Die Entwicklung der Autokratie im Moskauer / Russischen Reich

Ort
Bonn
Veranstalter
Dittmar Dahlmann / Diana Ordubadi, SFB 1167 „Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive“, Teilprojekt in Osteuropäischer Geschichte „Samoderžcy i edinoderžavie - Die Begründung des zentralistischen Alleinherrschaftsanspruches der russischen Zaren in der „Zeit der Wirren“
Datum
21.09.2017 - 22.09.2017
Von
Viktoriya Shavlokhova / Alice Lichtva, Osteuropäische Geschichte, SFB 1167 „Macht und Herrschaft – Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive“, Universität Bonn

Der internationale Workshop des SFB 1167 setzte sich mit der Entwicklung der Autokratie im Moskauer Reich auseinander. Genauer betrachtet wurde dabei die „Zeit der Wirren“ (russ. smuta), eine Zeitspanne, die die Jahre von 1598 bis 1613 umfasste und von Hungersnöten, sozialen Unruhen, Machtwechseln und Legitimationskrisen gekennzeichnet war. Sie setzte mit dem Aussterben des letzten Rjurikiden, Fedor I., ein und dauerte bis zur Thronbesteigung Michail Romanovs 1613, mit der sich eine neue Zarendynastie etablierte. Die Konferenzteilnehmer befassten sich sowohl mit Legitimationsprinzipien und Machtkonzepten als auch mit den Berichten von Ausländern und den autokratischen Systemen anderer Staaten.

Eröffnet wurde der Workshop mit zwei interdisziplinären Vorträgen russischer Wissenschaftler. VLADIMIR KLIMENKO (Moskau) lieferte mit seiner Präsentation eine naturwissenschaftliche Einstimmung auf die sog. „Zeit der Wirren“ und erläuterte den Zusammenhang zwischen der sozialen Krise und den harten Klimabedingungen im Moskauer Zartum. Bei seinen Untersuchungen stellte er heraus, dass die kälteste Zeitspanne der letzten zwei Millennien genau in die Jahre von 1580 bis 1610 fiel. Die Kältephase überschritt ihren Höhepunkt in den arktischen und subarktischen Gebieten bereits früher und klang Anfang des 17. Jahrhunderts wieder ab. Die Ursache der Kleinen Eiszeit lag im Ausbruch des Vulkans Huaynaputina, der dem vorhergehenden Klimasystem den Todesstoß versetzte. Klimenko hob hervor, dass vom Klimawandel nicht nur das Moskauer Reich, sondern der gesamte eurasische Kontinent betroffen war. Die Konsequenzen des Klimawandels stellten sich für Moskowien lediglich als besonders gravierend heraus, da es seit jeher das Epizentrum des Klimawandels darstellte.

Der anschließende Vortrag von ALEXANDER FILYUSHKIN (St. Petersburg) bot eine breit gefasste Übersicht zur Wahrnehmung von smuta in der russischen Geschichte sowie zu den Grundzügen der russischen Autokratie und ihrem Platz auf der Weltbühne vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hervorgehoben wurde die Bedeutung der These vom „Neuen Israel“, von der sich die Idee ableitete, das Reich Gottes auf Erden befände sich ab jetzt auf dem Territorium der Rus‘. Für die Erfassung dieser Epoche in der russischen Erinnerungskultur spielten die Werke von Nikolaj Karamzin eine wichtige Rolle. Karamzin war der erste, der Ivan den Schrecklichen als einen Tyrann beschrieb, was sich danach in der Öffentlichkeit einprägte. Während der Sowjetzeit begann die Rehabilitation des Rufes Moskowiens, was nicht zuletzt mit Stalins Sympathie für Ivan den Schrecklichen und der von ihm initiierten Erinnerungspolitik zusammenhing. Laut Filyushkin wird heutzutage oft nicht mehr über die Geschichte Russlands gesprochen, sondern über die Geschichte der Macht in Russland.

