Sportlerinnen und Sportler jüdischer Herkunft in Süddeutschland

Place
Irsee
Host/Organizer
Schwabenakademie Irsee, Heimatpflege des Bezirks Schwaben, Jüdisches Museum München
Date
27.11.2017 - 29.11.2017
By
Markwart Herzog, Schwabenakademie Irsee; Corinna Malek, Bezirksheimatpflege Schwaben

In einleitenden Worten dankte MARKWART HERZOG (Irsee) dem Jüdischen Museum München und der Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes für die großzügige finanzielle Unterstützung und erläuterte den thematischen Zuschnitt der Tagung und deren zeitgeschichtliche Relevanz. Der jüdische Sport sei ein Forschungsfeld, von Hajo Bernett und Hans Joachim Teichler bereits in den 1970er-Jahren eröffnet[1], das um die Jahrtausendwende einen neuen Schub erfahren habe; in einer Zeit, in der die Anfänge einer wissenschaftlichen Fußballhistoriografie in Deutschland zu datieren sind.[2] Der Schwerpunkt der Konferenz lag auf dem Fußballsport und männlichen Akteuren. Für weibliche Athleten seien keine Beitragsvorschläge eingegangen. PETER FASSL (Augsburg) wies darauf hin, dass die bisherigen Tagungen zur Geschichte der Juden in Schwaben (seit 1989) zwar das Vereinswesen im 19. und 20. Jahrhundert behandelten, Sportvereine aber nur am Rande erwähnt wurden. Eine Sportgeschichte der Region sei erst noch zu erarbeiten. Die vorliegende Spurensuche betrete somit Neuland.

Die Vorträge der ersten Sektion widmeten sich Biografien von Sportlern jüdischer Herkunft. Zunächst nahm CLAUS W. SCHÄFER (Erlangen) den fränkischen Fußball in den Blick. Der Referent wies auf die bittere Ironie hin, dass ausgerechnet das nationalsozialistische Hetzblatt „Der Stürmer“ unverzichtbare Hinweise auf Bürger jüdischer Herkunft biete, auch aus dem Sport. Für den 1. FC Nürnberg konnte Schäfer biografische Details über Mitglieder der Tennis- und Boxabteilung ermitteln. Ferner widerlegte er die immer wieder vertretene Auffassung, der spätere US-amerikanische Außenminister Henry Kissinger und dessen Bruder Walter seien Mitglieder der SpVgg Fürth gewesen. Jedoch sei deren Onkel Arno von 1925 bis 1930 Mitglied des Vereins gewesen. Ferner lasse sich nachweisen, dass die Namen von sechs weiblichen Mitgliedern jüdischer Herkunft 1933 aus der Mitgliederliste der SpVgg gestrichen wurden, die biografisch jedoch nicht greifbar seien.

Die generell schwierige Quellenlage des Tagungsthemas bestätigte UWE SCHELLINGER (Freiburg im Breisgau), der hinsichtlich des SC Freiburg das langjährige Fehlen eines Vereinsarchivs und mangelndes historisches Interesse beklagte. Dennoch konnte er eine kleine Zahl jüdischer Sportler benennen, nicht zuletzt aufgrund von Geschäftsanzeigen in Druckerzeugnissen des Sportclubs. Unter ihnen war Sigmund Günzburger, der in der Weimarer Zeit als Vizepräsident und großzügiger Mäzen des Vereins nachgewiesen ist.

Memorialkulturelle Aspekte behandelte BERNHARD PURIN (München). Er stellte die Widerstände dar, die das Gedenken an die israelischen Opfer des PLO-Attentats auf die Olympischen Sommerspiele 1972 hinauszögerten. Erst 1995 wurde das Granitmahnmal des Bildhauers Fritz König errichtet. Die Münchner Stadtregierung sei einem Gedenken im öffentlichen Raum lange Jahre distanziert begegnet. Antisemitische Tendenzen in politisch links orientierten Milieus hätten das Ihre dazu beigetragen, dass den Münchner Opfern die Erinnerung so lange verweigert worden sei. Vor allem der spätere Ministerpräsident Horst Seehofer habe ein generelles Umdenken eingeleitet, das 2017 eine Gedenkstätte auf dem Olympiagelände möglich werden ließ.

