Der Tod eines Staates. Der Untergang der Republik Venedig 1797 im Spiegel der europäischen Presseberichterstattung

Ort
Venedig
Veranstalter
Deutsches Studienzentrum in Venedig; Dietrich Erben, Technische Universität München; Arne Karsten, Bergische Universität Wuppertal
Datum
12.10.2017 - 15.10.2017
Von
Michael Schwedt, Universität Wuppertal

Zur Diskussion ihrer Forschungsergebnisse traf sich eine aus dem Studienkurs 2016 des Deutschen Studienzentrums in Venedig unter Leitung von DIETRICH ERBEN (Technische Universität München) und ARNE KARSTEN (Bergische Universität Wuppertal) hervorgegangene Nachwuchsforschergruppe. Der Studienkurs unter dem Titel „Krieg, Gesellschaft und Kunst in Venedig“ hatte sich unter anderem mit der Wahrnehmung des Untergangs der Serenissima durch die europäischen Zeitungen der Londoner Times sowie der Preßburger Zeitung und Wiener Zeitung beschäftigt. Hieraus erwuchs das gemeinsame Projekt „Tod eines Staates. Der Untergang der Republik Venedig 1797 im Spiegel der europäischen Presseberichterstattung“, in dem von einigen der hieran interessierten Teilnehmer/innen ausgewählte Zeitungen der wichtigsten europäischen Metropolen 1797 weiter in den Blick genommen wurden. Die Teilnehmer/innen beschäftigten sich mit der Wiener Zeitung und Preßburger Zeitung, der Vossischen Zeitung, dem Münchner Intelligenzblatt und der Kurfürstlich gnädigst privilegierten Münchner Zeitung, der Londoner Times, dem Mercure de France sowie visuellen Darstellungen zum Untergang der Serenissima. Deutlich zu Tage trat dabei die zentrale Rolle der Presse nicht nur als berichterstattendes Medium, sondern auch und gerade als politisches Instrument. Dessen Wirksamkeit im Einzelnen in den Blick zu nehmen, war nur einer von vielen Erträgen dieses Nachwuchsforscherworkshops.

Im Zuge dieser Vortragsreihe arbeitete MICHAEL SCHWEDT (Bergische Universität Wuppertal) zu Beginn heraus, inwiefern anhand der Berichterstattung der London Times beim Untergang der Republik Venedig vom zwangsläufigen Ende eines morschen Staatsystems gesprochen werden kann und wie hierbei das Vorgehen der französischen Italienarmee um Napoleon Bonaparte gedeutet wird. Es ließ sich feststellen, dass die Republik Venedig von den zeitgenössischen britischen Beobachtern als englischen Traditionen zutiefst wesensverwandter „Hort der Freiheit“ betrachtet wurde. In Hinblick auf die Darstellung, Deutung und mithin propagandistische Instrumentalisierung der Ereignisse auf der Terra Ferma zeigte sich, dass vor allem das gewaltsame, von Plünderungen begleitete Vordringen der französischen Truppen auf venezianischen Staatsboden die Berichte dominiert und dort als völkerrechtswidriger Gewaltakt gedeutet wird. Trotz offener Kritik an der neutralen Haltung der venezianischen Regierung gegenüber Napoleon, die mit teils starken Appellen zum Widerstand einhergehen, ist angesichts von Berichten über eine massive Aufrüstung Venedigs festzustellen, dass ihr politisch-militärisches Potenzial sowie ihre Lebensfähigkeit von der Times nicht in Zweifel gezogen werden. In diesem Kontext untermauert auch der verzweifelte Widerstand der venezianischen Bevölkerung gegen die napoleonischen Streitkräfte diese Deutung der Ereignisse. Der Beitrag arbeitete weiter heraus, dass die Serenissima weder an der „Krankheit des Alters“ kollabiert war noch ihr Untergang vom venezianischen Volk mit Jubel begrüßt wurde. Die passiv-neutrale Haltung des venezianischen Senats hatte Napoleon die Handlungsspielräume eröffnet, die Republik Venedig zu zerschlagen und als Territorialressource für den Friedensschluss von Campoformido mit Österreich einzusetzen. Dass dabei maßgeblich die Ereignisse der Jahre 1796/97 für den Untergang der Serenissima als verantwortlich gesehen wurden und nicht der vermeintliche Niedergang Venedigs im 18. Jahrhundert, wird in der Berichterstattung der Times anschaulich greifbar.

