7. Erlanger Sommerkurs zur Geschichte der Frühen Neuzeit: Dinge! Objekte als Quellen und Ausstellungsstück

Ort
Erlangen / Nürnberg
Veranstalter
Ulrike Ludwig, Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg; Annette Cremer, Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit, Justus-Liebig-Universität Gießen
Datum
20.09.2017 - 23.09.2017
Von
Kevin Christian Klein, Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Goethe-Universität Frankfurt am Main; Hadrian Silberer, Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Der diesjährige 7. Erlanger Sommerkurs zur Geschichte der Frühen Neuzeit befasste sich mit einem aktuellen Themengebiet der historischen Kulturwissenschaften: Objekte als Quellen einerseits und museale Exponate andererseits. Die Organisatorinnen Ulrike Ludwig (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) und Annette Cremer (Justus-Liebig-Universität Gießen) knüpften damit nicht nur an aktuelle Debatten der Materiellen Kulturforschung innerhalb der Geschichtswissenschaften an, sondern sie verbinden die beiden Eigenschaften von Objekten als Informationsträger für sowohl Wissenschaft als auch Ausstellung. Dreißig fortgeschrittene Studierende, Doktorand/-innen und Postdoktorand/-innen verschiedener Disziplinen (Geschichte, Kunstgeschichte, Museologie, Literaturwissenschaften, Geologie) befassten sich mit der Frage, wie Objekte als Quellen entschlüsselt und als Ausstellungsstücke zum Sprechen gebracht werden können. Integraler Bestandteil der Sommerschule war zudem die Zusammenarbeit mit Kurator/-innen des Germanischen Nationalmuseums und des Erlanger Stadtmuseums und damit der musealen Forschung und der Ausstellungspraxis. Die Sommerschule löste sich in ihrem Workshop-Charakter mehrfach von frontalen Lehrformaten, besonders bei der Arbeit mit Objekten und vor den Vitrinen in den beiden Museen im Stil des angelsächsischen gallery teaching.

ANNETTE CREMER (Gießen) führte mit einem Vortrag in die Arbeit mit Objekten ein. Am Beispiel des aktuell für die Musealisierung vorbereiteten Flugzeugswracks der entführten »Landshut«, deren Befreiung 1977 in Mogadischu zum Symbol des Rechtsstaats im »Deutschen Herbst« avancierte, hinterfragte sie den eigentlichen Quellenwert der Maschine, die nach dem Geiseldrama als Passagier- und Frachtflugzeug im Einsatz blieb, bis sie 2008 in Brasilien stillgelegt und ausgeschlachtet wurde. Da das Flugzeug nun ausgestellt werden soll, stellte Cremer die Frage nach der Bedeutung der Authentizität für die Musealisierung des Objekts, das der Öffentlichkeit nach ihrer Rückführung auf den Zustand von 1977 in Friedrichshafen präsentiert werden soll. Der museale Wert der »Landshut« liege allein im sekundären Kontextwissen, welches die Besucher/-innen bereits mitbrächten oder erst vor Ort erhielten. Das Objekt selbst »spreche« nicht, sondern diene als Träger einer gezielten Erinnerungskultur. Anhand einzelner Gegenstände erprobten die Teilnehmer/-innen im anschließenden Workshop selbst, ausgehend von Material, Funktion, Oberfläche und Form, die primären Merkmale von Gegenständen zu erschließen. Schnell wurden auf diese Weise die Herausforderungen, Möglichkeiten und Grenzen der quellenkritischen Arbeit mit dekontextualisierten Objekten erkennbar.

