Eine geteilte Generation – Die Studentenrevolte und die alternativen 68er

Ort
Berlin
Veranstalter
Konrad-Adenauer-Stiftung
Datum
03.05.2018
Von
Claudius Kiene, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Ein kurzer Blick in die Feuilletons deutscher Leitmedien offenbart es: die Chiffre ‚68‘ hat bis heute wenig von ihrer Polarisierungskraft eingebüßt. Selbst in der Politik wird gegenwärtig wieder um die Deutungshoheit über ‚68‘ gerungen, wenn namhafte Politiker etwa die Forderung erheben, endlich „das Denken der 68er“ zu überwinden. Dem steht eine weitgehend nüchterne Historisierung durch die Fachwissenschaft gegenüber, die mittlerweile eine Vielzahl populärer Mythen dekonstruiert hat. So haben geschlechtergeschichtliche, lokale und transnationale Perspektiven zu einem deutlich vielfältigeren Bild der studentischen Proteste beigetragen. Die Überwindung der „bildungsbürgerlichen Fixierung“ auf männliche, linke Studenten, wie sie jüngst Christina von Hodenberg auf anregende Weise erprobt hat, hat dabei auch den Blick auf andere Akteure wie Frauen oder christdemokratische Aktivisten freigelegt.[1]

Ganz im Zeichen der neuerlichen Beschäftigung mit diesen „anderen 68ern“ stand auch die Tagung „Eine geteilte Generation – Die Studentenrevolte und die alternativen 68er“. Eröffnet wurde die Konferenz von HANNS JÜRGEN KÜSTERS (St. Augustin), der in seinen einführenden Bemerkungen den heterogenen Charakter der ‚68er‘ hervorhob und dafür plädierte, jeweils nach den konkreten Ausformungen der Bewegung zu fragen. Anders als vielen ihrer Altersgenossen sei es den „alternativen 68ern“ insbesondere um eine Reform der „Honoratiorenpartei“ CDU gegangen, ohne dabei den Konsens der parlamentarisch-repräsentativen Demokratie infrage zu stellen. Demoskopisches Diskussionsmaterial erhielt die Tagung mittels eines Vortrags von THOMAS PETERSEN (Allensbach), der im Einklang mit der Forschungsliteratur statistisch die Annahme unterfüttern konnte, dass das Jahr 1968 als Kulminationspunkt langfristiger gesellschaftlicher Umbrüche zu verstehen sei. Zudem machte er deutlich, dass es sich bei ‚68‘“ heute vor allem um ein westdeutsches Elitenthema handele. In einem deutlichen Gegensatz dazu stehe die zum Teil große Verunsicherung der westdeutschen Bevölkerung, welche die Studentenproteste zeitgenössisch bewirkt hätten.

Die Frage nach den verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Reaktionen war auch Gegenstand des ersten Panels. MANFRED KITTEL (Regensburg) beantwortete diese Frage am Beispiel Frankfurts mit Blick auf die politischen Parteien. Beim „Marsch durch die Institutionen“ hätten sich die „schwarzen 68er“ als weniger durchsetzungsstark, aber kompromissfähiger erwiesen. Die Folgen für den Charakter der Volkspartei SPD seien ebenso massiv gewesen wie im gesamtgesellschaftlichen Maßstab, in welchem die ‚68er‘ vielfach die Positionen von Sinnvermittlern wie Lehrern, Journalisten und Professoren eingenommen hätten. Mit einer anderen Art von Multiplikator beschäftigte sich der Vortrag von DETLEF POLLACK (Münster), der mit einer Reihe von Thesen das Verhältnis der Kirchen zur Studentenbewegung skizzierte. Auch Pollack betonte die Notwendigkeit, die umfangreicheren gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in den Blick zu nehmen, die auch innerhalb der Kirchen eine neue Wertorientierung nach sich gezogen hätten. Dem Protestantismus attestierte er insgesamt eine größere Nähe zur Studentenbewegung, während sich die katholische Kirche bereits mit dem zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) der Entwicklung geöffnet habe, in der Folge aber viele Erwartungen enttäuschte und einen Teil ihrer Autorität in Fragen der Sexualität und Lebensführung einbüßte. Im dritten Vortrag des Panels ging schließlich SVEN FELIX KELLERHOFF (Berlin) der Frage nach, ob es sich bei ‚68‘ auch um eine mediale Konstruktion handelt. Er bejahte diese Frage und betonte, dass es in einer liberalen Demokratie durchaus legitim sei, Medien zum „Transmissionsriemen“ eigener Anschauungen zu machen. Historiker aber seien gefordert, zwischen einem tatsächlichen Schub gesellschaftlicher Modernisierung und dem „Kern des Mythos“ um Ereignisse wie den Vietnamkongress zu trennen, bei welchem es sich tatsächlich überwiegend um eine mediale Konstruktion handele.

