Junges Forum für Sammlungs- und Objektforschung

Ort
Göttingen
Veranstalter
Zentrale Kunstodie - Georg-August-Universität Göttingen
Datum
28.09.2017 - 29.09.2017
Von
Martin Nadarzinski, Institut für Ethnologie, Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main

Der Workshop „Junges Forum für Sammlungs- und Objektforschung“ fand als zweiter Teil einer Reihe von Workshops statt. Ausgerichtet von der Zentralen Kustodie der Uni Göttingen und gefördert durch die VW-Stiftung, beschäftigte sich der Workshop mit interdisziplinären Ansätzen in der Objekt- und Sammlungsforschung. Unter dem thematischen Schwerpunkt „Objekte der Sichtbarmachung“ waren junge Nachwuchswissenschaftler/innen eingeladen, sich über die Vorträge hinaus auszutauschen und Einblicke in neue Forschungsfelder zu gewinnen. Ein weiteres Grundthema der Vorträge war die wechselseitige Beziehung zwischen den Objekten und die epistemischen, sozialen und kulturellen Kontexte, in denen sie sich befinden. Darauf aufbauend wurden verschiedene Möglichkeiten vorgestellt, wie diese Beziehung interpretiert und nachverfolgt werden kann beziehungsweise welche Probleme oder: Forschungsprobleme und -fragen sich durch diese Beziehung ergeben.

MARIE LUISE ALLEMEYER (Göttingen) stellte zu Beginn kurz den Standort Göttingen in Hinsicht auf den Schwerpunkt des Workshops vor. Aufbauend auf diesen Vortrag skizzierte CHRISTIAN VOGEL (Göttingen) den theoretischen Rahmen des Workshops und fragte nach den Gründen für die gegenwärtige Konjunktur von universitären Sammlungen und deren Objekte. Neben der Materialisierung des Kulturbegriffs waren es vor allem neueren Zugänge der Wissenschaftsgeschichte und Wissensforschung, die die Relevanz wissenschaftlicher Sammlungen und Objekte deutlich machten, indem sie wissenschaftliche Forschung als eine Auseinandersetzung mit materiellen Umgebungen und konkreten Objekten auswiesen.

Die Rekonstruktion von Beziehungen, Diskursen und Handlungsweisen anhand von Objekten, stand im Mittelpunkt des Vortrags von ISABEL ATZEL (Berlin). Anhand ihrer Bearbeitung von medizinischen Pflegeinstrumenten zeigte sie den Ablauf und die Änderungen des Pflegealltags um 1900 auf, der durch die Einführung von neuen Instrumenten wie bspw. einem Fieberthermometer und die damit verbundenen Handlungen /neu strukturiert wurde. Dafür nutzte Sie eine Mischung von schriftlichen Quellen wie bspw. Lehrbücher und die Modifikation bzw. Weiterentwicklung von Pflegeinstrumenten. Durch diese Rekonstruktionen zeigte Sie ebenfalls das damalige soziale Machtgefüge, indem sich die Pflegekräfte und die Ärzte bewegten.

Diesen Rückgriff auf historischen Macht- und Infrastrukturen nutzte auch BIRGIT ZEITLER (Berlin), indem sie die Sammlungsgeschichte der Lehrsammlung antiker Kleinkunst des Archäologischen Seminars an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität zwischen 1912 und 1915 zum Ausgangspunkt ihres Vortrags machte. Hierbei lag ein besonderer Fokus auf den möglichen Wegen, die die Objekte durchliefen, nachdem sie für die Sammlung angekauft worden waren. Dabei stand neben den institutionellen Infrastrukturen auch die Person Georg Loeschke im Vordergrund, der die Studiensammlung begründete.

