Die Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs auf dem Territorium Sachsen-Anhalts

Ort
Merseburg
Veranstalter
John Palatini, Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e.V.; Kooperation mit dem Museumsverband Sachsen-Anhalt e.V., Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt
Datum
03.03.2018
Von
Thomas Wozniak, Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften

Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkrieges im ehemaligen Deutschen Reich sind bisher nicht so stark erforscht, wie die Menge des überlieferten Materials es vermuten lassen mag. Während das internationale Interesse an der Thematik sehr hoch ist, fehlen bisher weitgehend Regionalstudien, die einen Zugriff auf die Ereignisse ermöglichen würden. Von vereinzelten Lagern wie Soltau, Ingolstadt – wo Charles de Gaulle inhaftiert war – oder Münster abgesehen, liegen nur wenige umfassende Studien vor. Seit 2014 gibt es in Sachsen-Anhalt, dessen Gebiet 1914 zur Einflusssphäre des IV. Armeekorps gehörte, eine Wanderausstellung „Heimat im Krieg 1914/18 – Spurensuche in Sachsen-Anhalt“, die verschiedenste Funde und Befunde des Ersten Weltkriegs darbietet. Viele Fundstücke stammen aus der Region, nicht zuletzt, weil in den metallverarbeitenden Betrieben in Thale am Harz fast 2,5 Millionen Stahlhelme für die Schlachten des Ersten Weltkrieges produziert worden waren und es von dort zahlreiche Fundstücke gibt. Begleitend und ergänzend zur Ausstellung sollten in der Konferenz die französischen, russischen, englischen, belgischen und italienischen Kriegsgefangenen in den hiesigen Lagern im Vordergrund stehen.

Im ersten Vortrag von JAN STENZEL (Merseburg) wurde klar, dass das Kriegsgefangenenlager in Merseburg – mit 12.000 Gefangenen eines von durchschnittlicher Größe – aufgrund seiner Nähe zur Stadt besondere Aufmerksamkeit seitens der Bevölkerung erfuhr, weil es bis 1916 das Ziel eines „Lagertourismus“ bildete. Die Bedeutung der Gefangenen, die zur Errichtung der Ammoniakwerke in Leuna eingesetzt wurden, für die Industrialisierung der Region ist kaum zu unterschätzen.

In seinem Vortrag zeigte THOMAS WOZNIAK (Tübingen) mit Hilfe eines Rundgangs durch das virtuelle Lager bei Quedlinburg (ebenfalls für 12.000 Gefangene), welche historischen Quellen während der von 2004 bis 2005 erfolgten Erforschung des Kriegsgefangenenlagers zur Verfügung standen, er wies besonders auf die französische Webseite einer Nachfahrin eines im Lager verstorbenen Gefangenen [1] sowie auf die Unterlagen im katholischen Pfarrarchiv hin, die, exakter als die offiziellen Listen, auch die Todesursachen der Kriegsgefangenen überlieferten.

Die Vorstellung der historischen Quellen wurde von VOLKER DEMUTH (Stavanger) durch die zahlreichen archäologischen Funde ergänzt, die im Jahr 2004/2005 im Rahmen der Ausgrabungen im Vorfeld des Ausbaus der „B6n“ im Quedlinburger Kriegsgefangenenlager dokumentiert wurden. Besonders die Gegenstände der persönlichen Hygiene (Zahnreinigung), des Zeitvertreibs (Schreibuntensilien) oder der Bekleidung (geflicktes Schuhwerk) gaben einen direkten Einblick in das schwierige Schicksal der Kriegsgefangenen. Ein Teil der Funde wird auch in der Wanderausstellung gezeigt.

In seinem Vortrag stellte JENS WINTER (Salzwedel) den obskuren General der Westrussischen Befreiungsarmee Fürst Pawel Michailowitsch Bermondt-Awaloff vor, über den sehr widersprüchliche Angaben in intentionalen Quellen (Tagebuch) und Darstellungen vorliegen. So wollte er mit der Gründung einer Partisanen-Maschinengewehr-Abteilung im Kriegsgefangenenlager Salzwedel nach 1917 noch im Baltikum militärisch aktiv werden; diese Ereignisse bedürfen aber nach wie vor noch weiterer Forschungsbemühungen.

