Die deutsche Jugendbewegung. Historisierung und Selbsthistorisierung nach 1945

Ort
Witzenhausen
Veranstalter
Archiv der deutschen Jugendbewegung (AdJb)
Datum
27.10.2017 - 29.10.2017
Von
Maria Daldrup, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Bereits 2014 stand im Zentrum der jährlichen Tagung des Archivs der deutschen Jugendbewegung (AdJb) die Auseinandersetzung mit der spezifischen Vergangenheit des Tagungsortes selbst, der Jugendburg Ludwigstein. Als zentraler Ort der bürgerlichen Jugendbewegung in Deutschland war sie in der Vergangenheit vielfach Bezugspunkt erinnerungskultureller Debatten.[1] Hieran anschließend zielte die Archivtagung 2017 auf allgemeinere Historisierungs- und Selbsthistorisierungsversuche der Jugendbewegung nach 1945. Perspektive und Fluchtpunkt war hierbei immer wieder die Frage nach dem Verhältnis jugendbewegter Personen und Gruppen zum Nationalsozialismus.

In ihren Begrüßungsworten deuteten die Leiterin des AdJb, SUSANNE RAPPE-WEBER (Witzenhausen), sowie der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats, ECKART CONZE (Marburg), bereits auf die vielfältigen Problematiken einer (Selbst-)Historisierung der Jugendbewegung hin. Auch die am Abend eröffnete Ausstellung „Jugend – bewegt und … voller Geschichte(n)“, die bis Herbst 2018 im AdJb zu sehen sein wird, nimmt sich der wechselhaften Vergangenheit jugendbewegten Lebens an. Zugleich zeigt sie Alltagspraktiken heutiger Jugendbünde.

Eckart Conze verwies in seinem Abendvortrag auf die Brisanz, die das Tagungsthema über viele Jahrzehnte gehabt habe: Entlarvungs-, gar Skandalisierungsabsichten wurden jenen unterstellt, die eine (Selbst-)Historisierung der Jugendbewegung in Angriff nahmen. Frühe Arbeiten, wie jene von Howard Becker oder Harry Pross, führten ebenso zu Kontroversen wie beispielsweise die erst vor wenigen Jahren erschienene Studie von Christian Niemeyer.[2] Mit Blick auf die Geschichte der Jugendbewegungsforschung war es insbesondere Werner Kindts dreibändiges Werk[3], das lange das Selbst- und Fremdbild der Jugendbewegung auf apologetisch-einseitige Weise prägte, indem NS-Belastungen von Akteuren verschwiegen und die Jugendbewegung insgesamt als vermeintlich unpolitisch verortet wurde. Diese Interpretation steht neueren Erkenntnissen diametral entgegen: Eine Jugendbewegungsgeschichte sei keineswegs als unpolitische oder Widerstandsgeschichte zu schreiben, sondern es zeige sich vielfach eine ideologische Nähe zum Nationalsozialismus. Es gelte, so Conze, die Denk- und Verhaltensweisen vor und während des Nationalsozialismus ebenso in den Blick zu nehmen wie ihre Bewertung in den Jahrzehnten nach 1945.[4] Die Archivtagung sei als klares Signal zu verstehen, die Historisierung – auch der Geschichte des AdJb selbst – auf kritisch-reflektierte Weise voranzutreiben.

TORSTEN MERGEN (Saarbrücken) widmete sich in der ersten Sektion zu „Kontinuität und Diskontinuität“ den Selbstinszenierungsformen des Pädagogen und Schriftstellers Karl Christian „teut“ Müller (1900–1975). Müller galt als konservativ-charismatische Führungsfigur und Schlüsselautor der Jugendbewegung, etwa durch das heldische Spiel „Der Waffenstillstand“ aus dem Jahre 1933. In den späten 1920er-Jahren hatte er die „Trucht“ gegründet, eine Jungengruppe, die sich an einem hierarchisch organisierten Eliteprinzip unabhängig von der familiären oder sozialen Herkunft orientierte. 1933 trat Müller der NSDAP bei, die „Trucht“ wurde größtenteils in die Hitlerjugend überführt. Nach 1945 kreiste Müllers literarisches Schaffen um eine Selbstinszenierung sowie lyrische Geschichtsdeutung des Lebens und Wirkens während des Nationalsozialismus. In apologetischer Manier, so Mergen, positionierte sich Müller als deutungsmächtiger Lyriker gegen zeitbedingte Vokabeln wie „Schuld“ und „mangelnde Integrität“, stieß aber mit seiner Glorifizierung von Natur, Feuer- und Gemeinschaftserlebnis in den späten 1960er-Jahren auf zunehmende Skepsis und Kritik.

