Postkoloniale Antike? Alterität und Macht in den Altertumswissenschaften

Ort
Basel
Veranstalter
Christian Guerra / Lukas Bohnenkämper, Departement Altertumswissenschaften, Universität Basel; Doktoratsprogramm der Basler Altertumswissenschaften (DBAW)
Datum
04.12.2017 - 05.12.2017
Von
Amanda Gabriel / Philipp Gleich / Sandra Kyewski / Marta Imbach / Matthias Stern / Christian Guerra, Universität Basel

Die diesjährige Internationale Gradiertentagung des Doktoratsprogramms der Basler Altertumswissenschaften (DBAW) war dem postcolonial turn in den Altertumswissenschaften gewidmet und stellte die Frage danach, wie Machtasymmetrien, die sowohl den antiken Alteritätskonstrukten als auch der modernen Rezeption zugrunde liegen, erkannt, offengelegt und in der eigenen Forschung benannt werden können.

Nach einer Einleitung durch die Organisatoren CHRISTIAN GUERRA (Latinistik, Basel) und LUKAS BOHNENKÄMPER (Ägyptologie, Basel) begann die Tagung mit dem Vortrag von TONIO HÖLSCHER (Klassische Archäologie, Heidelberg), der für einen kritischeren Umgang mit den inflationär verwendeten Kategorien „Identität“ und „Alterität“ plädierte. Das Begriffspaar, das nur komplementär zu denken sei, müsse vermehrt auf seine historische Reichweite hin untersucht werden, da es nicht als universelle anthropologische Größe verstanden werden könne. Identität und Alterität würden in einem dynamischen Prozess innerhalb heterogener Gruppen immer wieder neu verhandelt und müssten auch nicht zwingend alle gesellschaftlichen Bereiche gleichermaßen betreffen.

STEFAN SCHREIBER (Topoi, Berlin) zeigte auf, inwiefern AltertumswissenschaftlerInnen eine kolonialistische Haltung gegenüber der Vergangenheit einnehmen, indem sie kulturelle Ressourcen „entdecken“ und politisch-ökonomisch „ausbeuten (lassen)“ und Objekte untersuchen, die nicht sprechen könnten und somit subaltern seien. Mögliche Lösungsansätze, diese wissenschaftliche Hegemonialität aufzubrechen, sieht Schreiber in der Emanzipation des eigenen Subjektes, der Schaffung eines Dialoges mit dem Forschungsobjekt, dem Zulassen von parallelen Diskursen und fragmentierten Narrativen sowie der vermehrten Thematisierung von Einzel- und Sonderfällen.

UROŠ MATIĆ (Ägyptologie, Münster) ging am Beispiel Nubiens zur Zeit des Neuen Reiches der Frage nach, inwieweit postkoloniale Theorien für archäologische Forschungen fruchtbargemacht werden können. Noch immer sei die Forschung zu Nubien von modernen Narrativen der Kolonialzeit geprägt – so sei z.B. von den Ägyptern als „Kulturbringern“ die Rede und es würde zwischen „hellhäutigen Ägyptern“ und „dunkelhäutigen Nubiern“ unterschieden. Die Dekonstruktion dieser Narrative und damit das Erkennen des jeweiligen Zeitgeistes ist Matićs Meinung nach jedoch nur der erste Schritt. Auch postkoloniale Theorien und Denkfiguren wie „Hybridität“, „Mimikry“ oder der „Dritte Raum“ dürften nicht unreflektiert verwendet werden, denn auch sie seien im Rahmen moderner kolonialer Erfahrungen im Hinblick auf den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit, z.B. in den Britischen Kolonien, entstanden.

