman); Alexander C.T. Geppert (Essen)
Datum
30.03.2005 - 01.04.2005
Von
Alexander C.T. Geppert Kulturwissenschaftliches Institut (KWI), Essen

Die Tagung wurde ermöglicht durch die freundliche Unterstützung der Special Collections Library, California State University, Fresno, USA.

Die seit einigen Jahren zu verzeichnende Hochkonjunktur der Historiographie zur Geschichte nationaler und internationaler Ausstellungen bleibt - zumal in der angloamerikanischen Forschungslandschaft - weiterhin ungebrochen. Wurden alleine im Frühjahr zwei große Konferenzen zum Thema abgehalten, befinden sich gegenwärtig bereits die beiden nächsten, für den Herbst bzw. das kommende Frühjahr angekündigten Tagungen mit entsprechendem Schwerpunkt in Vorbereitung. Die mit Abstand größte dieser Konferenzen stellte dasjenige internationale Symposium dar, welches vom 20. März bis zum 1. April 2005 im Marines' Memorial Club & Hotel in San Francisco stattfand. Tammy Lau, Leiterin der Special Collections Library der California State University in Fresno, und Robert W. Rydell, Professor und Chair an der Montana State University in Bozeman und seit Jahren eine der auf diesem Gebiet maßgeblichen Autoritäten, zeichneten federführend für Konzeption und Organisation einer Großtagung verantwortlich, welche rückblickend von den rund 80 aus einem guten Dutzend unterschiedlicher Nationen angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern übereinstimmend als ebenso anregend wie überaus gelungen beschrieben wurde. Die anhaltende Konjunktur des Forschungsfeldes lässt sich zugleich an der überwältigenden Reaktion auf den ursprünglichen Call for Papers ablesen; nicht zuletzt aus logistischen Gründen konnte leider von der Vielzahl der eingereichten Vortragsexposés überhaupt nur etwa ein Fünftel angenommen werden [1].

Während der drei Tage ließ sich anhand der insgesamt 24 Vorträge ein breiter Überblick über den gegenwärtigen Stand des Wissens und einige der zur Zeit in den internationalen "exhibition studies" vorrangig diskutierten Themen, Fragestellungen und Problemkonstellationen gewinnen. Eingerahmt wurde das dichte Programm durch einen historiographisch-methodologischen Einleitungsvortrag ("New Directions in World's Fairs Scholarship") von Robert Rydell sowie einen ebenso weit ausholenden, stärker gegenwartsbezogenen Abschlussvortrag ("Future World's Fairs and the Future of World's Fair") von Vicente Gonzalez Loscertales, seines Zeichens Generalsekretär des Bureau International des Expositions (BIE) in Paris, welches seit seiner Gründung 1928 ähnlich wie das International Olympic Committee (IOC) für alle Fragen der internationalen Ausstellungsvergabe verantwortlich ist. Ergänzt wurde das Tagungsprogramm durch zwei praktischen Fragen gewidmete Podiumsdiskussionen ("World's Fairs in Teaching" und "A Conversation with the Curators" unter Beteiligung von insgesamt acht Leiterinnen und Leitern verschiedener nordamerikanischer Bibliotheken, Museen, Archive und Sammlungen) sowie nicht zuletzt durch eine von Donald G. Larson persönlich geführte Exkursion zu den in San Francisco heute noch vorzufindenden architektonischen Überresten und städtebaulichen Vermächtnissen der drei dort 1894, 1915 und 1939/40 abgehaltenen Großausstellungen. Die nach Don Larson benannte und in Fresno beheimatete umfangreiche Sammlung zur Ausstellungsgeschichte geht ursprünglich auf seine langjährige Sammelleidenschaft und persönliche Initiative zurück, so dass es durchaus angemessen scheint, in ihm den eigentlichen Urheber des gesamten Unterfangens zu sehen.