Im zweiten Workshop betrachtete ULRIKE LUDWIG (Erlangen) die traditionelle Quellengattung der Manuskripte auf ihre Materialität, um sich so den Techniken ihrer Niederschrift, Bearbeitung und Ablage sowie den dahinterstehenden Ordnungsvorstellungen und -praktiken zu nähern. Ludwig gliederte die Objektbiographie eines Schriftstücks in drei Abschnitte: Es werde vom Verfasser verfahrensgeleitet erstellt und ggf. mit sachlich verknüpften Schriften abgelegt; die Archivierung ordne es in die eigene Systematik ein, etwa anhand der Gattung in einen neuen Bestand; ändere sich im Laufe der Zeit die archivische Informationsarchitektur, so gelange das Objekt in neue Kontexte. Die wesentlichen Quellen zur Rekonstruktion solcher Wissensstrukturen und ihrer Wandlungsprozesse stellen die hinterlassenen Textquellen, aber auch Ordnungsinstrumente der Ablage und Registraturen und nicht zuletzt entsprechendes Schreib- und Archivierungsmobiliar dar. Hinzu treten schließlich noch Bildquellen. Trotz ähnlicher Fragestellungen arbeiten die damit beschäftigten Gebiete der Wissenschafts-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte bislang noch weitgehend parallel zueinander. Als Praxisübung werteten die Teilnehmer/-innen Nachlassinventare des schwedisch-pommerschen Lehenssekretärs Gottfried Schröer aus; sie zeichneten nach, wie sich die Aktenablage von einer Trennung nach Räumen und Möbeln schrittweise zu einer systematischen Sortierung entwickelte.

Einen ganz anderen Zugang zu Objekten bot TIMO SESTU (Erlangen) mit seinem Dissertationsprojekt zu Grenzgängen der Digitalität zwischen Literatur und Bildkunst, den »digitalen Artefakten«. So veröffentlichte 1961 Raymond Queneau (1903-1976) das Rechenmaschinenbuch »Hunderttausend Milliarden Gedichte«, das Verse zu Sonetten kombiniert und damit sowohl ein geschaffenes Kunstwerk als auch ein schaffendes Werk darstellt. Die Frage nach materieller Kultur hat mit der Digitalisierung an neuer Relevanz gewonnen. Denn digitale Artefakte zeichnen sich durch ihre Ambivalenz physischer Materialität und digitaler Immaterialität aus, sie sind zugleich Einzelstücke und endlos vervielfältigbar. Sestu schlägt zur Erfassung dieser Kunstformen eine neue Kategorie der »Intermaterialität« vor und greift zurück auf aktuelle Agency-Theorien, die nicht mit Künstler und Werk, sondern mit den etablierten Begriffen des Akteurs und Aktanten operieren.

Den zweiten Tag der Veranstaltung eröffnete JANINE MAEGRAITH (Cambridge) mit dem dritten Workshop, der sich mit der Bedeutung von Alltagsobjekten als Quellen für sozial- und wirtschafts-geschichtliche Forschungen beschäftigte. Ausgehend vom teils dramatischen Anstieg der Bruttoinlandprodukte der größten westeuropäischen Länder in der Frühen Neuzeit stelle sich für die Forschung die Frage nach Veränderungen in den zeitgenössischen Produktionsweisen und Konsumpraktiken. Diese Fragen nach Wandel sei eng mit Objekten verknüpft, denn das Aufkommen neuer Waren und Produktbezeichnungen markiere Veränderungen in Produktion und Konsum. Im Fokus des Interesses stehen für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte daher weniger die Objekte an sich, sondern wann und wo diese auftauchen und worauf sie aufgrund ihrer Produktionsbedingungen, materiellen Eigenschaften und Gebrauchskontexte verweisen. Neben zeitlich und räumlich eindeutig verortbaren Objekten nutze die Forschung schriftliche und bildliche Quellen, insbesondere Haushalts- bzw. Ladeninventare. Ein großes Problem sei allerdings die Tatsache, dass viele in den schriftlichen Quellen auftauchende Bezeichnungen nicht mehr zu entschlüsseln sind und sich auf diese Weise einer Deutung entziehen.

