Ulrich von Hutten und Rom. Deutsche Humanisten in der Ewigen Stadt am Vorabend der Reformation

Ort
Rom
Veranstalter
Tobias Daniels, Mittelalterliche Geschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München; Franz Fuchs, Institut für Geschichte, Universität Würzburg; Andreas Rehberg, Referent für Spätmittelalter, Deutsches Historisches Institut Rom
Datum
09.11.2017 - 11.11.2017
Von
Christopher Kast

Bereits zum zweiten Mal widmete sich die Willibald-Pirckheimer-Gesellschaft zur Erforschung von Renaissance und Humanismus auf ihrer Jahrestagung Ulrich von Hutten. Nachdem man sich dem deutschen Humanisten, den eine komplizierte Freundschaft mit dem Namensgeber der Gesellschaft, Willibald Pirckheimer, verbunden hatte, bereits 1988 gewidmet hatte, rückten die Veranstalter TOBIAS DANIELS (München), FRANZ FUCHS (Würzburg) und ANDREAS REHBERG (Rom) in Kooperation mit dem Deutschen Historischen Institut in Rom Ulrich von Hutten und das Rom der Deutschen am Vorabend der Reformation in das Zentrum der Konferenz.

ANDREAS REHBERG (Rom) stellte in seinem Eröffnungsvortrag römische Quellen für die Aufenthalte deutscher Rombesucher vor, wobei er sich bei seinen Ausführungen – bedingt durch die höhere Überlieferungschance – auf deutsche Kleriker in der Ewigen Stadt konzentrierte. Als grundsätzliches Problem bei der Suche nach Einzelpersonen, wie Ulrich von Hutten, benannte er zunächst das Fehlen von Findmitteln, weshalb ein systematischer Zugriff gerade für das frühe 16. Jahrhundert nicht möglich sei. Lediglich das bis zum Pontifikat Pauls II. (und bald Sixtus IV.) gediehene Repertorium Germanicum (RG) ermögliche bislang eine gezielte Suche, da es deutsche Betreffe in den Registerserien der römischen Behörden (Apostolische Kammer und Kanzlei) erfasst. Für die späteren Pontifikate liegen bislang nur Einzelstudien vor, die das prosopographische Material ausgeweitet aber noch lange nicht erschöpfend erfasst haben. Als weitere Quellen anderer kurialer Behörden, die aufgrund ihrer Eigenständgkeit nicht in das RG einfließen, nannte er zudem die Manualien der römischen Rota sowie die Register der Pönitentiarie. Als dritte Quellengattung wies Rehberg auf die heute im Archivio di Stato di Roma und Archivio Storico Capitolino verwahrten Protokolle von Notaren hin, die zur Abwicklung jeglicher Art von Geschäften aufgesucht wurden. Die große Fluktuation von Fremden und der hohe Anteil auswärtiger Notare hatte dabei nicht nur einen enormen Bedarf an Schriftlichkeit zur Folge, der sich heutzutage in einem Wust an Dokumenten widerspiegelt und deren Durchdringung zahlreiche methodische Schwierigkeiten mit sich bringt. Er trug auch zum Verlust zahlreicher Imbreviaturbücher bei, da ausländische Notare in der Regel Rom wieder verließen und erst 1507 mit der Einrichtung des Kollgs der scrittori della curia Romana dem entgegengewirkt wurde. Abschließend wies Rehberg auf Bruderschaftsbücher hin, in die man sich beim Eintritt in die Bruderschaft eintrug oder um Teil der Gebetsgemeinschaft zu werden. Insgesamt betonte er die Vielfalt der römischen Quellen und formulierte die Hoffnung, dass in Zukunft besonders den Notariatsimbreviaturen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden möge.

