Katholische Laien in Europa 1945-1989. Überblicke und Diskussionen über die Forschung in fünf Ländern (Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Ungarn)

Ort
Potsdam
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam e.V. Koordination: Klaus Große Kracht, Árpád von Klimó
Datum
25.02.2005
Von
Krisztina Csörgei und Agnes Kuciel

Der Workshop „Katholische Laien in Europa 1945-1989“, der am 25.2.2005 am Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam stattfand, widmete sich neueren Ansätzen innerhalb der Katholizismusforschung in Beziehung zur Zeitgeschichtsschreibung in Europa. Dabei erwies sich die Anwesenheit von Historikerinnen und Historikern aus Frankreich, Polen und Ungarn, aber auch aus der Schweiz und den Niederlanden als sehr gewinnbringend. Herkömmliche historiographische Fixpunkte wie die Entstehung der Christdemokratie oder das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) spielten ebenso wie übergreifende Erklärungsmodelle (Säkularisierung, Privatisierung, Individualisierung) während der Diskussion eine geringere Rolle. Gesucht wurde stattdessen nach alternativen, differenzierenden und eher kulturhistorischen Ansätzen, um sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten in der Geschichte des europäischen Laienkatholizismus nach 1945 in den Blick zu nehmen.

Einen Überblick über die bisherige Forschung zum deutschen (Laien-)Katholizismus lieferte Christoph Kösters (Bonn), der für eine Lockerung der Periodisierung eintrat. Statt mit dem Jahr 1945 zu beginnen, plädierte er für die Untersuchung der ‚langen 40er-Jahre’ (1943 bis zum Mauerbau) als ‚Sattelzeit’ einer Neuformierung des deutschen Laienkatholizismus sowie für eine stärkere Berücksichtigung der Vor- und Nachgeschichte des Konzils. Kösters wies aber auch auf die Schwierigkeiten für die zeitgeschichtliche Katholizismusforschung aufgrund der Sperrfristen von Kirchenakten hin. Während die Quellenlage für die DDR bereits relativ gut erschlossen sei, müsse für die Bundesrepublik noch mit großen Verzögerungen gerechnet werden. Doch ließe sich schon jetzt eine Tendenzwende in der Katholizismusforschung feststellen, die sich nun stärker auf Westdeutschland ausrichte. In methodischer Hinsicht wäre für die Erforschung des Katholizismus in beiden deutschen Staaten wünschenswert, die bisherige Fokussierung auf organisationszentrierte Untersuchungen zugunsten einer stärkeren Berücksichtigung der Mentalitäten und kollektiven Identitätsbildungsprozesse, auch unter Berücksichtigung des generationellen Aspektes, zu überwinden.

Hinsichtlich des polnischen Laienkatholizismus wies Izabella Main (Poznań) auf die Defizite der bisherigen Forschungsansätze hin, die zu sehr auf das institutionelle Verhältnis von Staat und Kirche ausgerichtet seien. Die einseitige Behandlung des Themas durch die theologische Kirchengeschichtsschreibung hätte zu Verkürzungen geführt, die häufig einen binnenkirchlichen, wenn nicht gar apologetischen Charakter aufwiesen. Ganze Bereiche des religiösen Lebens, insbesondere des Laienkatholizismus, seien bislang vernachlässigt worden, weshalb der Trugschluss, in Polen habe der Laienkatholizismus kaum eine Rolle gespielt, so lange überdauern konnte. Bei näherer Betrachtung treffe man jedoch auf eine beeindruckende Fülle von grassroots-Bewegungen, die sich seit den staatlichen Registrierungserlässen und der Unterdrückungspolitik ab 1949 nur in inoffiziellen und losen Formationen zusammenfinden konnten. Izabella Main präsentierte ein beeindruckendes Tableau solcher katholischen Kleingruppen, die vor allem seit Mitte der 1970er-Jahre im Zuge der charismatischen Erneuerungsbewegung gerade unter katholischen Jugendlichen Zuspruch fanden. Hinzukamen zahlreiche kleinere akademische Gruppen, die häufig im direkten Zusammenhang mit der Solidarność-Bewegung standen und zum Dialog zwischen linken Dissidenten und katholischen Positionen beitrugen.