Die Bewerbung Münchens für die Olympischen Sommerspiele 1972 wurde von dem Journalisten, Schriftsteller und Leichtathleten Heinz Alexander Natan (1906–1971) nachhaltig unterstützt. KAY SCHILLER (Durham), Mitverfasser einer Geschichte der Spiele[3], schilderte die spannende Biografie des linksliberalen Intellektuellen, der als Student dem FC Phönix Karlsruhe angehörte. 1929 stellte er zwar einen Weltrekord auf, war jedoch dem Ideal des gentleman amateur zutiefst verbunden. Er bewegte sich in der künstlerischen und literarischen Avantgarde. Nach seiner Emigration im Jahr 1933 unterhielt er von England aus Kontakte zum konservativen Widerstand gegen Hitler. Zeit seines Lebens verteidigte er Sport als „autotelische Aktivität“ gegen alle Vereinnahmungen von außen und erscheine damit als ein „aus der Zeit gefallener, anachronistischer Romantiker“.

Der Historiker NILS HAVEMANN (Stuttgart) widmete sich dem Sportwagenhersteller Porsche[4], der in den frühen 1930er-Jahren durch Adolf Rosenberger vor dem wirtschaftlichen Aus bewahrt werden konnte. Rosenberger, der in den 1920er-Jahren hinter dem Steuer Rekorde gefahren war, wurde Gesellschafter der Firma und sorgte für die rettenden Investments, die er auch von jüdischen Geschäftsleuten akquirierte. Nach der Machteroberung der NSDAP wurde Rosenberger sukzessive aus dem Unternehmen gedrängt. Da sein Wissen unverzichtbar war, sicherte sich die Firma zunächst seine Fähigkeiten und drängte ihn schließlich zur Veräußerung seiner Anteile zu einem sittenwidrigen Preis. Havemann zeichnete nach, dass dieser Vorgang nicht im nationalsozialistischen Rassenantisemitismus, sondern in kaufmännischer Skrupellosigkeit begründet gewesen sei.

STEFAN ZWICKER (Bonn) widmete sich der bewegten Biografie von Elek Schwartz, dem einzigen jüdischen Trainer in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. Seine Karriere als Trainer führte ihn unter anderem nach Frankreich, Deutschland, Portugal, Italien und in die Niederlande, wo er als Nationalcoach arbeitete. Zwicker betonte, dass Schwartz ein offensives Spielsystem entwickelt habe, das als Vorläufer des später in den Niederlanden gepflegten „totalen Fußballs“ gelten könne.

Mit dem Zionisten Ernst E. Simon widmete sich MANFRED LÄMMER (Köln) einem Athleten, der von dem Sportmultifunktionär Carl Diem für die Leichtathletik begeistert wurde. Beide blieben zeitlebens in Kontakt. Deutsch-national eingestellt waren Simon und Diem durch Westfronterinnerungen und Sportkameradschaft. In Würzburg verfasste Simon eine der ersten sportmedizinischen Dissertationen in Deutschland. 1924 emigrierte er nach Haifa und war in Palästina bzw. später in Israel maßgeblich am Aufbau einer Infrastruktur des Sports beteiligt, die sich weitgehend an deutschen Vorbildern orientierte.

BENIGNA SCHÖNHAGEN (Augsburg) eröffnete das zweite Panel am Beispiel von Athleten der Privaten Tennisgesellschaft Augsburg (PTGA) die Sektion über Bayerisch-Schwaben. Die PTGA wurde bereits 2008 im Rahmen einer Sonderausstellung im Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben dargestellt, welche größtenteils auf den Recherchen von Gernot Römers basierte. Obwohl nur wenige Quellen erhalten sind, konnte die Bedeutung der PTGA als kultureller, gesellschaftlicher und sportlicher Rückzugsort für die jüdische Gesellschaft Augsburgs, die sich ab 1933 zunehmenden staatlichen Repressalien ausgesetzt sah, rekonstruiert werden.

