Grenzüberschreitungen: Migrantinnen und Migranten als Akteure im 20. Jahrhundert

Ort
Bern
Veranstalter
Forschungsplattform „Migration: Kompetenzen bündeln – Impulse setzen – Grundlagen schaffen“ am Walter-Benjamin-Kolleg der Universität Bern; AG „Frauen im Exil“ in der Gesellschaft für Exilforschung e.V.
Datum
01.02.2018 - 02.02.2018
Von
Gabriele Knapp, Freie wiss. Mitarbeiterin der Bildungsabteilung, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz; Wiebke von Bernstorff, Institut für deutsche Sprache und Literatur, Universität Hildesheim; Anja Henkel, Universität Bielefeld

Zur Eröffnung der zweitägigen Tagung erläuterte KRISTINA SCHULZ (Bern) drei Deutungsvarianten des Begriffs „Grenzüberschreitungen“: Erstens die konkrete Erfahrung im Sinne einer Ortsverlagerung, also das Passieren von im Kontext des 20. Jahrhunderts in erster Linie nationalen Grenzen. Da sich die sozialgeschichtliche Migrationsforschung im westeuropäischen Kontext weitgehend als Untersuchungen massenhafter Zu- und Abwanderung konstituierte, sind individuelle Erfahrungen und Wahrnehmungsweisen von Migration lange nur am Rande erfasst worden. Die Tagung zielte im Gegensatz dazu darauf, Handlungsmacht und -fähigkeit von Menschen in denjenigen politischen und sozialen Zusammenhängen sichtbar zu machen, die ihre Verlagerung des Lebensmittelpunktes bestimmt haben. Die zweite Deutungsvariante der Grenzüberschreitung fokussierte die Erfahrung der „Grenze vor Ort“ (Till van Rahden), also Grenzziehungen, die Neuankömmlinge in der Ankunftsgesellschaft erleben und mitunter auch selbst vornehmen. Es gehe um die komplexen Fragen von Integration und Assimilation, die einem ständigen Wandel unterliegen. Kristina Schulz wies hier auf den in die Kritik geratenen Begriff “Agency“ hin, der individuelle Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe und politischer Handlungsoptionen von Migranten erfassen soll. Es gehe aber auch darum, einen Zugang zu „Befindlichkeiten“ (Max Weber) von Alltagsmenschen zu suchen und dabei individuelle Erfahrungen mit einer durch vielfältige Widersprüche und Spannungen strukturierten Wirklichkeit in Gegenwart und Vergangenheit zu fassen. Die dritte Deutungsvariante der Grenzüberschreitungen griff die Absicht der Tagung auf, Fächergrenzen zu überwinden und die Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit auszuloten. Es sei festzustellen, dass in neueren Debatten über gegenwärtige Migrationen die Erkenntnisse der (historischen) Exilforschung zu Unrecht nur eine marginale Rolle spielen.

Im ersten Panel „Konzeptuelle Einführung: Zugänge zu Handlungsräumen von ‚Menschen unterwegs’“ verglichen MATTHIAS D. WITTE (Mainz) und CAROLINE SCHMITT (Mainz) in ihrem Beitrag „Agency und Krise“ die lebensweltlichen Herausforderungen sogenannter DDR-Kinder aus Namibia, die zwischen 1979 und 1990 aus namibischen Flüchtlingslagern in die DDR gebracht und dann (wieder) nach Namibia ausgeflogen wurden, mit den Herausforderungen jener junger Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Iran, die in den letzten Jahren nach Deutschland geflohen sind. Sie entdeckten Gemeinsamkeiten über die verschiedenen zeithistorischen und länderspezifischen Kontexte hinweg, wie z.B. Abbruch von Routinen, Rassismuserfahrungen und Ausgrenzung.

JIN-AH KIM (Seoul / Yongin) erläuterte in ihrem Vortrag das Konzept von Kultur als „third space“ (Homi K. Bhabha) jenseits nationaler und räumlicher Grenzen. Es erlaubt, kulturelles Handeln von Migrant/innen im 20. Jahrhundert auf die komplexen sozialen Rahmenbedingungen sowie auf ihre Wahrnehmungs-, Wissens- und Verarbeitungsmodalitäten zu beziehen und sich gegen die in den Postcolonial Studies vertretene räumliche Vorstellung von Kultur zu wenden. Aus praxeologischer Sicht vermittelten und konstruierten handelnde Individuen kulturelle Prozesse gleichermaßen.