Im Zentrum der zweiten Tageshälfte stand unter der Leitung der Kuratorin GERTRAUD LEHMANN die Auseinandersetzung mit den Sammlungs- und Ausstellungskonzepten des Stadtmuseums Erlangen. Von besonderem Interesse für die Teilnehmer/-innen waren dabei die Schilderungen der Herausforderungen, die sich einerseits aus der Überlieferungssituation nach dem verheerenden Großbrand von 1706, aus der Raumsituation und andererseits den Interessen der Besucher/-innen ergeben. Von Lehmann besonders betont wurde zudem, dass es eine zentrale Aufgabe (kleinerer) Stadtmuseen sei, als Einrichtung der Stadt im lokalen Raum erinnerungskulturelle Arbeit zu leisten und identitätsstiftende Angebote zu machen.

Am Folgetag standen im Germanischen Nationalmuseum (Nürnberg) dieselben Herausforderungen im Zentrum: die Erforschung der Sammlungsbestände und die Einbindung ihrer Objekte in Dauer- und Sonderausstellungen. STEFAN LAUBE (Berlin/Wolfenbüttel) führte im vierten Workshop anhand verschiedener Objekte und Objektpaare durch angeregte Diskussionen über die Aussagekraft materieller Kultur. Der Königsstein eines fränkischen Schachspiels des 10. bis 12. Jahrhunderts galt wegen seines hohen Abstraktionsgrad als Abbildung der logischen Denkprozesse einer Partie. Ob anthropomorphe Vergleichsstücke den König als handlungsunfähigen Mittelpunkt des höfischen Spiels darstellen und was die Umdeutung der im arabischen Kontext mächtigen Figur des Wesirs zur Dame bedeutet, sind mögliche Anschlussfragen. Dass der semantische Wert eines Materials über die Primärbedeutung des Objekts hinauswachsen kann, zeigte sich an einem Ostensorium des 14. Jahrhunderts. Bei dieser Reliquienmonstranz ist der mit arabischer Inschrift versehene Kristall-Ring wahrnehmbarer als die eingesetzte koptische Reliquie – eine Vitrinisierung durch die spätmittelalterliche Schaufrömmigkeit. Ein bronzenes Aquamanile des 13. Jahrhunderts leitete zur Unhandlichkeit als einem gezielten Aspekt der Handhabung über. Das Gerät zur rituellen Handwaschung wurde ursprünglich von einem Diener im Ganzen angehoben und geneigt. Als sich das Ritual verkleinerte, ergänzte man einen Zapfhahn und verzichtete auf die umständliche Handlung. Schließlich führte ein »Volksempfänger«, der private Haushalte zum öffentlichen Raum der NS-Propaganda machte, Akustik und Moral als Faktoren ein: Können Objekte durch ihren Missbrauch verderbt und dauerhaft "böse" werden?

ANJA KREGELOH (Nürnberg) präsentierte ihr Forschungsprojekt zur historischen, kunsthistorischen und kunsttechnologischen Erfassung eines unbearbeiteten Bestands osmanischer Teppiche im Germanischen Nationalmuseum, das damit paradigmatisch für die Verknüpfung universitärer und musealer Objektforschung stand. Die siebenbürgisch-sächsische Kirchengemeinde Bistritz/Bistrita hatte die Objekte am Ende des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland gebracht. Die anatolischen Teppiche stifteten Siebenbürger Sachsen im 15. bis 18. Jahrhundert an ihre Kirchen, wo man sie für Kirchenbänke, als Wandteppiche und in Hochzeits-, Aufbahrungs- und Festtagszeremonien nutzte. Selbst islamische Gebetsteppiche wurden in den christlichen Sakralraum integriert. Die Teppiche scheinen auch als Distinktionsmerkmal gegenüber nicht-deutschsprachigen Protestanten gedient zu haben. Ob es sich um ein protestantisches Substitut für katholischen und orthodoxen Kirchenschmuck handelt, ist noch ungewiss. Obwohl bereits das lateinische Mittelalter Teppiche als Sakralstiftungen kennt, verspricht das Vorhaben, die von Sammler/-innen dominierte Literatur um wesentliche wissenschaftliche Erkenntnisse zu bereichern.