Wie stark der Katholizismus auch in Frankreich vom jeweiligen politischen Kontext beeinflusst war, wies Marie-Emmanuelle Reytier (Lyon) nach. Die weltanschauliche Konkurrenz mit der sehr populären kommunistischen Partei, die nach 1945 merkliche Erfolge verbuchen konnte, führte hier zu innovativen Ansätzen des Apostolats, wie etwa zur Bewegung der Arbeiter-Priester und der milieuorientierten Mission. Bis 1968 besaß die französische Kirche gerade aufgrund ihrer politisch-sozialen Reaktions- und Anpassungsfähigkeit, nicht zuletzt durch die Initiative des Erzbischofs von Paris (Suhard), eine große gesellschaftliche Bedeutung. Allerdings kam es während der 1960er und 1970er-Jahre aufgrund des Wirtschaftsaufschwungs und allgemeinen Wohlstands zu einer Abnahme katholischer Wertbezogenheit innerhalb der französischen Bevölkerung. Vor allem aber die Studentenbewegung Ende der 1960er-Jahre führte zu einem deutlichen Bedeutungsverlust der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit, da die neuen intellektuellen Moden die kulturellen Eliten nun in gegensätzliche Richtungen auseinander trieb und den Dialog zwischen katholischer Intelligenz und den Anhängern eines antihumanistisch auftretenden Strukturalismus für lange Zeit unmöglich machte. Abschließend wurde von Reytier die Frage aufgeworfen, inwiefern das Jahr 1989 tatsächlich als Epochenzäsur in der Geschichte des europäischen Laienkatholizismus aufgefasst werden könne, denn zumindest für den Katholizismus in Frankreich habe der Fall der Mauer nur eine geringe Rolle gespielt.

In seinem Vortrag zu Ungarn stellte Csaba Szabó (Budapest) die wichtigsten Forschungsrichtungen zum Thema Katholizismus nach 1945 in diesem Land vor. So sei die Forschungslandschaft bis 1989 von marxistischen Historikern dominiert gewesen, die zwar zum Teil gute Quellenforschung betrieben hätten, deren ideologische Feindseligkeit gegenüber der katholischen Kirche jedoch nicht zu übersehen sei. Die Gruppe der katholischen Theologen, welche vor allem aus dem Exil heraus schrieben, litt demgegenüber unter dem schlechten Quellenzugang. Auch nach 1989 konnten die bestehenden Forschungslücken noch nicht vollständig geschlossen werden. Es wurde deutlich, dass für den ungarischen Katholizismus die Verständigung zwischen der Staatsführung und dem Vatikan Anfang der 1960er-Jahre eine zentrale Bedeutung besaß, während das Zweite Vatikanische Konzil insgesamt nur einen geringeren Einfluss ausübte. Wegen des 1964 zwischen dem Staat und dem Vatikan abgeschlossenen Abkommens sei die Kirche gezwungen worden, sich von vielen kleinen Laiengruppierungen zu distanzieren bzw. diese zu disziplinieren. In Ungarn war das religiöse Engagement somit stark verknüpft mit politischer Dissidenz.

Árpád von Klimó (Potsdam) schilderte in seinem Vortrag die Forschungslage zum italienischen Laienkatholizismus. Die katholische Kirche sei hier in den ersten Nachkriegsjahren von einem starken Triumphgefühl geleitet gewesen, da sie als einzige große Institution den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstand. So wurde sie zum begehrten Verhandlungspartner für die USA, genoss eine starke Unterstützung seitens des italienischen Staates und feierte letztendlich mit dem Wahlsieg der Democrazia Cristiana (DC) am 18. April 1948 politische Erfolge. Als das Besondere an der italienischen Christdemokratie kann ihre starke Verbindung mit der Katholischen Aktion (Azione Cattolica, AC) gelten, welche bis Mitte der 1960er-Jahre rund 2,5 Millionen Mitglieder zählte. In der Forschung wurden AC und Christdemokratie daher lange Zeit im Sinne eines homogenen „mondo cattolico“ gleichgesetzt. Ein neuerer Blick zeigt jedoch, dass die AC in sich zersplittert war und langsam an Einfluss einbüßte. Parallel zur Machtentfaltung der katholischen Kirche (Wahltriumph der DC) habe eine rasante Entkirchlichung der italienischen Gesellschaft stattgefunden, in deren Verlauf sich die Lebenswelt katholischer Laien stark verändert habe. Die Verengung der Forschungsperspektive auf katholische Eliten und Intellektuelle, bei gleichzeitiger Vernachlässigung der breiten gesellschaftlichen Basis habe allerdings dazu geführt, dass diese Entwicklungen noch nicht hinreichend erforscht seien und die Katholizismusforschung in Italien somit noch immer auf der Suche nach dem „Laien“ sei.