Ein sehr persönliches Schicksal konnte AGNES-ALMUTH GRIESBACH (Zerbst) vorstellen, denn Private Ernest Carpenter, der am 22. März 1918 in Ypern gefangen genommen wurde, wurde am 31. März im Kriegsgefangenenlager in Zerbst (für 16.000 Gefangene) interniert. Als er am 26. Dezember 1918 nach Großbritannien zurückkehrte, erfolgte dies über Schweden. Zahlreiche weitere Nachrichten über das Zerbster Kriegsgefangenenlager finden sich in den Zerbester Gemeindebriefen, die der dortige Diakon teilweise zu den Zerbster Soldaten ins Feld sandte.

Etwas außerhalb des IV. Armeekorps und damit auch des heutigen Sachsen-Anhalt waren die Kriegsgefangenenlager in Havelberg gelegen. In seinem Vortrag zeigte FRANK ERMER (Havelberg) die besondere Situation in der Stadt, denn es wurden mindestens vier Lager für insgesamt 10.000 Gefangene errichtet. Besonders eindringlich führte der Fall von Nadeschda Bogdanova, einer Frau, die als Mann verkleidet im Kampf gefangen worden war und später im Lager entbunden hat, vor Augen, welche Schicksale mit Kriegsgefangenschaft verbunden sein können.

In Magdeburg als einer der stärksten preußischen Festungen waren – wie RÜDIGER STEFANEK (Magdeburg) zeigen konnte – schon im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Kriegsgefangene untergebracht gewesen. Im Ersten Weltkrieg waren es über 400 Offiziere, die von ungefähr 300 Mannschaftssoldaten bedient wurden. Im Vergleich zu den Mannschaftslagern fiel hier das deutlich höhere Niveau der Freizeitaktivitäten auf, wie Abbildungen von Tennisplätzen verdeutlichten, die auf den Exerzierplätzen eingerichtet worden waren.

Kunst, so zeigte CHRISTIAN DROBE (Halle) in seinem Vortrag, spielte bis 1915/1916 in den Lagern eine große Rolle, ging aber zurück, als die Arbeitseinsätze überhandnahmen. Vor allem Zeichnungen, Drucke und Gemälde von Kriegsgefangenen wie E. L. Boucher (1889–1971) oder Jean Pierre Laurens (1875–1932) wurden vorgestellt. Die Gefangenen haben selbst Kunstausstellungen organisiert, wie am Beispiel Altengrabow im Januar 1916 gezeigt werden konnte.

Bereits seit langem sind die in den Lagern entstandenen Lagerzeitungen der Gefangenen bekannt und auch schon auf überregionaler Ebene ausgewertet worden [2]. Mit dem „Le Petit Français“, einem beidseitig gefertigten Einblattdruck, stellte BJOERN BROCKHOFF (Halle) aber eine besondere Lagerzeitung aus dem Kriegsgefangenenlager für Offiziere in Halle vor, die anscheinend in den ersten hundert Tagen täglich verfasst und heimlich herumgegeben wurde.

In ihrem gemeinsamen Vortrag über den „German Horror“ konnten FLORIAN THOMAS (Wittenberg) und JOHN PALATINI (Halle) zeigen, dass die mehreren hundert Toten einer Fleckfieber-Epidemie im Jahr 1915 das Kriegsgefangenenlager Kleinwittenberg im Ausland weitum bekannt machten. Besonders englische Berichte über die vielen Toten dieses Lagers, die dann in neun andere Sprachen übersetzt wurden, führten zu einer breiten Rezeption. Auch wurden die Ereignisse in über 500 englischsprachigen Zeitungen bekannt gemacht und Wittenberg (die Stadt Luthers) damit zum Sinnbild des Schrecken der Deutschen in dieser Phase des Krieges.