Das zweite Panel widmete sich näher der Frage, welche Einstellungen und Merkmale die Akteure des Jahres 1968 voneinander trennten. CHRISTINA VON HODENBERG (London) knüpfte dabei zunächst an den Vortrag Kellerhoffs an, indem sie die Bedeutung medialer Bilder und Slogans für eine „zusammengeschrumpfte“ öffentliche Wahrnehmung hervorhob. Der diesem Umstand geschuldete lokale und soziale „Tunnelblick“ blende eine Vielzahl an Akteuren aus. Hierzu gehörten Frauen, Angehörige der mittleren und älteren Generation sowie die Bewohner ländlicher Gebiete. Dies resultiert auch aus Karl Mannheims soziologischem Generationsbegriff als narrativer Grundlage, die Nichtintellektuelle und Frauen gleichsam „herausdefiniert“.[2] Ferner unterstrich von Hodenberg in ihrem Vortrag die Bedeutung der Kluft zwischen dem privaten und dem öffentlichen Handeln der ‚68er‘, in dessen Konsequenz der Generationenkonflikt gegenüber der Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern erheblich an Relevanz verliere. Anschaulich brachte sie diese Beobachtung mit der Formel vom „langen Marsch durch die Einbauküchen der Republik“ auf den Punkt. Als Merkmale eines ‚68ers‘ nannte sie politischen Aktivismus, ein Interesse am Abbau von Autoritäten sowie den Glauben an utopische Gesellschaftsentwürfe, weshalb sie die damaligen Mitglieder des RCDS nicht als „alternative 68er“ charakterisieren würde. Diese wiederum nahm JOHANNES WEBERLING (Frankfurt an der Oder) in den Blick. Er betonte den Unterschied zwischen der reformistischen Herangehensweise der Christdemokraten und dem revolutionären Selbstverständnis der radikalen Linken sowie deren medialer Vermittelbarkeit. Zudem beobachtete Weberling eine auffällige Diskrepanz zwischen der kurzfristigen Erosion der Verbandsstrukturen, wie sie der RCDS in den Folgejahren nach 1968 erleiden musste, sowie seinem erheblichen mittel- und langfristigen Einfluss auf den Reformprozess der Unionsparteien.

Die Abendveranstaltung leitete PHILIPP GASSERT (Mannheim) mit seiner Keynote ein, in welcher er nach der erinnerungskulturellen Rahmung von 1968 fragte. Er stellte fest, dass in der Erinnerung eine klare Frontstellung zwischen Staat und Studentenschaft dominiere, die wenig Raum für die Präsenz von Zwischentönen lasse. Einen Grund hierfür sah er wie einige seiner Vorredner im radikalen Umbruch des Mediensystems. ‚68‘ wirke mehr über sein „visuelles und performatives Reservoir“ als über die Inhalte, das „Wie“ überlagere in der Retrospektive das „Was“. Des Weiteren sei ‚68‘ aus einer „intellektuellen Bequemlichkeit“ heraus zur Chiffre für die fundamentale gesellschaftliche Transformation der Bundesrepublik in den langen 1960er-Jahren geworden. Mit Blick auf gegenwärtig in der Öffentlichkeit geführte Debatten merkte Gassert zudem an, dass der Streit um ‚68‘ nicht zuletzt deshalb unfruchtbar geworden sei, da die heutigen Konfliktlinien nicht mehr denen der 1960er-Jahre entsprächen.

