Fake und Filter – Historisch-politisches Lernen in Zeiten der Digitalisierung

Ort
Kiel
Veranstalter
Abteilung für Geschichtsdidaktik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Datum
02.02.2018
Von
Burghard Barte / Horst Schilling, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Die jüngst zurückliegende Verleihung eines Fake-News-Awards [1] durch den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump mag vorläufiger Höhepunkt eines seit einigen Jahren enorm an Dynamik gewinnenden, breiten gesellschaftlichen Phänomens sein: einer sich dahingehend entwickelnden Kommunikations- und Diskussionskultur, in der alternative Fakten, Fake News sowie der Vorwurf der Lügenpresse einen zunehmend gesellschaftsfähigen Rang einnehmen. Diese Diskussionskultur hat ihren prominenten Platz vor allem in den sozialen Medien, die – in Anbetracht ihrer immer breiteren und intensiveren Nutzung – zunehmend Ort und Grundlage der Meinungsbildung sind. Ein verstärkendes Problem ist die „radikale Beschleunigung von Nachrichten“, welche die Filterfunktion des klassischen Journalismus (Gatekeeper-Funktion) teilweise aushebelt. Diesen und weiteren Problemstellungen widmete sich die Tagung „Fake und Filter. Historisch-politisches Lernen in Zeiten der Digitalisierung“, welche von der Abteilung für Geschichtsdidaktik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in Kooperation mit dem Landesbeauftragten für politische Bildung des Landes Schleswig-Holstein und dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig-Holstein durchgeführt wurde. Den Herausforderungen könne, so der Landesbeauftragte für politische Bildung des Landes Schleswig-Holstein CHRISTIAN MEYER-HEIDEMANN (Kiel) in seinem eröffnenden Grußwort, mit breiten gesellschaftlichen Debatten begegnet werden, in denen die Rationalität des politischen Diskurses kultiviert wird. Dem Kontroversitätsgebot verpflichtet, zeichne sich historisch-politische Bildung vor allem durch ihren Diskurscharakter aus. Daher erschien der schleswig-holsteinische Landtag, seines Zeichens Diskussionsforum für gesellschaftliche und politische Kontroversen, als der prädestinierte Ort der Fake und Filter-Tagung. In seinen einführenden Worten wies SEBASTIAN BARSCH (Kiel) von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zudem auf die sinkende Akzeptanz von Wissenschaft in der Bevölkerung hin. Vor diesem Hintergrund komme der historischen Bildung im besonderen Maße die Aufgabe zu, die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen der Produktion von Wissen transparent zu machen. Auf dieser Grundlage könne narrative Kompetenz und subjektorientiertes Lernen explizit mit der Zielsetzung gefördert werden, Orientierung in der immer breiteren Zahl von Deutungsangeboten zu ermöglichen. Indem Schüler/innen selbst Geschichte(n) erzählen, schärfen sie zum einen ihr Bewusstsein für den Konstruktcharakter von Geschichte und entwickeln darin eine kritische Reflexionsfähigkeit gegenüber Fake News. Sie werden so zu ihren eigenen „Gatekeepern“ in digitalen Zeiten. Dafür sei auch der Erwerb von Wissen und Kenntnissen eine wesentliche Grundlage, so HANS-JOACHIM LANGBEHN (Kronshagen) vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH). Auf dieser Grundlage sei es dann möglich, Geschichte sowie Wirtschaft-Politik explizit als Denkfächer zu etablieren.

