Populäre Genealogie, Geschichtswissenschaft und Historische Demographie

Ort
Münster
Veranstalter
Arbeitskreis Historische Demographie; Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie, Westfälische Wilhelms-Universität Münster; Centre for Digital Humanities, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Datum
16.03.2018 - 17.03.2018
Von
Henning Bovenkerk, Westfälische Wilhelms-Universität Münster; Georg Fertig, Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Zu berichten ist über eine Tagung, die sich, von Interessen an ländlicher Geschichte und historischer Demographie ausgehend, neuen und alten Formen von populärer, außerakademischer Beschäftigung mit der Geschichte von Familien (der eigenen wie auch anderer) widmete. Für die vor allem auf internationaler Ebene blühende historische Demographie ist die Genealogie ein zentraler Datenlieferant, wie John Knodel es schon im vielzitierten Gründungsjahrgang 1975 von ‚Geschichte und Gesellschaft‘ deutlich machte. Auch für die neuere Agrargeschichte in Deutschland waren lokale genealogische Quellen schon lange Zeit von hoher Relevanz. Die wichtigsten (ländlichen) Lokalstudien von Vertretern der Göttinger Mikrogeschichte wie Sabean, Schlumbohm und Medick haben maßgeblich mit Genealogien gearbeitet und Themen der Verwandtschaft analysiert. Von diesen Studien sind wichtige Impulse für die Geschichte des ländlichen Raums ausgegangen. Umgekehrt ist der ländliche Raum auch für die populäre Genealogie besonders wichtig: Sie beschäftigt sich zu einem sehr großen Teil mit der ländlichen Bevölkerung, aufgrund der besseren Überschaubarkeit ländlicher Überlieferung und wegen des in der Vergangenheit großen Anteils der ländlichen Bevölkerung. Dies zeigte sich ein weiteres Mal bei der Jahrestagung des Arbeitskreises Historische Demographie.

Georg Fertig (Halle) und Elisabeth Timm (Münster) führten durch die Tagung, die gleich zwei Spagate zu meistern hatte: Die interdisziplinäre Positionierung der historisch-demographischen Forschung zwischen den modernen Sozial-, Geistes- und Geschichtswissenschaften einerseits und die Zusammenarbeit zwischen Hobbygenealogen („Laien“) und universitären Historikern (der „Zunft“) andererseits. Der Schwerpunkt der Tagung lag vor allem auf den unterschiedlichen Praktiken der Genealogie und auch auf der Frage, wie Genealogie als Ressource der Geschichtswissenschaft funktioniert. Zudem entstand ein intensiver Austausch zwischen Hobby- und Fachhistorikern, in dem es vor allem auch um die gemeinsame Zusammenarbeit ging.

Unterschiedliche Motive Genealogie zu betreiben beleuchtete GEORG FERTIG (Halle) in einem kurzen Eingangsreferat. So erscheint die Konstruktion familiärer Identitäten – „wir“ Müllers oder Meiers wiesen nun einmal diesen oder jenen Wesenszug auf, weil bestimmte Vorfahren diese Eigenschaften, etwa den Leichtsinn oder die Tierliebe, in die Familie eingebracht hätten – als eine (vielleicht bürgerliche) Variante, nicht aber als die dominierende Normalform genealogischen Interesses. Eine andere Variante stelle das therapeutische Interesse an familiären Prägungen und überlieferten Familiendramen dar, zurückgehend auf die Psychoanalyse; eine dritte, von den genannten unabhängige, die spirituelle Motivation der in der genealogischen Praxis einen gewichtigen Teil leistenden Mormonen. Dass die Aufzählung nicht abschließend sein kann, machten weitere TeilnehmerInnen deutlich, die ihren schlichtweg zweckfreien Spaß am „Jagen und Sammeln“ betonten.

Die erste Session stellte die Geschichte der Genealogie in Deutschland und Amerika ins Zentrum. JÜRGEN SCHLUMBOHM (Göttingen) stellte in seinem Referat die Geschichte der teils sozialkonservativ, teils rassenkundlich motivierten Volksgenealogie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dar und analysierte ihre Kontinuitäten (etwa im Format des „Ortssippenbuchs“) und Brüche (etwa im Abbrechen der vor 1945 verbreiteten physiognomischen Erfassung lokaler Bevölkerungen). Offen bleibt, ob die Formate genealogischer Arbeit praktische rassenpolitische Relevanz hatten. KATHARINA HERING (Georgetown, USA) stellte variierende Praktiken der Selbsterforschung und Selbstbeschreibung der (sich erst über Sprache, dann über Abstammung und schließlich über Kultur definierenden) Pennsylvania-Germans in Nordamerika dar: Ging es im späten 19. Jahrhundert um die Konstruktion eines Pionier-Narrativs, das Leistungen der Pennsylvanien-„deutschen“ Einwanderer mit schreckenerregenden Zuständen im Heimatland kontrastierte, erscheint die Kultur der Pennsylvania „Dutch“ in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eher als touristische Ressource.