KRISTIAN MENNEN (Berlin) erweiterte den in der Jugendbewegungsforschung oftmals national verengten Blick um eine europäische Sichtweise und verglich systematisch verschiedene gesellschaftliche Diskurse von (Dis-)Kontinuitäten des Europa-Bildes und der Stilisierung einer „europäischen Jugend“ für die Zeit nach 1945. Dabei formte Mennen verschiedene Narrative aus: Dominierend sei das Narrativ einer Unterbrechung der internationalen Verbindungen von Jugendbewegungen zwischen 1933 und 1945 gewesen, obwohl auch das NS-Regime die bestehenden internationalen Strukturen, Wege und Verfahren des Jugendaustausches weiterhin pflegte. Für die einen endete die Jugendbewegung als solche bereits im Jahre 1933, für die anderen nahm sie ihren Abschluss mit dem Ende des Nationalsozialismus 1945, während das europäische Ausland sowie die Freie Deutsche Jugend eine Kontinuität der Jugendbewegung über 1933 und 1945 hinweg betonten.

„Andere Blicke zurück“ warfen ULRIKE PILARCZYK (Braunschweig) und KNUT BERGBAUER (Köln): Fotografien und private Fotoalben der jüdischen Jugendbewegung unterzogen sie einer aufschlussreichen Analyse zwischen historischer Darstellung und Selbstwahrnehmung. Bei allen Gemeinsamkeiten mit der „deutschen“ Jugendbewegung hatte die jüdische Jugendbewegung – spätestens ab 1913 und den ersten antisemitischen Aus- und Abgrenzungen innerhalb der Jugendbewegung – ein eigenes Referenzsystem. Diese Form der Auseinandersetzung mit der eigenen jugendlich-jüdischen Identität und Kultur schlug sich in Selbstbildern nieder, die trotz der Shoah zahlreich überliefert sind. Sie zeugen von sich wandelnden visuellen Zuschreibungen und der Umformung von einer jugendbewegten hin zu einer zionistischen Gemeinschaft. Sie offenbaren zugleich die Bedeutung von Fotografien als Erinnerungsort und Vergemeinschaftungspraxis dieser spätestens in den 1930er-Jahren im Deutschen Reich zunehmend verfolgten und isolierten Gruppe. Das Leo-Baeck-Institut in Jerusalem und New York wurde nach 1945 zum wissenschaftlichen Zentrum für die jugendbewegte deutschjüdische Geschichte.

In der Sektion „Belastung und (Selbst-)Historisierung“ wurden neben der biographischen Analyse dreier Personen – Theodor Schieder (1908–1984), Werner Conze (1910–1986) und Otto Bernhardi (1900–1978) – auch generationelle und gruppenspezifische Formen von „Vergangenheitsbewältigung“ erörtert.

CHRISTOPH NONN (Düsseldorf) untersuchte die Selbsthistorisierung Theodor Schieders, der als ehemaliges Mitglied der Akademischen Gildenschaft zwar jugendbewegt war, in der Bundesrepublik zu den alten wie auch neuen Gruppen und Bünden jedoch eine kritische Haltung einnahm. So löste er seine ideellen Bindungen zur Jugendbewegung, zugleich erleichterte ihm in der Alltagspraxis das breite Netz an Kontakten aus der Jugendbewegung den beruflichen Wiedereinstieg. Hilfreich war hier überdies seine dezidierte politische Westorientierung, die als klarer Bruch zur bis 1945 festzustellenden „Nationalsozialisierung“ – trotz anfänglicher Skepsis gegenüber dem Nationalsozialismus und insbesondere dessen antisemitischer Ausrichtung – zu verstehen sei. Die „politischen Häutungen“ Schieders, so Nonn, seien das Ergebnis von Anpassungsprozessen. Sie zeigen, dass sich Schieder der akzeptierten Möglichkeiten und Grenzen des politischen Diskurses der Nachkriegszeit äußerst bewusst war.