Die in das Tagungsthema einführende Keynote CHRISTOPH KÜHBERGERS (Salzburg) trug den Titel „Radikal digital?! Herausforderungen und Wege für das historisch-politische Lernen“. Kühberger erörterte grundlegend die Herausforderungen der Digitalisierung für die Lehrer/innenbildung und schulische Praxis. Mit Blick auf die sogenannten „digital natives“ betonte er, dass digitale Kompetenz nicht als ein selbstbezogener, autodidaktischer Bildungsprozess angesehen werden dürfe. Vielmehr käme gerade mit Blick auf die algorithmische Funktionsweise sozialer Medien– Stichwort Filterblasen – der historisch-politischen Bildung die große und zentrale Aufgabe der Aufklärungsfunktion mit dem Ziel der Förderung der Reflexionskompetenz zu. In der Auseinandersetzung mit den Problemstellungen von Digitalität machte Kühberger zweierlei deutlich: Digitales Lernen impliziert nicht aus sich selbst heraus eine höhere Wirksamkeit als analoge Lernformen und mit Blick auf digitale Medien habe sich die Hoffnung auf Demokratisierung der Informationsdistribution nur in Ansätzen erfüllt. Dem Demokratisierungspotenzial digitaler Medien stehe eine „Kolonialisierung“ durch die großen Internetkonzerne im Feld der Aufmerksamkeitsökonomie gegenüber. Daraus ergäben sich drei große gesellschaftliche Herausforderungen, die im Hinblick auf Lernprozesse die Selbstverantwortung in den Vordergrund rückten, mit Blick auf die Geschichtskultur das Moment der Kontingenz hervorkehrten sowie in der politischen Kultur den Diskurs stärker akzentuierten. Um diesen zu begegnen bedürfe es – so die die Keynote beschließenden Thesen – mit Blick auf die Bildung 1) der Vermittlung eines technischen Verständnisses im Hinblick auf Bürgerliche Freiheit, 2) der Stärkung aktueller Paradigmen in den Didaktiken, 3) einer weiteren Öffnung der Curricula mit der Fokussierung auf „cases“ entgegen einem Kanon, 4) der weiteren Entwicklung einer medienbezogenen Fachdidaktik sowie 5) einer Öffnung des Lernens gegenüber neuen Feldern, wie beispielsweise dem Feld der Computerspiele.

In der zweiten Keynote zwischen den beiden Workshopblöcken gab FRANZISKA VON KEMPIS (Berlin), die als „besorgte Bürgerin“ politische Bildung durch selbst gedrehte Aufklärungsvideos betreibt, Einblicke in ihre Erfahrungen mit den sich wandelnden Diskussions- und Umgangsformen in sozialen Medien.[2] Im Kontext ihrer Arbeit und mit Blick auf die Prominenz der Forenbeiträge und Diskurse in den sozialen Medien kam von Kempis, die in ihrem beruflichen Alltag junge Youtuber/innen managt, auf die Idee, gängige, vor allem rechtspolitische Narrative aufzuklären. Eines ihrer ersten Videos widmete sich der Verschwörungsnarration „Deutschland ist besetzt!?“ Diese Form der politischen Positionierung stellt jedoch vor allem für junge Youtuber/innen und Beiträger/innen eine Herausforderung dar. Trotz Motivationsbemühungen sei die Angst vor einem „Shitstorm“ das eigentliche Hemmnis, so von Kempis. Dennoch plädierte die Youtuberin dafür, dass gerade in der Schule diese Art der Positionierung zu unterstützen sei. Lehrkräfte könnten ihre Schüler/innen in einem geschützten Raum – zum Beispiel mithilfe eines Klassenaccounts – motivieren, sich in Youtube-Beiträgen oder anderen Formen gegen populistische und diskriminierende Darstellungen sowie Argumentationen zu positionieren und somit zu Gatekeepern ausgebildet werden.