Der Beitrag von MARIA ALEXOPOULOU (Mannheim) befasste sich mit verschiedenen Facetten migrantischer Autonomie und Eigensinn auf lokaler Ebene am Beispiel der Stadt Mannheim. Anhand der so genannten Gastarbeitermigration in der Zeit wirtschaftlicher Hochkonjunktur zeigte sie migrantische Strategien gegen die verschiedenartigen Ausschlüsse im lokalen Wohnbereich auf. Entgegen kommunaler Stadtpolitik eigneten Migrant/innen sich den lokalen Nahraum an und schafften Identifikationspunkte, an die sie ihre eigene hybride, translokale Identität anbinden konnten.

Das zweite Panel mit dem Titel „Begegnungen: Akteurinnen und Akteure von (Selbst)hilfe und (Selbst)organisationen“ leitete WIEBKE VON BERNSTORFF (Hildesheim) mit dem Referat „Jenseits identitärer Diskurse? Performativität von ästhetischer Arbeit im öffentlichen Raum“ ein. Ausgehend von der „performativen Theorie der Versammlung“ (Judith Butler) ging sie der Wirkung von zeitweiligen Versammlungen sich solidarisierender Körper im öffentlichen Raum nach. Die Referentin beleuchtete die Relevanz von Butlers Überlegungen für die Exil- und Migrationsforschung. Sie bezog dafür den theoretischen Rahmen auf Erfahrungen aus ihrer eigenen theatralen Praxis mit geflüchteten und nicht geflüchteten Menschen und diskutierte, in wie weit eine solche Arbeit ein plurales Miteinander ermöglichen und damit den „Erscheinungsraum der Polis“ (Butler) verändern könne.

SARAH KNOLL (Wien) referierte über „NGOs und die Kommunismusflüchtlinge in Österreich (1956–1989/90)“. Für Flüchtlinge stellten Hilfsorganisationen meist den Erstkontakt mit dem Aufnahmeland dar. Die Begegnung prägte daher ihre ersten Eindrücke im Zufluchtsland entscheidend. Die Hilfsorganisationen trugen oft zum öffentlichen Bild der passiven und traumatisierten Flüchtlinge bei. Anhand von vier Fluchtbewegungen aus kommunistischen Regimen nach Österreich (aus Ungarn 1956, der ČSSR 1968/69, Polen 1981/82, der DDR 1989 und Rumänien 1989/90) untersuchte die Referentin die Wechselbeziehungen zwischen NGOs und Flüchtlingen. Dabei zeigte sich, dass die humanitäre Selbstdarstellung der NGOs von den realen Bedingungen der Aufnahme abwich.

DIRK SCHLINKERT (Braunschweig) beendete das Panel mit seinem Beitrag „Wenn Zuwanderer zu Zeitzeugen werden“, in dem er ein ehrenamtlich initiiertes Projekt der Stadt Braunschweig vorstellte. An einem runden Tisch erzählen sich Menschen gegenseitig ihre Migrationsgeschichten nach der Methode der Oral History. Zugewanderte werden so zu Akteur/innen, indem sie ihre (neue) Identität stärken und eine Identifikation mit der neuen Heimat schaffen.

Das Early-stage Atelier begann mit der Präsentation „Forschen als Bewältigungsstrategie? Drei Generationen deutschsprachiger Historikerinnen und die Erfahrung des Exils im Nationalsozialismus“ von ANNA CORSTEN (Berlin). In ihrer Dissertation befasst sie sich, nicht zuletzt aus geschlechterhistorischer Perspektive, mit den Berufsbiographien und Laufbahnen von deutschsprachigen Historikerinnen und Historikern im und nach dem Exil.

JILL MEISSNER-WOLFBEISSER (Wien) stellte in ihrem Referat „‘Meet me at the Library‘: Über Steffi Kiesler und die Rolle der öffentlichen Bibliothek im Exil“ die These auf, dass die öffentliche Bücherei gesellschaftliche Prozesse widergespiegelt und besonders für Exilant/innen eine große Bedeutung gehabt habe: als Stätte der Begegnung, als Studierstube, um die Kultur des Aufnahmelandes zu entdecken, als Ersatz für die eigene Bibliothek, die auf der Flucht zurückgelassen werden musste und als Standort von Werken, die in Deutschland der Bücherverbrennung zum Opfer gefallen waren.

