Zwei Jahrhunderte Liberalismus im Rheinland. Personen – Funktionen – Organisationen – Gesellschaftliche Segmente

Ort
Bonn
Veranstalter
Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Gummersbach; Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland, Bonn
Datum
14.11.2017 - 15.11.2017
Von
Philipp Anzulewicz, Institut für Geschichtswisenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

„Zwei Jahrhunderte Liberalismus im Rheinland. Personen – Funktionen – Organisationen – Gesellschaftliche Segmente“ – Zu diesem Thema fand am 14. und 15. November 2017 ein Kolloquium im Bonner Universitätsclub statt. Gemeinsam eingeladen hatten das Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und das Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland. Angesichts der beiden Komponenten des Themas „Liberalismus und Rheinland“ war diese Zusammenarbeit zwischen den beiden Einrichtungen sicherlich „logisch“, ja geradezu „unvermeidbar“, wie EWALD GROTHE (Gummersbach) in seiner Begrüßung bemerkte. Er hielt das Grußwort von Seiten des Archivs des Liberalismus, während HELMUT RÖNZ (Bonn) vom Landschaftsverband in die Tagung einführte.

Voran ging den vier chronologisch gegliederten Sektionen der Tagung eine Einführung von HENNING TÜRK (Potsdam/Mainz). In seinem Vortrag setzte sich dieser mit dem „seltsamen Begriffspaar“ Liberalismus und Region auseinander. Indem er Region als Konstrukt, als „imagined community“ verstand, ging Türk zum einen der Rolle von Liberalen bei der Konstruktion von Region nach, die vor allem vor der Etablierung eines deutschen Nationalstaates bedeutsam war. Zum anderen richtete er den Blick auf die Institutionen, die von Liberalen dabei zur Stärkung ihres Selbstverständnisses, zur Einspeisung ihrer Ideen in die staatliche Entscheidungsfindung und zur Durchsetzung ihrer Interessen herangezogen und instrumentalisiert wurden.

In der ersten Sektion über das frühe 19. Jahrhundert, die MANFRED GROTEN (Bonn) moderierte, wurde in drei Vorträgen die Zeit bis 1848 abgehandelt. Als Träger des Liberalismus im Rheinland trat dabei zunächst das Wirtschaftsbürgertum hervor, das ULRICH SOÉNIUS (Köln) in seinem Beitrag genauer in den Blick nahm. Er arbeitete heraus, inwiefern einerseits das Selbstbewusstsein der als „self-made men“ aufgestiegenen Unternehmer und ihre Beeinflussung durch das Gedankengut der Französischen Revolution sowie die Erfahrungen der französischen Herrschaft Ansprüche auf politische und gesellschaftliche Mitwirkung gegenüber dem preußischen König im fernen Berlin hervorriefen. Andererseits machte Soénius in seinem Vortrag aber auch deutlich, dass den demokratischen Neigungen der Wirtschaftsbürger durch ihre Furcht vor der Revolution und radikalen Massen doch Grenzen gesetzt blieben.

Andere Grenzen, nämlich die Einschränkungen des frühen Parlamentarismus, thematisierte der anschließende Vortrag von EWALD GROTHE (Gummersbach) über den rheinischen Provinziallandtag. Den Provinziallandtag in Düsseldorf, der auf der Grundlage eines allgemeinen Erlasses der preußischen Krone im Jahr 1823 ins Leben gerufen worden war, charakterisierte Grothe angesichts der begrenzten Kompetenzen des Gremiums als bestenfalls „proto-parlamentarisch“. Er wertete ihn deswegen aber keineswegs als eine unbedeutende Etappe in der Entwicklung des deutschen Parlamentarismus. Denn zumindest bot der Provinziallandtag eine Plattform zur Netzwerkbildung und zum Ideentausch, die nicht zuletzt deshalb eine „Schule des Parlamentarismus“ darstellte und die Entwicklung des Jahres 1848 vorzubereiten half.

Der Frage, inwiefern im März 1848 der rheinische Liberalismus durch die Ernennung der rheinischen Liberalen Ludolf Camphausen und David Hansemann zu preußischen Ministern in Berlin „an die Macht gelangt“ sei, ging anschließend BÄRBEL HOLTZ (Berlin) nach. Nicht zuletzt mit Blick auf Rahmenbedingungen und Handlungsspielräume nahm sie sich des Wirkens von Hansemann und Camphausen als „Märzminister“ im Kräftedreieck zwischen Monarchie, Ministerialbürokratie und Öffentlichkeit an. Das schlussendliche Scheitern der rheinischen Liberalen als Regierende führte Holtz auf deren Unkenntnis der ostelbischen Verhältnisse und die Fokussierung auf „groß-bourgeoise Sonderinteressen“ zurück. Es fehlte ihnen, so Holtz, ein identitätsstiftendes Konzept für die breiten Massen sowie ein Machtbewusstsein gegenüber den „alten“ Eliten, denen gegenüber sie zu sehr auf Verständigung bedacht waren.

