Ort
Berlin
Veranstalter
Silvy Chakkalakal, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin; Gabriele Jähnert, Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien, Humboldt-Universität zu Berlin; Brigitta Kuster, Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin; L.J. Müller, Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin; Katrin Köppert, Institut für Geschichte und Theorie der Gestaltung / Visuellen Kultur, Universität der Künste Berlin
Datum
08.06.2018
Von
Irene Hilden, Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Wie entstehen normative Klangbilder von Geschlecht und wie können sie analysiert und verlernt werden? Wann fungiert Schweigen als Widerstand? Wie ist die Wirkmächtigkeit von Aufnahme- und Abspielort von Tönen zu bewerten? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigten sich die Teilnehmer_innen des eintägigen Symposiums „Un/Sounding Gender“, das sich dem Phänomen und Wissensobjekt Sound aus gendertheoretischen, historischen, künstlerischen sowie kultur- und musikwissenschaftlichen Perspektiven widmete. Bereits in ihrer inhaltlichen Einführung stellte KATRIN KÖPPERT (Berlin) aktuelle Bezüge zu gesellschaftspolitischen Themen her und rückte die Gleichzeitigkeit der genderpolitischen Notwendigkeit in den Fokus, einerseits die Stimme zu erheben und sich Gehör zu verschaffen, anderseits aber auch das Potential von silence auszuloten. Klanglich wie bildlich stimmte Köppert mit dem Musikvideo zu „PYNK“ (2018) von Janelle Monáe auf die Tagung ein.

Die Prämisse, Rechtspopulismus könne längst nicht mehr als Männersache abgetan werden, nahm GABRIELE DIETZE (Trier) in ihrem Eröffnungsvortrag zum Anlass, sich mit Bild- und Textstrategien im rechtspopulistischen Frauenpop auseinanderzusetzen. Ihre Überlegungen verortete Dietze vor dem Hintergrund, dass sich immer mehr und vor allem junge Frauen in den Spitzen rechtspopulistischer Parteien hervortun würden und sich zudem ein zunehmender antimuslimischer Feminismus als diskursive Formation beobachten ließe. In ihrer Analyse betonte Dietze die dynamische Paradoxie, die sich im Aufkommen rechtspopulistischen Frauenpops als neuer (vor)politischer Bühne zeige, aber auch in seiner Performanz erkennbar werde. Diese zeichne sich darin aus, menschenverachtende und rassistische Inhalte mit Elementen von Humor und Ironie zu vermitteln. Gleichzeitig könne konstatiert werden, dass Zeichensysteme und Diskurse linker Bewegungen übernommen und angeeignet würden. Dietze sprach in diesem Zusammenhang von einer Form von Diskurspiraterie, die sich nicht zuletzt in dem Spiel mit Ambivalenzen erkennen ließe. So arbeitete sie in ihrer Untersuchung der Ikonographie verschiedener rechter Musikvideos beispielsweise die Kontrastierung zwischen Militär und Weiblichkeit sowie Chanson und Mystik heraus.[1] In der Mobilisierung von Weiblichkeit in der neuen Rechten sieht Dietze besorgniserregende und schnell wachsende Bestrebungen, denen die Gender Studies bisher kaum im gleichen Tempo Erklärungsmodelle entgegenzusetzen wüssten.

Der Beitrag von L.J. MÜLLER (Berlin) war dagegen nicht der Bedeutung visueller Elemente, sondern einer Analyse von Klang anhand von Beispielen aktueller Mainstreammusik gewidmet. Zu Beginn des Vortrags verwies Müller darauf, dass die genderkritische Klangforschung in der Untersuchung des affektiven Gehalts von Musik bisher noch auf die Forschungswerkzeuge anderer Disziplinen und Theoriebildungen zurückgreifen müsse. Unter anderem würden feministische Filmforschung, Psychoanalyse und Performanztheorie Instrumente für die Betrachtung normativer Klangbilder von Geschlecht liefern. Anhand von Soundbeispielen stellte Müller zunächst klangliche Affekte vor, die weiblichen Sängerinnen ein eigenes Begehren ab- und im Gegensatz dazu männlichen Sängern Handlungsfähigkeit und Aktivität zusprechen würden.[2] In der klanglichen Analyse eines aktuellen Songs der US-amerikanischen Popsängerin Taylor Swift hob Müller anschließend Abweichungen hervor.[3] So stellte Müller die klanglich stark bearbeitete Stimme Swifts in ein Verhältnis mit dem dadurch evozierten Bild eines Cyborgs – eines technisierten handlungsfähigen Subjekts. Ob darüber hinaus die Privilegierung als weiße Sängerin ebenso klanglich bestimmt werden könnte, wurde in dem Vortrag und der nachfolgenden Diskussion nicht eindeutig geklärt. Offen blieb auch, ob in der Betrachtung von Klangereignissen und Genderfragen die Produktionsbedingungen der Herstellung von Sound außenvorgelassen werden könnten.

