Belgier in Deutschland (1945-2004)

Ort
Vogelsang
Veranstalter
Guido Thiemeyer, Universität Düsseldorf
Datum
12.04.2018 - 13.04.2018
Von
Vitus Sproten, Zentrum für Ostbelgische Geschichte, Universität Luxemburg

Die Historiographie ist sich darüber einig, dass die Präsenz ausländischer Truppen eine gewichtige Rolle für zahlreiche geschichtliche Entwicklungen im Deutschland der Nachkriegsjahrzehnte spielte: Sei es auf Ebene der Westintegration, dem militärischen Schutz während des Kalten Krieges oder auf Ebene der Kultur. Besondere Aufmerksamkeit hat bis dato im westdeutschen Kontext die Präsenz amerikanischer, britischer und französischer Truppen erfahren. Einen blinden Fleck dieser deutschen Nachkriegsgeschichte hat der Workshop „Belgier in Deutschland (1945-2004)“, der am 12. und 13. April 2018 am Internationalen Platz Vogelsang stattfand, erkundet: Die 59-jährige Präsenz belgischer Truppen in Teilen Nordrhein-Westfalens und Hessens.

In seiner Einleitung formulierte GUIDO THIEMEYER (Düsseldorf) die Ziele des Workshops und legte dar, warum dieser Aspekt der Geschichte nicht nur aus deutscher Perspektive einer größeren Aufmerksamkeit bedarf. Obwohl rund 2,5 Millionen Belgier von 1945 bis 2004 als Berufssoldaten, Zivilisten, Lehrer, Priester oder Wehrdienstleistende in Deutschland waren, hat die Thematik auch aus belgischer Warte bisher nur geringe Beachtung erfahren. Dementsprechend war das Hauptziel dieser belgisch-deutschen Zusammenkunft eine erste Erkundung des Forschungsfeldes in Hinblick auf eine zukünftige Bearbeitung des Gegenstands. Hierunter fielen Fragestellungen, wie eine deutsch-belgische Verflechtungsgeschichte erzählt werden kann, welche Kategorien entwickelt werden können, wie thematische Schwerpunkte angelegt werden sollen und wie der behandelte Zeitabschnitt gegliedert werden soll; auch in Hinblick auf Kontinuitäten in Bezug auf die Zwischen- und Kriegszeit sowie die Nachnutzung der Truppenübungsplätze und des architektonischen Erbes.

In seiner Präsentation ging JAN VAN DER FRAENEN (Brüssel) unter anderem auf die schwierige Frage einer Periodisierung der belgischen Präsenz in Deutschland ein. Unter Rückgriff auf die militärische, öffentliche und private Sphäre schlug er eine Trias vor. Den Übergang von der Besatzungsarmee zu den in die NATO integrierten Belgischen Streitkräften in Deutschland (1951), den Fall der Berliner Mauer sowie die Verstärkung des europäischen Integrationsprozesses am Anfang der 1990er-Jahre machte er als wichtige Brüche aus.

Im Anschluss hieran fokussierte sich CHRISTOPH BRÜLL (Luxemburg) auf die Zeit der belgischen Präsenzpolitik in Deutschland und verdeutlichte anhand seiner fundierten Präsentation, als wie schwierig sich eine zeitliche Einteilung der Thematik erweist. Unter anderem stellte er in seinem Vortrag das Geflecht aus Zielen und Gründen der belgischen Besatzung vor: Sicherung territorialer und wirtschaftlicher Interessen, Prestigegründe, moralische Verpflichtungen gegenüber den Befreiern Belgiens, mithin außenpolitische Gründe, die die rein militärischen Gründe bei Weitem überwogen. Schlussfolgernd setzte er das Ende einer ersten Phase der belgischen Präsenz etwas später (1955) als van der Fraenen an. Dies machte er an einer Besserung der politischen Beziehungen fest, die den sozialen Entwicklungen voraus gewesen seien.