Die Schwierigkeiten, den Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern gerecht zu werden ohne die strukturellen Gemeinsamkeiten aus den Augen zu verlieren, waren noch einmal Thema des zusammenfassenden Abschlussreferats von Klaus Große Kracht (Potsdam). Problematisiert wurde hier zunächst der Milieu-Begriff, da sich dieser auf konfessionell homogene Gesellschaften wie Frankreich oder Polen vermutlich nur schwer anwenden lasse. Auch Begriffe wie ‚Laizismus’ oder ‚Säkularisierung’ erschienen zunehmend problematisch, da sie häufig von konfessionellen Vorannahmen geprägt seien. Des Weiteren müsse die Frage nach dem Verhältnis zwischen interner (theologisch-kirchengeschichtlicher) und externer (historisch-sozialwissenschaftlicher) Perspektive geklärt werden. Zu vermeiden sei vor allem eine essenzialisierende Sicht, denn das, was jeweils als ‚Katholizismus’ erscheine, sei im hohen Maße kulturell und sozial konstruiert. Für die Europäisierung der Perspektive schlug Große Kracht deshalb vor, im Anschluss an Norbert Elias oder Pierre Bourdieu von ‚religiösen Figurationen’ oder ‚religiösen Feldern’ auszugehen, um die Machtverhältnisse zwischen den jeweiligen Akteuren eines Feldes sowie die Friktionen mit anderen gesellschaftlichen Bereichen stärker in den Blick zu nehmen.

In der abschließenden Diskussion wurden die einzelnen Forschungszugänge noch einmal aufgegriffen. Franziska Metzger (Fribourg, Schweiz) betonte die Wichtigkeit der Berücksichtigung der Geschichte der jeweiligen religiösen Semantiken in den einzelnen Ländern, die nicht immer ineinander übersetzbar seien. Vielmehr müsse der „Katholizismus“ als ein spezifisches „Kommunikationssystem“ analysiert und beschrieben werden. Christian Kuchler (München) griff diesen Ansatz insbesondere hinsichtlich der Mediengeschichte auf: Da die modernen Massenmedien in sich supranational ausgerichtet seien, böten sie – etwa hinsichtlich der Frage der Haltung von Katholiken zu internationalen Kinoerfolgen – gute Vergleichsmöglichkeiten. Gleichzeitig sei die Rezeption medial vermittelter Inhalte regional bzw. national äußerst unterschiedlich. Auch Bartosz Kaliski (Warschau) und Peter von Dam (Amsterdam) wiesen in ihren Kommentaren auf nationale Besonderheiten in der Entwicklung des europäischen Laienkatholizismus hin, ebenso wie Hella Dietz (Erfurt) und Antonius Liedhegener (Jena). Bereits zuvor hatte Wolfgang Tischner (Leipzig) hinsichtlich des europäischen Vergleichs vor der modernisierungstheoretischen Schimäre eines West-Ost-Gefälles gewarnt. So ließe sich z.B. der Katholizismus in der DDR nicht auf einen traditionellen Ghettokatholizismus reduzieren, da er z. T. sehr moderne Formen katholischer Praktiken und Frömmigkeit aufweise. Die Untersuchung der religionsgeschichtlichen Gemeinsamkeiten in den verschiedenen europäischen Gesellschaften zur Zeit des Kalten Krieges bleibt somit weiterhin ein wichtiges Desiderat der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung. Árpád von Klimó nannte abschließend folgende, sich zum Vergleich eignende Faktoren: die Konstruktion einer katholischen Identität, den Papstbezug, den Marienkult, die Kirche als soziale Institution. In kulturgeschichtlicher Perspektive erscheine der (Laien-)Katholizismus als ein Ensemble aus Praktiken, Ritualen und Orten, das nur im Spannungsverhältnis dieser drei Ebenen zueinander verstanden werden könne.

Kontakt

Klaus Große Kracht
gkracht@zzf-pdm.de

Árpád von Klimó
aklimo@zedat.fu-berlin.de

Zitation
Tagungsbericht: Katholische Laien in Europa 1945-1989. Überblicke und Diskussionen über die Forschung in fünf Ländern (Deutschland, Frankreich, Italien, Polen, Ungarn), 25.02.2005 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 11.04.2005, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-752>.
Redaktion
Veröffentlicht am
11.04.2005
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