YUMIN LI (Berlin) berichtete aus ihrem Promotionsprojekt zu der amerikanischen Schauspielerin chinesischer Herkunft Anna May Wong, die in ihren Filmen räumliche, sprachliche und soziale Grenzen transzendierte und, so die These, das in der Zwischenkriegszeit vorherrschende, vom Rassismus geprägte Regime exotistischer und primitivistischer Differenzfiguren unterwanderte.

Im abschließenden Beitrag von MAGDA KASPAR (Bern) „Identität, Erinnerung, Gedenken: Schweizer Auswanderung nach Brasilien“ standen Formen, Praktiken und Symbole migrantischer Vergemeinschaftung und kulturelle Ausdrucksformen von Identitätsbildung in drei Schweizer Kolonien in Brasilien im Mittelpunkt, die im 19. Jahrhundert gegründet wurden und bis heute bestehen.

Der erste Tag der Konferenz schloss mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „(Wie) kommt die Migration in die Gesellschaft? Formen der öffentlichen Erinnerung und Vermittlung migrantischer Erfahrung“ ab. Moderiert von SIMONE PRODOLLIET (Bern), unterhielten sich der Musiker NEHAD EL-SAYED (Biel), der Autor BEAT MAZENAUER, der Kultur- und Museumswissenschaftler THOMAS SIEBER (Zürich), die Geschäftsleiterin des Archivs für Frauen- Geschlechter- und Sozialgeschichte Ostschweiz, MARINA WIDMER (St. Gallen), und Leiterin des Schweizerischen Literaturarchivs, IRMGARD WIRTZ EYBL (Bern). Der Austausch handelte von Fragen wie: Kommt Migration überhaupt in die Gesellschaft und wenn ja, wie? Wer sind dabei die Akteur/innen und was erfährt man über Migration und die Lebenssituationen sowie die Geschichte(n) von Migrant/innen? Wie werden Migrant/innen selbst einbezogen? Ferner standen Strategien zur Debatte, die private und öffentliche Kulturträger in Bezug auf Erfahrungen der Migration verfolgen: Wie wird das Thema beispielsweise in Bezug auf Sammel- und Ausstellungspraxis von Archiven und Museen behandelt? Diskutiert wurde über die Realisierung “interkultureller“ Projekte, den Terminus “Migrationsliteratur“ sowie den strittigen Begriff der “Postmigration“.

Der zweite Konferenztag eröffnete mit der Keynote Lecture des französischen Literaturwissenschaftlers ALEXIS NUSELOVICI (Paris / Aix-en-Provence): „Penser l’exil pour penser la migration“. Vor dem Hintergrund der dramatischen Ereignisse im Mittelmeerraum sprach der Referent sich für einen Exilbegriff aus, der es ermögliche, den Umgang mit Entwurzelung und Verlust („expérience exilique“) als eine grundsätzliche menschliche Erfahrung zu erfassen und damit die Kluft zwischen „uns“ (Zuschauer/innen) und „denen“ (Betroffenen) zu verringern. Er führte Exil als Kategorie ein, die es erlaube, subjektive Erfahrungen zu analysieren, während die Kategorie Migration dazu diene, massenhafte Bewegungen zu vermessen und zu regulieren. Nuselovici zeigte die soziologischen, epistemologischen und politischen Folgen einer Differenzierung von Migration und Exil auf. Angesichts des sich aktuell vollziehenden Übergangs von einer Besserungs- zu einer massenhaften Überlebensmigration, sei man gut beraten, nicht über die Krise der Migration („crise migratoire“), sondern über das Versagen der Menschlichkeit („crise humaine“) nachzudenken, nicht zuletzt, weil die Aufnahme von Schutzbedürftigen zum historischen Selbstverständnis Europas gehöre.

Das dritte Panel „Grenzüberschreitungen: Ästhetische Thematisierungen“ stellte Film und Musik als Möglichkeit vor, Grenzüberschreitungen medial darzustellen. HEIKE KLAPDOR (Berlin) thematisierte in ihrem Beitrag anhand eines europäischen (Der verlorene Sohn, 1934) und eines amerikanischen Films (Delicious, 1931) Migrationen aus Europa in die USA und legte dabei geschlechterstereotype Muster offen, die die soziale Wirklichkeit der 1930er-Jahre abbildeten. THOMAS JACOBI (Bern / Basel) übertrug in seinem Vortrag das Konzept des Egodokuments auf Musikkompositionen und vertrat die These, dass das musikalische Material und der Akt des Musikschaffens biographisch von Abbruch, Neubeginn und Brückenschlag geprägt sind. Dies erläuterte er anhand der Biografie bzw. Migrationsgeschichte des Musikers Hassan Taha und seiner 2011 entstandenen Komposition „Der Würfelspieler“.