Auch Werner Conzes Biografie bot die Möglichkeit, sich differenziert mit jugendbewegten Vergangenheiten und Selbstverortungen auseinanderzusetzen. WOLFGANG SCHIEDER (Göttingen) widmete sich dessen stillschweigenden Lernprozessen nach 1945. Wie Theodor Schieder war auch Werner Conze Mitglied der Gildenschaft. Politisch ließ er, eingedenk aller Unschärfen des Begriffs, eine Nähe zur völkischen Ideologie erkennen. Zwar stand Conze der nationalsozialistischen Parteiorganisation skeptisch gegenüber, unterstützte aber die freiwillige Gleichschaltung der Gildenschaft mit dem nationalsozialistischen System und trat 1937 der NSDAP bei. Für Conze ließen sich, so Schieder, diverse Identifikationsbausteine ausmachen, zu denen der Protestantismus und Puritanismus ebenso gehörte wie das Militärische; die Jugendbewegung bildete hier nur ein Erklärungsmuster unter anderen.

Das Politische bildete auch einen wesentlichen Bezugspunkt weiterer jugendbewegter Akteure des 20. Jahrhunderts, allerdings in seiner inhaltlichen Ausformung nicht immer derart ungreifbar. So ist anzunehmen, dass die erfrischend klare politische Positionierung von Otto Bernhardi, der durch MALTE LORENZENs (Bielefeld) Beitrag eine konkrete biographische Kontur annahm, gerade damit zusammenhing, dass ein ideeller biographischer Zusammenhang mit weniger Aufwand hergestellt werden konnte als bei Werner Conze oder Theodor Schieder: Bernhardi war als junger Mann Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend und blieb zeitlebens der Sozialdemokratischen Partei verbunden. Er war schon in den 1920er-Jahren Burgwart auf der Jugendburg Ludwigstein, im Zweiten Weltkrieg eingesetzt in einem Strafbataillon und engagierte sich auch nach 1945 auf der Burg Ludwigstein. Dort stießen seine vehementen Angriffe gegen die andauernde Präsenz rechtsoppositioneller Gruppen bis in die 1960er-Jahre hinein und sein Eintreten für eine sichtbare Ehrung des jugendbewegten und nichtjugendbewegten Widerstandes gegen den Nationalsozialismus auf heftige Kritik.

GÜNTER BEHRMANN (Potsdam) wechselte in seinem Vortrag auf eine sozialwissenschaftliche Metaebene, um sich anhand der Stichworte „bekennen“, „erklären“, „deuten“ und „beschweigen“ mit den verschiedenen jugendbewegten Generationen und ihrem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu beschäftigen. Den Ausgangspunkt lieferte die nachgerade klassische These Hermann Lübbes, dem zufolge eine „Verdrängung“ der Vergangenheit sowie ihr „Beschweigen“ im (westlichen) Nachkriegsdeutschland als sozialpsychologisch und politisch funktional eingeordnet werden müsse, weil sie der massenhaften Gefolgschaft der Nationalsozialisten ermöglicht habe, in der entstehenden Bundesrepublik eine demokratieaffine neue bürgerliche Identität auszubilden. Wie sich Teilnehmer/innen der Jugendbewegung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzten, sei keineswegs von solcherart allgemeinen gesellschaftlichen Deutungen abzukoppeln. Vielmehr finden sich gerade hier generationsspezifische Stile der Aufarbeitung der Vergangenheit, so Behrmann.

Mit dem Freideutschen Kreis stellte JÜRGEN REULECKE (Essen) eine solche generationell geformte Gruppe vor, deren erste Zusammenkunft im Jahre 1947 noch durch ein dringliches Bedürfnis gegenseitiger Beichten über die eigene Verflechtung in den Nationalsozialismus und die explizite Formulierung von Schuld geprägt gewesen sei. Nachfolgend trat dieser Anspruch jedoch zusehends in den Hintergrund und tagesaktuellere Fragen rückten in den Vordergrund, etwa nach der Institutionalisierung des Kreises oder der Positionierung zu aktuellen politischen Themen. Als Hort der Selbstvergewisserung ehemals Jugendbewegter wurde schließlich jahrzehntelang das Narrativ eines „Hineinschlitterns“ in den Nationalsozialismus bemüht, das erst in den 1990er-Jahren einer selbstkritischeren Sicht wich. Bei einem emotional bewegenden Abschlusskonvent im Jahre 2000 nahm der Freideutsche Kreis schließlich Abschied von seinem (jugend)bewegten Jahrhundert – und löste sich auf. Reulecke stellte die Frage nach einem „richtigen Erkennen“ des Problems der Schuld, aber auch psychologischen Folgewirkungen des Unvermögens einer transparenten Aufarbeitung und kritischen Selbsthistorisierung in den Fokus.