Sodann begab sich GEORG FEUERER (Augsburg) auf Spurensuche nach jüdischen Mitgliedern in weiteren fuggerstädtischen Sportvereinen. Am Beispiel des Stadtrechtsrats und Gausportführers für Schwaben, Willi Förg, vollzog der Referent einen Wechsel der Perspektive auf die Seite der Täter. Förg, Mitglied der Skiabteilung des TSV 1847 Schwaben Augsburg, war als Rechtsrat ab 1933 für die Organisation des Sports in Augsburg zuständig. In seinem Spruchkammerverfahren ließ er sich Kontakte zu jüdischen Skifahrern, mit denen er bis 1934 Touren unternommen haben will, bestätigen, um die ihm zur Last gelegten Vorwürfe zu entkräften. Darüber hinaus ging Feuerer auf weitere Vereine vor Ort ein, beispielsweise auf die Augsburger Sektion des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins, die bereits am 20. Juni 1933 ein Aufnahmeverbot für jüdische Mitglieder verfügte.

Mit ihrer Analyse der Ichenhausener Sportvereine warf CLAUDIA MADEL-BÖHRINGER (Ichenhausen) einen Blick auf eines der jüdischen „Kerngebiete“ Bayerisch-Schwabens. Die Referentin wies jüdische Sportler im dortigen Turnverein, Fußballclub und Radfahrerverein nach, teils auf Funktionärsebene und als Gründungsmitglieder. Sie unterstrich den Enthusiasmus der jüdischen Bürger für den Vereinssport und deren gesellschaftliche Integration bis 1933. Eine Besonderheit bildeten in Ichenhausen die Sportabteilungen im bestehenden jüdischen Jugendverein sowie ein Schild-Verein.

Die jüdischen Landgemeinden Buttenwiesen und Binswangen analysierte ANTON KAPFER (Binswangen). Obwohl räumlich nur wenige Kilometer voneinander entfernt, nahm die dortige Entwicklung des Sports konträre Wege. Für Binswangen erbrachten die Recherchen eine Überraschung: Dem dortigen Sportverein traten keine jüdischen Mitglieder bei, stattdessen waren sie im Turnverein und der Sportvereinigung im benachbarten Wertingen aktiv, denn im Sportverein Binswangen habe eine judenfeindliche Grundstimmung vorgeherrscht. In Wertingen wirkten jüdische Bürger aus Binswangen auf Sport- und Funktionärsebene in den beiden lokalen Vereinen bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten mit. Ganz anders sei die Entwicklung in Buttenwiesen verlaufen. Dort wirkten jüdische Mitglieder im 1913 gegründeten Turnverein mit und förderten dessen Entwicklung als Akteure, Funktionäre und Sponsoren. Außerdem gehörten jüdische Gemeindemitglieder zu den Gründern des 1929 aus der Taufe gehobenen Sportvereins Buttenwiesen. Hinsichtlich der Verdrängung jüdischer Bürger nach der Machtübernahme der NSDAP unterschieden sich beide Orte jedoch nicht.

Sodann verlagerte DIETMAR-H. VOGES (Nördlingen) den Fokus auf den Norden Bayerisch-Schwabens. Die erste Aufnahme eines jüdischen Mitbürgers erfolgte in Nördlingen erst 1860, hierauf wuchs die jüdische Bevölkerung, erreichte 1895 ihren Höchststand, um danach kontinuierlich abzunehmen und im 20. Jahrhundert zu einer kleinen Minderheit zu schrumpfen. Nichtsdestotrotz konnte Voges drei Sportler namentlich ermitteln und den lokalen Sportvereinen (Fußball, Leichtathletik, Handball und Schützen) zuordnen. Aufgrund der dürftigen Quellenlage sei bis dato aber wenig über ihre Biografien bekannt.