SEBASTIAN BARSCH (Kiel) stellte zum Einstieg in den Workshop Studien vor, in denen deutlich wurde, dass sowohl Schüler/innen als auch Studierende oft Schwierigkeiten haben, Informationen in (digitalen) Medien hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit einzuschätzen. Problematisiert wurde so zunächst, ob sich dieser Befund grundlegend durch die Digitalisierung erklären ließe. Die Diskussionsrunde kam zu dem Ergebnis, dass dies nicht der Fall sei, jedoch erfordere die digitale Verfügbarkeit von historischem „Wissen“ die gezieltere Befähigung von Schüler/innen, triftige und somit wissenschaftsförmige Erzählungen im Netz von solchen zu unterscheiden, die auf politische Einflussnahme abzielen. Letzteres zeige sich besonders deutlich in den Deutungsangeboten etwa der Identitären Bewegung oder auch der AfD, die Geschichte zunehmend zum Aufbau nationaler Identitäten und zur Abgrenzung gegenüber vermeintlich „anderen“ (Nationen, Gruppen, Ethnien etc.) instrumentalisieren. Viele der Deutungsangebote sind spezifisch auf die Lese- und Rezeptionsgewohnheiten von Jugendlichen ausgerichtet und somit möglicherweise attraktiver als neutralere Informationsangebote. Der Geschichtsunterricht müsse nun auf diese neuen Herausforderungen insofern reagieren, als dass Schüler/innen neben der traditionellen Quellenkritik vermehrt auch mit der Funktionsweise von Story Telling und der intentionalen Argumentationslogik geschichtspolitischer Erzählungen im Netz vertraut gemacht werden. Auf einer pragmatischen Ebene müssten sie dazu etwa mit Techniken wie die Rückwärtssuche von Bildern oder dem „lateralen Lesen“ (Sam Wineburg)[3] vertraut gemacht werden, um Manipulationen leichter zu erkennen. Wesentlich wichtiger sei aber, dass Schüler/innen stärker in die Lage versetzt werden, selbst Geschichte in den digitalen Medien zu erzählen, was insgesamt auf eine stärkere Fokussierung der narrativen Kompetenz durch historisches Lernen hinausläuft. So könnten sie selbst die Mechanismen historischen Erzählens im Netz erfahren. Auf Basis dieser Impulse leitete KONSTANTIN STAMM (Kiel) eine Gruppenarbeitsphase, bei der Herausforderungen der Teilnehmer/innen bezüglich der unterrichtlichen Umsetzung von digitaler Quellenkritik ebenso wie Best-Practice-Beispiele gesammelt wurden. Als Herausforderung wurde etwa die fehlende technische Infrastruktur an vielen Schulen identifiziert, die digitales Lernen schlicht verhindere. Als ein positives Beispiel wurde etwa ein Projekt vorgestellt, bei dem Schüler/innen selbst eine digitale Ausstellung konzipierten.

ANDREAS LUTTER (Kiel) und JULIAN WOLLMANN (Kiel) fokussierten in ihrem Workshop die Wirkmächtigkeit metaphorischer Sprache und Nutzung von Sprachbildern basierend auf dem Problembefund, dass Sprache in der wirtschaftlich-politischen Bildung gegenwärtig vornehmlich auf der Inhaltsseite reflektiert werde. Da Sprache, wie die Neurolinguistik zeigt, ein wesentliches Bedingungsfeld des Lernens darstellt, widmete sich der Workshop dem Potenzial der expliziten unterrichtlichen Auseinandersetzung mit rhetorischen Figuren im verbalsprachlich dominierten Fach Wirtschaft-Politik. Dazu wurde zunächst das enge Verhältnis von Sprache und Wissen thematisiert und anhand verschiedener Studien reflektiert, inwiefern Sprache und Denken durch Metaphoriken geprägt und strukturiert sind. Wie im Workshop deutlich wurde, bieten Sprachbilder durch ihren komplexitätsreduzierenden Charakter einerseits breite Partizipationsmöglichkeiten an Diskursen zu vielschichtigen politischen sowie wirtschaftlichen Themen, Problemstellungen und Krisen. Dass ihnen gleichzeitig aber auch eine stark moralisierende, personalisierende und reduktionistische Wirkmächtigkeit innewohnen kann, wurde unter anderem auf Grundlage der Analyse eines Zeitungsartikels zur Finanzmarktkrise, in dem vordergründig biologisch-medizinische Metaphern als Argumentationsfiguren Verwendung fanden, sowie einer kritischen Reflexion der Gefäßmetaphorik in einer politischen Rede Alexander Gaulands zur Flüchtlingssituation[4] im Workshop gemeinschaftlich erarbeitet. Darauf gründete die Diskussion der bildungstheoretischen sowie -praktischen Herausforderungen des Umgangs mit metaphorischer Sprache im Hinblick auf die Urteilsbildung im Fach Wirtschaft-Politik. Sprachbilder, so wurde deutlich, können als ein Stressor für das Sachurteil wie auch für das Werturteil angesehen werden. So sei es vor diesem Hintergrund wichtig, Metaphoriken explizit zu machen und reduktionistisch moralisierende, beispielsweise populistische Sprachbilder mit fachlichem Wissen zu dekonstruieren, worin ein sprachsensibler Unterricht in Wirtschaft-Politik sein Potenzial entfalten könne.