Da es sich die Tagung bewusst nicht zum Ziel gesetzt hatte, eine spezifische These zu profilieren, sondern vielmehr das Forschungsfeld in seiner ganzen Breite abzudecken suchte, sollen an dieser Stelle lediglich ein kurzer Überblick gegeben und einige wenige Schwerpunkte aufgezeigt werden - auch auf die Gefahr hin, damit kaum einem der 24 Vorträge gerecht werden zu können. Behandelt wurden nationale und internationale Ausstellungen unterschiedlicher Größe und thematischen Zuschnitts nicht nur in den USA (u.a. 1893, 1904, 1915, 1918/19, 1939/40, 1964/65), sondern auch in Großbritannien (1851, 1924/25, 2000), Frankreich (1867, 1889, 1900, 1931, 1937), Deutschland (1896, 2000), Belgien (1905, 1910, 1913, 1935), Kanada (1967) und Spanien (1992). Während das Gros der Vorträge einzelne Ausstellungen unter je spezifischen Fragestellungen und Gesichtspunkten - etwa den Repräsentationsweisen und Darstellungsformen von Kolonialismus, Religion oder Pädagogik, den in den Ausstellungen manifestierten zeitgenössischen Konzeptionen von Modernität, Utopia und "social progress" oder der mitunter stark konfliktbeladenen Beteiligung unterschiedlicher "pressure groups", einzelner Bevölkerungsteile und ganzer Nationen - analysierte, tat eine sehr viel überschaubarere Anzahl von Präsentationen Ähnliches, jedoch in explizit vergleichender Absicht. So untersuchte diese zweite Gruppe von Vorträgen beispielsweise "modern and post-modern gender building" in einem synchronen Dreiervergleich oder multilaterale Prozesse transatlantischer Transfers zwischen 1851 und 1940. Einige wenige Präsentationen gingen schließlich sektoral übergreifend oder gar transinstitutionell vergleichend vor und zeichneten etwa die parallele, aber distinkte Entwicklung von Weltausstellungen und Warenhäusern seit der Eröffnung von A.T. Stewarts "Marbel Palace" 1846 in New York City nach, analysierten zumindest in Ansätzen das Verhältnis von Großausstellungen und Olympischen Spielen (insbesondere Berlin 1936) oder thematisierten die Beziehung zu anderen Leitmedien und den ihnen jeweils eigenen Regimen (beispielsweise der Frühgeschichte des Fernsehens in den späten 1930er Jahren). Der historisch sehr wohl, historiographisch indes kaum in den Kontext des internationalen "exhibitionary complex" (Tony Bennett) eingeschriebenen Geschichte des deutschen Ausstellungswesens war genauso eine eigene Sektion gewidmet, wie sich vier Vorträge einzelnen Ausstellungen unter dezidiert architekturhistorischen Gesichtspunkten zuwandten, etwa dem offiziellen Kongo-Pavillon auf der Brüsseler Weltausstellung von 1935.

In seinem erwähnten Einführungsvortrag hatte Rydell drei unterschiedliche Forderungen an zukünftige Forschungen erhoben. Erstens zeigte er am Beispiel des einflussreichen nordamerikanischen Ausstellungsmachers und langjährigen Direktors der Smithsonian Institution, George Brown Goode (1851-1896), wie es gelingen könne, die seit der Wiederentdeckung des Sujets vonseiten professioneller Historiker in den frühen 1980er Jahren eindeutig unterrepräsentiert gebliebene personale Dimension des "exhibition making" erfolgreich in die gegenwärtige Ausstellungshistoriographie zu reintegrieren, um so beispielsweise internationale Netzwerke von Organisatoren, Kommissaren, Jury-Mitgliedern etc. zu rekonstruieren. Zweitens gelte es, seit einiger Zeit zu beobachtende Bemühungen um Rezeptions- und Konsumanalysen weiter zu verstärken und insbesondere einen Anschluss zu den "film and performance studies" herzustellen, welche sich in den vergangenen Jahren höchst erfolgreich hätten etablieren können. Drittens und letztens dürfe nicht außer acht gelassen werden, dass Besucher Ausstellungen und Themenparks überwiegend aufgrund des dort zu erwartenden Vergnügens frequentierten, was jedoch als eigenständige Perspektive in den existierenden Darstellungen bis dato stark unterbelichtet geblieben sei. Rydell forderte daher pointiert, "to write fun, humor and pleasure back into the account" - und schlug vor, sich für solche Analysen sowohl auf Angebots- als auch auf Nachfrageseite des Begriffes "emotional design" zu bedienen.