Die neue Sektion der Archivtagung „Aus der akademischen Werkstatt“ bot Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte zur Jugendbewegung von Nachwuchswissenschaftler/innen.

FRANZISKA MEIER (Heidelberg) präsentierte einen neuen, äußerst fruchtbaren Zugang zu einer Geschichte der Jugendbewegung: die Soundhistory. Dabei richtete sie ihren Blick auf die Entwicklung von Geschichtsbildern in der bündischen Musik nach 1945. Sie fragte nach den Entstehungsprozessen von auch heute noch genutzten Liederbüchern, insbesondere den Entscheidungen, die für oder gegen spezifische Lieder getroffen wurden. Dabei zeigte sich vielfach, dass es gerade Widerstandslieder waren, die besonders bekannt und häufig rezipiert wurden. Dies lasse sich durchaus als eine Folge der unreflektierten Selbsthistorisierung der Jugendbewegung im Allgemeinen begreifen, die zu einer Identifikation im Sinne einer Opfer- bzw. oppositionellen Rolle bündischer Gruppierungen während des Nationalsozialismus geführt habe, wie sie sich auch an anderen Beispielen zeigte.

So charakterisierte MAX ZETERBERG (Berlin) die fehlende „Vergangenheitsbewältigung“ innerhalb der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD) und des Verbands Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) in Berlin als Gedenken ohne Aufarbeitung und als Abgrenzung ohne Auseinandersetzung. Er arbeitete zwei wesentliche Phasen heraus: eine erste Phase des Wiederaufbaus und der Stabilisierung bis in die 1960er-Jahre, die im Zuge der Studentenbewegung erste terminologische Abgrenzungen zur NS-Zeit mit sich brachte, etwa durch den Austausch von Begriffen wie „Stammesführer“ durch „Leitungsteam“. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit personellen und ideellen Kontinuitäten über 1945 hinweg setzte jedoch erst in einer zweiten Phase, in den 1980er-Jahren, ein, als sich einige Gruppen auf jugendbewegt-bündische Traditionen rückbesannen und nach den Wurzeln der Jugendbewegung fragten. Gleichwohl entwickelten sich auch hier Narrative der Verfolgung und des Widerstandes, die eine differenzierte Auseinandersetzung weiterhin erschwerten.

Zum 100-jährigen Jubiläum des Ersten Freideutschen Treffens auf dem Hohen Meißner wurde auf dem Gelände der Burg Ludwigstein der Enno-Narten-Bau errichtet. Umso mehr überrascht es, dass eine Biographie des Namensgebers dieses Baus und zugleich Gründers der Jugendburg Ludwigstein als Erinnerungsort des Wandervogels in den 1920er-Jahren noch aussteht. STEFANIE WILKE (Kassel) hat sich Enno Narten (1889–1973) nunmehr in ihrer Dissertationsschrift angenommen und bot erste Einblicke in ihre biographischen Erkundungen. Wie bei anderen Figuren der Jugendbewegung offenbarte sich auch bei Narten eine gewisse Vagheit in der politischen Positionierung, die gesellschaftlich, aber auch in Jugendbewegungskreisen akzeptiert war. Narten war es zudem, der auf dem Ludwigstein eine Kontinuität über den Nationalsozialismus hinweg vorantrieb und die „alte Garde“ reaktivierte. So sei seine biographische Entwicklung kaum zu verstehen ohne diejenige der Burg Ludwigstein, was eine verflechtungshistorische Vorgehensweise unumgänglich mache.

