Hohenheim und der Nationalsozialismus – Fachtagung zur Aufarbeitung der NS-Zeit und ihrer Folgen an deutschen Hochschulen

Ort
Stuttgart
Veranstalter
Anja Waller / Regina Wick, Universität Hohenheim
Datum
26.02.2018
Von
Sibylle Lehmann, Universität Hohenheim

Wie der Rektor der Universität Hohenheim, STEPHAN DABBERT (Universität Hohenheim), in seiner Begrüßungsrede sagte, sei gerade das Jubiläumsjahr 2018 für Hohenheim eine Pflicht, nicht nur die Geschichte der Universität mit ihren Traditionen und Erfolgen zu feiern, sondern auch die dunklen Zeiten umfassend aufzuarbeiten und zu reflektieren.

Aus diesem Grund richtete die Universität Hohenheim am 26. Februar 2018 eine Fachtagung zur Rolle der Universitäten im Nationalsozialismus aus. Die Tagung war nicht nur an ein Fachpublikum, sondern auch an andere Interessierte gerichtet und mit mehr als 100 Teilnehmern gut besucht. Das Programm deckte viele Aspekte der Universitäten im Nationalsozialismus ab. Die neu erarbeiteten lokalen Befunde zur Rolle Hohenheims konnten so im Kontext weiterer universitäts- und allgemeingeschichtlicher Aspekte diskutiert werden.

Nach den Grußworten des Rektors folgte eine kurze Begrüßung des Moderators der Tagung, HARALD HAGEMANN (Universität Hohenheim), in der er beschrieb, dass im Zuge der Gleichschaltung der Universitäten insgesamt 24 Prozent der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in den 1930er- und 1940er-Jahren emigrierten, wobei das Hauptaufnahmeland die USA gewesen seien. Diese Wissenschaftler seien gerade in der Folgezeit häufig besonders erfolgreich gewesen.

Im Anschluss folgte eine weitere kurze Begrüßung durch den Leiter des Deutschen Historischen Instituts in London, ANDREAS GESTRICH (London), der das Projekt der Aufarbeitung des Nationalsozialismus an der Universität Hohenheim wissenschaftlich begleitet. Er wies darauf hin, dass besonders die landwirtschaftliche Ausbildung und Forschung im Nationalsozialismus zentral waren. Die wissenschaftliche Fundierung der 1934 aufgerufenen landwirtschaftlichen Erzeugerschlacht sowie die Expertise zur landwirtschaftlichen Nutzung der eroberten Gebiete Osteuropas habe viele Hohenheimer Hochschullehrer intensiv in die nationalsozialistische Kriegs-und Vertreibungspolitik verstrickt. Die Beteiligungen erläuterte er anhand einzelner Beispiele, wie etwa des NSDAP- und SS-Mitglieds Peter Carstens, der von 1935 bis 1938 Rektor der Universität Hohenheim war. Der Professor für Tierzuchtlehre wurde 1935 Führer im Rasse- und Siedlungshauptamt. 1940/1941 gehörte er zum Ansiedlungsstab Posen.

MICHAEL GRÜTTNER (Technische Universität Berlin) eröffnete den wissenschaftlichen Teil der Tagung. Er stellte die verschiedenen Etappen in der Auseinandersetzung der deutschen Universitäten mit ihrer Vergangenheit dar. In der direkten Nachkriegszeit sei das Bewusstsein für ein Fehlverhalten an den Universitäten sehr gering gewesen: „Die Universitäten seien im Kern gesund gewesen.“ Erst in den 1960er-Jahren wurde belastendes Material über Hochschullehrer veröffentlicht (beispielweise in Göttingen 1987). Die Publikationszahlen zu diesem Thema stiegen aber erst in den 1990er-Jahren an, oft verbunden mit einzelnen Personen. Mittlerweile gebe es aber schon für viele Universitäten Sammelbände, die durch den gestiegenen Rechtfertigungs- und Handlungsdruck entstanden seien. Grüttner führte aus, dass sich die Institution der Universität im Nationalsozialismus grundlegend verändert habe. Das Führerprinzip habe mit der Gründung neuer NS- Organisationen in allen Universitätsgremien zu polykratischen Strukturen geführt. Die Ordinarien seien nach und nach entmachtet worden. Berufungen und andere wichtige Personalentscheidungen wurden nicht mehr in den Universitäten entschieden, sondern auf Reichsebene unter Einbeziehung regionaler Autoritäten wie beispielsweise Gauleitern. Es folgten zahlreiche Entlassungen, meist aus antisemitischen Gründen. Insgesamt sei der Widerstand überschaubar gewesen. Für den wissenschaftlichen Nachwuchs verbesserte dies die Chancen aber nur, wenn die politische Einstellung stimmte und viele Nachwuchswissenschaftler seien aus Karrieregesichtspunkten in die NSDAP eingetreten. Insgesamt habe der Beruf des Hochschullehrers jedoch seine Attraktivität verloren. Dazu beigetragen habe der Verlust der Reputation durch die Wissenschaftsfeindlichkeit der Nationalsozialisten sowie ein deutlicher Einbruch der Einkommen. Besonders betroffen waren Wissenschaften, deren „Nutzen“ nicht offensichtlich erkennbar waren („der tote Wissenskrempel“), wie zum Beispiel die Theologie. Gewinner dieser Entwicklungen waren die Agrarwissenschaften und die Naturwissenschaften sowie Wissenschaften, die als kriegswichtig erachtet wurden und mit Expertenwissen zur Aufrüstung beitragen konnten. Gegen Ende seines Vortrages charakterisierte Güttner schließlich die Instrumentalisierung und Ideologisierung der Wissenschaften, die Veränderung hin zu einer „Gemeinschaftsforschung“, deren Sinn die Rechtfertigung der politischen Ziele war und die moralische Entgrenzung der Wissenschaft, in der wissenschaftliche Versuche mit Menschen keine Ausnahme waren. Er schuf damit einen umfassenden Überblick über die Gleichschaltung der Hochschulen und ihrer Angehörigen im Nationalsozialismus, indem er die wesentlichen Veränderungen und ihre Bedeutung klar herausarbeitete.