TILL-OWE EHLERS (IQSH) begrüßte die Teilnehmer/innen des Workshops mit einem Extended-Trailer der beliebten Spielreihe „Assassins Creed – Unity“, welcher den Sturm auf die Bastille fantasievoll erzählt. Anschließend diskutierten die Teilnehmer/innen Einsatzmöglichkeiten von Computerspielen im Geschichtsunterricht, explizit am Beispiel des gezeigten Trailers. Gestützt wurde die Diskussion durch aufbereitete Quellen für den Einsatz im Unterricht der Sekundarstufe I und einen Fragenkatalog zur Dekonstruktion von Narrationen. Verbunden mit diesem Fragenkatalog plädierte Ehlers für eine gezielte und konsequente Einbindung von Analysen sowie Reflexionen bestehender Narrationen im Geschichtsunterricht.

Als zweites Beispiel präsentierte Ehlers den Teilnehmer/innen ein Let’s Play-Video von Battlefield 1 – einem Ego-Shooter im historischen Kontext des Ersten Weltkrieges. Hierbei lassen die Entwickler ein Spannungsverhältnis zwischen der Thematisierung der Gräuel des Krieges sowie der spielerischen Inszenierung schonungsloser Brutalität entstehen. Dieses gilt es aus fachdidaktischer Perspektive kritisch zu hinterfragen. Auch in den Genres des Jump’n’ Run – Bsp. „Vailliant Hearts“ – sowie des der Strategiespiele – Bsp. „Civilization IV und V“ – wurde das Potenzial ihrer unterrichtlichen Thematisierung bzw. Einbindung reflektiert. Ein Ergebnis war dabei, dass die Dekonstruktion der in den Spielen dargebotenen Geschichtsbildern den Schüler/innen eine Lerngelegenheit zur Entwicklung eines Bewusstseins für Kontingenz bieten kann.

Zum Abschluss des Workshops setzten sich die Teilnehmenden kritisch mit Youtube-Videos auseinander, die sich aktuell großer Schüler/innenbeliebtheit erfreuen: MrWissen2Go und SimpleHistory. Die Präsentation eines Videos von SimpleHistory zeigte klar die Bedeutung des Workshops für die Tagung „Fake und Filter“. Wo bei Spielen gezielte Filter angewandt werden, um den Spaßfaktor mit Authentizität zu vereinen, ist es bei den Youtube-Videos der unreflektierte Umgang mit vermeintlichem „Fakten-Wissen“, der den Geschichtsunterricht mit Einflüssen aus der „Fake und Filter“-Blase zur Förderung der Dekonstruktionskompetenz herausfordert.