Aufgrund der während der Tagung gemachten Beobachtungen lassen sich diese drei Trends noch durch eine zweite Trias ergänzen. Erstens kann innerhalb des Feldes eine doppelte Verlagerung des generellen Forschungsinteresses konstatiert werden: weg von den großen Ausstellungen des 19. Jahrhunderts und hin zu kleineren Expositionen oftmals rein regionalen, nationalen oder thematisch spezifischen Zuschnitts einerseits, zu denjenigen des 20. Jahrhunderts andererseits. Epochale Großereignisse wie die Londoner Great Exhibition von 1851 oder die 1893 in Chicago abgehaltene World's Columbian Exposition müssen inzwischen als derart intensiv und umfassend erforscht gelten, dass die späteren, bislang sehr viel weniger prominent behandelten Großausstellungen fast zwangsläufig ins analytische Blickfeld geraten. Zweitens ist auch auf diesem Gebiet eine rasant fortschreitende Pluralisierung der Zugangsweisen und konstante Erweiterung der Analyseninstrumentarien zu verzeichnen. Erfreulicherweise verzichtete die absolute Mehrheit der Vorträge auf jeglichen, längst nicht einmal mehr modischen 'identity-', 'alterity-' oder 'hybridity talk'; grundsätzlich schwierige, da per se statische und prinzipiell eindimensionale Begrifflichkeiten wie Stereotyp, soziale Manipulation oder gar Kontrolle finden inzwischen ohnehin kaum mehr Verwendung. Die anhaltende thematische Erweiterung und fortschreitende Verästelung des gesamten Feldes geht somit ganz offensichtlich mit einer entsprechenden Verfeinerung der Begrifflichkeiten wie einer (Aus-)Differenzierung der Methoden einher. Drittens und letztens bestehen allen eindeutig positiven Entwicklungen zum Trotz und zusätzlich zu den von Rydell benannten Punkten selbstverständlich weiterhin mehr oder minder unbefriedigende Defizite sowohl thematischer als auch theoretischer Art. Das Ausmaß an Repetition ist hoch und der Grad theoretischer Durchdringung schwankend; häufig mangelt es an ausreichender Kontextualisierung in einem dezidiert europäischen/globalen Rahmen; es existieren überraschend wenige übergreifende, transinstitutionelle Analysen, und viel zu selten wird deutlich zwischen einzelnen nationalen Ausstellungstraditionen differenziert, geschweige denn dass diese explizit aufeinander bezogen würden.

Für das Symposium eigens aus dem japanischen Aichi angereist, wo er wenige Tage zuvor die EXPO 2005 eröffnet hatte, beschloss Vicente Gonzalez Loscertales die Tagung mit einem fulminanten Abschlussvortrag, der den Bogen zu den Weltausstellungen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts spannte. Eine so große Offenheit und entschiedene Deutlichkeit hatte wohl niemand erwartet: Ähnlich wie Bundeskanzler Gerhard Schröder anlässlich der Eröffnung der EXPO 2000 in Hannover wies Loscertales mit Verve die oftmals geäußerte Kritik zurück, internationale Großausstellungen seien nicht mehr zeitgemäß, da sie im Informations- und Kommunikationszeitalter viel von ihrem Reiz und ihrer Attraktivität verloren hätten [2]. Anders als Schröder musste Loscertales indes konzedieren, dass die Weltausstellungen der Gegenwart häufig unter belanglosen Generalthemen und handwerklich schlechtem Design litten. Selbstverständlich spiele Nachhaltigkeit als Zielvorgabe dabei eine entscheidende Rolle, sei aber dann grundsätzlich irrelevant, wenn das jeweilige Hauptthema nicht per se so exzellent gewählt sei, dass es die Organisation einer wirklich ungewöhnlichen, innovativen Ausstellung ermögliche und dadurch auf eine breite Öffentlichkeit attraktiv wirke. Für die 2010 in Schanghai stattfindende Weltausstellung werden von Organisatorenseite mit insgesamt 70 Millionen Besuchern gerechnet, was Loscertales als durchaus realistisch bezeichnete - wenn denn eine einzige Bedingung erfüllt sei: "The site in itself must be an experience".

Eine gemeinsame Publikation aller Tagungsbeiträge ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorgesehen; gleichwohl sind verschiedene Folgeprojekte in Vorbereitung und befinden sich zum Teil in weit fortgeschrittenem Stadium.

Anmerkungen:
[1] "World's Fair Symposium", San Francisco, 30.3.-1.4.2005, http://www.lib.csufresno.edu/extra/wfs2005. Vgl. "New Research into the History of National and International Exhibitions, Festivals and World's Fairs", Victoria & Albert Museum, London, 4.3.2005, http://www.rca.ac.uk/pages/study/events_archive_2445.html; Association for Museum History Annual Conference/Center for Education and Museum Studies, Smithsonian Institution, Washington, DC, 28.10.2005, http://www.conferencealerts.com/seeconf.mv?q=ca1hsa8m, sowie den Schwerpunkt "World's Fairs & Expositions" der nächsten gemeinsamen Jahrestagung der Popular Culture/American Culture Associations, Atlanta, 12.-15.4.2006, http://www.h-net.org/~pcaaca. Für den Call for Papers und das vollständige Tagungsprogramm des World's Fair Symposiums siehe auch http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=2874 bzw. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=3347.
[2] Vgl. Anne Schneppen: Fußgänger im Stau vor dem Toyota-Pavillon: Auf der Expo 2005 beschwört das technikverliebte Japan die "Weisheit der Natur", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 71 (26.3.2005), 3 sowie Rede von Bundeskanzler Schröder zur Eröffnung der Weltausstellung Expo 2000 am 31. Mai 2000 in Hannover, in: Bulletin der Bundesregierung 34-1 (2.6.2000), 1-3, hier 2.

Zitation
Tagungsbericht: World's Fair Symposium, 30.03.2005 – 01.04.2005 San Francisco, in: H-Soz-Kult, 29.06.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-739>.