Verwandlung unter der Maske: Die urbane Transformation Venedigs seit dem 19. Jahrhundert

Ort
Venedig
Veranstalter
Deutsches Studienzentrum Venedig /Centro Tedesco di Studi Veneziani (DSZV)
Datum
10.09.2017 - 18.09.2017
Von
Jost Ulshöfer, Institut für Kunst- und Bildgeschichte, Humboldt-Universität zu Berlin; Christina Wildgrube, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig

Im September 2017 fand in Venedig der Studienkurs des Deutschen Studienzentrums Venedig / Centro Tedesco di Studi Veneziani (DSZV) mit dem Titel „Verwandlung unter der Maske: Die urbane Transformation Venedigs seit dem 19. Jahrhundert“ statt. Wie in den vergangenen Jahren wurde der Kurs von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert. Die wissenschaftliche Leitung lag bei ROLF PETRI (Venedig) und FOSCARA PORCHIA (Venedig), die beide an der Universität Ca' Foscari Venezia lehren. Unverzichtbar, nicht nur für die organisatorische Leitung des Kurses, war zudem der Beitrag MICHALA BÖHRINGERs (Venedig, DSZV). Kenntnisreich verstärkt wurde die Gruppe an einem Tag durch den ehemaligen Leiter des Stadtarchivs Venedig, SERGIO BARIZZA (Venedig).

An dem Kurs nahmen 14 fortgeschrittene Student/innen und Doktorand/innen aus den Fächern Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturgeschichte, Architektur, Stadtplanung sowie Grafik teil. Nicht nur fachlich handelte es sich um eine heterogene Gruppe. Zwar hatten sich alle Teilnehmer/innen anhand einer anspruchsvollen, aber nicht unüberwindlichen Auswahl von Texten in das Thema eingelesen. Während aber der Kurs für die eine Hälfte der Gruppe die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Venedig markierte, hatte der andere Teil bereits intensiv über venezianische Themen gearbeitet. Das erwies sich ebenfalls als hilfreich, denn von diesem fortgeschrittenen Kenntnisstand sollte im Verlauf der Woche die gesamte Gruppe immer wieder profitieren.

Im Mittelpunkt des Kurses stand die Auseinandersetzung mit dem urbanen Transformationsprozess Venedigs seit dem 19. Jahrhundert, der, wie bereits im Titel angedeutet, vielfach den Charakter einer „Verwandlung unter der Maske“ zu tragen scheint. Dies hängt mit der spezifischen Beschaffenheit Venedigs zusammen. Die Stadt hat zwar nicht anders als viele historische europäische Städte auch die prägenden Entwicklungen der Moderne durchlaufen: Industrialisierung, Umbau der städtischen Infrastruktur und Kommunikation, Expansion, sozialer Konflikt, Auseinandersetzung um Stadtbild und Erhalt, Deindustrialisierung und Strukturwandel. Wie an kaum einem anderen Ort werden diese Entwicklungen und die korrespondierenden städtischen Zonen und Situationen jedoch durch ein mythisch überhöhtes Stadtbild an den Rand gedrängt oder zu einer Art unvermeidlichen Nebenerscheinung deklassiert, die das ‚eigentliche‘ Venedig nicht berühre: Gemeint ist jene scheinbar der modernen Zeit entrückte Stadt auf dem Wasser, die mit dem Ende der Seerepublik im Jahre 1797 in einen Dornröschenschlaf gefallen sein soll. Anliegen des Kurses war es vor diesem Hintergrund, einen gezielten Blick auf das ‚andere‘ Venedig zu werfen. Fokussiert wurde dabei einerseits die auf der Grundlage gezielter politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen erfolgte Entwicklung der Altstadt zu einer Art romantisch-musealem Erlebnis- und Konsumpark an der Adria mit den bekannten problematischen Folgen: sinkende Bewohner- und steigende Übernachtungszahlen, Überfüllung und ökonomische Monostruktur stellen peu à peu die urbane Qualität des Ortes in Frage. Der gesteigerte Verkehr, der seinen emblematischen Ausdruck in der Präsenz riesiger Kreuzfahrtschiffe findet, erhöht schließlich auch ganz greifbar die Verschmutzung und Überschwemmungsgefahr und gefährdet so die physische Existenz der Stadt. (Wobei freilich der drohende Untergang der Stadt seit je ein stehendes Topos des Venedig-Mythos markiert.) Andererseits galt die Aufmerksamkeit des Kurses auch der Industriestadt Venedig. Diese schien bis in die 1970er-Jahre hinein, als Ölkrise, Strukturwandel und die Debatte um den gesellschaftlichen Preis des industriellen Fortschritts die Funktionsbedingungen veränderten, gegenüber der Kunststadt Venedig ein kaum geringeres Versprechen für die Zukunft zu bergen und besteht bis heute – wenn auch in reduzierter Form.

