Mädchenbildung durch Frauenorden

Ort
Freising
Veranstalter
Stiftung Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising
Datum
09.03.2018
Von
Stefan Owandner, Stiftung Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising

Am 09. März 2018 lud die Stiftung Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Frauenorden, katholischen Schulen des Erzbistums München und Freising sowie Verantwortliche des Erzbischöflichen Ordinariats München ins Kardinal-Döpfner-Haus Freising zum Symposium „Mädchenbildung durch Frauenorden“ ein. Stiftungsdirektorin CLAUDIA PFRANG (München) führte zu Beginn in die besondere Thematik ein, die bislang wenig Beachtung in der Wissenschaft gefunden hat. Daher initiierte die Stiftung das Projekt „Mädchenbildung durch Frauenorden“, das in Kooperation mit dem Erzbischöflichen Ordinariat und der Ludwig-Maximilians-Universität München anlässlich des 350-jährigen Jubiläums der Landshuter Ursulinen durchgeführt wird. Ziel ist es, die Beiträge klösterlicher Schulen zur Mädchenbildung einer interdisziplinären wissenschaftlichen Betrachtung zu unterziehen, um so das Bild des „katholischen Mädchens vom Lande“, welches bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts als die Verliererin des deutschen Bildungssystems schlechthin galt, differenzierter zu beleuchten.

ANNE CONRAD (Universität des Saarlandes) widmete sich als Inhaberin des Lehrstuhls für Biblische Theologie und Expertin für Fragen der geschlechterspezifisch-klösterlichen Bildung in der Neuzeit in ihrem Einführungsvortrag den historischen Voraussetzungen und Ursprüngen mericianisch-ursulinischer Pädagogik. Zum einen fokussierte sie die Gründungsphase des Ursulinenordens durch Angela Merici, zum anderen die Schulsituation um 1500. Anlässlich des Landshuter Jubiläums stellte sie im Folgenden anhand des dortigen Klosters St. Josef exemplarisch die Hoch-Zeit des Ursulinenordens dar und arbeitete den spezifischen Nutzen des klösterlichen Unterrichts und seiner Struktur im 17. Jahrhundert heraus. Auf die Darstellung der neuzeitlichen Umbrüche in der Gesellschaft, die Bedeutung des Ordensfrühlings im 19. und des intellektuellen Aufbruchs im frühen 20. Jahrhundert, ging Conrad den Perspektiven mericianisch-ursulinischer Pädagogik für die Gegenwart nach und zeigte die bleibende Relevanz deren Leitlinien „Liebe, Zurückhaltung, Milde“ auf.

Um in die im Rahmen des Projektes bearbeiteten Archivquellen einzuführen, erörterte ROLAND GÖTZ (Archiv des Erzbistums München und Freising) in seinem Kurzvortrag, wie mit den nun zugänglichen Beständen des Ursulinenklosters Landshut und des Salesianerinnenklosters Beuerberg verfahren wird. Nach Einblicken in die archivarische Erschließungsarbeit und einem Überblick über die vorhandenen Bestände präsentierte Götz auch das neue Findbuch zu den Archivalien des Ursulinenklosters Landshut.

Anknüpfend an die Darstellung mericianischer Pädagogik durch Conrad eröffnete STEFAN OWANDNER (Stiftung Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising), Leiter des Projekts „Mädchenbildung durch Frauenorden“, den Problemhorizont der zeitbedingten Rezeption ursulinischer Pädagogik: Auch wenn diese heute insgesamt als zeitgemäß und modern wahrgenommen würde, entsprach sie zur Blütezeit des klösterlichen Mädchenschulwesens im langen 19. Jahrhundert nicht dem Zeitgeist. Owandner zeigte dies an Beispielen aus den Bereichen Sozial-, Religions- und Bildungsgeschichte. Neben der sozialgeschichtlichen Frage nach dem Mehrzweck von Mädchenbildung und der damit resultierenden Frage nach der Stellung der Frau in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts richtete er das Augenmerk in religionsgeschichtlicher Hinsicht besonders auf den Kulturkampf. Zum einen erschwerte eine in weiten Schichten der Bevölkerung vorherrschende Abneigung gegen den Katholizismus und seinen Klerus die Entfaltung des klösterlichen Schulwesens. Zum anderen wurde die Entfaltung aufgrund des Ultramontanismus-Vorwurfs auch von staatlicher Seite aus sanktioniert, da der deutsche Katholik zwangsweise in einem Loyalitätskonflikt zwischen Papst und preußisch-protestantischem Kaiser stehen müsse. Als Beispiel zeitgenössischer Pädagogik verwies Herr Owandner auf die Pädagogik Maria Montessoris und vor allem auf die ihr zugrunde liegende, im historischen Kontext nicht unproblematische Anthropologie sowie deren Eignung für totalitäre politische Systeme.