TOBIAS DANIELS (München) griff in seinem Vortrag das abschließende Desiderat Rehbergs auf und präsentierte aus eben jenen Notariatsimbreviaturen eine neue Quelle zum Romaufenthalt Ulrich von Huttens 1516, der bislang lediglich durch die literarische Überlieferung dokumentiert gewesen war. Anhand eines Prokuratoriums, das Daniels in einer römischen Notarsquelle entdeckt hatte, zeichnete er die Umgebung und die Personenkreise nach, in denen sich Hutten bewegte. Durch die an der Ausstellung des Prokuratoriums beteiligten Personen und der Abfassung desselben im Haus des Titelkardinals von S. Maria in Trastevere Marco Vigerio della Rovere zeigt er zum einen das Ambiente des Campo de’ Fiori als Huttens Hauptbezugspunkt und die intensive Nähe zum Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg auf: Er reiste nicht nur in dessen Diensten mit einem Mainzer Domkanoniker in die Ewige Stadt und erlangte so Zugang zum Kardinalspalast in Trastevere, sondern profitierte auch finanziell besonders von dessen Unterstützung. Zum anderen kam Hutten bei der Ausstellung des Mandats in Kontakt mit dem am Campo de’ Fiori lebenden Kurienprokurator Johannes von Büren aus Fritzlar, an dessen Haus zahlreiche Geschäfte abgewickelt wurden und der enormen Reichtum gesammelt hatte. Vor dem Hintergund dieser römischen Realität verfasste Ulrich von Hutten schließlich den zweiten Teil der Dunkelmänner-Briefe, die er mit römischem Lokalkolorit anreicherte und ihn zu der Überzeugung brachte: an der Kurie zählt nur das Geld oder protzige Zurschaustellung und Selbsptofilierung.

Im Zentrum der Ausführungen von FRANZ FUCHS (Würzburg) standen Nürnberger Privatarchive und deren Wert für die Untersuchung deutscher Humanisten in Rom. Er befasste sich mit dem Briefwechsel Willibald Pirckheimers mit Lorenz Beheim und Johannes Cochläus sowie mit der Autobiographie Christoph Scheurls. Fuchs zeichnete anhand der Briefe Beheims deutliche Konturen aus dem Pontifikat Alexanders VI. nach, dem der Nürnberger bereits zu dessen Zeit als Kardinal gedient hatte. Er thematisierte nicht nur Fragen der Körper- und Gesundheitspflege am Ende des 15. und frühen 16. Jahrhunderts, wie die Behandlung des morbus Gallicus oder das Färben von Haaren, sondern wies auch auf dessen humanistische Studien hin: Diese geben als einzige Auskunft über die Ausmalung der Engelsburg mit Szenen aus dem ersten Pontifikatsjahr des Borgiapapstes durch Pinturicchio. Der Blick des Pilgers auf Rom wurde anhand des ersten Aufenthalts Christoph Scheurls in Rom thematisiert, der die Ewige Stadt darüber hinaus ein weiteres Mal als Begleiter und Dolmetscher des Theologen Johann Stollberger besuchen sollte. Den Reisealltag rekonstruierte Fuchs aus dessen Reisetagebüchern und den detaillierten Ausgabenrechnungen und zeichnete so ein lebhaftes Bild der täglichen Herausforderungen und Probleme dieser Romreise. Abschließend wurde der Italienaufenthalt von Johannes Cochläus, der als Hofmeister Willibald Pirckheimers die jungen Nürnberger Patriziersöhne, Neffen Willibald Pirckheimers, nach Italien begleitete und deren Ausbildung in Rom und Bologna zu überwachen hatte. Seine Korrespondenz machte Fuchs als zentrale Quelle für die Biographie Huttens stark, der von dem Nürnberger als bewundernswert scharfer Geist und zugleich schwieriger Zeitgenosse beschrieben wurde. Abschließend betonte Fuchs den Wert des Nachlasses von Willibald Pirckheimer, der selbst eine reiche Fundgrube für die Erforschung deutscher Humanisten in Italien im 15. und 16. Jahrhundert darstelle.

In ihrem Abendvortrag zeichnete CONCETTA BIANCA (Rom) ein breites Panorama des Pontifakts Leos X., wobei sie besonders die Gegensätzlichkeit am Beginn und am Ende seiner Amtszeit betonte. Die nach der Wahl des Medicipapstes von Zeitgenossen gehegte Hoffnung auf eine Reform der Kurie wurde aufgrund der Klientel- und Familienpolitik des Papstes rasch enttäuscht. Auch kulturpolitisch blieb das Profil des Medici-Papstes ambivalent wie Bianca betonte. Die Beschäftigung bedeutsamer Humanisten (z.B. Pietro Bembo) an der Kurie waren wenig nachhaltig, da diese trotz zahlreicher Anreize, wie der Verleihung besonderer Ehren, die Kurie verließen. Weitere Felder, wie die römische Universität und die Vatikanische Bibliothek hatten ebenso wenig das große Interesse des Papstes auf sich gezogen, obwohl er offenkundig daran interessiert war, eine griechische Akadmie in Rom zu etablieren. Ein komplett düsteres Bild zeichnete Bianca schließlich am Ende seines Pontifikats: Die Verschwörung gegen seine Person durch einen Teil des Kardinalskollegiums, worauf er mit der Erhebung von 31 neuen Kardinälen reagierte, und die Wirren im Zuge der Reformation, erwiesen sich als schwerwiegende Belastung in den letzten Monaten seiner Amtszeit.