JAKOB ZELLER (Latinistik, Basel) untersuchte in seinem Vortrag Auszüge aus dem Werk „De orbe novo decades octo“ (1516) des Geschichtsschreibers Peter Martyr von Anghiera, eine umfassende Beschreibung der Entdeckung Amerikas durch die Spanier, auf postkoloniale Aspekte hin. Zeller zeigte auch, wie Peter Martyr bewusst die griechisch-römische Antike mit ihren Helden, ihren Mythen und ihren Motiven als Referenz hinzuzog und nutzte, um seine Protagonisten nach antiken Vorbildern zu formen. Am Beispiel des spanischen Konquistadors Vasco Núñez de Balboa, der bei der Durchquerung von Panama als neuer Hannibal beim Alpenübergang erscheint, zeigte er, wie durch die Gleichsetzung mit den antiken Helden das Vorgehen der Spanier nicht immer positiv gewertet, sondern auch einer Kritik unterzogen wird. So dient das Stereotyp des „edlen Wilden“ ebenso sehr als Gegenbild zum goldgierigen Konquistador, wie das des gefährlichen Kannibalen als Gegenbild zum „zivilisierten“ europäischen Eroberer und „Kulturbringer“.

OLIVIA DENK (Klassische Archäologie, Basel) wandte sich in ihrem Beitrag dem nordgriechischen Raum zu, wobei sie zunächst das Spannungsfeld zeitgenössischer Kulturzuschreibungen beleuchtete, in welchem pauschalisierende Bezeichnungen wie „thrakisch“ oder „makedonisch“ verwendet und verhandelt wurden. Sie zeigte auf, welche Bedeutung solche mehr oder weniger konkret, aber auch diffus konstruierten Kategorien für die Konstruktion einer „griechischen“ Identität in Diskursen der archaischen bis hin zu jenen der spätklassischen Zeit besaßen. Auf dieser Grundlage untersuchte die Referentin das Fallbeispiel der Stadt Torone auf der chalkidischen Halbinsel und legte dar, wie einerseits dieser Kulturraum im Laufe der Zeit eindeutige Anleihen an süd- oder „gemeingriechische“ Phänomene nahm, andererseits sich im Laufe dieses Prozesses scheinbar paradoxerweise überhaupt erst als genuin „chalkidisch“ zu etablieren begann.

AIRTON POLLINI (Griechische Geschichte, Mulhouse) wandte sich der in den USA entwickelten historical archaeology und der Frage zu, inwieweit dieser Ansatz, der ursprünglich entwickelt wurde, um „Gesellschaften“ nach dem Beginn der europäischen kolonialen Eroberungen in Nordamerika zu erforschen, für die Untersuchung griechischer „kolonialer“ Gemeinschaften in der Magna Graecia nutzbar gemacht werden kann. Es stellte dabei Parallelen zwischen Gemeinschaften „without history“ (Ureinwohnern, Sklaven, Frauen in Amerika) und der vorgriechischen Bevölkerung der Magna Graecia und ihren Beziehungen zu den griechischen SiedlerInnen her. Am Beispiel des „Reiches von Sybaris“ untersuchte Pollini die Machtbeziehungen im Hinterland der Stadt und sprach in Analogie zu postkolonialen Verhältnissen in Kalifornien, in der die „Kultur“ der Neuankömmlinge zunehmend geringer eingeschätzt wurde, vom scheinbaren Paradox von „elite natives“ gegen „poor Greeks“. Pollini betonte daneben die Gleichzeitigkeit verschiedener Migrationsbewegungen mit unterschiedlichen Merkmalen und sprach sich in diesem Zusammenhang für eine Rehabilitierung des Kolonisationsbegriffs aus, der helfe, dieses Phänomen von anderen „Mobilitätsnetzwerken“ zu trennen, ohne dabei in die alte Dichotomie von „guter“ und „schlechter“ Kolonisation zurückfallen zu wollen.