Ebenfalls stand das eng mit der Jugendbewegung verwobene lebensreformerische Milieu im Interesse der Tagung. So präsentierte MICHAEL KUBACKI (Marburg) den widersprüchlichen Prozess der Selbsthistorisierung des Freundeskreises der Artamanen. Sahen die Artamanen der Zwischenkriegszeit ihre Bestimmung in einem völkischen Erneuerungsgedanken, der sich etwa in Siedlungen an den Grenzen des Deutschen Reiches manifestierte, so schlug der 1965 gegründete Freundeskreis der Artamanen eine andere Richtung ein: Er verstand sich bis zu seiner Auflösung 2001 als loser, ideeller Zusammenschluss ohne praktische Ziele. Im Mitteilungsblatt „Artam“ zeigte sich mit Blick auf die ursprüngliche Artamanenbewegung eine eigenwillige Mischung aus Geschichtsklitterung und -verleugnung, ausgehend von der Selbsteinschätzung, dass die öffentliche Darstellung der ursprünglichen Artamanenbewegung grob entstellt sei. Die Tätigkeiten des Freundeskreises galten so gezielt der Korrektur dieser vermeintlich falschen Sicht. Das selbstkritische Potential offenbarte sich als nur gering ausgeprägt, der vor wenigen Jahren an das AdJb übergebene Bestand des Freundeskreises der Artamanen ermöglicht jedoch einen vertiefenden Forscherblick.

In der Sektion „Biographische Annäherungen“ wurden zuletzt zwei im Jugendbewegungskontext nur selten genannte Personen beleuchtet: der Pädagoge Kurt Grube (1903–1936) und der Staatsrechtler Ernst Rudolf Huber (1903–1990).

REINHARD MEHRING (Heidelberg) nahm eine dezidiert bildungsphilosophisch-wissenschaftshistorische Perspektive ein und verband in seinem Beitrag die biographischen Konstruktionen des Pädagogen und Philosophen Kurt Grube mit dessen Arbeiten zur Charakterologie der deutschen Jugendbewegung und zur „rein menschlichen“ Bildung. Der Lebensweg Grubes sei in seinen Etappen weniger stringent als manch anderer, seine Professionen umfassten, wie sein Lehrer Emil Utiz es in einem Nachruf pointiert zusammenfasste, den „Zeitungsverkäufer, Dachdecker, Hochschullehrer“. Grube vertrat in seinem nur kurzen (akademischen) Leben einen neuhumanistischen Anspruch, der sich in weiteren Studien zur Säkularisierung des Bildungsbegriffs im Übergang vom Pietismus zum Neuhumanismus sowie einer Humboldt-Monographie als philosophischem Vermächtnis niederschlug. Über Grube ließ sich die bereits frühzeitig entstandene, enge Allianz zwischen Jugendbewegung und Pädagogik nachzeichnen.

EWALD GROTHE (Gummersbach) setzte sich mit Ernst Rudolf Huber und dessen „mißliche[m] Geschäft der Selbstspiegelung“ auseinander. Huber, der mit einem mehrbändigen Werk zur Deutschen Verfassungsgeschichte nach 1945 bekannt geworden ist, galt bereits im Nationalsozialismus als führender Staatsrechtler. Aus dessen autobiographischer Retrospektive ließ sich eine ideelle Zugehörigkeit zur sogenannten Kriegsjugendgeneration herauslesen, deren Aufwachsen von Unsicherheiten, inneren Kämpfen und Krisen, Kriegen und Not der Nachkriegsjahre geprägt war. Huber war seit 1913 jugendbewegt, in den 1920er-Jahren als Führer im Nerother Wandervogel, eines in seinen Alltagspraktiken durchaus innovativen Zweiges der Jugendbewegung. Nach 1945 engagierte er sich im Freideutschen Kreis, der sich die Erneuerung des freideutschen Gedankens auf die Fahnen geschrieben hatte, aber zugleich als zentrale konservative Aufgabe die Wiederaufrichtung von „Volk“ und „Nation“ sowie das Ende der Besatzungszeit sah. Der eigentliche Beitrag der jugendbewegten Vergangenheit Hubers ließ sich aus einem Konglomerat verschiedenster Wertvorstellungen ziehen, die über ein spezifisches Selbstbewusstsein den Grundstock legten für eine erfolgreiche akademische Karriere nach 1945.

Als verbindendes Element wirkte in der Zusammenschau verschiedenster Personen und Gruppen eine häufig vorgenommene, jugendbewegte Verortung, die auch Jahrzehnte später noch in einer spezifischen Haltung sowie Wert- und Normvorstellungen und konkreten sozialen Netzwerken sichtbar wurde. Es zeigte sich zugleich eine hohe Anpassungsfähigkeit gerade bei jenen Jugendbewegten, deren (Berufs-)Biographie über verschiedene politische Systeme von der Weimarer Zeit über den Nationalsozialismus bis zur Bundesrepublik reichte. Die Herausarbeitung von Kontinuitäten und Diskontinuitäten personeller, gruppenspezifischer und ideeller Art zeigte sich im Verlauf der Tagung als tragendes Element der Forschungszugänge, denen es in der Zukunft weiter nachzugehen gilt.

