Interdisciplinary Approaches on Ancient Economy

Ort
Berlin
Veranstalter
Ciliers Breytenbach / Lajos Berkes, Humboldt-Universität zu Berlin
Datum
01.12.2017 - 02.12.2017
Von
Dennis Mario Beck, BerGSAS, Exzellenzcluster 264 Topoi/ Freie Universität Berlin / DAI Berlin

Mit dem Workshop „Interdisciplinary Approaches on Ancient Economy“ der Berlin Graduate School of Ancient Studies (BerGSAS) stießen die Veranstalter das Tor zu einem Themengebiet auf, das rezent in der archäologischen und althistorischen Forschung enorme Konjunktur hat, am Standort Berlin bislang jedoch wenig im Fokus stand. Zur Schließung dieser Lücke wurde der erste Schritt nun sehr erfolgreich getan. In der Begrüßung betonten sowohl Cilliers Breytenbach als auch Lajos Berkes die Ideen und Ziele der Veranstaltung. Diese lagen besonders darin, den Studierenden der BerGSAS einen konkreten Einblick in die jeweiligen quellenbasierten Forschungen im Fachspektrum der Altertumswissenschaft zu geben sowie das Potenzial der interdisziplinären Zusammenarbeit aufzuzeigen. Im Zuge dieses Workshops wurden durch die Vorträge einzelner Spezialisten und praktischen Übungen die Fachdisziplinen Archäologie, Numismatik, Epigraphik, lateinische und altgriechische Philologie und besonders die Papyrologie thematisiert.

Im ersten Vortrag der Tagung referierte DENNIS KEHOE (New Orleans) zur „Roman Agrarian Economy“. Als langjähriger Spezialist in diesem Themengebiet konnte er gezielt aus der fragmentarischen und kontrovers diskutierten Quellenlage Erkenntnisse zur römischen Agrarpolitik und Wirtschaft von der späten Republik bis in die Spätantike und das Potenzial für zukünftige Forschungen aufzeigen. Dabei legte er offen, wie unverzichtbar die interdisziplinäre Zusammenarbeit insbesondere archäologischer und epigraphischer Befunde und Funde mit den Textquellen in den aktuellen Forschungen zu römischen Gutsbesitzern, Landwirtschaft und deren wirtschaftliche Interessen sind.

JULIA LOUGOVAYA (Heidelberg) zeigte mit ihrem Beitrag zu „Administration and Finances of Greek Cities in Inscriptions“ insbesondere die vielfach an religiösen Stätten auftretenden Vereinbarungen und Gesetze griechischer poleis und Einzelbürger in diesem Diskursfeld. Die epigraphische Evidenz beinhaltet besonders in diesem Sujet die Möglichkeit reziproke Erkenntnisse zur Agrarwirtschaft selbst kleiner und kleinster Siedlungen zu erhalten. Da griechische Städte im alltäglichen Leben eine Vielzahl an temporär gültigen aber partiell auch immens wichtigen Dokumenten erzeugte, legte sie Möglichkeiten dar, diese von unterschiedlichen Forschungsstandpunkten und Fachdisziplinen aus zusammenzuführen. Die Bandbreite der Inschriften reicht aber auch beispielsweise bis hin zu öffentlichen Ausschreibungen zur Betreibung von Silberminen oder dem Aufkauf einzelner Güter.

Der erste Schwerpunkt in der Wirtschaftsgeschichte der Spätantike wurde von STEPHEN MITCHELL (Berlin) im Rahmen einer Diskussion der epigraphischen Evidenzen vorgetragen. Dabei waren neben der Frage nach Bevölkerungsgrößen und „lokalen Wirtschaftszentren“ vor allem der Aufruf zur interdisziplinären Zusammenarbeit und der Bereitstellung und Aufbereitung von Daten ein wesentlicher Teil des Vortrags. In Fragen nach einem Wirtschaftswachstum und einzelnen Faktoren, um dieses zu messen, legte er dar, dass in diesen Fragen nur die Kombination diverser Materialgattungen zu Ergebnissen führen kann. Ebenso führte er aus, dass der Ansatz Chris Wickham’s die Wirtschaftsgeschichte ohne ihre Korrelation mit historischen Ereignissen oder politischen Geschichte zu betrachten, einen gescheiterten Versuch zur Annäherung an die antike Wirtschaft darstelle.