Den Mittelpunkt des Beitrags von VERONIKA MUCHITSCH (Uppsala) bildete die Single „Drone Bomb Me“ (2016) von ANOHNI. In ihrer Präsentation betonte Muchitsch die explizit politische Agenda des Albums von ANOHNI, der Norm von Zweigeschlechtlichkeit und einer vermeintlichen Übereinstimmung von Körper und Stimme etwas entgegenzusetzen.[4] Sowohl der Sound, als auch die Lyrics und visuellen Effekte seien von posthuman anmutenden Verflechtungen zwischen Technologie und moderner Kriegsführung, Körperlichkeit und Intimität geprägt. Während diese Dimensionen eine paradoxe Hörerfahrung ermöglichen würden, müsse die künstlerische Praxis von ANOHNI auch einer kritischen, intersektionalen Betrachtung unterzogen werden. So würden die stimmliche Performance und das Experimentieren mit technisch stark bearbeiteten Vocals in einem Widerspruch zu den von ANOHNI genutzten visuellen Elementen stehen. Die Erscheinung von weiblichen Körpern of Colour in Musikvideos oder während Bühnenshows sei auf eine visuelle Wirkmächtigkeit beschränkt, da die abgebildeten Personen über keine eigenen Stimmen verfügten. ANOHNI könne daher eine unkritische Aneignung dieser Bilder und eine gewisse Ignoranz gegenüber der Frage von race vorgeworfen werden.

Der zweite Teil des Symposiums widmete sich auf unterschiedliche Weise historischen Klangerzeugnissen und der Frage nach dem aktuellen Umgang mit akustischen Quellen. BRITTA LANGE (Berlin), die sich aus kulturwissenschaftlicher Perspektive seit Langem mit Tonaufnahmen aus dem Berliner Lautarchiv beschäftigt, nahm eine einzelne Aufnahme zum Ausgangspunkt, um den Verflechtungen von Technik, Wissenschaft und Geschlecht nachzugehen. Im Zentrum stand die Tonaufnahme von Theophile Helme, die am 18. März 1940 in einem Umsiedlungslager für sogenannte Volksdeutsche in Sachsen zu wissenschaftlichen Zwecken aufgezeichnet wurde. Lange fragte, ob in der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit der Aufnahme und mithilfe der Methode des close-listening mehr ins Gehör gebracht werden könne als es die damalige Dialekt- und Volkstumsforschung vorsah. In Anlehnung an Friedrich Balkes Sprechaufzeichnungsdispositiv wies Lange auf die Bedingtheit der Aufnahmesituation wie -intention hin. [5] So ging es den Forschenden vornehmlich darum, ein bestimmtes – letztlich auch für politische und ideologische Kontexte nutzbares – Wissen zu produzieren, was sich auch mit dem Begriff der Hörbarmachung fassen ließe. Lange betonte, dass weder der Ort, an dem eine Aufnahme aufgezeichnet wurde, noch der heutige Abspielort als neutral verstanden bzw. reproduziert werden dürften. Diese Einsicht sei auch im Rahmen einer gegenwärtigen wissenschaftlichen Praxis wichtig, die beispielsweise an der historischen Beleuchtung von Geschlechterrollen interessiert sei.