Die zweite Sektion des Kolloquiums, moderiert von GEORG MÖLICH (Bonn), thematisierte den Liberalismus im Rheinland der Reichsgründungszeit und des Kaiserreichs. Den Anfang machte NORBERT SCHLOSSMACHER (Bonn) mit einem Referat über den Kulturkampf zwischen Katholizismus und Liberalismus im Rheinland. Schlaglichtartig entwarf er ein Bild jenes rund zwei Dekaden andauernden Konflikts zwischen Staat und Kirche einerseits sowie Liberalen und kirchennahen Katholiken andererseits mit den Auswirkungen der anti-kirchlichen Maßnahmen und Gesetze auf die Rheinprovinz. Die Genese dieses Zusammenstoßes machte Schlossmacher in der Revitalisierung des Katholizismus im Zuge der Romantik aus, was von liberaler Seite als Abrücken vom Weg des Fortschritts wahrgenommen wurde.

Einen Ausschnitt aus seinen Arbeiten zur Bonner Universitätsgeschichte bot DOMINIK GEPPERT (Bonn), der das Verhältnis zwischen der Bonner Universität und dem rheinischen Bürgertum im Kaiserreich, genauer das Verhältnis zwischen den Regierungsbevollmächtigten und Professoren, die Beziehungen der Hochschule zum Wirtschaftsbürgertum, zur Kirche, zur Garnison und zur Krone, in den Blick nahm. Aufzeigen konnte Geppert in seinem Vortrag unter anderem, dass für Bonn in jener Zeit keineswegs von einer symbiotischen Beziehung zwischen Wirtschafts- und Bildungsbürgertum gesprochen werden kann. Er machte am Bonner Beispiel unübersehbare Anzeichen dafür aus, dass der Liberalismus in der wilhelminischen Zeit auch kulturpolitisch zunehmend in die Defensive geraten war.

Das Bild eines Abwärtstrends des Parteiliberalismus zeichnete auch der Vortrag von HELMUT RÖNZ (Bonn). Dieser befasste sich mit dem Abschneiden der beiden Strömungen des Parteiliberalismus in der Rheinprovinz bei überregionalen Wahlen während des Kaiserreichs sowie – kursorisch – in der Weimarer Zeit. Rönz veranschaulichte in seinen Ausführungen vor allem die Bedeutung der Milieuzugehörigkeit auf das Wahlverhalten. Dieser Faktor kam bereits in den Ergebnissen der Reichstagswahlen 1871 zum Ausdruck und verstärkte sich in seiner Wirkung dann bei den folgenden Wahlen noch. Wie Rönz aufzeigte, fiel diese Entwicklung bis 1912 sehr zuungunsten der liberalen Parteien aus, die sich in den mehrheitlich katholischen Gebieten am Rhein der durch den Kulturkampf gestärkten Macht des Zentrums gegenübersahen und denen an Ruhr und Wupper die Sozialdemokratie zunehmend das Werben von Wählern erschwerte.

Der öffentliche Festvortrag von CHRISTOPH NONN (Düsseldorf) bot eine Gesamtschau über die Entwicklung des Liberalismus im Rheinland, dessen Anfänge er in das Jahr 1817 datierte. Sein Galoppritt durch die Geschichte des Liberalismus im Rheinland – vom vormärzlichen Wirtschaftsliberalismus über die nationale Volksbewegung der 1860er-Jahren, die Verengung zur bürgerlichen Interessenparteien seit den 1870er-Jahren und den in den 1960er-Jahren einsetzenden Bedeutungsgewinn im Rheinland als gesellschaftliche Reformkraft bis hin zur „neoliberalen“ Wende der 1980er-Jahre und den rheinischen Parteivorsitzenden Westerwelle und Lindner – verdeutlichte vor allem eines: die Wandlungsfähigkeit des Liberalismus.