LUISE MARIE WILLER (École du Louvre / Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) konnte in ihrem Beitrag zeigen, dass das im zweiwöchentlichen Rhythmus veröffentliche Literaturjournal Mercure de France in seiner politischen Berichterstattung zur Lage in Venedig auf vielseitige Quellen zurückgriff. Es publizierte die adresses, die offizielle Berichterstattung Napoleon Bonapartes an das Direktorium in Paris, sowie persönlich signierte Kommentare der Redakteure zur politischen Lage, aber auch Venedig-Berichte unabhängiger lokaler Quellen. Die Analyse dieser Berichterstattung lässt drei zentrale Thesen zu. Zunächst kann die Charakterisierung der „Oligarchen“, verstanden als die Angehörigen der kleinen patrizischen Führungsschicht Venedigs, die den Zugang zu den politischen Ämtern monopolisierten, als ein erster zentraler Diskurs konstatiert werden. Hier ist die häufige Attribution mehrerer Eigenschaften auffällig: Sie werden als „falsch“, „hinterlistig“ und „heimtückisch“ beschrieben. Das venezianische Staatssystem wird als undemokratisch kritisiert und die venezianische Regierung für nicht vertrauenswürdig befunden. Neben der negativen Darstellung der Stadtbewohner Venedigs ist deren deutliche Differenzierung von der Landbevölkerung der Terra Ferma festzustellen. Es wird betont, dass die Anhänger der oligarchischen Republik sich ausschließlich in der Stadt Venedig befinden. Dabei wird die Rückständigkeit dieser machtlosen und aufgrund innerlich längst ausgehöhlter Traditionen noch bestehende Regierung unterstrichen. Als zweites zentrales Narrativ wird die Befreiung der Terra Ferma von der Schreckensherrschaft konstruiert. Die Anerkennung der Stadt Venedig als „Feind“ lebt von deren Gegenüberstellung zur Terra Ferma, explizit von den Anschuldigungen der an der Landbevölkerung begangenen Verbrechen einer korrupten Regierung. Die dritte generelle Diskussion entwickelt sich um die Verantwortung der Republik Frankreich, der freien Nation, die Revolution und die damit verbundene Befreiung in Venedig, Italien und ganz Europa einzuleiten. Die Rolle des Erlösers wird deutlich propagiert als Pflichtaufgabe der fortschrittlichen Nation.

Der Vortrag von MARION DOTTER (Universität Wien) versuchte, die österreichische Perspektive auf die politischen, militärischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Venedig zwischen März und Juni 1797 nachvollziehbar zu machen. Die Analyse drei repräsentativer Stimmen der Habsburgischen Presse- und Politiklandschaft – der Wiener Zeitung, der Preßburger Zeitung und schließlich der Gesandtschaftsberichte des letzten kaiserlichen Botschafters in Venedig, Karl von Humburg – sollten die Vielschichtigkeit und Diversität der in der Donaumonarchie vertretenen Meinungen über die Darstellungsweisen der Ereignisse, die als Fortsetzung zu der Französischen Revolution aufgefasst wurden, verdeutlichen. Mit der sehr unterschiedlichen Schilderung der Fakten verfolgten die Quellen jeweils eigene Ziele, die weit über reine Informationsverbreitung hinausgingen. Der Beitrag konzentrierte sich demnach auf die Art der Berichterstattung und ihre meinungsbildende Wirkung, die von kaisertreu bis revolutionsfreundlich reichte, rückte dabei aber vor allem zentrale Begriffe und deren innersemantische Definition in den Mittelpunkt des Interesses.

LINUS RAPP (Universität der Künste Essen / HfG-Archiv Ulm / Hochschule Pforzheim) zeigte danach, dass sich der Leser bei einem Blick in die Kurfürstlich gnädigst privilegirten Münchner Zeitung des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass im Kurfürstentum Bayern der Fall der Republik Venedig keine überwältigenden Emotionen hervorgerufen hat. Vorhersehbarkeit und Ereignislosigkeit charakterisieren das Ende der Republik, lakonische Teilnahmslosigkeit hingegen die zeitgenössische Rezeption davon. Dieser Befund motiviert zu der These, dass zum ausgehenden 18. Jahrhundert bereits eine Wahrnehmung der Stadt existierte, die ohne die politische Dimension auskam und sich allein mit dem kulturellen Venedig verband. Diese Trennung in der Wahrnehmung in ein „politisches“ und ein „kulturelles“ Venedig ergab ein Dahinscheiden des republikanischen Venedigs, für welches sich ein Bedauern erübrigt hatte.