In ihrem darauffolgenden Workshop boten HANS-JOACHIM LANGBEHN (IQSH) und SEBASTIAN MARCKS (IQSH) einen breiten Überblick über die vielfältigen historischen Fakes, Legenden und Filter in verschiedenen Epochen. Der impulsförmigen, interaktiven Einschätzung der Glaubwürdigkeit ausgewählter historischer Verschwörungstheorien – beispielsweise, dass die Mondlandung eine Inszenierung in Filmstudios gewesen sei – durch die Workshopteilnehmer/innen schloss sich die Problematisierung der Begrifflichkeit „Verschwörungstheorie“ an, in der die Frage nach den Gründen der Attraktivität von Verschwörungstheorien aufgeworfen wurde. In dieser wurde reflektiert, dass historische Verschwörungen vor dem Hintergrund ihres Kontext- und Ereignisbezugs in der Regel eher Narrationen denn Theorien darstellen. In dieser Strukturlogik seien sie ein prädestinierter Lerngegenstand für den Geschichtsunterricht, um auf dem Wege ihrer Dekonstruktion narrative Kompetenz zu fördern. Hier wurde darauf hingewiesen, dass sie aber in einigen Fällen nicht ganz aufzuklären und zweifelsfrei zu widerlegen seien und so ihre unterrichtliche Thematisierung eine geschichtsdidaktische Herausforderung darstelle. Gleichzeitig liege ihnen mit Blick auf die Stichworte Lebenswelt- und Gegenwartsbezug aber auch ein fachdidaktisches Potenzial für historisch-politisches Lernen zugrunde, da Schüler/innen durch die Nutzung digitaler Medien vielfach mit verschiedensten historischen sowie aktuellen Verschwörungsnarrationen konfrontiert werden und diese auch in den Geschichts- und Politikunterricht hineintragen. Inwiefern eine solche Auseinandersetzung mit historischen Verschwörungserzählungen quellenbasiert sowie gegenwarts- und lebensweltorientiert gelingen kann, wurde am Beispiel eines Berichts des Autors Binjamin Segel über seine Beobachtungen, dass der Glaube an die „Protokolle der Weisen von Zion“ ein breites gesellschaftliches Phänomen in der Weimarer Republik darstellte, erarbeitet und reflektiert.[5] Darauf gründete die resümierende Diskussion, auf welchem Wege den gegenwärtig wieder zunehmend kursierenden antisemitischen Verschwörungstheorien bzw. -narrationen begegnet werden kann und welche Rolle dabei Quellenarbeit (Vetorecht der Quellen) sowie eine Re-Fokussierung von Inhalten in den Curricula spielen kann. In dieser wurde darüber hinaus auch die anfänglich aufgeworfene Frage nach dem „Boom“ von Verschwörungsnarrationen reflektiert. Als ursächlich wurden dafür im Wesentlichen die Filterblasen und -funktionen der sozialen Medien sowie das zunehmend wahrnehmbare Gefühl einer unüberschaubaren Komplexität sowie Kontingenz im Kontext der Individualisierungstendenz bei Schüler/innen wie auch in der Gesellschaft im Allgemeinen angesehen. Für die Begegnung dessen bedürfe es, so der Ausblick, eines breiten interdisziplinären Diskurses zwischen Neurowissenschaften, Kognitionspsychologie und den gesellschaftswissenschaftlichen Bildungsfächern, aus dem dann didaktische Implikationen folgen könnten.

HARALD SCHMID (Rendsburg), stellvertretender Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein, eröffnete seinen Workshop mit einem Brainstorming zum Kernbegriff der Tagung „Fake“, aus der sich eine anregende Diskussion und Reflexion des Begriffes entwickelte. Konsens war, dass Fakes in ihrem Grundsatz Tatsachen in Frage stellen. Die Begriffsdiskussion wurde dann auf Grundlage eines Arbeitsblattes vertieft, auf dem verschiedene Aussagen zum historisch bedeutsamen Datum des 30. Januar 1933 aufgeführt waren. In der Debatte über den Fakegehalt der verschiedenen Aussagen wurde die Formulierung, „Am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler“ als objektive Narration eingeschätzt, während die anderen aufgrund ihrer Verwendung von Metaphern kritisch zu hinterfragen seien. Anschließend stand die Frage nach dem Umgang mit Fake News im Vordergrund, die von Schüler/innen, zum Teil konfrontativ, in den Lernprozess eingebracht werden. Als eine Möglichkeit der unterrichtlichen Auseinandersetzung mit beispielsweise Verschwörungsnarrationen wurde dabei die Dekonstruktion und kritische Reflexion alternativer Fakten genannt. Manuela Dietz, Geschäftsführerin der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft, erweiterte die Diskussion um die Ebene der politischen Einflussnahme auf den Lernprozess. Sie berichtete dabei von einem Versuch der AfD, auf das museumsdidaktische Konzept des Friedrich-Ludwig-Jahn-Museums als außerschulischen Lernort Einfluss zu nehmen. Hiervon wurde der Bogen zu der Authentizität historischer Orte und somit zu ihrem Lernpotential geschlagen. Diesbezüglich resümierte Schmid, dass „man [...] gar nicht anders [kann], als mit Geschichte instrumental umzugehen, die Frage ist nur mit welcher Intention.“