Die Auseinandersetzung mit den fassbaren Spuren dieses ‚anderen‘ Venedig erfolgte einerseits im Rahmen individueller Präsentationen der Kursteilnehmer/innen und -leitung sowie Gesprächsrunden in den Räumen des Studienzentrums im Palazzo Barbarigo della Terrazza. Sie führte die Gruppe aber selbstverständlich auch in ganz unterschiedliche Zonen der Stadt, um am Objekt die entscheidenden Fragen diskutieren zu können. Die Teilnehmer/innen näherten sich diesem komplexen Gegenstand anhand ausgewählter thematischer Bereiche.

Der Kurs begann am Montag mit einer Begrüßung durch die Direktorin des Studienzentrums MARITA LIEBERMANN (Venedig), die den Teilnehmer/innen einen Einblick in Geschichte und Arbeit des Hauses vermittelte. Im Anschluss an eine Einführung in das Thema sowie das Programm der Woche durch die Kursleitung stellten die Teilnehmer/innen sich und ihre Arbeit vor. So vorbereitet, näherte sich die Gruppe in der zweiten Tageshälfte dem ‚obsoleten‘ Venedig durch eine Exkursion ins historische Stadtzentrum, die zunächst zu Fuß begann, später jedoch – entsprechend der historischen Erfahrung des Stadtraums vom Wasser aus – in einer Anzahl von Gondeln fortgesetzt wurde. Hierbei hatten die Teilnehmer/innen die Gelegenheit, auch selbst einmal das Ruder dieses traditionellen Fortbewegungsmittels zu übernehmen. Über den Canal Grande ging es zurück zum Studienzentrum.

An den beiden Folgetagen stand zunächst die Analyse des Mythos Venedig am Beispiel von Literatur, Kunst und touristischer Erschließung der Stadt seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert im Vordergrund. Venedig als Anziehungspunkt und Thema einer internationalen kulturelle Elite stand im Mittelpunkt der Beiträge von ALICE CAZZOLA (Paris / Heidelberg) und ANNA HELMER (München). Schriftsteller wie Henry James, Thomas Mann, John Ruskin und Austen Henry Layard, Maler wie John Singer Sargent und Förderer der Künste wie Isabella Stewart Gardner – sie alle trugen in gewisser Weise zur Idee Venedigs als Heterotopie und als ‚Ort der Vergangenheit‘ bei. Sie kreierten und exportierten, vielleicht viel mehr als es die Bewohner/innen selbst taten, ein Image von Venedig, das ein wohlhabendes Bürgertum anzog.

Im Anschluss an die Analyse des Mythos’ Venedig richtete der Kurs seinen Blick auf die touristisch erschlossene historische Stadt, ihre Charakteristika, Anforderungen und Probleme. MARTA TOMESANI-FRITZSCHE (Marburg) behandelte in ihrem Vortrag die Gründung der Kunstbiennale und den Ausbau der Stadt zur gegenwartskunsttouristischen Destination seit 1895. JULIA ZIMMER (Heidelberg) ergänzte diese Perspektive um einen Blick auf heutige Marketingstrategien historischer Städte. Eine internationale Perspektive auf Definition und Schutz von Kulturgütern eröffnete ANITA SCHEDLER (Paris / Heidelberg). CLAUDIA HEISE (Erfurt) arbeitete das schwierige Verhältnis von touristischer und alltäglicher Nutzung der Stadt heraus. In die visuelle Annäherung und Interpretation eines Ortes führte CHRISTINA WILDGRUBE (Leipzig) anhand eigener grafischer Arbeiten ein.