Zum Abschluss wies LUTZ MIEHE (Magdeburg) in seiner Übersicht über die aktuelle Lage der Grabstätten der Kriegsgefangenen im heutigen Sachsen-Anhalt darauf hin, dass derzeit 90 Anlagen mit 5670 Gräbern betreut werden. Die Zahl der ursprünglich hier bestatteten ausländischen Soldaten war höher, viele wurden bereits in den frühen 1920er-Jahren in ihre Heimatländer zurückgeholt.

Die interdisziplinär angelegte Tagung bot erstmals einen breiten Überblick zu ausgewählten Kriegsgefangenenlagern auf dem Gebiet des IV. Armeekorps während des Ersten Weltkriegs bis 1922. So begrüßenswert solche Versuche sind, sie zeigen, dass die bisher untersuchten Lager immer noch weniger als zehn Prozent der ehemals 175 Lager, die für über 2,4 Millionen Kriegsgefangene errichtet worden waren, ausmachen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist über diese Lager, das Leben und das Schicksal der Gefangenen kaum etwas bekannt. Um die bei dieser Tagung entstandenen Impulse und Ergebnisse weiteren Kreisen zugänglich zu machen, ist geplant, die Vorträge und weitere Aufsätze zu Themen der Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs mit Hilfe der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt zeitnah zu veröffentlichen.

Konferenzübersicht:

Konrad Breitenborn (Wernigerode): Begrüßung

Steffen Rahaus (Merseburg): Begrüßung

John Palatini (Halle): Einführung

Jan Stenzel (Merseburg): „… eine international buntgemischte Gesellschaft …“. Das Kriegsgefangenenlager Merseburg (1914–1921)

Thomas Wozniak (Tübingen): Die historischen Quellen des Kriegsgefangenenlagers in Quedlinburg

Volker Demuth (Stavanger): Archäologische Ausgrabungen im Kriegsgefangenenlager Quedlinburg

Jens Winter (Salzwedel): Die Gründung einer Partisanen-Maschinengewehr-Abteilung im Kriegsgefangenenlager Salzwedel – Über den obskuren General der Westrussischen Befreiungsarmee Fürst Pawel Michailowitsch Bermondt-Awaloff in Salzwedel und im Baltikum

Agnes-Almuth Griesbach (Zerbst): Private Ernest Carpenter. Ein persönliches Schicksal im Kriegsgefangenenlager Zerbst

Frank Ermer (Havelberg): Das Kriegsgefangenenlager Havelberg und die Situation in der Stadt

Rüdiger Stefanek (Magdeburg): Das Kriegsgefangenenlager für Offiziere in Magdeburg

Christian Drobe (Halle): Kunst im Lager. Zeichnungen, Drucke, Gemälde der Kriegsgefangenen

Bjoern Brockhoff (Halle): „Le Petit Français“ – eine Lagerzeitung aus dem Kriegsgefangenenlager für Offiziere in Halle

Florian Thomas (Wittenberg), John Palatini (Halle) „German Horror“. Die Fleckfieber-Epidemie im Kriegsgefangenenlager Kleinwittenberg 1915 und ihre Rezeption im Ausland

Lutz Miehe (Magdeburg): Zu den Gräbern der Kriegsgefangenen auf dem Gebiet des heutigen Landes Sachsen-Anhalt

Anmerkungen:
[1] Davye Gerbaud, Le camp de prisonniers de guerre de Quedlinburg (1914–1922), http://www.camp-de-quedlinburg.fr/ (17.03.2018).
[2] Rainer Pöppinghege, Im Lager unbesiegt: deutsche, englische und französische Kriegsgefangenen-Zeitungen im ersten Weltkrieg, Essen 2006; Siehe dazu Stefan Schröder, Rezension zu: Pöppinghege, Rainer: Im Lager unbesiegt. [...] In: H-Soz-u-Kult, 21.06.2006, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-208>.

Zitation
Tagungsbericht: Die Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs auf dem Territorium Sachsen-Anhalts, 03.03.2018 Merseburg, in: H-Soz-Kult, 14.04.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7652>.
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Veröffentlicht am
14.04.2018
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