Im parallelen Panel „Ästhetische Thematisierungen“ befasste sich ANTHONY GRENVILLE (London) in seinem Vortrag „Agency and Identity in Literary Works by Jewish Refugees from Nazism in Britain“ mit den Werken von Hilde Spiel, Stefan Zweig und Judith Kerr. Auf der Grundlage von Bourdieus Habituskonzept untersuchte er das Wechselverhältnis von Handlungsfähigkeit und Identitätsbildung auf biographischer und thematischer Ebene. Er arbeitete die große schriftstellerische Akkulturationsanstrengung Hilde Spiels heraus, die sich damit im Londoner Exil kulturelles und soziales Kapital aufbaute. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte eine Entwertung dieses Kapitals ein, eine Situation, die zur baldigen Remigration der Autorin beitrug.

ALEXANDER FRIEDMAN (Saarbrücken) präsentierte zum Thema „Jüdisch-sowjetische Emigranten in den USA im Spiegel des sowjetischen Fernsehens der 1980er-Jahre“ den Dokumentarfilm The Russians are here (1983), der die schwierige Lage der in den USA lebenden jüdisch-russischen Diaspora problematisiert. Der Film wurde 1986 durch das sowjetische Staatsfernsehen als Propagandafilm gegen die Auswanderung von Juden aus Russland ausgestrahlt.

ANITA MOSER (Salzburg) legte in ihrem Beitrag entlang des Konzepts des “Othering“ dar, wie Migrant/innen in den österreichischen Medien von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre repräsentiert wurden. Deutlich wurden wiederkehrende Muster der Reproduktion von Identität und Differenz. Die exemplarische Untersuchung ästhetischer Repräsentationen von Migrant/innen offenbart, dass diese bis in die 1990er-Jahre nicht als Akteur/innen mit eigenem Handlungs- und Gestaltungsspielraum wahrgenommen wurden.

Im vierten Panel „Biographische Brüche und Geschlecht: Erfahrungen, Reaktionen, Strategien“ stellte SABINE VEITS-FALK (Salzburg) in ihrem Beitrag zu den sogenannten „Schweizer Ärztinnen“ um 1900 eine Kollektivbiographie von rund 30 Frauen vor, deren Schweizer Medizinstudium im Habsburger Raum nicht anerkannt wurde. Sie praktizierten daher im bosnischen Gebiet Österreichs, in der Schweiz, im Deutschen Reich und in den USA, jedoch selten in gleichwertigen Positionen wie ihre männlichen Kollegen.

SUSANNE BENNEWITZ (Heidelberg) legte in ihrem Vortrag „Schweizerin durch Ehe. Politische Flüchtlinge und andere Frauen unter Verdacht (1922–1945)“ Ergebnisse ihrer Studie zur Kriminalisierung der Bürgerrechtsehe in der Schweiz dar. Das Staatsbürgerschaftsprinzip, nach dem eine verheiratete Frau automatisch die Staatsangehörigkeit des Ehemanns annahm, wurde in diesem Zeitraum zu einem ordnungs- und bevölkerungspolitischen Thema. Über Eheschließungen eingebürgerten Frauen konnte im Zuge von Ungültigkeitserklärungen die Staatsbürgerschaft wieder entzogen werden.

MARIE BEHRENDT (Berlin) zeigte in ihrem Vortrag „Sorge und Status. Zur Rekonstruktion vergeschlechtlichter Formen deutsch-jüdischer Rückwanderung nach 1945 am Beispiel von Ilse und Ernst G. Lowenthal“ auf, dass die Rückkehrentscheidung der Frau nicht in jedem Fall in Abhängigkeit von ihrem Ehemann getroffen wurde. Auch die in der Forschung zumeist aufgezeigte Geschlechterdichotomie zwischen statusbewusstem Ehemann und abhängiger Ehefrau lässt sich nicht ohne Widersprüche halten.

Das fünfte Panel „Orte und Akteure transnationaler Aktivitäten“ begann mit dem Vortrag von REINHARD ANDRESS (Chicago), der sich mit dem Mitbegründer der deutschsprachigen Exilforschung, Egon Schwarz, und dessen Autobiographie „Unfreiwillige Wanderjahre“ befasste. Schwarz gelang es im Exil, so die These, begünstigt durch das Zusammenwirken der Faktoren Glück und Selbstbestimmung, Handlungsunfähigkeit in Wirkungsmächtigkeit zu verwandeln.