Diesen Konfliktlinien nachzuspüren war eine Funktion der anschließend von MICHAEL BORCHARD (Berlin) moderierten Podiumsdiskussion, im Rahmen derer eine Reihe „alternativer 68er“ selbst zu Wort kam. URSULA MÄNNLE (München) hob dabei die marginalisierte Rolle hervor, die Frauen innerhalb der „alternativen 68er“ gespielt hätten. Der Beitrag von PETER RADUNSKI (Berlin) machte die Verbindung zwischen dem Engagement der RCDS-Aktivisten und der Herausforderung der Neuen Linken deutlich, welche die angestrebte Modernisierung der CDU befördert habe. Die „alternativen 68er“ seien gefragte Redner gewesen, die „von der Front“ von ihren Erfahrungen mit dem SDS berichten konnten. Auch die Gründung der Zeitschrift „SONDE“, so WULF SCHÖNBOHM (Homberg-Steindorf), ließe sich in diesen Kontext einordnen, habe sie doch dem Zweck, den radikalen Linken in Grundsatzdiskussionen auf Augenhöhe begegnen zu können, gedient. Inhaltliche Schnittmengen wiederum nahm HORST TELTSCHIK (Rottach-Egern) in den Blick. Er betonte, die „alternativen 68er“ seien eher für die Entspannungspolitik Willy Brandts eingetreten. Andererseits konnten sie von der inkonsequenten Haltung vieler Linker gegenüber Menschenrechtsverletzungen in den sozialistischen Staaten profitieren. Abschließend hob ROBERT BAUMGART (Chemnitz), stellvertretender Bundesvorsitzender des heutigen RCDS, die Aktualität des Engagements der damaligen Mitglieder hervor, da christdemokratische Hochschulgruppen nach wie vor mit sehr ähnlichen Problemstellungen konfrontiert seien.

Insgesamt bestätigte die Tagung den fortgeschrittenen Trend der Differenzierung, der Einzug in die Forschung erhalten hat. Die Beschäftigung mit den „alternativen 68ern“ hat in diesem Sinne weitere „Zwischentöne“ zu Tage gefördert und verdeutlicht, wie ergiebig in historischer Perspektive gerade die Nischenphänomene des Jahres 1968 sein können. Mit Blick auf den häufig verwendeten Begriff der „Generation“ wäre es allerdings hin und wieder wünschenswert gewesen, die Funktionsweise der Generation als „imagined community“ ins Gedächtnis zu rufen und auf ihre Implikationen hin zu befragen. Dies gilt umso mehr, wo doch die Tagung aus vielen Perspektiven heraus die Heterogenität der Bewegung ebenso wie die Fragwürdigkeit der zeitlichen Engführung auf das Jahr 1968 anschaulich vor Augen geführt hat.

Konferenzübersicht:

Begrüßung

Hanns Jürgen Küsters (St. Augustin)

Einführung: 1968 im Spiegel der Demoskopie
Thomas Petersen (Allensbach)

Panel I: Konfrontation und Kooperation – Gesellschaftliche und politische Reaktionen auf die 68er-Bewegung
Moderation: Kathrin Zehender (Berlin)

Manfred Kittel (Regensburg): Die Reaktionen der politischen Parteien

Detlef Pollack (Münster): 1968 und die Kirchen

Sven Felix Kellerhoff (Berlin): 1968 als Konstrukt der Medien?

Panel II: 1968 – Eine geteilte Studentenbewegung
Moderation: Judith Michel (Berlin)

Christina von Hodenberg (London): 1968 als Konflikt der Generationen?

Johannes Weberling (Frankfurt an der Oder): Der RCDS als politische Alternative zur studentischen Linken

Keynote

Philipp Gassert (Mannheim): 1968 in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik

Podiumsdiskussion
Moderation: Michael Borchard (Berlin)

Ursula Männle (München): Frauen im RCDS in den 1960er/70er-Jahren

Peter Radunski (Berlin): Der Einfluss der politischen Theorie des RCDS auf die CDU/CSU

Wulf Schönbohm (Homberg-Steindorf): Die Zeitschrift SONDE – Neue Christlich Demokratische Politik

Horst Teltschik (Rottach-Egern): Außen- und deutschlandpolitische Impulse des RCDS

Robert Baumgart (Chemnitz): 1968 – Nachwirkungen auf den RCDS

Anmerkungen:
[1] Christina von Hodenberg, Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte, München 2018, hier S. 12; Anna von der Goltz, Other ’68ers in West Berlin: Christian Democratic Students and the Cold War City, in: Central European History 50 (2017), Heft 1, S. 86-112.
[2] Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, München 1928; Siehe hierzu vor allem: Ulrike Jureit / Michael Wildt (Hg.), Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs, Hamburg 2005.

Zitation
Tagungsbericht: Eine geteilte Generation – Die Studentenrevolte und die alternativen 68er, 03.05.2018 Berlin, in: H-Soz-Kult, 22.05.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7704>.
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Veröffentlicht am
22.05.2018
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