Der zweite Kolloquiumstag begann mit der dritten Sektion über das frühe 20. Jahrhundert, welche von JOACHIM SCHOLTYSECK (Bonn) moderiert wurde. Den Auftakt der Sektion bildete der Vortrag von ALEXANDER OLENIK (Bonn) über liberale Oberbürgermeister im Rheinland. In den Blick genommen und anhand ihres Selbstverständnisses und ihrer Stadtentwicklungspolitik miteinander verglichen wurden die drei Oberbürgermeister Albert von Bruchhausen (Trier), Paul Hartmann (Barmen/Wuppertal) und Karl Jarres (Duisburg). Olenik zeigte auf, wie sich diese drei liberalen Bürgermeister als überparteilich auftretende Integrationsfiguren, als Manager der ab 1914 einsetzenden Krisenzeiten und Modernisierer über die Wirren der Revolution hinaus behaupten konnten und sich mit den neuen Verhältnissen der Republik arrangierten.

Einen Zugang zum Liberalismus im Rheinland über einzelne Protagonisten wählte gleichfalls VOLKER STALMANN (Berlin). In seinem Vortrag befasste er sich mit dem Werdegang „rheinisch-liberaler“ Politiker, die in der Weimarer Ära sowohl regional als auch national eine gewichtige Rolle spielten. Am Beispiel der DDP-Politiker Bernhard Falk und Anton Erkelenz sowie des DVP-Mannes Paul Moldenhauer veranschaulichte Stalmann die Spannweite des Denkens und Handelns bei „rheinischen“ Liberalen.

Die Zeit nach 1933 rückte im dritten Vortrag der Sektion in den Mittelpunkt. KEYWAN KLAUS MÜNSTER (Bonn) untersuchte die unterschiedlichen Facetten und Ambivalenzen im Verhalten und Agieren ehedem liberaler Akteure in der NS-Zeit. Er ging dabei auch der lange Zeit in der Forschung nur stiefmütterlich behandelten Frage nach Widerstand und Opposition auf liberaler Grundlage nach. Mit einem breiteren Widerstandsbegriff operierend, konnte Münster für das Rheinland Fälle widerständigen, oppositionellen oder nonkonformen Verhaltens von zuvor liberal engagierten Personen nachweisen. Das einflussreiche Dahrendorfsche Verdikt, dass von liberaler Seite kein Widerstand geleistet worden sei, wurde von ihm für das Rheinland relativiert.

Im vierten und letzten Block des Kolloquiums, den EWALD GROTHE (Gummersbach) moderierte, stand schließlich die bundesrepublikanische Ära im Blickpunkt. Den „rheinischen“ Zügen bei den liberalen Parteien vom Kaiserreich bis in die bundesrepublikanische Ära spürte JÜRGEN FRÖLICH (Gummersbach) nach. Dabei analysierte er die Wahlergebnisse sowie den Anteil aus dem Rheinland stammender oder dort wirkender Personen an der Zusammensetzung von Parteiorganisationen. Anhand detailreicher statistischer Aufstellungen zeigte er unter anderem auf, dass über lange Zeit eher die nationalliberale Strömung im Rheinland vorherrschte und dass der Parteiliberalismus selten stärker vom Rheinland (aus) geprägt worden ist als in der Gegenwart.

Im zweiten Vortrag der Sektion widmete sich KRISTIAN BUCHNA (Stuttgart) dem Versuch einer „Nationalen Sammlung“ durch die nordrhein-westfälischen FDP-Politiker Friedrich Middelhauve und Ernst Achenbach, die in der frühen Bundesrepublik als vermeintliche Lehre aus der Marginalisierung liberaler Parteien in der Weimarer Republik eine Politik der nach rechts weit geöffneten Tore betrieben. Unter besonderer Berücksichtigung rheinischer Liberaler untersuchte Buchna Träger sowie Gegner, etwaige Chancen und vor allem Gefahren des hoch umstrittenen Experiments, das letztlich zu einer Unterwanderung der Liberalen durch ehemalige Nationalsozialisten zu führen drohte. Deshalb wurde es von der britischen Besatzungsmacht rigide unterbunden; mit weitreichenden Konsequenzen für die Entwicklung sowohl der regionalen als auch der Bundes-FDP.

Der Frage, ob NRW auf der anderen Seite auch als Stammland des Sozialliberalismus zu betrachten sei, ging MARTIN SCHLEMMER (Duisburg) nach. Indem er den Sozialliberalismus als eine Spielart des Liberalismus, vor allem aber als Terminus für das Zusammengehen von FDP und SPD verstand, gelangte Schlemmer zu dem differenzierten Ergebnis, dass NRW zwar ein Versuchslabor für eine sozialliberale Koalition darstellte, aber deswegen keineswegs als Stammland des Sozialliberalismus anzusehen sei. Denn die sozialliberalen Koalitionen seien in NRW kein Automatismus, kein Projekt oder eine „Liebesehe“ gewesen, sondern eher eine „Vernunftehe“.