Nach der Mittagspause stand ein gemeinsamer Besuch der Berliner Papyrussammlung im Archäologischen Zentrum an. Die rund zweistündige Sitzung wurde von MARIUS GERHARDT (Berlin) und Lajos Berkes zusammen gestaltet und beinhaltete zunächst eine generelle Einführung. Diese thematisierte einerseits die Berliner Sammlung, die Fundkontexte der Papyri und deren Aussagekraft und Quellenwert für die Forschung, andererseits die Datenbankstrukturen und Fachtermini. Neben der Vorstellung der Papyri und der gemeinsamen Lesung und Betrachtung einzelner Exemplare der Berliner Sammlung, kam größere Aufmerksamkeit den Ostraka (beschriftete Tonscherben) zu, deren breiten Einbezug in die Alltags- und Wirtschaftsforschung wohl eine der jüngsten Entwicklungen der Altertumswissenschaften darstellt.

Den Abendvortrag übernahm MORDECHAI AVIAM (Israel) mit einem breit gefächerten Überblick zu den archäologischen Hinterlassenschaften an vier archäologischen Stätten Galiläas des 1. Jahrhunderts n. Chr. unter besonderer Betrachtung ihrer Wirtschaftsbeziehungen und Wirtschaftskraft. Welche exzellenten Forschungsmöglichkeiten diese weitestgehend in der deutschsprachigen Archäologie nur marginal wahrgenommenen archäologischen Stätten in der Zeitstellung vom 1. Jahrhundert v. Chr. bis zum 1. Jahrhundert n. Chr. bieten, konnte Mordechai Aviam eindrucksvoll anhand von Befunden in Qedesh, Gamla, Yodefat und der römischen Stadtgründung Tiberias am Westufer des See Genezareths zeigen. Insbesondere durch Ölpressen in landwirtschaftlichen Anlagen aber auch dem „Luxushandel“ von Seefischen, Textilien und weiteren Gütern und sehr wahrscheinlich im Zusammenspiel mit der römischen Aristokratie war es einzelnen Eliten möglich, immense Reichtümer anzuhäufen und reich ausgestattete Privathäuser und Synagogen zu errichten. An der Spitze dieser Gesellschaft standen nach den Hasmonäischen Herrschern mit Herodes dem Großen und nachfolgend Herodes Antipas „global player“ der antiken Gesellschaft des Mittelmeerraums in dieser Zeit, deren Status und Repräsentationsbedürfnis Mordechai Aviam in zahlreichen Befunden darlegte. In den erwähnten eher dörflichen Siedlungen wie Gamla und Yodefat befanden sich zu dieser Zeit ebenfalls exorbitant ausgestattete Wohnhäuser, welche Indikatoren für den Wohlstand dieser Gesellschaftsteile darstellen.

Der zweite Tag der Konferenz begann mit einem zentralen Beitrag der Tagung von STEFANIE SCHMIDT (Basel), die eine grundlegende Einführung vom Beginn der antiken Wirtschaftsforschung anhand einzelner Persönlichkeiten und Theorien bis heute referierte und dabei gezielt Schwerpunkt- und Randdebatten vernetzen konnte. Insbesondere die Kontroverse der „Primitivsten“ und „Modernisten“, die seit beinahe einhundert Jahren die Forschung prägt, aber auch theoretische Ansätze und Modelle wie die „consumer / producer / trade city“ oder die Fragen nach Märkten sind hier zu nennen. Dabei plädierte Stefanie Schmidt für eine Sensibilisierung hinsichtlich einzelner Schlagwörter, deren Entstehung und teilweise Verselbstständigung innerhalb dieser Forschungsrichtung neu zu überdenken sind. Welche Probleme bei der Synthese komplexer und heterogener Daten entstehen können, führte Sie zusammen mit zwei Gruppen der teilnehmenden Doktoranden in einem „Übung“ zu den von Parker im Jahre 1992 publizierten Tabellen zu Schiffswracks im Mittelmeerraum vor. Hierbei sind klare Widersprüche und Problemfelder aufgezeigt worden, die exemplarisch für weitere Publikationen zur antiken Wirtschaft mit einer zu heterogenen und oftmals nicht ohne weiteres zu verbindenden Datenmenge kreiert wurden.