ROLAND LINDE (Detmold) berichtete über die Erfahrungen eines gemeinsamen Projekts von Laienforschern und Wissenschaftlern. Diese zeigten, wie ertragreich die Kombination aus engagierter, arbeitsintensiver Quellenbearbeitung und interpretation und wissenschaftlichem Anspruch im Sinne von Dokumentation und Transparenz sein kann. Dazu erarbeitete das Projekt eine Möglichkeit, mit einem neuen, an fachhistorischen Standards orientierten Verweissystem einschließlich regelmäßiger wörtlicher Quellenzitate die Ergebnisse in Form einer monographischen Publikation zugänglicher zu präsentieren. Eine andere Form der Publikation stellte IRIS GEDIG (Erftstadt) mit der Genealogie-Website[1] vor: Um die Ergebnisse ihrer genealogischen Forschungen für andere nutzbar zu machen und gleichzeitig die Datenbank flexibel erweitern zu können, entschieden sie und ihre Mitstreiter sich für die Erstellung einer Website, die Datentransparenz mit vielfältigen interaktiven Programmierungen online herstellt, einschließlich von tabellarischen Kompletterfassungen der Quellen, etwa der Kirchenbücher. Wie dann diese private Arbeit und die Datenbank in der wissenschaftlichen Arbeit genutzt werden können, zeigte BENJAMIN MATUZAK (Halle) mit seinem Dissertationsprojekt, das mit den Daten dieser Website die Auswirkungen von ökonomischem Stress auf Familienstrategien im 19. Jahrhundert untersucht, in Anlehnung an die Arbeiten des „Eurasia Population and Family History project“. Eine parallele Fragestellung verfolgt MATTHIAS ROSENBAUM-FELDBRÜGGE (Nijmegen), der erste Ergebnisse seines Dissertationsprojekts präsentierte zu Antwortstrategien auf den Tod eines Elternteils in niederländischen Familien um die Wende des 20. Jahrhunderts untersuchte.

Während bei der von Linde vorgestellten Monographie das Verweissystem positiv aufgenommen wurde, sorgte ihr Umfang in Bezug auf das spezielle Nutzerinteresse möglicherweise nur an Teilen der Publikation für Skepsis. Auf der anderen Seite stand bei der Euregio-Website dem einfachen Zugang und Zugriff auf die Daten die geringere Quellentransparenz im Detail gegenüber. Es entwickelte sich daraus nicht nur eine angeregte Diskussion um die Vorzüge der einzelnen Arten der Publikation, sondern auch um Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Formen der Zusammenarbeit und der sinnvollsten Bereitstellung der gewonnenen Erkenntnisse.

Eine ebenso angeregt wie kontrovers geführte Diskussion schloss sich an das Referat von HARALD LÖNNECKER (Chemnitz / Koblenz) über die Einschätzung zur Ausbildung und Stellung der Genealogie als geschichtliche Hilfswissenschaft an: Der pessimistischen Auffassung eines sinkenden Interesses sowohl der Studenten als auch des Staats in Bezug auf staatliche Förderung – beispielsweise durch die Schließung auf diese Fachrichtung spezialisierter Lehrstühle – stand die positive Ansicht gegenüber, dass – wenn die Genealogie in neue (geschichts-)wissenschaftliche Kontexte eingebettet wird – auch das Interesse der Studenten durchaus gegeben sei. Beim am zweiten Tag anschließenden Round Table, zu dem neben SANDRO GUZZI-HEEB (Lausanne / Sembrancher), JAN KEUPP (Münster), KATRIN MOELLER (Halle), STEPHANIE THIEHOFF (Southampton), ELISABETH TIMM (Münster) und JESPER ZEDLITZ (Kiel) beitrugen, entstand auch zu dieser Frage eine rege Diskussion.

Am zweiten Tag wurde zunächst die Quellengattung Ortsfamilienbuch ins Zentrum gestellt. VOLKER WILMSEN (Münster) beschrieb die Erarbeitung des Häuser- und Ortsfamilienbuches Albachten und gab einen Einblick in die Vielfalt und Probleme bei der Arbeit mit den dafür verwendeten Quellen. Innovativ ist die gleichzeitige Orientierung an den Ordnungsprinzipien Familie und Hausbesitz; anders als bei gängigen Ortsfamilienbüchern wurden personen- und hausbezogene Quellen jenseits der Kirchenbücher systematisch mit einbezogen. Allerdings existiert keine maschinenlesbare Fassung etwa als Online-Ortsfamilienbuch. Georg Fertig gab anschließend einen Überblick über Ortsfamilienbücher als wirtschafts- und sozialgeschichtliche Quellengattung. Er betonte ihre Eignung sowohl für die Konstruktion langer wirtschaftshistorischer Reihen (vergleichbar dem bekannten GESIS-Projekt „Deutschland in Daten“), als auch für die Mikroanalyse von Lebenslaufdaten, wie sie im ‚European Historical Population Samples Network‘ betrieben wird. Als Desiderate erscheint die bibliographische Erfassung, inhaltliche Kategorisierung und qualitative Bewertung des mittlerweile in vierstelliger Zahl vorliegenden Materials.