Schließlich führte THOMAS ESER (Nürnberg) durch die von ihm kuratierte mentalitätshistorische Ausstellung »Luther, Kolumbus und die Folgen« des Germanischen Nationalmuseums. Indem sie die Reformation, die Entdeckung neuer Welten und die Überwindung sicher geglaubten Wissens parallelisiert, zeichnet die Ausstellung ein Bild tiefer Verunsicherung und großer Neugier im 16. Jahrhundert. Im Mittelpunkt der Führung stand die selbstkritische Reflexion der Arbeit mit Objekten. Laut Eser sei jede Ausstellung ein schwieriger Gewichtungsprozess, da das in den Exponaten gebundene Wissen nicht ansatzweise darstellbar sei. Deshalb vergesellschafte man vermeintlich authentische mit illustrativen Dingen, etwa den Behaim-Globus (1492, ohne Amerika) mit Kolumbus-Autographen und späteren Weltkarten. Den liturgischen Dissens zwischen Katholiken und Protestanten verbildlichen ein altkirchlicher Gold- und ein zwinglianischer Holzpokal. Dass damit ein falscher Eindruck des lutherischen Ritus‘ entstehen könnte, riskierten die Kurator/-innen in diesem Fall um der inszenatorischen Zuspitzung willen. Manche Exponate regten zur Diskussion über deren Objektcharakter und Fragen der Ausstellungsethik an: So wird der »Lange Anton«, das Skelett-Präparat des riesenwüchsigen Schaustellers Anton de Franchepoinct als Beispiel für die Sensationslust des 16. Jahrhunderts, tatsächlich aber auch der Gegenwart thematisiert. Weitere Fragen schlossen sich an: Wie positionieren sich Museen zwischen Kulturtourismus und Wissensvermittlung? In welchem Verhältnis stehen Design und Narrativ einer Ausstellung zueinander? Wieviel erzählen die Dinge selbst, welchen Kontext brauchen sie? Bietet die Haptik eigenes Erkenntnispotential? Bedrohen partizipative Hands-on-Konzepte das kuratorische Deutungsmonopol? Wird die Materielle Kultur die universitäre und museale Forschung stärker verknüpfen?

Der letzte Tag war Projektvorstellungen vorbehalten. EVA MUSTER (Graz) beschäftigte sich in ihrer Masterthesis mit dem 2014 eröffneten „Centre Charlemagne – Neues Stadtmuseum Aachen“ und seinen Geschichtsbildern über Karl den Großen. Ihr Vortrag verdeutlichte, dass das Stadtmuseum vor der besonderen Herausforderung stand, mit Karl dem Großen einerseits eine schillernde und zum Mythos gewordene Figur der europäischen Geschichte zu präsentieren, andererseits jedoch auch der übrigen Stadtgeschichte gerecht zu werden. Dies manifestiere sich im Ausstellungskonzept und der „hybriden“ Gestaltung des Rundgangs, der entlang der einen Seite die Stadtgeschichte präsentiert, während auf der gegenüberliegenden Seite Karl der Große im Mittelpunkt steht. Ein weiterer wichtiger Aspekt, den Muster mit ihrem Vortrag in die Diskussion einbrachte, war der Hinweis auf die „Objektkonkurrenz“ zwischen einzelnen musealen Einrichtungen, die gerade bei prominenten Ausstellungssujets wie z.B. Karl dem Großen zum Tragen kommt. So beherberge das Stadtmuseum selbst nur wenige zentrale Stücke aus der Zeit Karls des Großen, könne für seine Dauerausstellung jedoch auch nicht auf Leihgaben aus anderen Museen hoffen. Die Ausstellungsmachenden des Centre Charlemagne griffen deshalb auf mancherlei aufwendig hergestellte Replik zurück. Wieder zeigte sich also, dass Stadtmuseen als Dienstleister „ihrer“ Stadt regelmäßig zwischen wissenschaftlichem Anspruch, knappen Beständen, lokalen Identifikationsbedürfnissen und touristischen Erwartungen vermitteln müssen.