Konferenzübersicht:

Susanne Rappe-Weber (Witzenhausen) / Eckart Conze (Marburg): Begrüßung

Eckart Conze (Marburg): Die deutsche Jugendbewegung. Historisierung und Selbsthistorisierung nach 1945 (Abendvortrag)

Panel 1: Kontinuität und Diskontinuität

Torsten Mergen (Saarbrücken): Selbstinszenierung und lyrische Geschichtsdeutung. Karl Christian Müller und die ‚Trucht‘ in der Nachkriegszeit

Kristian Mennen (Berlin): Die Kontinuität von „Europa“ und „europäischer Jugend“ in der Jugendbewegung

Knut Bergbauer (Köln) / Ulrike Pilarczyk (Braunschweig): Andere Blicke zurück. Jüdische Jugendbewegung zwischen historischer Darstellung und Selbstwahrnehmung

Panel 2: Belastung und (Selbst-)Historisierung

Christoph Nonn (Düsseldorf): Selbsthistorisierung und Distanzierung. Theodor Schieders konservative Kritik an der Jugendbewegung nach 1945

Malte Lorenzen (Bielefeld): Otto Bernhardis vergangenheitspolitische Interventionen auf Burg Ludwigstein

Wolfgang Schieder (Göttingen): Stillschweigende Lernprozesse. Werner Conze nach 1945

Günter Behrmann (Potsdam): Bekennen – erklären – deuten – beschweigen. Jugendbewegte Generationen und ihr Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit

Jürgen Reulecke (Essen): Wie gelingt „ein richtiges Erkennen des Problems der Schuld“? Selbsthistorisierungen im Freideutschen Kreis in den späten 1940er-Jahren

Panel 3: Aus der akademischen Werkstatt

Franziska Meier (Heidelberg): Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Lied. Die Entwicklung des Geschichtsbildes in der bündischen Musik nach 1945

Stefanie Wilke (Kassel): Der Ludwigstein und Enno Narten. Eine Geschichte romantisierter Ereignisse

Max Zeterberg (Berlin): Gedenken ohne Aufarbeitung und Abgrenzung ohne Auseinandersetzung. Die (fehlende) Vergangenheitsbewältigung der evangelischen Pfadfinder in Berlin nach 1945

Michael Kubacki (Marburg): Im Widerspruch mit sich selbst. Geschichtsbild und Selbsthistorisierung im Freundeskreis der Artamanen

Panel 4: Biographische Annäherungen

Reinhard Mehring (Heidelberg): Von der Charakterologie der Jugendbewegung zur „rein menschlichen“ Bildung. Der vergessene Bildungshistoriker Kurt Grube (1903-1938)

Ewald Grothe (Gummersbach): „Das mißliche Geschäft der Selbstbespiegelung“. Ernst Rudolf Huber (1903-1990) und die deutsche Jugendbewegung

Abschluss

Anmerkungen:
[1] Eckart Conze / Susanne Rappe-Weber (Hrsg.), Ludwigstein – Annäherungen an die Geschichte der Burg, Jahrbuch Jugendbewegung und Jugendkulturen Bd. 11, Göttingen 2015.
[2] Howard Becker, German Youth. Bond or Free, New York 1946; Harry Pross, Jugend, Eros, Politik. Die Geschichte der deutschen Jugendbewegung, Bern 1964; Christian Niemeyer, Die dunklen Seiten der Jugendbewegung. Vom Wandervogel zur Hitlerjugend, Tübingen 2013.
[3] Vgl. Werner Kindt (Hrsg.), Dokumentation der Jugendbewegung, 3 Bände, Düsseldorf 1963-1974.
[4] Siehe neuere Arbeiten wie beispielsweise: Rüdiger Ahrens, Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918-1933, Göttingen 2015.

Zitation
Tagungsbericht: Die deutsche Jugendbewegung. Historisierung und Selbsthistorisierung nach 1945, 27.10.2017 – 29.10.2017 Witzenhausen, in: H-Soz-Kult, 21.03.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7623>.
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Veröffentlicht am
21.03.2018
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