In der abschließenden Sitzung stellte KARL-PETER KRAUSS (Tübingen) eine methodisch weit ausgreifende, im Stil der „Mikrogeschichte“ bzw. historischen Anthropologie Demographie und Ego-Dokumente verknüpfende Analyse der Situation deutscher „Kolonisten“ im Königreich Ungarn vor, im Spannungsfeld von hoher Mortalität und subjektiver Zufriedenheit. Mit früher Heirat, hoher Sterblichkeit und Geburtenzahl erscheint die demographische Praxis der Kolonisten nicht von ihrem kulturellen „Gepäck“ geprägt, sondern von ihrer Umwelt. Damit stehen Imagination und Verbalisierung Ungarns als eines höchst attraktiven Siedlungsziels in persönlichen Briefen im Kontrast. Ebenfalls über Ungarn referierte GÁBOR KOLOH (Budapest), der sich mit der Geburtenkontrolle im evangelisch-lutherischen, deutschen Dorf Kleinmanok in der frühen Neuzeit auseinandersetzte.

Als deutliche Desiderate erschien erstens, die Kommunikation zwischen Geschichtswissenschaft und außerakademischer Genealogie zu intensivieren – meist sind es die Archive, nicht die Universitäten, die sich dieses Feldes annehmen. Zweitens fällt auf, dass der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und damit der Einsatz entsprechender Verfahren aus der Eigenlogik der Hobby-Forschung heraus zunehmend in diese einsickert. Beide Seiten können daher auch auf technischer Ebene wechselseitig voneinander lernen. Drittens kann Genealogie in ihren modernen, digitalen Ausprägungen dazu beitragen, auch die Historischen Hilfswissenschaften modern und für Studierende attraktiv auszugestalten.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: Geschichte der Genealogie

Jürgen Schlumbohm (ehemals Max-PIanck-Institut für Geschichte, Göttingen): Volksgenealogie, Dorfsippenbuch, bevölkerungsbiologisches Gesamtkataster, 1920-1950

Katharina Hering (Georgetown): Populäre Genealogie als Migrationsgeschichte: Praktiken der Familiengeschichtsforschung über die Pennsylvania Germans (Pennsylvania Dutch), 1891–1966

Sektion 2: Varianten der Zusammenarbeit

Roland Linde (Detmold / Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung): Zur Methodik genealogischer Forschung in frühneuzeitlichen Quellen und ihrer transparenten Darstellung. Erfahrungen einer Arbeitsgruppe von Laienforschern und Wissenschaftlern

Harald Lönnecker (Technische Universität Chemnitz / Bundesarchiv Koblenz): Zwischen allen Stühlen. Genealogie als Wissenschaft und Praxis

Iris Gedig (Erftstadt): Aspekte populärer Genealogie: Bericht aus der Praxis der Genealogie-Website “Familienbuch-Euregio“ (Würselen und umgebende Regionen)

Sektion 3: Aktuelle demographische Forschungen I: Krisen in der Familie

Benjamin Matuzak (Max Planck Institut für ethnologie Forschung, Halle): Coping and Caring: Institutionalised Vulnerability and Resilience of Families under Economic Pressure during Modernisation (Würselen, Meerssen, and Sart, 1850-1920)

Matthias Rosenbaum-Feldbrügge (Radboud University Nijmegen): Coping Strategies in Response to Crises: Family Split and Migration Following Parental Death in the Netherlands, 1863-1910

Sektion 4: Ortsfamilienbücher

Volker Wilmsen (Münster / Westfälische Gesellschaft für Genealogie und Familienforschung): Mehr als nur Kirchenbücher - die Quellen für das Häuser- und Ortsfamilienbuch Albachten

Georg Fertig (Universität Halle-Wittenberg): Ortsfamilienbücher als Quelle für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Round Table: Was brauchen Wissenschaftler von Genealogen, was brauchen Genealogen von Wissenschaftlern?

Sandro Guzzi-Heeb (Universität Lausanne / Sembrancher) / Jan Keupp (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) / Katrin Moeller (Universität Halle-Wittenberg) / Stephanie Thiehoff (Universität Southampton) / Elisabeth Timm (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) / Jesper Zedlitz (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

Sektion 5: Aktuelle demographische Forschungen II: Demographie Ungarns

Karl-Peter Krauss (Fachbereich Demographie / Sozialgeographie, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde): Historische Anthropologie und Genealogie. Komplementarität in der Annäherung an eine Einwanderungsgesellschaft: Deutsche „Kolonisten“ im Königreich Ungarn (18. und frühes 19. Jahrhundert)

Gábor Koloh (ELTE-Universität Budapest): Birth control in Kleinmanok. Case study of a Lutheran German Village in Hungary

Anmerkung:
[1]http://www.familienbuch-euregio.de (02.05.2018).

Zitation
Tagungsbericht: Populäre Genealogie, Geschichtswissenschaft und Historische Demographie, 16.03.2018 – 17.03.2018 Münster, in: H-Soz-Kult, 10.05.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7691>.
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Veröffentlicht am
10.05.2018
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