Im Zentrum des wissenschaftshistorischen Projekts der Geologin ANKE TIETZ (Görlitz/Freiberg) standen geowissenschaftliche Objekte und die mit ihnen verbundenen zeitgenössischen Praktiken am Ausgang der Frühen Neuzeit. Ihr Untersuchungsgegenstand war der umfangreiche geowissenschaftliche Nachlass des Naturforschers Adolf Traugott von Gersdorf (1744-1807), der aufgrund seiner Zusammensetzung als Glücksfall für die Wissenschaftsgeschichte gelten kann. In ihrem Vortrag beleuchtete Tietz zunächst epistemische Praktiken der Wissensorganisation, die Gersdorf im Rahmen seiner 1786 erfolgten Forschungsreise durch die Schweiz anwandte. Konkret ging es um sein ausgefeiltes Verweissystem zwischen individueller Gesteinsprobe, dem dafür angefertigten Sammlungsetikett und dem zugehörigen ausführlichen Eintrag im Reisejournal. Darüber hinaus beinhaltete das Reisejournal Notizen über fremde Sammlungen und den fachlichen Meinungsaustausch. In einem dritten Schritt legte Tietz dar, wie Gersdorf mit einigen seiner Schweizer Mitstreitern noch über Jahre hinweg in Kontakt blieb und hunderte Briefe, Gesteinsproben, Landkarten, Gebirgsansichten und -modelle austauschte. Der für die Entstehungsphase der Geologie als wissenschaftliche Disziplin und die Herausbildung einer gemeinsamen Fachsprache so bedeutende Austausch geologischen Wissens war Tietz zufolge auch über private Korrespondenzen hinaus stark an Objekte gebunden: So waren geologische Publikationen der Zeit beispielsweise erst dann wirklich zugänglich und brauchbar, wenn man die dazugehörige Sammlung in Augenschein nehmen konnte. Aus diesem Grund wurden selbst in politisch unruhigen Zeiten Dubletten bzw. Steinsplitter europaweit versandt und so anderen Forschenden zur Verfügung gestellt.

Im letzten Beitrag der Veranstaltung berichtete die Kunsthistorikerin ELKE ANNA WERNER (Berlin) aus der Ausstellungspraxis. Sie stellte die von ihr mitkuratierte ungewöhnliche Ausstellung „Double Vision: Albrecht Dürer & William Kentridge“ vor, in der 110 ausgewählte druckgrafische Arbeiten Albrecht Dürers (1471-1528) und des südafrikanischen Künstlers William Kentridge (geb. 1955) in sieben Themenräumen gegenübergestellt wurden. Die Ausstellung wurde im Rahmen des DFG-Transferprojekts „Evidenz ausstellen. Praxis und Theorie der musealen Vermittlung von ästhetischen Verfahren der Evidenzerzeugung“ organisiert, das an der FU Berlin angesiedelt ist. Dabei experimentierten die Ausstellungsmachenden bewusst mit verschiedenen Vermittlungsarrangements, wobei man grundsätzlich die Besucher zu einer längeren Verweildauer und einer Intensivierung des Sehens einladen wollte. Das Team verzichtete daher gänzlich auf Erläuterungstexte und versah die Kunstwerke lediglich mit den notwendigsten Informationen (Künstler, Titel und Entstehungszeit). Alle weiteren Erläuterungen wurden auf einem separaten „Arbeitstisch“ ausgelegt. Darüber hinaus wurden in einem Themenraum beispielsweise Lupen installiert, mit deren Hilfe man die Technik beider Künstler im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe nehmen konnten. Dem experimentellen Ansatz folgend wurde außerdem versucht, das Publikum für die Konstruiertheit des Ausstellungsraumes zu sensibilisieren indem beispielsweise noch vor dem ersten Themenraum ein Making-of der Ausstellung präsentiert wurde. Im Zentrum der anschließenden Diskussion stand insbesondere die Frage, wie Kunst- und Kulturgeschichte mit nicht-selbsterklärlichen Bildern und Objekten umgehen und die hinter einem solchen Ding stehenden gesellschaftlich-weltanschaulichen wie gestalterischen Referenzen und Diskurse in einer Ausstellung vermitteln könnten.