Die schwäbische Sektion abschließend, ging CHRISTOPH ENGELHARD (Memmingen) auf die erst 1875 gegründete jüdische Gemeinde in Memmingen ein. Die Ursprünge des FC Memmingen liegen in einer 1907 gegründeten Fußballabteilung des örtlichen Turnvereins. In deren Kader fanden sich einige jüdische Fußballspieler. Engelhard skizzierte ihre Biografien und ordnete sie in das Gefüge der Stadtgesellschaft ein. Vereinsausschlüsse ließen sich nicht belegen. Insgesamt falle die Quellenlage so dürftig aus, dass der Referent seine Ausführungen für den FC Memmingen großenteils auf zeitgenössische Zeitungsartikel und eine Vereinschronik aus dem Jahr 1957 stützen musste. Für die Sektion Memmingen des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins ließen sich jedoch Bestände des Vereinsarchivs heranziehen.

Abschließend berichtete JUTTA FLECKENSTEIN (München) über Konzeption, Planung und Durchführung der Ausstellung „Never Walk Alone. Jüdische Identitäten im Sport“, die 2016/17 im Jüdischen Museum München mit großem Erfolg gezeigt wurde.[5]

Das dritte Panel thematisierte den "Bürgerlichen Fußball" - Organisatorisch-administrative Perspektiven. Im Zentrum der Ausführungen von DIRK BELDA (Offenbach) stand der Offenbacher FC Kickers (OFC), der unter Vorstandsmitglied Dr. Manfred Weinberg, einem jüdischen Rechtsanwalt, verhinderte, dass Adolf Hitler am 16. Juni 1932 im Kickers-Stadion eine Kundgebung abhielt und daraufhin in ein anderes Stadion ausweichen musste. Dies führte zu einer Spaltung des Clubs, Weinberg wurde aus der Mitgliederliste gestrichen und weitere jüdische Funktionäre mussten ebenfalls weichen. Bereits am 28. Juli 1932 berichtete die Lokalpresse, der Club sei „frei von jüdischem Einfluss“. Im Fußballsport sind derartige Maßnahmen in der Zeit vor der Machteroberung der NSDAP ebenso ungewöhnlich wie die Tatsache, dass im April 1933 erneut jüdische Bürger in den OFC-Vorstand gewählt wurden, kurz darauf jedoch wieder zurücktreten mussten. Aus Sorge um den Fortbestand des Vereins bemühte sich der Vorstand in den Folgejahren demonstrativ um eine Anpassung an die neuen politischen Verhältnisse. Im Jahr 1934 verließen die letzten jüdischen Mitglieder den Verein, dem sie teilweise in dritter Generation angehört hatten.

Am 9. April 1933 unterzeichneten die Repräsentanten von 14 süddeutschen Fußballclubs in Stuttgart eine Erklärung, in der sie sich verpflichteten, nicht „arische“ Mitglieder auszuschließen. MARKWART HERZOG (Irsee) untersuchte, inwieweit die Vereine die Selbstverpflichtung in die Tat umsetzten. Da der DFB, anders als die Deutsche Turnerschaft oder der Deutsche Ruderverband, den Vereinen hinsichtlich der „Arierfrage“ keine Vorgaben machte, waren Unterschiede in deren Politik die Folge. Während der 1. FC Nürnberg bereits im Mai 1933 nicht „arische“ Mitglieder ausschloss, sind bei Eintracht Frankfurt bis 1938 vereinzelte jüdische Athleten nachgewiesen. Insgesamt sei das Verhalten der Vereinsführungen gekennzeichnet gewesen von Verunsicherung und ängstlichem Konformismus, von einem obrigkeitshörigen Opportunismus, der auf klare Vorschriften in der „Arierfrage“ hoffte, diese vom DFB jedoch nicht erhielt. Deshalb trennten sich die meisten Vereine aus eigenem Antrieb mit unterschiedlicher Geschwindigkeit von nicht „arischen“ Mitgliedern. Auch der FC Bayern habe in dieser Hinsicht nicht jene „Heldengeschichte“ geschrieben, die ihm die „FC Bayern Erlebniswelt“ in der Münchner Allianz-Arena und die Medien teilweise bis heute nachsagen.