THOMAS MOSER (München) stellte ebenfalls die Frage nach dem Einfluss von Diskursen auf die Entstehung von Objekten, fokussierte aber eine andere Personengruppe. Ausgehend von der Objektkultur am Anfang des 19. Jahrhunderts zeigte er die Entwicklung der Rolle des Körpers im Kunstempfinden anhand von verschiedenen Objekten, wobei der Fokus im Vortrag auf dem Tastsinn lag. Die drei Vorträge zeigten teils sehr eindrucksvoll, dass Objekte immer in Kontexten verortet sind. Diese Kontexte können sich indirekt auf die Objekte auswirken (beispielsweise Diskurse, die sich in Briefwechseln, Veröffentlichungen oder Lehrbüchern nachzeichnen lassen). Oder sie haben ganz direkte Auswirkungen auf die Materialität der Objekte, was sich durch beispielsweise Veränderungen/Ergänzungen oder Benutzungsspuren nachweisen lässt. Somit befinden sich Objekte immer in bestimmten Kontexten, die rekonstruiert werden können. Durch dieses Vorgehen können neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Dieses Spannungsfeld wurde aber auch aus anderen Perspektiven vorgestellt und neu akzentuiert. HANNES WIETSCHEL (Essen) zeigte mithilfe von photographischen Abzügen, die auf geographischen Expeditionen zwischen 1880 und 1920 entstanden, den Umgang und die Herausforderungen bei der Einführung der Photographie als Technik der wissenschaftlichen Dokumentation. Interessant daran ist, das die frühen photographischen Abzüge den Geographen scheinbar nicht genau genug waren, weshalb Details händisch mit Bleistiften oder Acrylfarbe nachgezeichnet wurden, um möglichst nahe an die wahrgenommene Realität zu kommen.

Einen weiteren Aspekt, den Menschen selbst, stellte VALENTIN BEINROTH (Frankfurt) vor: er besprach sein Kunstprojekt GSAE (General Survey Antipodes Expedition), in dessen Rahmen er drei Monate auf Neuseeland verbrachte und die Insel neu vermaß. Spannend an diesem Projekt ist, dass er die klassische Forschungsreise ironisch brach. Diese Brechung stellte er anhand seiner mitgeführten Messinstrumente vor, die eher einer Skulptur glichen. Auch beschrieb er sehr ausführlich seine Datenerhebung und die Methoden, die er anwendete, die im Kern sehr zufällig und subjektiv war. Sein Vortrag glich somit einem Zerrspiegel, der die Reaktionen und das Selbstverständnis der wissenschaftlichen Expedition ironisierte und somit zur Selbstreflektion anregte.

Die Rekonstruktion von Sammlungsgeschichten anhand von Objekten zeigte JOHANNA WILK (Wien) eindrucksvoll, indem Sie die außergewöhnliche Sammlung des Stifts Neukloster in der Wiener Neustadt und ihre wechselvolle Geschichte vorstellte. Der Fokus des Vortrags lag dabei auf der (Wieder-)Entdeckung der Sammlung, die von 1998 bis 2014 komplett unzugänglich und inadäquat gelagert worden ist sowie auf dem entwickelten Pflegekonzept und der Neuinstallation der Sammlung als Ausstellung im Kloster. Eine bisher noch nicht gelöste Frage, wie und warum gewisse Objekte in die Sammlung gekommen waren, wurde vielfach diskutiert. Hierbei lagen neben den möglichen historischen Entwicklungen der Sammlung auch ein Fokus auf der Praxis und die damit verbundenen Herausforderungen bzw. den neueren Entwicklungen in objektbasierten Wissenschaften.

Eine ähnliche Thematik bearbeitete HELLEN AHNER (Tübingen) in ihrem Vortrag. Das Beispiel einer Objektbiographie eines Teleskops diente ihr als Rahmen, um umfassendere gesellschaftliche Entwicklungen in der Astronomie nachzuzeichnen. Durch die kontrastierende Gegenüberstellung von Teleskop und Planetarium und die Einbindung von historischen Entwicklungen zeigte der Vortrag sehr anschaulich, in welchen Beziehungsgeflechten Objekte verankert sein können und wie diese rekonstruiert werden können. Thematisch beschäftigte sich LINA MARIA STAHL (Berlin) ebenfalls mit Astronomie. Anhand der technischen Abläufe bei der Entstehung von Sternenbildern zeigte sie auf, inwieweit die Instrumente die Wahrnehmung des Phänomens strukturieren, aber auch eingrenzen können. Diese Eingrenzung basiert darauf, dass die verwendeten Instrumente zwar gewisse Vorgänge sichtbar machen, diese Vorgänge aber durch ihre Darstellung erst erschaffen und somit auch solche Zusammenhänge wie etwa die Erdumdrehung darstellen, die empirisch für den Menschen nicht erfahrbar sind. Die beiden Vorträge warfen die Frage auf, ob die Akteur-Netzwerk-Analyse von Bruno Latour historisch angewendet werden kann, um den historischen Umgang mit Objekten zu rekonstruieren und inwieweit sie Eingang in der Objektforschung finden sollte.