Im Anschluss an diesen Überblick stellte ANJA WALLER (Universität Hohenheim) ihre neugewonnenen Erkenntnisse zu Hohenheim vor. Der Generalplan Ost habe den deutschen Agrarwissenschaften neue Forschungs- und auch Wirkungsmöglichkeiten gegeben. Waller zeigte überzeugend die Hohenheimer Beteiligung auf. Sie kann nachweisen, dass trotz des vergleichsweise kleinen Hohenheimer Lehrkörpers zum jetzigen Forschungsstand mindestens 17 Wissenschaftler nach Polen und in die Ukraine gingen und dort maßgeblich an der Vertreibung, Um- und Ansiedlung tausender Menschen beteiligt waren. Hierzu gehörten beispielsweise der bereits in der Begrüßung erwähnte Professor für Tierzucht und Rektor der Universität Peter Carstens. Ein anderes Beispiel sei Otto Sommer gewesen, der seit 1941 Professor für Tierschutzlehre an der Universität Hohenheim war. Er war beteiligt am organisierten Diebstahl wissenschaftlicher Unterlagen in der Ukraine. Insgesamt seien bei diesen Raubzügen mehr als 70 Eisenbahnwaggons gefüllt mit den Sachwerten der ukrainischen Forschungsinstitute entwendet worden. In der anschließenden Diskussion kam noch einmal zum Ausdruck, dass dieses Diebesgut für die Wissenschaft als verloren gelten muss, da ein Verbleib nicht mehr nachweisbar ist. Auch wurde angeregt diskutiert, dass kaum einer dieser Wissenschaftler für seine Taten zur Verantwortung gezogen wurde.

Im anschließenden Beitrag rückten die Opfer innerhalb der Universitäten in den Mittelpunkt. CHRISTIAN-ALEXANDER WÄLDNER stellt die Ergebnisse seiner Doktorarbeit vor, in der er die Aberkennung akademischer Grade während der nationalsozialistischen Herrschaft untersuchte. Er konnte nachweisen, dass an mehr als 125 Institutionen und 68 Orten, mehr als 3.500 akademische Titel aberkannt wurden. Gründe für die Aberkennung waren meist antisemitisch, aber es traf auch die politische Opposition. Auch hier gab es offenbar wenig Widerstand. In der Nachkriegszeit habe es dann wenige, übereilte Entscheidungen gegeben Titel zurückzugeben. Insgesamt sei aber dieses Kapitel bisher von den Universitäten wenig aufgearbeitet worden.

Ebenfalls mit Verfolgung innerhalb der Universitäten befasste sich der Beitrag von NORBERT BECKER (Universitätsarchiv Stuttgart). Becker stellte die Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojektes vor, das im Auftrag des Rektorats der Universität Stuttgart durchgeführt wurde. Er erläuterte zu Beginn, dass die Quellenlage in den vergangenen Jahren wesentlich besser geworden sei, weil jetzt weitaus mehr Quellen zugänglich seien. Dadurch könnten Verfolgungen über Ordinarien hinaus zu Gruppen wie Assistenten/innen und Studierenden, sowie Mitarbeiter/innen aus Technik und Verwaltung und Zwangsarbeiter/innen nachgewiesen werden. In seinem Vortrag stellte Becker die verschiedenen Gruppen der Verfolgten und die unterschiedlichen Unrechtsmaßnahmen an der Universität Stuttgart vor. Insgesamt kann er 442 Fälle nachweisen, die aus rassistischen oder politischen Gründen vorzeitig pensioniert, entlassen, als Studierende zwangsexmatrikuliert wurden oder Zwangsarbeit in den großen technischen Instituten leisten mussten, deren akademische Titel entzogen wurden und die sogar ihr Leben verloren. Von diesen handelte es sich lediglich bei 10 Prozent um Hochschullehrer. Becker zeichnete nicht nur eindringlich die Unrechtsfälle nach, er wies auch auf die langfristigen Folgen dieser Verfolgungen für die Nachkommen der Verfolgten hin.