Eine Reihe von Beiträgen widmete sich in detaillierteren Fallstudien den Truppen an vier Standorten in Deutschland. Verbindendes Element dieser Studien war die Frage, wie die Kontaktzonen zwischen Deutschen und Belgiern zu bewerten sind. Obwohl zahlreiche Parallelen zwischen den Standortgeschichten MARC LAPLASSEs (Brüssel) zu Lüdenscheid, CLAUDIA HIEPELs (Essen) zu Soest und CHRISTIAN HENRICH-FRANKEs (Siegen) zu Siegen auszumachen waren, legten die Vorträge die Schwierigkeit einer Geschichte der Belgier in Deutschland offen. So kristallisierten sich anhand dieser Fälle Probleme der Normativität einer deutsch-belgischen Beziehungsgeschichte heraus. Wiederkehrend war die Frage nach der Intensität der zwischenmenschlichen Kontakte und deren Bewertungsmaßstäben. Als Einflussfaktoren wurden hierbei unter anderem die Wohnungskonkurrenz zwischen belgischen Soldaten, Ausgebombten und deutschen Flüchtlingen, Klassenunterschiede auf deutscher und belgischer Seite, städtebauliche Entwicklungen und die Strategie der belgischen Kulturpolitik ausgemacht. Alle drei Vorträge beschäftigten sich ebenfalls mit der Frage, inwiefern Entwicklungen in den jeweiligen Kasernen singulär waren oder auch auf andere Standorte übertragen werden können. Zweifelsohne konnten in diesem Zusammenhang erste Kategorien gebildet werden: Große Unterschiede wurden zwischen den östlichen und westlichen (grenznahen) Kasernen ausgemacht. Ebenfalls wurde eine weitere Erforschung der Unterschiede zwischen Standorten, die durch flämische bzw. französischsprachige Soldaten bewohnt wurden, angeregt. In dieses Themenspektrum fielen Debattenstränge, die eine tiefergehende Reflexion über spezifisch belgische Phänomene im Gegensatz zu Parallelen zwischen den Besatzungsmächten bzw. Nato-Partnern ansprachen. Zudem konnten ähnliche Narrative ausgemacht werden, die unter dem Leitmotiv eines „Aus Besatzern wurden Freunde“ zusammengefasst werden können. Hiepel sprach in diesem Zusammenhang von einer Ritualisierung der Beziehungen zwischen Deutschen und Belgiern, die sich laut Henrich-Franke in den Quellen eher auf den höheren hierarchischen Ebenen des Militärs und der Kommunen ausmachen lassen.

Überraschende Beiträge zu der Thematik der Kontaktzonen zwischen Deutschen und Belgiern lieferten JONAS KRÜNING (Düsseldorf) sowie PIERRE MULLER (Neu-Löwen) am Folgetag. Anhand ihrer Vorträge wurde die Wichtigkeit alternativer Fragestellungen und Quellenbestände für die Erforschung des Gegenstands deutlich. Krüning ging am Beispiel der Öffnung des Truppenübungsplatzes Troisdorf und der Wahner Heide als Naherholungsziel für die Bewohner auf die Auseinandersetzungen kommunaler Behörden mit den belgischen Streitkräften in den 1970er-Jahren ein. Er verwob geschickt Themen der Freizeit- und Mentalitätengeschichte sowie der Bürokratiegeschichte. In seiner Studie zu belgischen Panzern in Deutschland, die sich an der Schnittstelle zwischen Kulturanthropologie und Militärgeschichte befand, ging Muller auf durch Panzer verursachte Umwelteinflüsse, Lärmstörung, Sachbeschädigung, Übungsmanöver oder Verschmutzung ein. Hiermit verband er das wechselvolle Verhältnis zwischen belgischem Militär und deutscher Bevölkerung.