In ihrem Abschlusskommentar hob Ulrike Ludwig die besondere methodische Herausforderung im Umgang mit Objekten als Quellen und Ausstellungsstücke noch einmal hervor. In der gemeinsamen Arbeit und in den Diskussionen habe sich gezeigt, dass in der Materiellen Kulturforschung inzwischen vielfältige Methoden und Konzepte zur Verfügung stünden. Darüber hinaus bedürfe es aber auch eines wissenschaftlich fundierten Instrumentariums zu einer interdisziplinär ansetzenden Quellen- und Ausstellungsanalyse, das jedoch eine tiefergehende Reflexion über die Komplexität von musealen Vermittlungssituationen und Objekten als Informationsträgern voraussetze.

Aus Sicht der Autoren hat sich der im Sommerkurs angestoßene Dialog zwischen Forschung und Ausstellungspraxis einerseits sowie den verschiedenen Disziplinen andererseits bereits als äußerst fruchtbar und fortsetzungswürdig erwiesen.

Konferenzübersicht:

Annette Cremer (Gießen) und Ulrike Ludwig (Erlangen-Nürnberg): Begrüßung, Vorstellungsrunde & Einführung in das Thema

Annette Cremer (Gießen): Formen und Herausforderungen der Quellenkritik bei der Arbeit mit Objekten – die ersten Schritte (Workshop I)

Ulrike Ludwig (Erlangen-Nürnberg): Papierbearbeitungen – Manuskripte als Objekte (Workshop II)

Timo Sestu (Erlangen-Nürnberg): Literatur im Zeichen von Algorithmizität und Computerisierung. Zur Materialität digitaler Artefakte (Projektpräsentation I)

Janine Maegraith (Cambridge): Alltagsobjekte. Fragestellungen und Methoden in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (Workshop III)

Gertraud Lehmann (Stadtmuseum Erlangen): Objektbesprechungen & Einblicke ins Ausstellungsmachen

Stefan Laube (Wolfenbüttel / Berlin): Zeigen & Verwandeln. Über Exotica und Laborinstrumente aus den Sammlungen des GNM (Workshop IV)

Anja Kregeloh (Germanisches Nationalmuseum): Osmanische Teppiche als Beispiele transkultureller Verflechtungen in Siebenbürgen

Thomas Eser (Germanisches Nationalmuseum): Luther, Kolumbus und die Folgen – Führung durch die Ausstellung

Eva Muster (Graz): Objekte in Ausstellungen als „Arbeit am Mythos“ (Projektpräsentation II)

Anke Tietz (Görlitz / Freiberg): Dilettantische Akteure und epistemische Praktiken um 1800. Die geologische Sammlung von Adolf Traugott von Gersdorf (Projektpräsentation III)

Elke Anna Werner (Berlin): Der lange Blick. Zum Ausstellen von Objekten aus Papier (Projektpräsentation IV)

Ulrike Ludwig (Erlangen-Nürnberg): Abschlusskommentar

Zitation
Tagungsbericht: 7. Erlanger Sommerkurs zur Geschichte der Frühen Neuzeit: Dinge! Objekte als Quellen und Ausstellungsstück, 20.09.2017 – 23.09.2017 Erlangen / Nürnberg, in: H-Soz-Kult, 04.12.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7426>.
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Veröffentlicht am
04.12.2017
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