Aus kuratorischer Perspektive setzte sich SASKIA KÖBSCHALL (Berlin) in ihrem Beitrag mit Leerstellen in der Geschichtsschreibung und mit kolonialen Spuren im Berliner Phonogramm- und Lautarchiv auseinander. Während des Ersten Weltkriegs wurden in deutschen Kriegsgefangenenlagern Aufnahmen von Internierten, darunter auch französische Kolonialsoldaten (tirailleurs sénégalais), gemacht, die sich bis heute in Berliner Archiven befinden, bisher aber meist nur am Rande in historischen Narrativen auftauchen. Köbschall betonte, dass die Tonaufnahmen in Ausstellungskontexten nicht zu reinen Exponaten gemacht werden, sondern den Ausgangspunkt einer reflektierten Betrachtung von Prozessen des silencing in Archiven und der Historiografie bilden sollten. Auch stellte Köbschall die Frage, was künstlerische Interventionen leisten können und wo die Grenzen politisch engagierter künstlerischer Praxis liegen. Eine Kunstausstellung 2016 in Dakar, in der auch Aufnahmen von tirailleurs sénégalais gezeigt wurden, konnte beispielsweise ein breites Spektrum an Publikumsreaktionen bis hin zu Restitutionsforderungen hervorrufen. Die aktuelle Ausstellung in der Berliner Humboldt-Box hätte es dagegen versäumt, die kolonialen Dimensionen der Berliner Schallarchive angemessen zu thematisieren. Köbschall plädierte für eine Beschäftigung mit sensiblen Tonaufnahmen in Ausstellungen und künstlerischen Interventionen, die nicht auf eine Historisierung und Reflexion der jeweiligen Praxis verzichten dürfe.

Die Künstlerin NATHALIE ANGUEZOMO MBA BIKORO (Berlin) präsentierte in ihrem Beitrag verschiedene eigene künstlerische Antworten auf und Auseinandersetzungen mit koloniale(n) Archive(n). In Anspielung auf den Tagungstitel „Un/sounding Gender“ verzichtete Bikoro dabei bewusst auf die Präsentation von Hörbeispielen. Stattdessen stellte sie zur Diskussion, was der Sound von Gender sei und wie ein normatives Hören verlernt werden könne. Den Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Praxis bildet die Suche nach Stimmen von Frauen in verschiedenen audiovisuellen Archiven und privaten Sammlungen. Weibliche Präsenzen, so Bikoro, würden sich nicht nur in den wenigen historischen Quellen von Frauen, sondern auch dann zeigen, wenn Narrative über Frauen als Liebhaberinnen, Mütter oder Ehefrauen in Archiven auftauchen. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie sich Bikoros künstlerischer Zugang weniger um den wissenschaftlichen Anspruch einer historischen Aufarbeitung dreht, sondern vielmehr darum, die Politiken des Archivs zu dekonstruieren und auf Leerstellen hinzuweisen. Demgegenüber betonte Britta Lange, dass das Archiv als ein Ort historischer Quellen begriffen werden sollte, in dem sich durchaus Fragmente antikolonialer Diskurse zeigen, sofern auch die Praktiken des (Zu)Hörens reflektiert würden. Auf die Frage nach Möglichkeiten von Widerstand und agency im Medium Ton antwortete Lange mit Bezug zu Gayatri Chakravorty Spivak, dass die Subalternisierten im Archiv aufgrund der prekären Aufnahmesituation und des Aufzeichnungsdispositivs nicht sprechen könnten, sich mithilfe des close-listening aber flüchtige Momente von agency beispielsweise in Form von Ironie oder Humor finden ließen.

Im Rahmen des Abschlussvortrags sprach KARA KEELING (Chicago) über das Verhältnis von Musik, Gender, Technologie und Schwarzsein am Beispiel des Musikstils Disco und Donna Summers „I Feel Love“ aus dem Jahr 1977. In dem Beitrag stellte Keeling die These auf, dass die Discomusik der 1970er Jahre in Nordamerika als Vorgeschichte und Wegbereiterin der elektronischen Musik der 1980er Jahre verstanden werden könnte, die wiederum – ebenso wie die Science-Fiction – die Ästhetik des Afrofuturismus stark beeinflusst hätte. Eine Lesart von queeren Momenten im Disco hält Keeling für wichtig, um gerade die relationalen Aspekte von Sound und seine Rolle für soziale Imaginationen und die Möglichkeit eines (im)proper sonic habitus fassen zu können. In dem Zusammenspiel von Aufnahmetechnologie, Discokugel, Vocals, Tanzschweiß und Berührungen sieht Keeling Verbindungen zwischen der Textur von Sound und der Vibration des Körpers. Mit dieser Beobachtung stellte Keeling auch eine Verknüpfung zu Nina Sun Eidsheims Buch „Sensing Sound: Singing and Listening as Vibrational Practice“ (2015) her, das in Keelings Augen als Intervention im Feld der Sound Studies und der Musikwissenschaft begriffen werden müsse.[6]