Mit den folgenden Vorträgen konzentrierten sich die Teilnehmer/innen des Workshops auf die Legitimationsstrategien der russischen Herrscher in der „Zeit der Wirren“ selbst. DIANA ORDUBADI (Bonn) behandelte in ihrem Vortrag den Prozess der Berufung Boris Godunovs zur Herrschaft. In diesem Zusammenhang wurde auf Max Webers Legitimationsprinzip der „charismatischen Herrschaft“ hingewiesen, das der „traditionellen Herrschaft“ gegenüberstand, worauf sich die Bojarenduma berief. Die Gunst der Dienstadligen und des Militärs gewann Godunov schließlich durch die Präsentation seiner selbst als Retter der Heimat. An dieser Stelle lässt sich das Prinzip der bogoizbrannost‘ ableiten, nach dem man einen wahren, von Gott auserkorenen Herrscher vor allem in Krisenzeiten anhand seines Charismas und seiner Fähigkeiten erkennt. Dieses Prinzip wurde der dynastischen Herrschaftslegitimität gegenübergestellt. Dabei wurde festgehalten, dass die von Gott gegebene Legitimität bei russischen Herrscherwahlverfahren eine zunehmende Rolle zu spielen begann, jedoch das traditionelle und dynastische Prinzip dadurch eher vervollständigt wurde und keineswegs abgelöst werden konnte.

Auch MAUREEN PERRIE (Birmingham) untersuchte die beiden Legitimationsprinzipien, die während der smuta miteinander konkurrierten. Sie hob hervor, dass die Wahl Boris Godunovs zum neuen Zaren erst mit dem Auftauchen des ersten falschen Dmitrij (Pseudodimitrij, russ: Lžedmitrij I.) in Frage gestellt wurde. Die beiden Thronprätendenten, der erste und zweite falsche Dmitrij (Lžedmitrij I. und II.) verurteilten die gewählten Herrscher Godunov und Šujskij nicht aufgrund der Tatsache, dass sie als Herrscher gewählt worden waren, sondern weil sie sich als „Verräter“ gegen die „wahren“ Thronfolger verschworen hätten. Godunov und Šujskij dagegen betrachteten ihre Konkurrenten als Betrüger, die sich gegen einen legitim gewählten Herrscher wandten. Mit der Wahl Michail Romanovs durch den Zemskij Sobor (Landesversammlung) bewährte sich jedoch das Wahlprinzip. Mit der Thronbesteigung des neuen Zaren wurde die alte Erbfolgeregelung schließlich wieder eingeführt.

ISAIAH GRUBER (Jerusalem) setzte die Frage der Herrschaftslegitimation und die Begründung der Alleinherrschaftsansprüche der russischen Zaren in der „Zeit der Wirren“ erneut in den Kontext der Vorstellung von Russland als Neues Israel und ging auf die Anerkennung einer neuen Herrscherdynastie ein. Die neue Vorgehensweise bestand aus drei Komponenten: vox dei, vertreten von Patriarchen und der Orthodoxen Kirche, vox populi, vertreten durch Zemskie Sobory, und vox feminae, worunter man die Legitimierung der herrschenden Person durch Zarin (Mutter, Witwe, Ehegattin) versteht. Zur Verstärkung des Zarenbildes wurde die Aussage benutzt vox populi - vox dei (die Stimme des Volkes sei die Stimme des Gottes). Einen wichtigen Schwerpunkt bildeten das Konzept des „Messiah“ zur Zeit der Wirren und seine Rolle für die Anerkennung eines neuen Zaren.

Unterschiedlichen Vorstellungen von den persönlichen Eigenschaften eines Moskauer Herrschers näherten sich die anschließenden Redner. DAVID KHUNCHUKASHVILI (München) behandelte das Thema auf ideengeschichtlicher Basis. Im Fokus seiner Analyse stand das sich im 15. und 16. Jahrhundert neu etablierte Machtkonzept im Moskauer Reich, untersucht am Beispiel der Selbstzeugnisse Ivans IV. Interessant erscheint hier der Widerspruch zwischen dem christlich-orthodoxen Bild des Zaren und der volkstümlich-apokalyptischen Symbolik der opričnina, die dieses zerstörte. Ivan IV. war mit zentralen Vorstellungen von einem “guten christlichen” Zaren durchaus vertraut, rezipierte diese aber nur partiell, indem er Hinweise auf seine eigene uneingeschränkte Macht hervorhob und jene Aspekte ignorierte, die auf die Grenzen seiner Macht hinwiesen. Ivans IV. Intention bestand offensichtlich darin, das von den opričniki verspottete Mönchtum und das christliche Zartum durch eine unumschränkte Gewaltherrschaft zu ersetzen sowie sich selbst zur einzigen Quelle der Macht zu erheben.