Neben dem historischen Baubestand, alter und zeitgenössischer Kunst bildete auch traditionelles Kunsthandwerk ein charakteristisches Element in Venedigs touristischem Angebot und seiner ökonomischen Struktur. So die traditionsreiche Glasindustrie von Murano, deren Produkte heute in den Auslagen der Souvenirläden durch importierte Ware ergänzt werden. Wie traditionelles Handwerk heute in Wert gesetzt werden könnte und vor welchen Herausforderungen zeitgenössisches Bauen in der Altstadt steht, erörterte DENIS TILKE (Stuttgart) anhand eines Entwurfs für eine Kunstgewerbeschule. PAUL VOGT (Stuttgart) lenkte den Blick auf das touristische Potential der Lagune als Naturreservat.

Einen weiteren Schwerpunkt des Kurses bildete die moderne Industriestadt Venedig. Grundlage der Industrialisierung Venedigs seit dem späten 19. Jahrhundert war die noch zu Zeiten der Habsburgermonarchie geschaffene Eisenbahnverbindung zum Festland und der in der Zeit der Angliederung an Italien 1866 erfolgte Ausbau des Hafens. Auf der Insel Giudecca entstanden etwa die Getreidemühle Stucky (heute ein als Luxushotel genutztes Industriedenkmal), die Uhrenfabrik Junghans, die Brauerei Dreher sowie die noch bestehende Stofffärberei Fortuny. Eine zweite, umfangreichere Welle der Industrialisierung erlebte die Stadt in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Als emblematische Figur dieses von vielen Seiten vorangetriebenen Prozesses, dessen ökologische, städtebauliche, politische und soziale Bilanz ungleich kontroverser ausfällt als die der eher überschaubaren Gründungen der Vorjahre, kann der Unternehmer und Politiker Giuseppe Volpi (1877 – 1947) gelten. Als Gründer und Eigentümer der Società Adriatica di Elettricità (SADE) war er einerseits führend am Ausbau des auf dem Festland gelegenen Industriegebiets Porto Marghera ab 1917 beteiligt. Dort entstand durch die Ansiedlung weiterer Großbetriebe, insbesondere der chemischen, petrochemischen und Metallindustrie bis in die 1960er-Jahre einer der größten Industriestandorte Italiens mit rund 30.000 Beschäftigten. Als Hotelunternehmer verdiente Volpi zudem an der touristischen Erschließung der Stadt, die er zugleich nach Kräften forcierte, etwa durch die Schaffung der Filmfestspiele im Jahre 1932. Mehr als nur eine Fußnote ist es hierbei, dass Volpi auch zur politischen Führungsriege des Faschismus zählte.

Mit dem Strukturwandel seit den 1970er-Jahren stellen sich auch für Marghera Fragen der Umnutzung der teils erheblich belasteten Industriebrachen. Wenngleich sich die Beschäftigtenzahlen verringert haben, kann von einem post-industriellen Marghera nicht wirklich die Rede sein. So baut z.B. die Werft Fincantieri nach wie vor jene Kreuzfahrtschiffe, deren Präsenz in der Lagune aus ökologischen und denkmalschützerischen Gründen höchst problematisch ist. Eine kenntnisreiche Einführung in die Bauaufgabe bot hier ANNE SCHEINHARD (Rom / Berlin).