Alle Vorträge zeigten sich durch einen gendertheoretischen Fokus verbunden, wobei die unterschiedlichen Fragestellungen und Zugänge zu Sound ein vielfältiges Bild zeichneten. In vielen Beiträgen wurde deutlich, dass die dichte Analyse von einzelnen aktuellen, aber auch historischen Klangerzeugnissen die Möglichkeit bietet, verschiedene Machtrelationen zu beleuchten und diese sicht- bzw. hörbar zu machen. Gleichzeitig scheinen zur Untersuchung von Sound in Bezug auf Fragen von Gender, Sexualität und race spezifische Methoden und Forschungswerkzeuge erforderlich zu sein, die aus verschiedenen disziplinären Feldern übernommen und adaptiert werden müssen. Das Besondere der Veranstaltung lag mit Sicherheit in der Breite an unterschiedlichen Sounds und der Einladung, sich auf Töne (neu) einzulassen und die Praxis des (Zu)Hören zu reflektieren.

Konferenzübersicht:

Gabriele Jähnert (Berlin) / Katrin Köppert (Berlin): Begrüßung / Einführung

Eröffnungsvortrag

Gabriele Dietze (Trier): Rechte Töne. Wenn rechtspopulistischer Frauenpop die Antwort ist, was war die Frage?

Sektion 1: Considering In-/Equalities in Pop Sounds

L.J. Müller (Berlin): Ist das der Klang von Feminismus oder weißen Privilegien? Zu Taylor Swifts Album „Reputation“

Veronika Muchitsch (Uppsala): Vocal Figurations. Considering Bodies, Subjects, and Technologies in ANOHNI’s „Drone Bomb Me“

Sektion 2: Archivische Spannungsfelder zwischen Sound und Stimme

Britta Lange (Berlin): Das Volk hörbar machen. Tonaufnahmen des Instituts für Lautforschung aus dem Zweiten Weltkrieg

Saskia Köbschall (Berlin): RED HAT BLUES: On Colonial Conscripts, Music Restitution and Sounds of De-Contamination

Nathalie Anguezomo Mba Bikoro (Berlin): „We Built the Kilimanjaro“. Artistic Investigations to an Incomplete Archive

Abschlussvortrag

Kara Keeling (Chicago): „I Feel Love“: Race, Gender, Technē, and the (Im)Proper Sonic Habitus

Anmerkungen:
[1] Siehe beispielsweise die Musikvideos „Merkel muss weg“ oder „Der große Austausch“ der französischen, rechtspopulistischen Band Les Brigandes.
[2] Vgl. die Dominanz des männlichen Blicks in der feministischen Filmtheorie.
[3] Analysiert wurde der Song „…ready for it“ aus dem Album „Reputation“ (2017) von Taylor Swift.
[4] Vgl. das Konzept des vocalic body beschrieben von Steven Connor, Voice, Ventriloquism and the Vocalic Body, in: Patrick Campbell / Adrian Kear (Hrsg.), Psychoanalysis and Performance, London 2000, S. 75-93.
[5] Vgl. Friedrich Balke, Rete Mirabile. Die Zirkulation der Stimmen in Philip Scheffners Halfmoon Files, in: Sprache und Literatur 104 (2009), S. 57-77.
[6] Vgl. Nina Sun Eidsheim, Sensing Sound. Singing and Listening as Vibrational Practice, Durham 2015.

Zitation
Tagungsbericht: Un/Sounding Gender, 08.06.2018 Berlin, in: H-Soz-Kult, 20.07.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7798>.