EVELINE REISENAUER (Hildesheim) befasste sich mit „Distanzbeziehungen in Migrantenfamilien“. Sie hielt fest, dass transnationale Sozialbeziehungen sowohl in den individuellen Lebensläufen als auch in der Generationenfolge von Migrant/innen ein konstantes Element darstellten. Allerdings könnten sich die Beziehungen hinsichtlich ihrer subjektiven Bedeutung und individuellen Gestaltung verändern. Die Referentin plädierte dafür, Sozialität und Räumlichkeit nicht gleichzusetzen, denn soziale Nähe könne auch bei räumlicher Distanz möglich sein.

In der Abschlussdiskussion, die KERSTIN SCHOOR (Frankfurt Oder / Berlin) moderierte, standen Begriffe und ihre unterschiedliche Bedeutung in den verschiedenen Fachdisziplinen zur Debatte. Versucht wurde, die Reichweite und argumentative Ebene der Konzepte von “Exil“ und “Migration“ abzustecken. Der Exilbegriff wurde dabei von der engen Begrenzung auf das deutschsprachige Exil 1933 bis 1945 gelöst, wenn auch dieses Exil als eines der am umfassendsten untersuchten gelten kann. Vorgeschlagen wurde, sich mit dem Begriff des Exils subjektiv-individuellen Erfahrungen von Entwurzelung zu nähern („exilische Erfahrung“), während Migration sich in der Regel auf kollektive Prozesse beziehe. Als weiteres Unterscheidungsmerkmal wurde dafür plädiert, den Wunsch nach Rückkehr ins Herkunftsland als Kennzeichen von Exil zu bestimmen, während Migrationen von der Absicht geprägt seien, sich im Ankunftsland dauerhaft niederzulassen. Empirisch allerdings seien die Übergänge zwischen Exil und (E)migration fließend, damals wie heute. Hingewiesen wurde auf die methodischen und theoretischen Herausforderungen, die sich bei der Erforschung virtueller, trans-lokaler Lebens- und Beziehungsräume, veränderter Medienwelten und kommunikativer Möglichkeiten ergäben. Diskutiert wurde aber auch, inwiefern die aktuell wahrgenommene Zunahme und Beschleunigung von Migrationsprozessen tatsächlich einen Bruch mit bisherigen Migrationsmustern darstellten. So wurden schon die transatlantischen Massenmigrationen des 19. Jahrhunderts zeitgenössisch als zuvor nie dagewesene Beschleunigung von Mobilität wahrgenommen.

Der Exilbegriff, wie er sich in Bezug auf die Zeit von 1933 bis 1945 etabliert hat, spielt aktuell, so die Beobachtung, eine untergeordnete Rolle. Viele der Geflüchteten können nicht mehr in ihre Herkunftsländer zurückkehren und begreifen sich in dem Land, in dem sie sesshaft werden (können), nicht unbedingt als „Exilant/innen“, sondern wollen dort dauerhaft bleiben. Als klare Kategorien des internationalen Rechts existieren die Begriffe Exilant/in und Migrant/in ohnehin nicht, wie ein Vertreter der Rechtswissenschaften ausführte, so dass die Frage nach der Wirklichkeitstauglichkeit der Begrifflichkeiten im Raum stand. Konstruierte Begriffe machen jedoch zunächst auf Phänomene wie Diskriminierung und Benachteiligung aufmerksam. Es bleibt zu hoffen, dass die Debatten, die von allen Beteiligten als Erkenntnisgewinn und intellektuelle Bereicherung empfunden wurden, lediglich den Auftakt einer umfassenden Auseinandersetzung darstellen. Ein Tagungsband erscheint Ende 2018 in der edition text+kritik (München).

Konferenzübersicht:

Panel 1: Konzeptuelle Einführung - Zugänge zu Handlungsspielräumen von “Menschen unterwegs“
Moderation: Sabine Strasser (Bern)

Caroline Schmitt (Mainz) und Matthias D. Witte (Mainz): „Agency und Krise“. Ein analytischer Zugang zu Fluchtbiografien

Jin-Ah Kim (Seoul / Yongin): Grenzüberschreitungen - Kulturelles Handeln von Migrant/innen aus praxeologischer Perspektive

Maria Alexopoulou (Mannheim): Translokale Identität – Die Vereinnahmung der Stadt in der Nicht-Einwanderungsgesellschaft