Zeitlich etwas versetzt zur industriellen Entwicklung entstand ab etwa 1914 der kommunale bzw. geförderte Wohnungsbau, der im Mittelpunkt der Beiträge ALEXANDER FICHTES (Dortmund / Venedig) und JANNIK NOESKES (Weimar) stand. Anhand der Quartiere Celestia, Santa Marta wurde deutlich, wie der venezianische Arbeiterwohnbau der 1920er- und 1930er-Jahre auf den Inseln gängige zeitgenössische Tendenzen aufgriff und dabei auch auf Motive lokaler architektonischer Tradition oder die Idee einer „Vervollständigung der Stadtform“ reflektierte.

Unterdessen erprobte man in Marghera die Errichtung einer an den Ideen englischer Gartenstädte inspirierte Siedlung nach Plänen Pietro Emilio Emmers. Während BRIT MÜNKEWARF (Köln) in Ursprung und Konzept dieses Siedlungstyps einführte, widmete sich Sergio Barizza den gebauten Ergebnissen in Marghera. Auch Tendenzen des Städtebaus der Nachkriegsmoderne und des so genannten Postmodern wurden thematisiert. Einen besonderen Fokus auf das Problem der Stadtsanierung legte hier JOST ULSHÖFER (Berlin)

Zum Abschluss des Studienkurses fügte die Gruppe die zahllosen Eindrücke und lebhaften Diskussionen der vorangegangenen Tage zu einer Bilanz zusammen, die angesichts der Vielfalt des Gesehenen und Besprochenen notwendigerweise vorläufig blieb. Als besonders bereichernd wurde von allen Teilnehmer/innen die durch den Kurs ermöglichte Multiperspektivität auf die komplexe Realität des heutigen Venedig bewertet. Durch die gezielte Einbeziehung der modernen städtebaulichen und ökonomischen Entwicklung, gerade auch in der städtischen Peripherie, entstand das Bild einer komplexen, faszinierenden aber auch in vielfacher Hinsicht zerrissenen und widersprüchlichen Stadt jenseits überkommener Klischees. Auch boten die innerhalb der Gruppe vertretenen kunsthistorischen, architektonisch-stadtplanerischen und künstlerischen Fachorientierungen vielfältige Möglichkeiten für Abgleich und Fachgrenzen überschreitenden Austausch. Es darf darum angenommen werden, dass der Kurs vielfältige Anregungen für zukünftige Projekte gegeben hat.

Konferenzübersicht:

Alice Cazzola (Paris / Heidelberg): The international intellectual elite’s views on Venice and its history

Alexander Fichte (Dortmund / Venedig): Urban modernization and housing in Venice: a brief overview

Claudia Heise (Erfurt): Preservation and transformation of a city: the balance between cultural and living spaces

Anna Helmer (München): Thomas Mann’s and Henry James’ literary stereotypes of Venice

Brit Münkewarf (Köln): The idea of a Garden City by Ebenezer Howard

Jannik Noeske (Weimar): Urban planning in Fascist Italy: Venice in a comparative context

Anita Schedler (Paris / Heidelberg): What is “cultural heritage”, why does it change and how should the museum reflect it?

Anne Scheinhard (Rom / Berlin): Industrial buildings and their role for a urban memory

Denis Tilke (Stuttgart): A hypothesis for Scuola dell’artigianato in Calle Venier

Marta Tomesani-Fritzsche (Marburg): Thoughts on the first exhibition buildings of the Biennale

Jost Ulshöfer (Berlin): Urban planning in the second half of the 20th century vis-à-vis the „social question“

Paul Vogt (Stuttgart): Ideas for resilient and sustainable forms of tourism for Venice and its lagoon

Christina Wildgrube (Leipzig): The “genius loci” of places, its changes, and its forms of representation

Julia S. Zimmer (Heidelberg): The architectural and artistic image of a town in touristic marketing

Zitation
Tagungsbericht: Verwandlung unter der Maske: Die urbane Transformation Venedigs seit dem 19. Jahrhundert, 10.09.2017 – 18.09.2017 Venedig, in: H-Soz-Kult, 13.02.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7563>.