Den zweiten Tag eröffnete CHIARA CASSIANI (Università della Calabria), die sich den Wechselbeziehungen satirischer Werke Deutscher und Italiener im kulturellen Milieu Roms widmete. In vergleichender Perspektive nahm sie das Bellum grammaticale und den Dialog Simia von Andrea Guarna sowie Ulrich Huttens Epistolae obscurorum virorum in den Blick, anhand derer sie zu zeigen versuchte, wie das Genre der Satire das Eindringen reformatorischer Ideen in Rom begünstigte. Sie verortete dabei die drei Werke im Kontext der antipäpstlichen Kritik des 16. Jahrhunderts, deren kultureller Hintergund immer wieder in Form römischer Schlaglichter aufscheint, während bei Guarna jedoch vordergründig Debatten um die humanistische Sprache ausgetragen werden. Hutten, so Cassiani, sei schließlich in diesem kulturellen Milieu zu verorten, der seine Kritik am Papsttum durch die geschickte rhetorische Widmung von Lorenzo Vallas Werk über die Konstantinische Schenkung an Leo X. anzubringen wusste. Ebenso verstand es Guarna, in Form eines Dialogs verstorbener Zeitgenossen an der Himmelspforte mit Petrus – Vorbild hierfür war der Eremita des Antonius de Ferrariis – antikuriale Gedanken zu verbreiten. Beide, Hutten und Guarna, wurden so zum Sprachrohr der in diesen Jahren verbreiteten Polemik gegen das Papsttum, wobei sich besonders reformatorische Ideen daran als anschlussfähig erwiesen.

GERALD DÖRNER (Heidelberg) widmete sich dem Umfeld des Reuchlin-Prozesses, der sich am Gutachten Reuchlins im Streit um die Konfiszierung jüdischer Bücher in Köln entzündet hatte. Der im sogenannten Judenbücherstreit von Reuchlin verfasste “Augenspiegel” verfiel dem Verdacht, christenfeindliches Gedankengut darzustellen. Der auf Betreiben der Kölner Fakultät angestrebte Inquisitionsprozess verlagerte sich durch die Appelation Jakob von Hoogstratens nach Rom, wodurch der Prozess eine internationale Dimension erhielt und zudem publizistisch ausgetragen wurde. Es entwickelte sich eine Debatte europäischen Ausmaßes in deren Zentrum Johannes Reuchlin stand und an der sich nicht nur Universitäten (Köln, Paris, Löwen), sondern auch der französische König beteiligten. Beide Streitparteien versuchten in dem über sieben Jahre lang geführten Prozess Einfluss zu nehmen, sei es durch die Besetzung der Richterstühle oder die direkte Einflussaufnahme (gelehrte Briefe Reuchlins). Während Reuchlin nach dem Einfall der französischen Truppen 1516 zwischenzeitlich als Sieger aus dem Prozess hervorzugehen schien – Hutten feierte bereits dessen Triumph –, blieb sein endgültiger Freispruch aber aus. Vielmehr wurde er in einem Eilverfahren am 23. Juni 1520 verurteilt und der “Augenspiegel” als häretisches Werk verboten.

