Historische Dimensionen von Geschlecht

Ort
Hamburg
Veranstalter
AG Angewandte Geschichte / Public History, Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
14.10.2017
Von
Hendrik Heetlage / Benet Lehmann, Universität Hamburg

Auf dem 5. Workshop der Studierenden und Young Professionals in der AG Angewandte Geschichte / Public History im VHD widmeten sich die Referent/innen dem Workshopthema „Historische Dimensionen von Geschlecht“ auf differenzierte und vielfältige Weise. Aufgeteilt wurde der Workshop in drei Panels mit jeweils anschließender Diskussion und einer Abschlussdiskussion.

Den Anfang machte HENDRIK ALTHOFF (Universität Hamburg). In seinem Vortrag "Frauen bei der Straßenbahn? ‚In Städten wie Hamburg nicht verwendbar.‘ Die kurze Ära der Schaffnerinnen und das Märchen vom Ersten Weltkrieg als Emanzipationsmotor" dekonstruierte Althoff das Narrativ vom Ersten Weltkrieg als Motor der Frauenemanzipation. Obwohl Schaffnerinnen und Zugführerinnen bis Kriegsende fast eigenständig den Betrieb übernahmen, wurde ihre Leistung öffentlich weder wahrgenommen noch anerkannt. Indem sie auf dem Arbeitsmarkt scheinbar natürliche Geschlechtergrenzen übertraten, provozierten sie fast ausschließlich Missgunst und Abschätzigkeit. Zeitgenössische Darstellungen prägten das Bild dieser Frauen als unliebsame und unzureichende Übergangslösung, verbunden mit dem Drang, die Frauen nach dem Krieg wieder aus dem Berufsleben und zurück in herkömmliche Geschlechterrollen zu drängen.

Das zweite Thema lautete "'Weiße Kulturträgerinnen'. Konstruktion von ‚Rasse' und Geschlecht in der deutschen Kolonie Südwestafrika" und wurde vorgetragen von LEVKE REHDERS (Georg-August-Universität Göttingen). In ihrem Vortrag zu Frauen in der damaligen deutschen Kolonie Südwestafrika ging sie Fragen nach der Funktion von (weißen) Frauen in den deutschen Kolonien nach, klärte aber z. B. auch über Frauenverbände und Trägervereine auf, die Frauen mit bestimmten Vorstellungen in die Kolonien schickten. Dabei verdeutlichte Rehders, dass Geschlecht auch in Beziehung zur Kategorie race gesehen werden müsse. Unter Verwendung von postkolonialen Theoriezugängen betrachtete sie die Konstruktion von Geschlecht und (weißer) Identität vor dem Hintergrund bestimmter Herrschaftsverhältnisse in Kolonien.

Das zweite Panel startete mit einem Vortrag von PHILIPP KRÖGER (Universität Augsburg). Grundlegend war dabei die Feststellung, dass die Konstruktion des Nationalen, des Körperlichen sowie des Geschlechtlichen zusammen gedacht und erforscht werden sollten. In den Mittelpunkt seines Vortrages mit dem Titel: „Von Volkskörpern und Frauenkörpern. Zur Operationalisierung körper- und geschlechtergeschichtlicher Theoreme für die Nationalismusforschung“ stellte Kröger das Ideologem des „Volkskörpers". Zum einen waren solche organizistischen Vorstellungen verantwortlich für die Zurichtung des Frauenkörpers als „Reproduktionsmaschine des Volkes“. Zum anderen spiegelte sich in den zumeist männlichen Vorstellungen des Volkskörpers jener männliche Blick auf den Frauenkörper. So ließe sich etwa die häufig beschworene Angst vor dem „Eindringen“ Fremder in die Gemeinschaft besser erklären, wenn auch die geschlechtliche Dimension nationaler Imaginationen in den Blick genommen würde.

Nachfolgend referierte GABRIELE HACKL (Universität Wien) über "Frauen und Männer vor dem Sondergericht Wien. Politische Strafjustiz in Österreich 1939-1945". In ihrem Vortrag wies sie anhand einiger Auszüge aus Prozessakten auf die Bedeutung der Kategorie „Geschlecht" im kriminologischen Diskurs und in den Argumentationsstrategien der Juristen und Angeklagten am Sondergericht Wien hin. Zugleich machte sie auf die Problematik aufmerksam, sich Gerichtsakten auf geschlechterwissenschaftlicher Weise zu nähern und stellte Fragen nach deren Nutzbarmachung. So betonte Hackl die Möglichkeiten einer Analyse von Handlungsspielräumen und performativen Akten, wies jedoch auch auf Probleme einer Definition von Differenzkategorien hin und diskutierte diese in ihrem Vortrag.