Die letzte Sektion "Jüdische Selbstorganisation" thematisierte die Selbstorganisation des jüdischen Sports in der NS-Zeit und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Zunächst ging HENRY WAHLIG (Dortmund) auf die circa 200 jüdischen Fußballvereine bzw. Turn- und Sportvereine mit Fußballmannschaften ein, die in der NS-Zeit nachgewiesen seien.[6] Sie trugen Spiele im Ligasystem aus und kämpften um regionale und deutsche Meisterschaften. In Bayern ging der jüdische Sport jedoch einen Sonderweg[7]: Makkabi- und Schild-Vereine wurden von der Politischen Polizei verboten, nur in „Einheitssportvereinen“ konnten Bürger jüdischer Herkunft sich sportlich betätigen. Diese restriktive Politik wurde im Vorfeld der Olympischen Spiele gelockert, jedoch nur für kurze Zeit. Spätestens 1938 war die „Scheinblüte“ jüdischen Sports in Bayern und im gesamten „Dritten Reich“ definitiv zu Ende.

LORENZ PEIFFER (Hannover) ging auf die in der Forschung bisher kaum beachtete, im Oktober 1933 von zwölf Vereinen gegründete Arbeitsgemeinschaft jüdischer Turn- und Sportvereine Südwestdeutschlands (AG Südwest) ein. In ihr waren Vereine aus den heutigen Bundesländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland und Nordrhein-Westfalen organisiert. Sie trieben Fußball, Handball und Leichtathletik und waren am Vorbild des DFB orientiert. Ebenso wie alle anderen Sportorganisationen in jüdischer Selbstverwaltung war auch die AG Südwest nach dem Ende der Olympischen Spiele mit wachsenden Repressionen konfrontiert, die letztlich eine Einstellung der Aktivitäten erzwangen.

Abschließend analysierte JIM TOBIAS (Nürnberg) „Die Jidize Sport Cajtung“ und deren Bedeutung als Quelle für den Sport in jenen jüdischen DP-Camps der US-Zone[8], die nach der Befreiung vom Nationalsozialismus entstanden. Dabei sei es das Fußballspiel gewesen, dem die Liebe der Überlebenden der Shoa gegolten habe. Dagegen hätten die Funktionäre der Lagerverwaltungen das Boxen als Instrument der Selbstverteidigung favorisiert. Generell galt der Sport in den DP-Camps der Steigerung der Wehrhaftigkeit, die „in die Körper eingestanzt“ werden sollte. "Die Jidize Sport Cajtung" war dezidiert zionistisch ausgerichtet; sie propagierte Lebensmut, Opferbereitschaft und die Bereitschaft für den Kampf um die neue Staatlichkeit im Protektorat Palästina.

In der Abschlussdiskussion wurde der heuristische Ertrag lokalhistorischer Forschungen verdeutlicht. Gerade die mikrogeschichtlichen Pionierarbeiten über Sport in bayerisch-schwäbischen Landgemeinden stellten unter Beweis, dass jüdische Athleten nicht nur in urbanen Milieus, sondern auch auf dem Land zu den Pionieren, Initiatoren und Trägern des in Vereinen organisierten Sports zählten. Der ab 1933 erzwungene Exodus jüdischer Athleten, Gönner und Funktionäre habe die betroffenen Vereine sportlich und wirtschaftlich geschwächt. Der Vergleich der regionalen Studien zeige erhebliche lokale Unterschiede auch bei benachbarten Orten, abhängig vor allem von den führenden Akteuren der NSDAP. Von einer generellen „Gleichschaltung“ 1933 könne somit nicht die Rede sein. In den ländlichen Vereinen schienen die Juden als tragender Teil der gesellschaftlichen Avantgarde Impulsgeber für die Sportvereine gewesen zu sein.