Die Rekonstruktion von Wissenschaftsgeschichte anhand von Objekten stellte SARAH DELLMANN (Utrecht) in den Fokus ihres Vortrages. Anhand von Lichtbildern bzw. Glasdias zeigte Dellmann mögliche Verwendungsweisen und Bedeutungskontexte, in denen die Lichtbilder zu Einsatz gekommen sein könnten und zog aus dieser Analyse Rückschlüsse auf die vielseitigen ökonomischen Aspekte einer Forschungsreise sowie auf die Popularisierung bzw. Darstellung von Forschungsreisen für ein heterogenes, öffentliches Publikum.

Die praktischen Problematiken, mit der sich die Objektforschung konfrontiert sieht, beschrieb NIKOLAUS KRATZER (Krems). Am Beispiel der musealen Lagerung und Präsentation von Lichtbildern zeigte er, dass dieses Objektfeld durch Ausstellungen und Alterung zerstört werden können. Daher wird immer öfter mit Reproduktionen gearbeitet, die aber bei der Analyse wesentliche Aspekte wie Oberflächenbeschaffenheit und Texturen nicht abbilden können. Daran angeschlossen ist auch die Frage nach der richtigen Lagerung und Konservierung der Objekte in den Museumsdepots.

Eine ähnliche Entwicklung von Dokumentation stellte ERIKA ÉRSEK (Karlsruhe) anhand von 3D-Digitalisierung von Baudenkmälern vor, die anhand von photographischen Aufnahmen ein computergeneriertes Modell schaffen. Anhand dieser Modelle können digitale Rekonstruktionen von heute zerstörten Apparaten geschaffen sowie Schäden besser kartographiert werden. Ob man darauf folgern könne, dass mit einer solchen Digitalisierung die Originale, nicht mehr vonnöten seien, da sie ja in einer anderen Art und Weise weiter existieren, wurde als offene Frage diskutiert.

Eine andere Seite dieser Debatte nahm MARJANKO PILEKIC (Frankfurt am Main) als Ausgangspunkt für seinen Vortrag. Anhand der Arbeiten des deutsch-polnischen Forschungsprojekts „IMAGMA“ stellte er die Untersuchungen an Goldmünzen vor. Um datierungsfähiges Material aus den Goldmünzen zu erhalten, werden diese beschädigt. Diese Beschädigung verletzt somit die Integrität von Kulturgut, ist aber auf der anderen Seite notwendig, um Proben aus dem Material zu gewinnen. Bisher ist aber noch keine beschädigungsfreie Methode entwickelt worden, die die Goldmünzen nicht beschädigt oder komplett zerstört.

Das Reparieren und Konservieren von Objekten stellte CHARLOTTE HOLZER (München) am Beispiel eines Glasfaserkleides vor. Diese Stücke sind allgemein äußerst selten und dementsprechend gibt es noch keine gängigen Restaurationsmaßnahmen, um diese Objekte zu säubern und zu erhalten. Holzer beschrieb an einem Beispiel ihre Untersuchungen und Tests, die sie mithilfe von aktuellen Labortechniken durchführte und ihre bisherigen Ergebnisse. Darauf aufbauend skizzierte sie ein neues Lagerkonzept, welches dem Objekt angemessen ist.

STEPHANIE SCZEPANEK (Münster) stellte in ihrem Vortrag die Arbeit mit einer „Camera Lucida“ vor. Mit diesem Zeichenwerkzeug ist es möglich, einen Ausschnitt der wahrgenommenen Realität maßstabsgetreu auf Papier zu projizieren, wo es nur noch nachgezeichnet werden musste. Eine solche Praxis, die gleichermaßen von Künstlern wie Wissenschaftlern praktiziert wurde, führte innerhalb der Kunstgeschichte zu regen Auseinandersetzungen über die Bewertung von Kunst und über die Vorstellung künstlerischer Autorschaft. Dementsprechend wurde neben der allgemeinen Frage nach Original und Rekonstruktion/Duplikat auch die Frage nach dem Unterschied zwischen Handwerk und Kunst aufgeworfen und vielfach diskutiert.