Im zweiten Beitrag führte der in Berlin und insbesondere an der BerGSAS durch seine langjährige Mitarbeit geschätzte DAVID A. WARBURTON (Berlin) Überlegungen zum Wachstum und Reichtum, aber auch der Armut im römischen Reich aus. Anhand mehrerer Berechnungen zur Vermögensverteilung primär in der römischen Kaiserzeit und einzelnen Referenzwerten der jüngeren Geschichte bis heute, ließen sich klare Unterschiede aufzeigen. Insbesondere die Rolle „des“ Staates in diesen Diskursen stellte das Feld dar, welches die schwierigsten Vergleiche zulässt. Daher warnte er davor, dass heute gültige Marktgesetze und für uns alltägliche Lebensgewohnheiten so nicht in die antiken Strukturen implementierbar sind und eine große Fehlerquellen in mehreren Studien aufzeigen. Anhand mehrerer negativer Forschungsbeispiele plädierte er für eine Reevaluierung der bisherigen Forschungen, konkret der letzten 10 Jahre im Feld der „ancient economy“ und der dringenden Notwendigkeit innovativer Fragen, die in und aus den Altertumswissenschaften generiert werden. Dies sei einer der wichtigsten Wege innerhalb der Debatte, die auch am Standort Berlin in den kommenden Jahren zu führen sein wird.

NICHOLAS BOREK (Frankfurt am Main) präsentierte seine ersten Ansätze und Überlegungen der Dissertation zu Münzhorten und dem frühen Einsatz von Münzen in Sizilien und Unteritalien im Zeitraum vom 6. bis 4. Jahrhundert v. Chr. Zunächst zeigte er die unterschiedlichen Silbermünzen und Gewichtsverteilung bzw. den Silbergehaltswert in mehreren Prägungen unterschiedlicher Städte auf und verglich diese mit den teils überlieferten griechischen „Mutterstädten“ der Kolonien. Im Zentrum seines Beitrags stand das Problem der Rekonstruktion von Kontexten, deren Überlieferung vielerorts strittig ist. Daher stellte er die – auch für seine Dissertation – relevante Frage, inwiefern anhand von Münzhorten einzelne Emissionen rekonstruierbar sind und teilweise unbekannte Kontexte substituieren können.

NICK RAY (Oxford) stellte im ersten Teil seines Vortrages die „Oxford Studies in the Roman Exonomy (OSRE) in den Fokus und referierte über bisherige Arbeiten, erschienene Publikationen, Schwerpunktprogramme innerhalb des Projekts und den Zugang sowie die Verwaltung großer Datenmengen und die daraus für die Altertumswissenschaften resultierenden Chancen und Probleme. Eines dieser Probleme konkretisierte er am Beispiel „Consumption“ und der Erschließung dieser anhand antiker Quellen. Dabei wies er auf die freilich nicht ausbalancierten Quellenwerte hin, die uns beispielsweise deutlich mehr über den Konsum von Luxusgütern als über alltägliche Lebensmittelkäufe mitteilen. Ein großes Desiderat stellt trotz der mittlerweile verfügbaren Evidenzen aus sämtlichen Quellengattungen der Altertumswissenschaften noch immer das wichtige und komplementär stets mitzudenkende Feld der Dienstleistungen und vor allem auch „Gefallen“ in der römischen Welt dar. Diese sind schlichtweg mit den vorliegenden Quellen kaum messbar, wenngleich ihnen eine enorm große Bedeutung zugekommen sein muss.

Im letzten Beitrag des Workshops stellte IRENE SOTO (Basel) die Methoden und zentralen Ergebnisse ihrer Dissertation zur „Economic Integration“ Ägyptens innerhalb der spätantiken römischen Wirtschaft vor. Im Anschluss an eine allgemeine Definition und Forschungsgeschichte zur „Economic Integration“ führte Irene Soto das bislang einzigartige Potenzial Ägyptens aufgrund des Quellenreichtums im 4. Jahrhundert n. Chr. vor, deren Entwicklung nach der Einführung des „römischen Münzwesens“ unter Diokletian den Kernteil ihrer Arbeit darstellt. Im Zusammenspiel der numismatischen, literarischen, archäologischen, papyrologischen und keramischen Evidenzen zeigt sie die „Messbarkeit“ von Wirtschaft innerhalb Ägyptens und innerhalb des Imperium Romanum des 4. Jahrhunderts n. Chr. auf. Dabei betrachtete sie am Ende des Vortrags die diversen Möglichkeiten die Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten einer interdisziplinären Studie par excellence in das große Feld der antiken Wirtschaft einzubetten. Hierfür sind holistische Einzelstudien dieser Art sicherlich ein wichtiger Baustein.