Ebenso wie bereits im Kontext des „1. Irseer Fußballhistorikerstreits“[9] wurde die Rolle des DFB und der im DFB organisierten Vereine kontrovers diskutiert. Während Herzog die aus taktischen Gründen vergleichsweise moderate Haltung des DFB herausstrich und die verunsicherte, auf Vorschriften hoffende Haltung der Vereine betonte, interpretierte Peiffer die Verwendung des Begriffs „nationalsozialistische Volksgemeinschaft“ in einem Artikel des “Reichssportblatts“ durch den DFB-Vorsitzenden Felix Linnemann als Aufforderung des nationalen Fußballverbands, Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Behinderte und politisch Andersdenkende aus den Vereinen zu eliminieren. Dem hielt Havemann entgegen, Peiffer begehe den Fehler, die Geschichte des Jahres 1933 nicht aus dem zeitgenössischen Erfahrungshorizont heraus, sondern aus dem Wissen um die weiteren Entwicklungen im „Dritten Reich“ zu interpretieren und deshalb Kenntnisse vorauszusetzen, über die die handelnden Akteure zu Beginn der NS-Herrschaft nicht verfügten.
Die für den Druck überarbeiteten Vorträge der Tagung sollen im Stuttgarter Verlag W. Kohlhammer in der Reihe “Irseer Dialoge. Kultur und Wissenschaft interdisziplinär“ herausgegeben werden.

Konferenzübersicht:

Peter Fassl (Augsburg), Bernhard Purin (München): Begrüßung

Markwart Herzog (Irsee): Einführung in die Thematik der Tagung

1. Panel: Biografische Forschung

Claus W. Schäfer (Erlangen): Konrad, Kissinger und Co. im fränkischen Fußball

Uwe Schellinger (Freiburg im Breisgau): Jüdische Vereinsmitglieder beim SC Freiburg. Eine Spurensuche

Bernhard Purin (München): Der Erinnerungsort Olympia Attentat München ’72

Kay Schiller (Durham): Der Sprinter und Sportberater, Journalist und Schriftsteller Heinz Alex Natan

Nils Havemann (Stuttgart): Jüdische Automobilsportpioniere aus Süddeutschland

Stefan Zwicker (Bonn): Elek Schwartz – ein jüdischer Fußballtrainer aus Siebenbürgen als internationaler Technikpionier und Talentförderer

Manfred Lämmer (Köln): Ernst Emanuel Simon. Ein bayerischer Leichtathlet und Sportdiplomat von internationalem Rang – auch ein Beitrag zur Diem-Forschung

Markwart Herzog (Irsee): Klosterführung mit Besuch der „Euthanasie“-Gedenkstätten

2. Panel: Regionalgeschichte - Bayerisch-Schwaben

Benigna Schönhagen (Augsburg): „Wie eine Insel im braunen Meer …“. Der jüdische Sportverein Private Tennisgesellschaft Augsburg

Georg Feuerer (Augsburg): Jüdische Bürgerschaft in Augsburger Sportvereinen. Ein Forschungsbericht

Claudia Madel-Böhringer (Ichenhausen): Jüdische Mitglieder in Ichenhausener Sportvereinen

Anton Kapfer (Binswangen): Jüdische Sportler in den ehemaligen Landjudengemeinden Binswangen und Buttenwiesen

Dietmar-H. Voges (Nördlingen): Jüdische Bürger in Nördlinger Sportvereinen. Erste Nachweise

Christoph Engelhard (Memmingen): Jüdische Sportler vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Memmingen

Jutta Fleckenstein (München): Die Ausstellung „Never Walk Alone. Jüdische Identitäten im Sport“