Das Referat von CHRISTOPH ULF (Alte Geschichte, Innsbruck) kam auf eine der Urfragen der geschichtswissenschaftlichen Disziplinen zurück, nämlich derjenigen, wie sich die Dekonstruktion und die Kontextualisierung historischer Narrative auf das Bemühen auswirken, die historische Realität zu rekonstruieren. Ausgehend von den teils auffallend divergierenden Gründungserzählungen aus beinahe acht Jahrhunderten um die phokaiische Apoikie Massalia, demonstrierte Ulf, wie die positivistische Historiographie versuchte, die Quellen in Einklang zu bringen, und diese dazu in „bessere“ und „schlechtere“ unterteilte. Angesichts der Quellenlage – so Ulf – könne allerdings keine Geschichte der phokaiischen „Kolonisation“ geschrieben werden. An ihrer statt solle vielmehr eine narratologische Analyse treten, welche die Sinnhaftigkeit und das sinnstiftende Moment jeder der Erzählungen in ihrem zeitgenössischen Kontext erkenne und anerkenne.

Am Beispiel Zypern analysierte CONSTANCE VON RÜDEN (Mediterrane Urgeschichte, Bochum) die Instrumentalisierung archäologischer Kolonisationsnarrative in Territorial- und Identitätskonflikten der Gegenwart. Sie legte dar, wie bereits in der Vergangenheit die Altertumswissenschaft der Politik Argumente geliefert habe, so z.B. mit dem von deutschen Altertumsforschern begründeten Mythos einer mykenischen Kolonisation, der nach der Gründung des griechischen Nationalstaats 1830 dazu beigetragen habe, eine griechische Nationalidentität zu formen, aber auch imperialistischen Bestrebungen Griechenlands Aufschwung gegeben habe. Seit Gründung der Republik Zypern 1960 und der fehlgeschlagenen Enosis werde das Narrativ einer hellenistischen Kolonisation von der dortigen Antikenverwaltung und in jüngerer Zeit auch von neokonservativen Politikern als Argument für einen Anschluss an Griechenland eingesetzt (die Referentin führte das Beispiel von Maa-Palaiokastro an). Dementsprechend gerate die archäologische Forschung auf Zypern zum Drahtseilakt zwischen instrumentalisierbarem Identifikationsangebot und unethischem Schweigen und stehe damit im Zentrum der postkolonialen Problematik.

DANIELE FURLAN (Vorderasiatische Altertumswissenschaft, Basel) ging anhand von Schriftquellen der Frage nach, ob die assyrische Expansionspolitik im späten 10. und frühen 9. Jahrhundert v.Chr. als koloniale Politik einzustufen sei. Zwar sei es dem Herrscher Assur-dān II. (934–912 v. Chr.) und dessen Sohn und Nachfolger Adad-nerārī II. (911–891 v.Chr.) gelungen, nach einer längeren Phase militärischer Schwäche am Ende des Mittelassyrischen Reiches den aramäischen und babylonischen Einfluss zurückzudrängen. Adad-nerārī II. habe jedoch insbesondere in der ersten Hälfte seiner Regierungszeit eine Außenpolitik verfolgt, die eher auf Plünderungen und Deportationen als auf dauerhafte territoriale Zugewinne ausgelegt war. Diese Politik habe, so der Referent, weniger einer kolonialen Ausdehnung als dem Erhalt des Reiches in einer schweren Dürrephase gedient, denn erst ab etwa 895 v.Chr. konnte Adad-nerārī II. dauerhafte militärische Erfolge und Tributsteigerungen verzeichnen.

FREDERIK ROGNER (Eikones, Basel und Paris) sprach über die Dekontextualisierung der altägyptischen Bildfigur in der Kunst des 19. Jahrhunderts. Obschon die ägyptische Kultur meist als „Hochkultur“ angesehen würde und in zahlreichen Belangen als fortschrittlich gelte, würde die Kunst als rückständig gegenüber der bewegten griechischen Kunst betrachtet. Der Referent betonte in Gegensatz dazu anhand von Beispielen, dass auch bei den Ägyptern Dynamik (z.B. kinematografische Abläufe) gezeigt werden konnte – wenn gewollt. Als mögliche Erklärung für die „Immobilisierung“ der ägyptischen Kunst sieht er die Dekontextualisierung und Ornamentalisierung einzelner ägyptischer Bildmotive durch die Kunstliebhaber des 19. Jahrhunderts, welche die Bilddarstellungen der Ägypter möglicherweise als rein dekorative Elemente verstanden hätten.