Nach der gemeinsamen Mittagspause begann das dritte Panel mit MERLE INGENFELD (Universität zu Köln) und ihrem Vortrag "Sexuelle (Re-) Orientierung in historischer Perspektive – ein Annäherungsversuch an eine schwer (be-)greifbare Neigungskategorie". Darin setzte sich Ingenfeld mit historischen Kategorien von Sexualität auseinander. Sie stellte bekannte Sexualforscher des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und ihre Theorien vor und zeigte, wie sich im Laufe der Zeit Konzepte von Sexualität und die mit ihnen assoziierten Zuschreibung von Geschlechterrollenverhalten veränderten. Anschließend stellte sie die Frage, wie sich zeitgemäß und sinnvoll mit den zeitgenössischen, sich immer wieder verschiebenden und zum Teil abwertend konnotierten Sexualitäts- und Geschlechterkategorien umgehen lässt. Anhand medizinischer und sexualwissenschaftlicher Texte aus der Zeit von ca. 1890–1973 erläuterte Ingenfeld die Unschärfe der Neigungskategorie sexueller Orientierung und stellte dabei Selbstwahrnehmung als möglichen Zugang zur Diskussion.

Den Abschluss machte CHRISTINA SACHS (Europa-Universität Flensburg) mit einem Vortrag zu "Doing Gender auf der Burg. Performative Geschichtspraktiken in der Mittelalterszene", den sie mit einem Screenshot einleitete. Dieser zeigte den Ausschnitt aus einer Diskussion auf Facebook in der Gruppe Freunde des Mittelalters. Die Diskussion drehte sich um Frauen in der Mittelalterszene, die sich auf einer Veranstaltung mit Waffen beziehungsweise als weibliche Ritter inszenierten. Anhand der Diskussion zeigte Sachs exemplarisch, dass die Kategorie gender mitberücksichtigt werden muss, wenn man die anhaltende Mittelalterbegeisterung in Deutschland erklären möchte. Welche Rolle die Aushandlung von gender bei den mittelalterlichen Inszenierungen und bei den Vorstellungen über das Mittelalter durch darstellende Aktive der Mittelalterszene spielt, untersuchte sie in einer Gruppendiskussion, deren Ergebnisse sie in ihren Vortrag mit einbezog.

Sowohl die vorgestellten Themen als auch die anschließenden Diskussionen zeigten eindrücklich, auf wie viele unterschiedliche Arten und Weisen (Dimensionen) sich dem Thema „Geschlecht in der Geschichte“ genähert werden kann. So erhielt der Workshop eine besondere Qualität durch die Diversität der Vorträge und half, Studierende und wissenschaftlichen Nachwuchs untereinander in Austausch zu bringen.

Konferenzübersicht:

Panel I

Hendrik Althoff (Universität Hamburg): Frauen bei der Straßenbahn? „In Städten wie Hamburg nicht verwendbar.“ Die kurze Ära der Schaffnerinnen und das Märchen vom Ersten Weltkrieg als Emanzipationsmotor

Levke Rehders (Georg-August-Universität Göttingen): Weiße "Kulturträgerinnen". Konstruktion von "Rasse" und Geschlecht in der deutschen Kolonie Südwestafrika

Panel II

Philipp Kröger (Universität Augsburg): Von Volkskörpern und Frauenkörpern. Zur Operationalisierung körper- und geschlechtergeschichtlicher Theoreme für die Nationalismusforschung

Gabriele Hackl (Universität Wien): Frauen und Männer vor dem Sondergericht Wien. Politische Strafjustiz in Österreich 1939-1945

Panel III

Merle Ingenfeld (Universität zu Köln): Sexuelle (Re-)Orientierung in historischer Perspektive – Ein Annäherungsversuch an eine schwer (be-)greifbare Neigungskategorie

Christina Sachs (Europa-Universität Flensburg): Doing Gender auf der Burg. Performative Geschichtspraktiken in der Mittelalterszene

Zitation
Tagungsbericht: Historische Dimensionen von Geschlecht, 14.10.2017 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 11.04.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7646>.