Diese Kontrapunkte mericianischer Pädagogik skizzierten einerseits den zeitlichen Rahmen, in dem das Ursulinenkloster Landshut und das Salesianerinnenkloster Beuerberg im 19. Jahrhundert agieren mussten, und boten andererseits eine zeitliche Kontextualisierung. Vor diesem Hintergrund öffnete Owandner sechs Blickwinkel auf das Themengebiet „Mädchenbildung durch Frauenorden“ auf Basis des bisher analysierten Archivmaterials beider Klöster. Er ging auf die innere Diversität des klösterlichen Schulwesens, die zugrunde liegende gemeinsame Anthropologie, die Regulierung zeitgenössischer Entwicklungen im pädagogischen Kontext und den Beitrag zum Gelingen der innerdeutschen Bildungsinfrastruktur ein und zeigte einen möglichen Auslöser der Krise des klösterlichen Schulwesens unter vielen auf. Als sechste Perspektive forderte er in Form einer Meta-Perspektive, das Bild des „katholischen Mädchens vom Lande“ unter Würdigung der Ergebnisse historisch-systematischer Reflexion vom Stereotyp der Bildungsferne dringend zu entkoppeln. Anschließend wurden die Thesen dem Plenum zur Diskussion gestellt. Hier wurde vor allem eine weitere Analyse und Untersuchung der Thematik hinsichtlich des Gedankens der Ganzheitlichkeit und deren historischer Variabilität angemahnt sowie auf weitere Gründe der Krise des klösterlichen Schulwesens verwiesen. Auch auf die Bedeutung von Gefühls- bzw. Herzensbildung im klösterlichen Kontext wurde aufmerksam gemacht und diese als Spezifikum des Ordensschulwesens herausgestellt.

Nach Betrachtung der Mädchenbildung durch Frauenorden im geschichtlichen Kontext schlug der Nachmittag die Brücke in die Gegenwart und wagte einen Ausblick in die Zukunft. Den Auftakt machte Ordinariatsdirektorin SANDRA KRUMP (Erzbischöflichen Ordinariat München); sie lenkte im Horizont einer Situationsanalyse und konstruktiven Würdigung der gegenwärtigen Wandlungsprozesse das Augenmerk von der Mädchenförderung auch auf die Jungenförderung. Zudem stellte Krump das pädagogische Grundkonzept der Erzbischöflichen Schulen vor. Mit Blick auf das Erbe der Frauenorden sei es das Gebot der Stunde, das Erbe sowohl zu erschließen als auch zu bewahren, nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Schulwesens.

Diese Entwicklungen im Schulwesen der Erzdiözese München und Freising diskutierten im Anschluss auf einem von Pfrang moderierten Podium verschiedene Akteure der diözesanen Bildungslandschaft; neben Krump beteiligten sich HUBERT GRUBER (Schulleiter des Erzbischöflichen Maria-Ward-Gymnasiums, München), RUTH SCHLIEBS (Schulleiterin der Erzbischöflichen Maria-Ward-Realschule St. Zeno, Bad Reichenhall), SR. BRIGITTE WERR OSU (Föderation deutschsprachiger Ursulinen) sowie ELISABETH ZWICK (Institut für Pädagogik der LMU München). Hierbei verwies Zwick auf die Bedeutung einer historischen Selbstverortung und -reflexion im Bildungsbereich. Aufgabe der Kirche sei es, das Eigene stärker herauszuarbeiten, da grundsätzlich die christliche Tradition vom enormen Mehrwert für das moderne Bildungssystem sei.

Nach einem Schlussimpuls von SEBASTIAN KISTLER (Hilfswerk missio München) mit der Akzentuierung des weltweiten, auch noch heute andauernden Engagements der Frauenorden im Bereich der Mädchenbildung im außereuropäischen Ausland, wurde ein durchwegs positives Fazit der Veranstaltung gezogen. Wünschenswert seien eine weitere historische Aufbereitung von Dokumenten und Realien sowie die Anfertigung von biographischen Interviews. Eine sukzessive Zugänglichmachung könne helfen, die Beiträge der Frauenorden zu Mädchenbildung sichtbarer zu machen und im Bewusstsein katholischer Bildungsarbeit zu verankern.

Konferenzübersicht:

Anne Conrad (Universität des Saarlandes): Die Zeichen der Zeit erkennen! – Die Mädchenschulen der Ursulinen auf dem Weg durch die Neuzeit

Roland Götz (Archiv des Erzbistums München und Freising): Zwischen Klausur und Wissenschaft. Das Archiv des Erzbistums München und Freising und die Archive aufgelöster Klöster

Sebastian Kistler (Hilfswerk missio München): Das Engagement der Frauenorden weltweit

Sandra Krump (Erzbischöfliches Ordinariat München und Freising): Wohin geht die Reise? Konsequenzen aus dem Erbe der Frauenorden für katholische Schulträger

Stefan Owandner (Stiftung Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising): Der Beitrag der Orden zur Mädchenbildung am Beispiel der Salesianerinnen in Beuerberg und der Ursulinen in Landshut

Zitation
Tagungsbericht: Mädchenbildung durch Frauenorden, 09.03.2018 Freising, in: H-Soz-Kult, 23.05.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7705>.