Die finale Diskussion wurde von Ciliers Breytenbach und Lajos Berkes geführt und synthetisierte im ersten Teil die Ergebnisse der einzelnen Beiträge und Themenblöcke. Im Anschluss wurde das Wort an die Studierenden der BerGSAS gegeben, um ein erstes Fazit und Kritik aus den Reihen der Teilnehmer/innen zu erhalten. Unter diesen Beiträgen wurden neben der sehr guten Organisation der Tagung vor allem das aufgezeigte Forschungspotenzial und auch die Zugänglichkeit zu einzelnen Fachdisziplinen der Altertumswissenschaften gelobt. Besonders heraus stach die Möglichkeit in der Papyrologischen Sammlung des Archäologischen Zentrums einen umfassenden Einblick in diese Disziplin zu bekommen und durch die Vermittlung der Datenbanken und Sammlungen einen Zugang zu diesem Quellenmaterial zu geben. Einen wesentlichen Teil der Schlussdiskussion nahm die Verfügbarkeit und Strukturierung von Datenbanken ein, deren Vereinheitlichung und Zugangsmöglichkeiten ein Desiderat in den Altertumswissenschaften darstellt. Diesbezüglich konnte NICK RAY (Oxford) Erfahrungsberichte aus dem OSRE mit sowohl gängigen Problemen als auch Lösungsmöglichkeiten einbringen. Dabei wurde ersichtlich, dass eine der dringenden Notwendigkeiten in den kommenden Jahren darin besteht, nicht nur einzelne Forschungen über Publikationen und online Supplementierung von Daten zur Verfügung zu stellen, sondern auch in spezifischen Workshops und Tagungen eine Strukturierung dieser Datenmengen anzugehen. DAVID A. WARBURTON brachte hierbei Einblicke in die die Arbeiten der „Edition Topoi“ ein. Weitere Beiträge thematisierten die teils unterschiedlichen Standards in den Disziplinen der Altertumswissenschaften.

Abschließend ist festzuhalten, dass das eingangs formulierte Ziel einen Dialog zwischen den einzelnen Disziplinen zu generieren, auf den in den kommenden Jahren am Standort Berlin aufgebaut werden kann, mindestens erzielt, wenn nicht übertroffen worden. So konnten bereits für weitere Workshops beinahe „feste“ Sektionen entwickelt werden, die vor allem die Möglichkeiten dieses Themas weiterhin in Zusammenarbeit ausloten können. Die Auswahl der Beiträge zeigte neben dem Potenzial sowohl des Standorts Berlins als auch der einzelnen Disziplinen den Mehrwert in der Kooperation und im Austausch über gemeinsame Forschungsvorhaben und Probleme. Die Integration einzelner Inhalte des Workshops in die jeweiligen Dissertationsvorhaben der Studierenden stellt ebenso eine Chance dar, wie die zukünftige Teilnahme und aktive Mitarbeit im Forschungsfeld der antiken Wirtschaft und darüber hinaus bei hoffentlich folgenden Workshops und Tagungen zu diesem Forschungsfeld in Berlin.

Konferenzübersicht:

Welcome and Introduction

Cilliers Breytenbach (Berlin / Lajos Berkes (Berlin)

Dennis Kehoe (New Orleans): The Roman Agrarian Economy: Land Tenure and Property Rights

Julia Lougovaya (Heidelberg): Administration and Finances of Greek Cities in Inscriptions

Stephen Mitchell (Berlin): The Economic History of Late Antiquity. What Can Epigraphy Contribute?

Mordechai Aviam (Kinneret College on the Sea of Galilee): Economy from the Ground: The Economy of First Century Galilee as Reflected in the Archaeology of Four Sites

Stefanie Schmidt (Basel): Framing the Debate about the Ancient Economy - An Introduction

David Warburton (Berlin): Growth, Poverty & Finance in Ancient Economies and in Economic History & Theory

Nicholas Borek (Frankfurt am Main): Coin Hoards and Early Coin Use in Archaic Italy and Sicily

Nick Ray (Oxford): Investigating Consumption in the Roman World

Irene Soto (Basel): Papyri, Coins, and Ceramics: Exploring Economic Integration in Late Antique Egypt

Final Discussion

Zitation
Tagungsbericht: Interdisciplinary Approaches on Ancient Economy, 01.12.2017 – 02.12.2017 Berlin, in: H-Soz-Kult, 07.02.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7541>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.02.2018