ADRIAN SELIN (St. Petersburg) erläuterte das Konzept eines neuen Machthabers in Moskau aus einer außenpolitischen Perspektive und berichtete über die schwedische Kandidatur auf den russischen Thron und die Bedeutung der Stadt Novgorod 1611-1615. Im Jahre 1611 wurde ein Abkommen zwischen Novgorod und dem schwedischen Heerführer Jacob de la Gardie geschlossen, um einen schwedischen Prinzen auf den russischen Thron zu bringen. Prinz Gustav Adolf musste jedoch die Regierung von Schweden nach dem Tod seines Vaters übernehmen, und nur Carl Philipp blieb als einziger Kandidat für den russischen Thron. Bis einschließlich Ende 1613 blieb der Einfluss ausländischer Kandidaten vorhanden (z.B. Prinz Władysław und Carl Philipp). Zahlreiche Belege zeigen, dass viele russische Soldaten sogar bereit waren, den neu gewählten Zaren Michail Romanov abzulehnen und einen Eid auf denjenigen abzulegen, der aus einer “echten” königlichen Familie stammte. In der Diskussion wurde die Frage aufgegriffen, ob im weiteren politischen Leben Novgorods der Einfluss ausländischer Herrscher zu sehen war, was eindeutig verneint werden musste.

Die nächste Workshop-Sektion mit sehr unterschiedlichen Beiträgen führte zwar geografisch nicht nur aus Moskau, sondern ganz aus Russland heraus, bot aber wertvolle Analogien zu den Denkkonzepten einer autokratischen Herrschaft. CORNELIA SOLDAT (Köln) befasste sich in ihrem Vortrag mit der sog. Grumbach-Affäre, bei der die Einnahme Würzburgs und der Mord an dem dortigen Bischof als ein ernster Bruch des kaiserlichen Landfriedens angesehen und Auslöser für eine offene Debatte über die kaiserliche Autorität wurde. In der detailreichen Beschreibung der Gewalt in den deutschen opričnina-Flugblättern, die einige Jahre nach der Grumbach-Affäre erschienen, sah Soldat die Funktion, die Leser dazu zu bringen, den eigenen, gut geordneten Staat mit anderen Ländern zu vergleichen und die Ordnung im Reich zu stabilisieren. Die Leser wurden indirekt beeinflusst, eine stabile Ordnung innerhalb des Reichs mit jedem neuen Gesetzesentwurf seitens der Machtinhaber zu assoziieren und entsprechend zu bevorzugen. Zugleich konnten die Flugblätter auch als eine Warnung vor zu viel kaiserlicher Macht innerhalb der Reichsexekutivordnung gelesen werden.

CHRISTIAN SCHWERMANN (Bochum) behandelte in seinem Vortrag ein Dokument, das von Lǐ Sī, dem Premierminister des ersten Kaisers Qín Shĭ Huángdì, verfasst wurde. In diesem Dokument stellte er dem zweiten Kaiser von Qín die Idee vor, „wie man über die ganze Welt allein herrschen kann und von niemandem kontrolliert werden kann“. Dieses Testament gehörte ganz eindeutig zur Tradition des Legalismus, was an sich eine der wichtigsten Bekundungen des autokratischen politischen Denkens im vormodernen China war. In der Diskussion wurde unter anderem ein Vergleich mit Machiavellis Werk „Der Fürst“ gezogen.

Mit den folgenden Vorträgen kehrte die Diskussion zur russischen Geschichte zurück und konzentrierte sich wieder auf die smuta, allerdings aus der Perspektive reisender Ausländer. Der Vortrag von DITTMAR DAHLMANN (Bonn) befasste sich mit Texten über das Moskauer Reich, die von ausländischen Diplomaten, Gelehrten und Kaufleuten zwischen 1550 und 1660 verfasst wurden. Die Autoren berichteten aus subjektiver Perspektive und orientierten ihre Wahrnehmungen an den ihnen vertrauten heimischen Verhältnissen. Genauer betrachtet wurden die Berichte Sigismund von Herbersteins, Richard Chancellors, Anthony Jenkinsons, Giles Fletchers und Adam Olearius. Aus den Berichten geht besonders hervor, in welch einem hohen Maße der Empfang, die Audienz und das Essen bei den moskowitischen Herrschern ritualisiert und symbolisiert waren. Sowohl die Sitzordnung als auch die Kommunikation mit dem Herrscher waren am Rang der Gesandten orientiert sowie auch am Verhältnis zu jenen Ländern, die sie repräsentierten. Anhand der Berichte ließ sich feststellen, dass bei den Empfängen am Moskauer Hof im internationalen Vergleich alles sehr lebhaft ablief. Genauer diskutiert wurde über den Zusammenhang des rituellen Handelns mit dem orthodoxen Glauben sowie über die Kommunikationsform mit dem Herrscher.