Panel 2: Begegnungen - Akteurinnen und Akteure von (Selbst)hilfe und (Selbst)organisation
Moderation: Heike Klapdor (Berlin)

Wiebke von Bernstorff (Hildesheim): Jenseits identitärer Diskurse? Performativität von ästhetischer Arbeit im öffentlichen Raum

Sarah Knoll (Wien): NGOs und die Kommunismusflüchtlinge in Österreich (1956 – 1989/90)

Dirk Schlinkert (Braunschweig): Wenn Zuwanderer zu Zeitzeugen werden. Der Runde Tisch. „Meine Geschichte, deine Geschichte, unsere Geschichte“ im Haus der Kulturen in Braunschweig

Early-stage Atelier
Moderation: Kerstin Schoor (Frankfurt Oder / Berlin)

Anna Corsten (Berlin): Forschen als Bewältigungsstrategie? Drei Generationen deutschsprachiger Historikerinnen und die Erfahrung des Exils im Nationalsozialismus

Jill Meissner-Wolfbeisser (Wien): „Meet Me at the Library“: Über Steffi Kiesler und die Rolle der öffentlichen Bibliothek im Exil

Yumin Li (Berlin): Anna May Wong als Grenzgängerin des paneuropäischen Kinos der 1920er-Jahre

Magda Kaspar (Bern): Identität, Erinnerung, Gedenken: Schweizer Auswanderung nach Brasilien

Podiumsdiskussion: (Wie) kommt die Migration in die Gesellschaft? Formen der öffentlichen Erinnerung und Vermittlung migrantischer Erfahrung

Keynote-Vortrag:

Alexis Nuselovici (Paris / Aix-en-Provence): Penser l’exil pour penser la migration

Panel 3a: Grenzüberschreitungen - Ästhetische Thematisierungen I
Moderation: Britta Sweers (Bern)

Heike Klapdor (Berlin): Migration als narratives Muster, Migrantinnen und Migranten als fiktive Akteure des 20. Jahrhunderts. Eine vergleichende Filmanalyse

Thomas Jacobi (Bern / Basel): Musik als Ego-Dokument der Migration

Panel 3b: Grenzüberschreitungen - Ästhetische Thematisierungen II
Moderation: Anselm Gerhard (Bern)

Anthony Grenville (London): Agency and Identity in Literary Works by Jewish Refugees from Nazism in Britain

Alexander Friedman (Saarbrücken): Jüdisch-sowjetische Emigranten in den USA im Spiegel des sowjetischen Fernsehens der 1980er-Jahre

Anita Moser (Salzburg): Grenzbefragungen. Zugehörigkeitsordnungen und künstlerisch-kulturelle Kritik in der österreichischen Migrationsgesellschaft

Panel 4: Biographische Brüche und Geschlecht - Erfahrungen, Reaktionen, Strategien
Moderation: Tina Büchler (Bern)

Sabine Veits-Falk (Salzburg): Weibliche Bildungs- und Karrieremigration um 1900. Handlungsstrategien und Grenzüberschreitungen der „Schweizer Ärztinnen“ der Habsburgermonarchie

Susanne Bennewitz (Heidelberg): Schweizerin durch Ehe. Politische Flüchtlinge und andere Frauen unter Verdacht (1922-1945)

Marie Ch. Behrendt (Potsdam): Sorge und Status. Zur Rekonstruktion vergeschlechtlichter Formen deutsch-jüdischer Rückwanderung nach 1945 am Beispiel von Ilse und Ernst G. Lowenthal

Panel 5: Orte und Akteure transnationaler Aktivitäten
Moderation: Alberto Achermann (Bern)

Reinhard Andress (Chicago): Unfreiwillige Wanderjahre von Egon Schwarz: Bildung und Glück auf dem Weg zur Wirkungsmächtigkeit im Exil

David Johannes Berchem (Bochum): Wenn die Fremde zur Heimat wird. Wanderungserfahrungen und Integrationsdynamiken bei deutschen Arbeitsmigrant/innen in Australien in der Nachkriegszeit

Eveline Reisenauer (Hildesheim): Distanzbeziehungen in Migrantenfamilien

Abschlussdiskussion:
Moderation: Kerstin Schoor (Frankfurt Oder / Berlin)

Zitation
Tagungsbericht: Grenzüberschreitungen: Migrantinnen und Migranten als Akteure im 20. Jahrhundert, 01.02.2018 – 02.02.2018 Bern, in: H-Soz-Kult, 12.04.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7648>.