Den Abschluss der letzten Sektion und der gesamten Tagung bildete ein explizit politikwissenschaftlicher Beitrag: JAN TREIBEL (Wiesbaden) nahm sich den rheinischen Aspekten in der Bundes-FDP in den letzten Jahren an. Er nahm eine mikropolitische Analyse der internen Organisations- und Entscheidungsstrukturen der FDP vor und arbeitete ein doppeltes regionales Entscheidungszentrum innerhalb der liberalen Partei heraus. Zum einen machte er eine hegemoniale Rolle Nordrhein-Westfalens unter den FDP-Landesverbänden aus, zum anderen eine Führungsrolle des mitgliederstärksten Bezirksverbandes Köln innerhalb dieses Landes. Seine Bilanz fügte sich letztlich in die Reihe der vorangegangenen Urteile anderer Referenten, wie Frölich oder Nonn, über den gegenwärtigen Stand des rheinischen Parteiliberalismus ein: Rheinländer, so Treibel, bestimmen Führung, Organisation und Programmatik der FDP maßgeblich mit, einen „rheinischen Fraktionismus“ gebe es in der Partei aber nicht.

In der Abschlussdiskussion wurde unter anderem angeführt, dass es den diversen Beiträgen des Kolloquiums zweifelsohne gelungen sei, Einflüsse des Rheinlandes auf den Liberalismus in formaler Hinsicht nachzuweisen; nicht immer sei dabei jedoch vollends klar geworden, wie sich diese Einflüsse niederschlugen. Die rheinischen Spezifika (und teilweise auch die liberalen) müssten vielleicht noch schärfer herausgearbeitet werden. Allerdings sei diese spannende, die gesamte Tagung begleitende Frage ausgesprochen schwierig und wohl kaum in einer alle zufrieden stellenden Weise zu beantworten. Ungeachtet solcher Bedenken werden die Kolloquiumsbeiträge zunächst im 30. Band (2019) des „Jahrbuchs zur Liberalismus-Forschung“ und anschließend auch im Online-Portal „Rheinische Geschichte“ einer breiten Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt.

Konferenzübersicht:

Ewald Grothe (Gummersbach) und Helmut Rönz (Bonn): Begrüßung und Eröffnung

Einführung:
Henning Türk (Potsdam): Liberalismus und Region

Sektion 1: Das frühe 19. Jahrhundert
Moderation: Manfred Groten (Bonn)

Ulrich Soénius (Köln): Das rheinische Wirtschaftsbürgertum

Ewald Grothe (Gummersbach): Früher rheinischer Parlamentarismus im Provinziallandtag

Bärbel Holtz (Berlin): 1848 – Der rheinische Liberalismus an der Macht?

Sektion 2: Reichsgründung und Kaiserreich
Moderation: Georg Mölich (Bonn)

Christian Jansen (Trier): Rheinische Liberale und die Reichsgründung

Norbert Schlossmacher (Bonn): „… eine vergiftete Atmosphäre …“. Kulturkampf – Katholizismus und Liberalismus im Rheinland

Dominik Geppert (Bonn): Die Universität Bonn und das rheinische Bürgertum

Helmut Rönz (Bonn): Der Liberalismus im Spiegel der Wahlen in der Rheinprovinz

Festvortrag:

Christoph Nonn (Düsseldorf): Nationale Volksbewegung, bürgerliche Interessenpartei, gesellschaftliche Reformkraft – der Liberalismus am Rhein

Sektion 3: Das frühe 20. Jahrhundert
Moderation: Joachim Scholtyseck (Bonn)

Alexander Olenik (Bonn): Die liberalen Oberbürgermeister
Volker Stalmann (Berlin): Rheinisch-liberale Spitzenpolitiker

Keywan Klaus Münster (Bonn): Liberale im Rheinland nach 1933

Sektion 4: Die bundesrepublikanische Ära
Moderation: Ewald Grothe (Gummersbach)

Jürgen Frölich (Gummersbach): "Rheinische Züge" bei den liberalen Parteien vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik

Kristian Buchna (Stuttgart): „Pflicht nach rechts“. Die rheinische FDP und das politische Experiment einer Nationalen Sammlung

Martin Schlemmer (Duisburg): NRW – Stammland des Sozialismus?

Jan Treibel (Wiesbaden): Rheinische Aspekte in der Bundes-FDP

Zitation
Tagungsbericht: Zwei Jahrhunderte Liberalismus im Rheinland. Personen – Funktionen – Organisationen – Gesellschaftliche Segmente, 14.11.2017 – 15.11.2017 Bonn, in: H-Soz-Kult, 08.03.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7592>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.03.2018