Als Plädoyers für eine weitere Erforschung der belgischen Präsenz in Deutschland können die Beiträge ALEXANDER KIERDORFs (Köln) und BURKHARDT SCHNETTLERs (Soest) gewertet werden. Ersterer ging auf die teils unsichere Zukunft des architektonischen Erbes der belgischen Truppen im Bergischen Land ein und sprach im Zuge dessen auch die eingangs des Workshops besprochenen Kontinuitäten zwischen Preußischen- und NS-Kasernen sowie der Nutzung durch das belgische Militär an. Hierunter fallen ebenfalls die bereits durch Brüll erwähnten Parallelismen zwischen der Rheinlandbesetzung der 1920er-Jahre und der Nachkriegszeit.

Die zukünftige Forschung zu Belgiern in Deutschland wird sich im Nachgang des Workshops vor allem an folgenden Elementen orientieren müssen: Eine Einordnung des Komplexes in die Geschichte des Ost-West-Konfliktes, der Europäischen Integration oder der leider vernachlässigten Geschichte der bilateralen deutsch-belgischen Nachkriegsbeziehungen. Ebenfalls kam wiederholt die Frage nach der Virulenz des innerbelgischen Konflikts zwischen Flamen und französischsprachigen Belgiern in Deutschland auf. Völlig fehlten während des Workshops Beiträge zur klassischen Militärgeschichte sowie Beiträge mit einer stärkeren biographischen Komponente.

Einen wichtigen Beitrag zum Workshop leisteten teils induktive Beobachtungen. Diese Spuren einer deutsch-belgischen Verflechtungsgeschichte trugen dazu bei, ein nuancenreicheres Bild der Thematik zu zeichnen. Dementsprechend wurde in der durch Guido Thiemeyer geleiteten Schlussdiskussion und Betrachtung auch die Relevanz alternativer Quellen unterstrichen. So kamen unter anderem der Stellenwert von Oral History Projekten, Bildquellen oder eine systematische Erfassung von Zeitzeugenerfahrungen anhand von Fragebögen zur Sprache.

Konferenzübersicht:

Stefan Wunsch (Wissenschaftlicher Leiter Akademie Vogelsang): Begrüßung

Guido Thiemeyer (Universität Düsseldorf): Einleitung

Sektion 1: Von der Belgischen Besatzungsarmee zu den Belgischen Streitkräften in Deutschland

Jan Van der Fraenen (War Heritage Institute, Brüssel): De l’occupation militaire aux adieux fraternels: évolution des relations belgo-allemands, 1945-2004

Christoph Brüll (C²DH, Universität Luxemburg): Belgien in Deutschland oder Belgier in Deutschland? Die Zeit der Präsenzpolitik (1945-1955)

Sektion 2: Lokale Präsenz

Marc Laplasse (Brüssel): Lüdenscheid

Claudia Hiepel (Universität Duisburg-Essen): Soest

Jonas Krüning (Universität Düsseldorf): Troisdorf

Christian Henrich-Franke (Universität Siegen): Siegen

Sektion 3: Spuren

Pierre Muller (Katholische Universität Neu-Löwen, UCL): Les blindés des FBA: une pomme de discorde entre civils allemands et militaires belges

Vitus Sproten (Universität Luxemburg, Zentrum für Ostbelgische Geschichte): Populärkultur Transnational, Belgisch-Deutsche Kontaktzonen (1955-1990)

Alexander Kierdorf: Die Kaserne Moorslede – Spuren Belgischer Truppen in Köln und im Bergischen Land

Burkhard Schnettler (Museum der Belgischen Streitkräfte in Deutschland): Das BSD-Museum in Soest

Guido Thiemeyer (Universität Düsseldorf): Schlusskommentar, Ausblick und Anregungen

Zitation
Tagungsbericht: Belgier in Deutschland (1945-2004), 12.04.2018 – 13.04.2018 Vogelsang, in: H-Soz-Kult, 15.05.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7696>.