Der Vortrag von REINHARD FRÖTSCHNER (Regensburg) rundete den Workshop schließlich ab mit dem Blick auf das Moskauer Zartum während der Zeit der Wirren aus der Perspektive westlicher Russlandberichte, insbesondere der von Hans Georg Peyerle, einem Augsburger Juwelier, und Jacques Margeret, einem französischen Söldner. Im Fokus seiner Präsentation standen die Fragen der Herrschaftslegitimation und nach dem Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie. Folgende Aspekte der Kämpfe um die Macht in Moskau während der smuta wurden untersucht: die dynastisch begründete und absolut unumstrittene Thronbesteigung von Fedor Ivanovič trotz seiner allgemein bekannten Geistesschwäche; die Legitimierung des ersten falschen Dmitrij unter Berücksichtigung der historischen Umstände seines Aufstiegs und seines Falls nach den Vorwürfen der Zauberei und der behaupteten Katholisierung der ganzen Rus’; das Bild von Vasilij (IV.) Šujskij und die Frage nach seiner Wahrnehmung unter Zeitgenossen als möglicher Usurpator bzw. Zarenmörder.

Schon aufgrund seiner interdisziplinären Zusammensetzung bot der Workshop mit Beiträgen aus den Bereichen der Geschichte, Slavistik, Klimatologie und Sinologie eine breite Basis für ertragreiche Diskussionen und führte unterschiedliche Forschungsperspektiven aus Deutschland, Russland, Großbritannien und Israel zusammen. Im Fokus der Vorträge und der Diskussionen standen stets die Fragen nach Rolle, Funktion und Ausprägung der autokratischen Herrschaft.

Konferenzübersicht:

Vladimir Klimenko (Moskau): Extreme Climate of Muscovy in the Late Sixteenth and Early Seventeenth Centuries: Summer Frosts, Great Famine and the Warm Arctic

Alexander Filyushkin (St. Petersburg): The Image of the Muscovite Autocracy in the Politics of Memory: from Self-Representation in the 16th century to “Mobilization of the Middle Ages” in the 21st century

Diana Ordubadi (Bonn): Der Zemskij sobor 1598: die Berufung zur Herrschaft und die Legitimation des Zaren Boris Godunov

Maureen Perrie (Birmingham): The Pretenders of the Time of Troubles and the Criteria of Political Legitimacy. Hereditary versus Elected Tsars?

Isaiah Gruber (Jerusalem): How to Elect a Messiah, Muscovite Style

David Khunchukashvili (München): Die Masken der Macht des Ivans IV.

Adrian Selin (St. Petersburg): The Swedish Prince Candidature and Novgorod: The Developing of the Intrigue in 1611–1615

Cornelia Soldat (Köln): „Dem frommen deudschen Leser zur warnung und besserung in druck verfast” oder wie die Macht des Kaisers eingeschränkt werden kann. Die “Grumbach-Affäre” und die deutschen Opričnina-Flugschriften in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts

Christian Schwermann (Bochum): Das Plädoyer des Li Si (um 280 bis 208 v.Chr.) für die Errichtung einer Autokratie – der Anfang vom Ende der Qin-Dynastie (221–206 v.Chr.)?

Dittmar Dahlmann (Bonn): „Man aß wenig, trank aber mit großem Gelärme.“ Ausländer am Zarenhof im 16. und 17. Jahrhundert

Reinhard Frötschner (Regensburg): Smuta – „Zeit der Wirren“ (1598–1613). Der Kampf um die Macht im Moskauer Reich am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit im Spiegel westlicher Russlandberichte

Zitation
Tagungsbericht: Die Entwicklung der Autokratie im Moskauer / Russischen Reich, 21.09.2017 – 22.09.2017 Bonn, in: H-Soz-Kult, 09.01.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7481>.
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Veröffentlicht am
09.01.2018
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