HERMANN WIEGAND (Heidelberg) widmete sich in seinem Vortrag dem weiten Bogen der lateinischen laudes Romae und schilderte ein breites Panorama von Hermann von dem Busche über Konrad Celtis, Caspar Ursinus Velius, Georgius Sylvanus Silesius bis Ulrich von Hutten. Er kontrastierte dabei die bei von dem Busche noch völlig problemlose Schilderung der Ewigen Stadt mit dem Rombild von Konard Celtis, der dieser eine vollkommen neue Qualität verlieh: Dieser griff die antike Romkritik auf und wandte sie gegen die Kurie Innocenz’ VIII. Anders, so Wiegand, sei die Wahrnehmung der Ewigen Stadt bei Caspar Ursinus Velius, der keine Kritik am Papsttum übte, wenngleich er jegliche Bezüge zum modernen Rom der Päpste vermied. Vielmehr stand er Hadrian VI. – im Gegensatz zu zahlreichen Italienern – und Leo X. weitaus positiver gegenüber als andere Romreisende zu dieser Zeit. Ulrich von Hutten selbst aber zeigte kaum Interesse am antiken Rom, sondern stellte die Verderbnis der römischen Kurie in den Mittelpunkt, die den Auftrag Gottes an Petrus mittlerweile pervertiert habe. Als Zäsur identifizierte Wiegand schließlich den Sacco di Roma, der für zahlreiche Humanisten das Ende der Renaissance in Rom darstellte, wie er am Beispiel von Georg Sabinus zeigte. Trotz des kulturellen Verlusts, den die Ereignisse von 1527 verursacht hatten, versuchte Sabinus nämlich, die Handlungen Karls V. als gerecht darzustellen.

Der rezeptionsgeschitliche Beitrag von WILHELM KREUTZ (Mannheim) bildete den Abschluss der Tagung, wobei den Ausgangspunkt seiner Ausführungen die um 1517/18 kurzzeitig starke zeitgenössische Rezeption und Stilisierung Huttens als Antipode zum Papsttum bildete. Sein Ruhm als antipäpstlicher Streiter verblasste jedoch schnell im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts, wie er anhand der Verbreitung der Drucke von Huttens Werken nachwies. Bis in das 18. Jahrhundert – und bis zur Weimarer Republik teilweise fortwirkend – blieb Hutten lediglich als humanistischer Dichter präsent, der als gescheiterter Märtyrer zur Identifikationsfigur des Scheiterns der deutschen Freiheit und zum Symbol der fehlenden nationalen Einheit erhoben wurde. Während des Kulturkampfs – hierfür war die 1858 von David Friedrich Strauß’ verfasste Biographie maßgebend – wurde Hutten zum Vorkämpfer gegen den Katholizimus und die römische Fremdherrschaft in Deutschland stilisiert. Die Wahrnehmung seiner Person als gescheiterter Märtyrer änderte sich zu der des Aufweckers der deutschen Nation und zum engagierten Vorkämpfer gegen deren Feinde, den Papst und im Kontext der Reichsgründung 1871 den Franzosen. Hutten erscheint am Ende des 19. Jahrhunderts als eine epochale Übergangsfigur, in welcher sich der vorbildhafte Humanist und ritterliche Streiter für nationale Anliegen verbanden, eine Deutung, die bereits auf den völkischen Kontext hinweist, in dem Ulrich von Hutten als Trommler des Rassismus und als Mahner zu deutschen Tugenden auftritt.

Ergänzend zu den Vorträgen bot die Tagung ein reiches Besichtigungsprogramm, wofür mehrere Experten gewonnen werden konnten: JOHANN ICKX (Rom), der Archivar von Santa Maria dell’Anima, zeigte die reichen Bestände der deutschen Nationalkirche in Rom und Monsignore STEFAN HEID (Rom), der Leiter des römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, führte durch den Campo Santo Teutonico.

Konferenzübersicht:

Andreas Rehberg (Rom): Römische Quellen für deutsche Rom-Besucher um 1500

Tobias Daniels (München): Ulrich von Hutten – ein laicus litteratus in Rom

Franz Fuchs (Würzburg): Nürnberger Humanisten in Rom zu Beginn des 16. Jahrhunderts

Concetta Bianca (Rom): Roma e la curia al tempo di Ulrich von Hutten

Chiara Cassiani (Università della Calabria): Parodia e satira a Roma nel primo Cinquecento

Gerald Dörner (Heidelberg): „Ein Kampf um Rom“. Johannes Reuchlin und seine Unterstützer

Hermann Wiegand (Heidelberg): Poetische Rombilder deutscher Humanisten aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts

Wilhelm Kreutz (Mannheim): Huttens Rombild und Romkritik in der Rezeption des 19. Jahrhunderts

Zitation
Tagungsbericht: Ulrich von Hutten und Rom. Deutsche Humanisten in der Ewigen Stadt am Vorabend der Reformation, 09.11.2017 – 11.11.2017 Rom, in: H-Soz-Kult, 11.12.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7438>.
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Veröffentlicht am
11.12.2017
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