Am Nachmittag der Tagung stellte WOLFGANG BEHRINGER (Universität des Saarlandes Saarbrücken) eine für Hohenheim besonders prägende Personalie vor: den Historiker Günther Franz. Behringer zeigte, dass der Lebenslauf von Franz eng mit seiner Karriere in der NSDAP verwoben war. Der Historiker, der sich hauptsächlich mit Agrargeschichte und der Geschichte des Deutschen Bauernkrieges befasst hatte, war als bekennender Nationalsozialist ab 1933 Mitglied der NSDAP und der SA und später auch der SS. Franz trat 1935 mit einem verbalen Angriff gegen die etablierte Geschichtswissenschaft hervor, insbesondere gegen Walter Goetz und die Historischen Kommissionen. Günther Franz wurde in den 1950er-Jahren Professor für Agrargeschichte an der Universität Hohenheim und war dort von 1963 bis 1967 auch als Rektor tätig. Und das, obwohl er als SA- und SS- Mitglied, als Hauptsturmführer und Teilnehmer der Wannseekonferenz und als Professor an der Reichsuniversität Straßburg ein wichtiger nationalsozialistischer Funktionär gewesen war.

Der abschließende Beitrag der Tagung befasste sich mit den Zwangsarbeiter/innen. MARK SPOERER (Universität Regensburg) beschrieb den enormen Arbeitskräftebedarf des Dritten Reiches, der dazu geführt habe, dass sowohl im Reich, als auch in den besetzten Gebieten Osteuropas Millionen von Menschen zu Zwangsarbeit herangezogen wurden. Sie wurden in der Rüstung, in der Landwirtschaft, in kinderreichen Familien und in öffentlichen Betrieben sowie auch in der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheims eingesetzt. Zwangsarbeiter/innen seien fast überall zu finden gewesen. Er beschrieb anhand eines Beispiels, wie schwierig es war, keine Zwangsarbeiter/innen zu beschäftigen, ohne sich selbst oder den Betrieb in Gefahr zu bringen. Daher wies Spoerer darauf hin, dass nicht die Anwesenheit von Zwangsarbeiter/innen, sondern die Behandlung dieser ausschlaggebend für eine Bewertung der Zwangsarbeit sein müsse. Er zeigte, dass die Behandlung verschiedener Zwangsarbeitergruppen offenbar etwas mit ihrem Herkunftsland zu tun hatten. Zwangsarbeiter aus ärmeren Länder seien systematisch schlechter behandelt worden als jene aus reicheren Ländern. Er deutete in seinem Vortrag hier eine mögliche Parallele zu aktuellen rassistischen Entwicklungen an. In der anschließenden Diskussion wurde besonders die Definition von Zwangsarbeit als moderne Sklaverei diskutiert. Spoerer argumentierte dafür, die Zwangsarbeit unterhalb der Sklaverei einzuordnen, da ein Sklavenhalter ein Interesse gehabt habe, seine Sklaven zu schonen und seine Arbeitskraft zu erhalten – was bei vielen Fällen von Zwangsarbeit nicht der Fall gewesen sei.

Die Tagung hat gezeigt, dass es nach wie vor ein großes Interesse und einen großen Bedarf an einer umfassenden Aufarbeitung der NS-Zeit an deutschen Hochschulen gibt. Daher ist das laufende Projekt an der Universität Hohenheim sehr zu begrüßen. Die vollständigen Ergebnisse dieses Projektes werden im Rahmen einer Gedenkveranstaltung am 12. November 2018 an der Universität Hohenheim vorgestellt.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Stephan Dabbert (Hohenheim)
Moderation: Harald Hagemann (Hohenheim)

Andreas Gestrich (London): Grußwort des Wissenschaftlichen Beirats

Michael Grüttner (TU Berlin): Universitäten in der nationalsozialistischen Diktatur – Stand der Forschung

Anja Waller (Hohenheim): „[Z]ur völligen Verdeutschung und damit zur Festigung des deutschen Volkstums im Osten“ – Hohenheimer Wissenschaftler in den besetzen Ostgebieten

Christian-Alexander Wäldner: Hochschulen als willfährige Handlanger nationalsozialistischen Unrechts - Die Aberkennung akademischer Grade mit Schwerpunkt 1933 bis 1945

Norbert Becker (Stuttgart): Verfolgung und Entrechtung an der Technischen Hochschule Stuttgart in der NS-Zeit. Initiatoren, Motive, langfristige Folgen

Wolfgang Behringer (Saarbrücken): Der Organisator im Hintergrund: Zu den Anfängen der Karriere von Günther Franz

Mark Spoerer (Regensburg): Zwangsarbeit in und für Deutschland während des Zweiten Weltkriegs

Zitation
Tagungsbericht: Hohenheim und der Nationalsozialismus – Fachtagung zur Aufarbeitung der NS-Zeit und ihrer Folgen an deutschen Hochschulen, 26.02.2018 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 19.04.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7658>.