In einer die Tagung beschließenden Zusammenschau präsentierten die Workshopleiter die Arbeitsergebnisse ihrer Gruppen und formulierten Plädoyers für den zukünftigen Unterricht vor dem Hintergrund der wachsenden Fake und Filter-Herausforderung. Zum einen sprach sich Till-Owe Ehlers dafür aus, dass sich die Lehrkräfte „im Unterricht die Zeit nehmen [sollen] um vorliegende Narrationen zu behandeln“ und damit die Dekonstruktionskompetenz sowie Wahrnehmungskompetenz der Schüler/innen zu schärfen. Zum anderen betonte Sebastian Barsch, dass mit den neuen Fachanforderungen des Landes Schleswig-Holstein für das Fach Geschichte (Stand Juni 2016) eine Grundlage für die Förderung der „Gatekeeper-Kompetenz“ von Schüler/innen – Stichwort Selbstverantwortung – geschaffen sei. Um jedoch die von Christoph Kührberger geforderte Inblicknahme von „cases“ umsetzen zu können und den Herausforderungen in den digitalen Zeiten kompetenzorientiert begegnen zu können, bedürfe es einer Diskussion hinsichtlich weiterer Freiheiten im Lehrplan.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung in den Tag
Christian Meyer-Heidemann (Kiel), Sebastian Barsch (Kiel), Hans-Joachim Langbehn (IQSH)

Keynote I
Christoph Kühberger (Salzburg): „Radikal digital – Herausforderungen und Wege für das historisch-politische Lernen“

Keynote II
Franziska von Kempis (Berlin): „Eine Besorgte Bürgerin erzählt von Fakes und News.“

Workshopblock A
Sebastian Barsch (Kiel) / Konstantin Stamm (Kiel): Digitale Quellenkritik: Wie kann das gelingen?

Workshopblock B
Andreas Lutter (Kiel) / Julian Wollmann (Kiel): Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte? Die Filterfunktion politischer und ökonomischer Sprachbilder bei der Urteilsbildung

Workshopblock C
Till-Owe Ehlers (IQSH): Bilder von Geschichte(n) in digitalen Medien und deren Bedeutung für den Geschichtsunterricht.

Workshopblock D
Hans-Joachim Langbehn (IQSH) / Sebastian Marcks (IQSH): Von der Konstantinischen Schenkung bis Neuschwabenland. Fakes, Legenden und Filter in der Geschichte

Workshopblock E
Harald Schmid (Rendsburg): Zwischen Wissenschaft, Kanon und Subversion – Auseinandersetzung mit Umdeutungen von Geschichte in Gedenkstätten

Schlusswort
Sebastian Barsch (Kiel)

Anmerkungen:
[1] "Trump vergibt 'Fake News Awards'", in: SPIEGEL online (18.01.2018), http://www.spiegel.de/politik/ausland/donald-trump-vergibt-fake-news-awards-a-1188476.html (20.03.2018).
[2]https://www.youtube.com/channel/UCR_qR4h6s4Xy2U3LAj0OkDQ (24.03.2018).
[3] Sam Wineburg Sam / Sarah McGrew, Lateral Reading: Reading Less and Learning More When Evaluating Digital Information, in: Stanford History Education Group Working Paper 2017-A1, https://ssrn.com/abstract=3048994.
[4]http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/zum-nachlesen-gaulands-rede-im-wortlaut-14269861-p3.html (01.05.2018).
[5] Enthalten in: Wolfgang Benz, Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung, München 2017, S. 77f.

Zitation
Tagungsbericht: Fake und Filter – Historisch-politisches Lernen in Zeiten der Digitalisierung, 02.02.2018 Kiel, in: H-Soz-Kult, 02.05.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7667>.