3. Panel: „Bürgerlicher Fußball" – Organisatorisch-administrative Perspektiven

Dirk Belda (Frankfurt am Main): Offenbacher Kickers „frei von jüdischem Einfluss“. Einem Mythos auf der Spur

Markwart Herzog (Irsee): Antisemitismus in der „Stuttgarter Erklärung“ vom 9. April 1933 und dessen Verwirklichung im Alltag süddeutscher Fußballclubs

4. Panel: Jüdische Selbstorganisation

Henry Wahlig (Dortmund): „Eine der stärksten Mannschaften Deutschlands“. Die Entwicklung jüdischer Sportvereine in Bayern während der NS-Zeit

Lorenz Peiffer (Hannover): Die Arbeitsgemeinschaft jüdischer Turn- und Sportvereine Südwestdeutschlands

Jim G. Tobias (Nürnberg): Die „Jidisze Sport Cajtung“ 1947/48

Anmerkungen:
[1] Hajo Bernett, Der jüdische Sport im nationalsozialistischen Deutschland, Schorndorf 1978; Hans Joachim Teichler, Internationale Sportpolitik im Dritten Reich, Schorndorf 1991, 79–184; Berno Bahro/Jutta Braun/Hans Joachim Teichler (Hrsg.), Vergessene Rekorde. Jüdische Leichtathletinnen vor und nach 1933, Berlin 2009.
[2] Erik Eggers, Trendwende in der Fußballgeschichte? Eine Rezeption des Fußballjahres 2000, in: SportZeit. Sport in Geschichte, Kultur und Gesellschaft 1 (2001), Nr. 1, 120–124.
[3] Kay Schiller / Christopher Young, München 1972. Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschland, Göttingen 2012.
[4] Dazu ausführlich Wolfram Pyta / Nils Havemann / Jutta Braun, Porsche. Vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke, München 2017.
[5] Jutta Fleckenstein / Lisa-Maria Tillian-Fink (Hrsg.), Never Walk Alone. Jüdische Identitäten im Sport, Jüdisches Museum München, 22.2.2017–7.1.2018, Ausstellungskatalog, München/Berlin 2017.
[6] Zur Forschungsgeschichte Jörn Esch: Rezension zu: Wahlig, Henry: Sport im Abseits. Die Geschichte der jüdischen Sportbewegung im nationalsozialistischen Deutschland, Göttingen 2015, in: H-Soz-Kult, 10.06.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24266>; Markwart Herzog, Rezension zu: Peiffer, Lorenz; Wahlig, Henry, Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland. Eine Spurensuche, Göttingen 2015, in: H-Soz-Kult, 15.07.2016, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25771>.
[7] Dazu auch Bernett, Der jüdische Sport, wie Anm. 1, 63–68.
[8] Internetlexikon über alle jüdischen DP-Camps und Communities in der US Zone nach 1945: www.after-the-shoah.org
[9] Dazu Markwart Herzog, Historiografie unter der Herrschaft der Ideologie. Wissenschaft und Politik in der Sportgeschichte des Nationalsozialismus am Beispiel der Kontroversen um den „Konkurrenzantisemitismus“ im deutschen Fußball, in: Mark Häberlein/Stefan Paulus/Gregor Weber (Hrsg.), Geschichte(n) des Wissens. Festschrift für Wolfgang E. J. Weber zum 65. Geburtstag, Augsburg 2015, 709–723; zum „2. Irseer Fußballhistorikerstreit“ Andreas Meyhoff / Gerhard Pfeil, Eigentor. Über die Rolle des FC Bayern München während der NS-Zeit ist ein Expertenstreit entbrannt. Eine Kommission soll nun für Aufklärung sorgen, in: Der Spiegel, Nr. 44, 29.10.2016, 120.

Citation
Tagungsbericht: Sportlerinnen und Sportler jüdischer Herkunft in Süddeutschland, 27.11.2017 – 29.11.2017 Irsee, in: H-Soz-Kult, 14.03.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7603>.
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Published on
14.03.2018
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