SABRINA HERRMANN (Technische Universität Berlin) zog für die Betrachtung der Berichterstattung im preußischen Raum die Vossische Zeitung heran. Als älteste Zeitung Berlins, die bereits seit dem Jahre 1617 dokumentiert ist, erschien sie von 1785 bis 1911 unter dem Titel: Königlich privilegierte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen im Verlage der Vossischen Buchhandlung. Bei der Besprechung der Ergebnisse wurde vor allem deutlich, dass immer wieder große Ähnlichkeiten zu den Berichten in der englischen Times auftreten, auch wenn die Stellungnahme zu den geschilderten Ereignissen in der Vossischen Zeitung weniger eindeutig ausfallen. Diese Verbindungen geben Anlass zu der Vermutung, dass möglicherweise der gleiche Informant über die Geschehnisse in Venedig berichtete. Es wird weiterhin interessant sein, die Weiterverarbeitung der Informationen in den beiden Zeitungen gemäß den jeweiligen Interessen auf Übereinstimmungen und Unterschiede zu untersuchen.

JOHANNA ZIEBRITZKI (Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe) nahm schließlich bildliche Quellen über das Ende der Republik Venedig in den Blick. Visuelle Darstellungen der Ereignisse, die 1797 der staatlichen Unabhängigkeit Venedigs ein Ende setzten, sollten anhand von Fallbeispielen die unterschiedlichen Interessen aufzeigen, die hinter der Anfertigung und Verbreitung der Darstellungen standen. Dafür wurden österreichische Hofmalerei, venezianische und französische Druckgraphiken und aus späterer Zeit eine Reflexion über die Gründe für den Untergang der Kunsttheoretikerin Violet Paget untersucht. Neben den Interessen der Hersteller wurde die vom Medium gegebene Handlungskraft der unterschiedlichen Dokumente hervorgehoben. Diese Fallbeispiele, die sich direkt auf die Darstellung des Untergangsjahres bezogen, ergaben eine neue Fragestellung für eine breiter angelegte Untersuchung visueller Darstellungen: Ob Venedig, beginnend mit dem Verlust der tatsächlichen Handelsmacht ab dem 16. Jahrhundert, aufgrund des vielschichtigen kulturellen Einflusses der Handelspartner aus dem Mittelmeerraum mit ähnlichen Attributen versehen wurde wie der „Orient“.

In einer abschließenden Sitzung wurden die zentralen Ergebnisse noch einmal besprochen und mit Blick auf weitere Perspektiven zusammengefasst: Dabei trat noch einmal das Spannungsverhältnis zwischen medialer Berichterstattung einerseits sowie der propagandistischen Instrumentalisierung des Medieneinsatzes als Charakteristikum des „Falls Venedig“ andererseits deutlich zu Tage.

Konferenzübersicht:

Grußworte
Marita Liebermann (Deutsches Studienzentrum in Venedig)

Einführung
Arne Karsten (Bergische Universität Wuppertal)

Vorträge: Tod eines Staates. Der Untergang der Republik Venedig 1797

Michael Schwedt (Bergische Universität Wuppertal): Der Untergang der Serenissima im Spiegel der Londoner „Times“

Luise Marie Willer (École du Louvre / Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg): Der Blick Frankreichs auf den Untergang der Republik Venedig

Marion Dotter (Universität Wien): Der Untergang Venedigs im Spiegel der habsburgischen Presse am Beispiel von Wiener und Preßburger Zeitung sowie den Gesandtschaftsberichten

Linus Rapp (Universität der Künste Essen / HfG-Archiv Ulm / Hochschule Pforzheim): „Venedig trägt nun nichts mehr als den Namen“ – Zur Rezeption des Untergangs von Venedig in der Bayerischen Presse

Sabrina Herrmann (Technische Universität Berlin): Der Untergang der Republik Venedig in der Berichterstattung der Vossischen Zeitung

Johanna Ziebritzki (Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe): Visuelle Darstellungen des Untergangs der Serenissima

Abschlussdiskussion
Moderation: Dietrich Erben (Technische Universität München) / Arne Karsten (Bergische Universität Wuppertal)

Schlussüberlegungen und Ausblick
Dietrich Erben (Technische Universität München)

Zitation
Tagungsbericht: Der Tod eines Staates. Der Untergang der Republik Venedig 1797 im Spiegel der europäischen Presseberichterstattung, 12.10.2017 – 15.10.2017 Venedig, in: H-Soz-Kult, 05.04.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7637>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.04.2018
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