Das junge Forum für Objektwissenschaft stellte in seinen interdisziplinären Ansatz und der Auswahl seiner Vorträge einen breiten Querschnitt durch die aktuellen Entwicklungen und Ansätze in der Objektforschung dar. Interessant dabei war, dass die Vortragenden und die Diskussion sich im weitesten Sinn um dieselben Grundfragen drehten. Die Objekte wurden auf der einen Seite in vielfältigen Bedeutungsnetzwerken verortet und boten damit die Möglichkeit, Diskurse zu rekonstruieren oder aktuelle (Fach-)Debatten in kleinerem Maße nachzuverfolgen. Auf der anderen Seite ging es um die ganz pragmatische Seite der Objektforschung: Zugang, Erhaltung und neuere Entwicklungen in den Dokumentations- sowie Rekonstruktionstechniken.

Konferenzübersicht:

Marie Luise Allemeyer / Christian Vogel (Zentrale Kustodie Göttingen) - Begrüßung und Einführung

Lina Maria Stahl (Freie Universität Berlin) - Horizonte der Sichtbarkeit. Zur astronomischen Darstellung des Himmels

Stephanie Sczepanek (Kunstakademie Münster/Humbold-Universität Berlin) – Linie, Fläche Perspektive und Proportion als Formen der zeichnerischen Aneignung: Die Camera Lucida als optisches Zeichenhilfsmittel bei David Hockney

Valentin Beinroth (Frankfurt am Main) - GSAE (General Survey Antipodes Expedition)

Birgit Zeitler (Humboldt-Universität zu Berlin) – Loeschkes Erbe: Von Hindernissen und Erfolgen beim Aufbau einer Studiensammlung

Johanna Wilk (Universität für angewandte Kunst Wien) – Von der Abstellkammer zur Kunstkammer: Objektbasierte Forschung in der Sammlungspflege

Charlotte Holzer (Technische Universität München) – Restaurierung im Labor: Einsatz instrumenteller Analytik bei der Reinigung eines Glasfaserkleides

Erika Érsek (Karlsruher Institut für Technologie, Institut für Geschichte und Technikzukünfte) – 3D-Digitalisierung von Kulturdenkmalen als Quellen der Technikgeschichte

Helen Ahner (Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft Tübingen) – Stielaugen der Wissenschaft. Wie durch Teleskope ein neues Weltbild entsteht und Planetarien es sichtbar machen

Isabel Atzel (Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité) – Pflegedinge und Pflegealltag. Eine Geschichte pflegerischen Handelns um 1900 auf der Basis pflegehistorischer Objektforschung

Thomas Moser (Ludwig-Maximilans-Universität München) – Objektkultur um 1900 – Zwischen décadence und Wissenschaft

Marjanko Pilekic (Römisch-Germanische Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts) – Archäometallurgische Untersuchungen in der (Antiken) Numismatik am Beispiel des deutsch-polnischen Projekts „IMAGMA: Imagines Majestatis. Barbarian Coins, Elite Identities and the Birth of Europe (DFG/NCN Beethoven Project)

Sarah Dellmann (Universität Utrecht) - Die Lichtbilder der Surinam-Expeditionen der Utrechter Botaniker Prof. A. A. Pulle (1921) und Dr. J. Lanjouw (1932): Was Objekte sichtbar machen

Nikolaus Kratzer (Donau-Universität Krems) – Fotografie sichtbar machen: Zur Frage der Materialität des Lichtbildes

Hannes Wietschel (Folkwang Universität der Künste Essen) – Unzuhandene Photographien – Spuren des geographischen Gebrauchs photographischer Abzüge im Nachlassarchiv des Leibniz-Instituts für Länderkunde

Zitation
Tagungsbericht: Junges Forum für Sammlungs- und Objektforschung, 28.09.2017 – 29.09.2017 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 06.12.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7423>.
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Veröffentlicht am
06.12.2017
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