Der letzte Vortrag von CHRISTIAN RUSSENBERGER (Basel) musste krankheitsbedingt ausfallen. Der Referent hätte die Wechselwirkung zwischen attischen und stadtrömischen Sarkophagen am Beispiel der Amazonomachie aufgezeigt und untersucht, wie das gleiche Motiv divergent angewendet wurde.

Die Tagung hat gezeigt, dass eine postkoloniale Lektüre der Antike auf jeden Fall wünschens- und erstrebenswert ist. Mehrfach wurde die Notwendigkeit betont, von einer „monadischen“ Sicht auf die Antike – mit homogenen Bevölkerungs- und Gesellschaftsgruppen, nur mit einer einzigen Verwendungsart verbundenen Materialtypen, Meistererzählungen usw. – abzurücken, hin zu einem dynamischen, interdependenten und pluridimensionalen Geschichtsverständnis sowie zu einer interdisziplinären Herangehensweise. Die Tagung hat auch deutlich gemacht, dass man sich der eigenen Narrative und Projektionen bewusst werden und diese benennen und offenlegen sollte. Im Sinne G.C. Spivaks („Can the Subaltern Speak?“, in: Cary Nelson, Lawrence Grossberg (Hgg.): Marxism and the Interpretation of Culture, Chicago 1988, 271–313) scheint die große Schwierigkeit – für die Lösungsvorschläge hervorgebracht, aber noch keine Patentlösung gefunden worden ist –, subalternen Objekten, Menschen und Narrationen eine Stimme zu verleihen, ohne dabei kolonialistisch aufzutreten (wie bei Spivaks „white men saving brown women from brown men“). Letztlich hat die Tagung daher auch die hohe gesellschaftliche Verantwortung der (Geistes-) Wissenschaften angesprochen, der mit einem verstärkten Dialog mit der Gesellschaft zu begegnen ist.

Konferenzübersicht:

Tonio Hölscher (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg): Alterität und Identität zwischen historischer Beschreibung und modernen Projektionen. Überlegungen zu einer begrifflichen Antithese in den archäologischen Wissenschaften

Stefan Schreiber (Freie Universität Berlin): Die koloniale Expansion in die Vergangenheit. Archäologische Vergangenheitsökonomien und postkoloniale Alternativen

Uroš Matić (Westfälische Wilhelms-Universität Münster): Can the Nubian speak? Postkoloniale Theorie und die Archäologie und Geschichtsschreibung Nubiens im Neuen Reich

Jakob Zeller (Universität Basel): Hannibal in Panama. Postkoloniale Lektüre von Peter Martyrs De orbe novo decades octo

Olivia Denk (Universität Basel): Der griechische Norden – „das Andere“ an der Peripherie der Macht!? Die Chalkidike und ihre kolonialen Erfahrungen

Airton Pollini (Université de Haute-Alsace Mulhouse): Historical archaeology in Magna Graecia: from an American perspective to the Greek colonization in South Italy

Christoph Ulf (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck): Zur Dekonstruktion kolonialer Diskurse. Die griechische Kolonisation

Constance von Rüden (Ruhr-Universität Bochum): Politik, Identität und der Kampf um das bronzezeitliche Kulturerbe Zyperns

Daniele Furlan (Universität Basel): Das Reich der Hungrigen. Expansionspolitik als Überlebensstrategie der Assyrer im späten 10. und frühen 9. Jh. v.Chr.

Frederik Rogner (Universität Basel): Die Dekontextualisierung der altägyptischen Bildfigur in der orientalistischen Kunst

Christian Russenberger (Universität Basel): Amazonen am Grab. Divergierende Perspektiven auf einen griechischen Kulturmythos als Elemente eines postkolonialen Diskurses in den hochkaiserzeitlichen Gesellschaften Roms und Athens

Zitation
Tagungsbericht: Postkoloniale Antike? Alterität und Macht in den Altertumswissenschaften, 04.12.2017 – 05.12.2017 Basel, in: H-Soz-Kult, 13.03.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7600>.